Kapitel 1
Symbole und symbolische Visionen
Die verschiedenen Symboltypen
Ein Symbol, wie ich es auffasse, ist eine Form, die zu einer [bestimmten] Ebene gehört und die Wahrheit einer anderen [Ebene] darstellt. Zum Beispiel ist die Fahne das Symbol einer Nation... Im Allgemeinen aber sind alle Formen Symbole. Dieser unser Körper ist ein Symbol unseres wirklichen Wesens und alles ist Symbol einer höheren Wirklichkeit. Es gibt jedoch verschiedene Arten von Symbolen:
1. Die traditionellen Symbole, wie sie die vedischen Rishis mit Dingen aus ihrem Lebensbereich schufen. Die Kuh symbolisierte das Licht, weil das gleiche Wort go sowohl Strahl als auch Kuh bedeutete, und weil die Kuh ihr wertvollster Besitz war, der ihr Leben aufrechterhielt und dabei ständig in Gefahr war, geraubt und verborgen zu werden. Ist solch ein Symbol jedoch einmal erschaffen, dann wird es lebendig. Die Rishis erfüllten es mit Leben, und es wurde ein Teil ihrer Verwirklichung. In ihren Visionen erschien es als Ebenbild des spirituellen Lichtes. Auch das Pferd war eines ihrer bevorzugten Symbole und ein leichter anwendbares, da seine Kraft und Energie durchaus einleuchtend waren.
2. Solche, die wir Lebens-Symbole nennen könnten, die nicht künstlich ausgewählt oder mental auf bewusst überlegte Weise gedeutet werden, sondern ganz natürlich unserem tagtäglichen Leben entstammen und aus der Umwelt erwachsen, die unseren normalen Lebensweg bedingt. Für die Vorväter war der Berg ein Symbol des Yoga-Pfades, Ebene über Ebene, Gipfel auf Gipfel. Eine Reise, die das überqueren von Flüssen und die Begegnung mit lauernden Feinden, sowohl tierischen als auch menschlichen, mit sich bringt, löste eine ähnliche Vorstellung aus. Allerdings würden wir heutzutage den Yoga eher mit einer Reise auf dem Motorrad oder mit der Eisenbahn vergleichen.
3. Symbole, die in sich selbst angemessen und machtvoll sind. Akasha oder der ätherische Raum ist Symbol des unendlichen, alles durchdringenden, ewigen Brahman. Unabhängig von Nationalität wäre die Bedeutung überall die gleiche. Ebenso steht die Sonne universal für das supramentale Licht, die göttliche Gnosis.
4. Mentale Symbole, wie zum Beispiel Zahlen oder Alphabete. Wenn sie einmal akzeptiert sind, werden auch sie wirksam und können nützlich sein. So werden geometrische Figuren auf verschiedene Weise erklärt. Nach meiner Erfahrung symbolisiert das Quadrat das Supramental Ich kann nicht sagen warum. Jemand oder irgendeine Kraft kann es geformt haben, bevor es in mein Mental eintrat. Auch für das Dreieck gibt es verschiedene Erklärungen. In der einen Stellung kann es die drei niederen Ebenen symbolisieren, in der anderen die drei höheren: daher können beide miteinander zu einem einzigen Zeichen verbunden werden. Die Vorväter liebten es, sich ähnlichen Spekulationen mit Zahlen hinzugeben, ihre Systeme aber waren hauptsächlich mental. Zweifellos ist es richtig, dass es supramentale Wirklichkeiten gibt, die wir in mentale Begriffe, wie Karma, seelische Evolution usw., übersetzen. Es sind aber gleichsam unendliche Wirklichkeiten, die durch diese symbolischen Formen nicht begrenzt, aber irgendwie ausgedrückt werden können; sie könnten ebenso gut durch andere Symbole ausgedrückt werden, so wie ein und dasselbe Symbol auch viele verschiedene Ideen zum Ausdruck bringen kann. In der einen oder anderen Form haben all diese Ideen in der Vergangenheit bestanden. Die Bedeutung von Zahlen war eines der hauptsächlichen Elemente der Lehre des Pythagoras, fünfhundert Jahre vor Christus.
Die Wirkung der symbolischen Visionen
Es ist dasselbe mit den Symbolen im Yoga [wie mit den Bildern in der mystischen Dichtung]. Man gibt dem „Weißen Licht“ ein intellektuelles Etikett und der Verstand ist zufrieden und sagt: „Jetzt weiß ich alles darüber; es ist das reine göttliche Bewusstseinslicht“, und in Wirklichkeit weiß er nichts. Aber wenn man dem Göttlichen Weißen Licht erlaubt, sich zu offenbaren und durch das Wesen zu strömen, dann lernt man es kennen und erhält alle seine Auswirkungen. Selbst wenn es kein etikettiertes Wissen gibt, gibt es die leuchtende Erfahrung seiner ganzen Bedeutung.
Die Vision des Mondes und des Blumenregens bedeutet immer den Einfall des Lichtes der Spiritualität auf das Bewusstsein (Mond) und das Herabkommen eines seelischen Einflusses (Blumen). Für das Mental sind diese Dinge Symbole, aber in der inneren Erfahrung haben sie eine Realität und können eine spürbare Auswirkung haben.
Einige symbolische Visionen und Traumdeutungen
Die Tiefe des Schlafes in deiner Erfahrung sollte dich weit nach innen führen, und als dies geschehen war, bist du in den psychischen und spirituellen Zustand eingetreten, der die Form eines schönen Feldes und des Fließens von weißem Licht, von Kühle und Frieden annahm. Die Treppe war ein Symbol des Aufstiegs von diesem seelischen und spirituellen Zustand in höhere und immer höhere Ebenen spirituellen Bewusstseins, wo sich die Quelle des Lichtes befindet. Die Hand der Mutter war das Symbol ihrer Gegenwart und Hilfe, die dich emporziehen und zum obersten Ende der Leiter führen wird.
Die einzelnen Bilder sind sehr häufig Symbole der inneren Erfahrung, sie wurden hier aber auf ziemlich komplizierte Weise miteinander verbunden. Das Feuer ist natürlich das seelische Feuer, das aus der verhüllten seelischen Quelle auflodert. Der Vogel ist die Seele, und die Blume ist die Rose der Liebe und Hingabe. Der Mond ist das Symbol der Spiritualität. Da der Stern im Inneren ist, bedeutet es, dass er die Knoten der inneren Finsternis durchschneidet und das Wuchern im Vital zum Stillstand bringt, das ihn wie Wolken umhüllt. Auch das Boot ist ein übliches Symbol in inneren Visionen. Der Elefant bedeutet spirituelle Stärke, welche die Hindernisse beseitigt, und das Pferd die Kraft der tapasya, das zu den Gipfeln der spirituellen Verwirklichung galoppiert. Die Sonne ist das Symbol der höheren Wahrheit. Der Lotos ist das Symbol des inneren Bewusstseins.
Die Vision, die du sahst, war ein Symbol des nach außen gerichteten physischen Bewusstseins, das durch die gewöhnlichen Bewegungen (Wolken) verdunkelt ist, wobei die Spiritualität (der Mond) hinter der gewöhnlichen menschlichen Unwissenheit ihr Licht von dort überallhin aussendet. Der Hund zeigt etwas im Physischen an (der Teil, der treu, gehorsam usw. ist), das vertrauensvoll auf das kommende Licht wartet.
Das Feuer, das du fühltest, war das Feuer der Läuterung, und die Hitze entstand, weil es einen gewissen Widerstand verbrannte – nachdem dieser verbrannt war, traten Kühle, Friede und Ruhe ein. Die Stimmen, Klänge und Eindrücke... deuten auf eine verworrene Tätigkeit des okkulten Sinnes im Vital hin, der außerphysische Dinge hört. Wenn sich etwas Derartiges ereignet, muss im Wesen eine ruhige Zurückweisung stattfinden, und die Sache wird vorübergehen. Einige Menschen aber finden Gefallen daran und haben dann viel Kummer, weil es ihnen zur Gewohnheit wird, Stimmen zu hören und Dinge zu sehen und zu fühlen, die nur teilweise oder nur manchmal wahr und sonst mit vielerlei vermischt sind, was falsch und irreführend ist. Es ist gut, dass etwas in deinem vitalen Wesen dies zurückwies.
Der Traum weist offensichtlich auf die Schwierigkeit hin, mit der du dich auseinanderzusetzen hast. Das Meer ist das Meer der vitalen Natur, dessen Fluten dich auf dem Weg deiner Sadhana verfolgen (die Wünsche sind das Meerwasser). Die Mutter ist dort in deinem Herzen, schläft aber – das heißt ihre Macht ist in deinem inneren Bewusstsein noch nicht bewusst geworden, weil sie von einem hautdünnen Vorhang umgeben ist (die Finsternis der physischen Natur). Dieser ist es (er ist nicht mehr dick, aber noch wirksam genug, um sie vor dir zu verdecken), der verschwinden muss, damit sie erwachen möge. Es ist eine Frage der Beharrlichkeit des Willens und der Bemühung – die Erwiderung von innen, das Erwachen der Mutter im Herzen werden kommen.
Vermutlich ist es ein Symbol der drei Stadien oder Entwicklungen oder Ebenen des spirituellen Lebens. Ein Stern bedeutet Schöpfung, das Dreieck ein dreifaches Prinzip. Der Baum bedeutet Leben in einer neuen Schöpfung. Grün ist die Farbe des emotionalen Vitals, der Mond herrscht über ein spiritualisiertes emotionales Leben; Blau ist die Farbe des höheren Mentals, der Mond regiert dort ein spiritualisiertes, höheres Mental-Leben; die goldene Farbe ist die der Göttlichen Wahrheit, ob intuitiv oder obermental, der Mond hier ist das spiritualisierte Wahrheits-Leben. Die sphatika [Säule] hat die Farbe des Kristalls, weshalb das Dreieck das Sachchidananda-Prinzip bedeuten kann. Die Schmetterlinge und Vögel symbolisieren natürlich Lebens-Kräfte und Seelen-Kräfte, Mächte oder Wesen. Vermutlich werden hier drei Stadien der Umwandlung angezeigt, bevor das Supramental insgesamt herrschen kann, oder aber drei Stadien, die als Stufen zum Supramental führen.
Deine Träume waren sehr schön und in symbolischer Hinsicht sehr wahr. Übrigens, ich wiederhole, es waren keine wirklichen Träume; der Zustand zwischen Schlaf und Wachsein oder der Zustand, der weder Schlaf noch Wachsein ist, ist kein Dösen, sondern ein innerlich gesammeltes Bewusstsein, das genauso wach ist wie der wache mentale Geist, allerdings wach auf einer anderen Erfahrungsebene.
Was den Traum von den Kobras betrifft, so könnte man ihn als Antwort auf deine Klagen darüber verstehen, dass das Göttliche düster und streng ist und sich weigert, zu spielen, sowie auf deine Äußerung, dass du dich wohler fühlen würdest, wenn du den Glauben haben könntest, dass die Schwierigkeiten Teil des Göttlichen Plans sind, der dich durch sie zum Göttlichen führt. Die Antwort der symbolischen Erfahrung war, dass das Göttliche zu spielen vermag, wenn du es verstehst, mit ihm zu spielen – und sein Spiel auf deinen Schultern zu tragen; die Kobras und der Biss weisen darauf hin, dass das, was dir im Leben schmerzhaft und gefährlich erscheint, genau das Mittel sein mag, das dir die Ekstase der Göttlichen Gegenwart bringt.
Weniger typisch ist, dass die Kobras die Kräfte der Entwicklung sind, der Entwicklung hin zum Göttlichen. Dass sie den Platz der Beine einnehmen, bedeutet, dass ihr Wirken hier im physischen oder äußeren Bewusstsein stattfindet, in der Entwicklung des äußeren Mentals, des Vitals, des Physischen hin zur Erfahrung des Göttlichen und der Göttlichen Natur. Der Biss der Kobras (Shivas Kobras!) tötet nicht, oder er tötet nur den „alten Adam“ im Wesen; ihr Biss bringt die Ekstase der Gegenwart des Göttlichen - das, was du als Trance-Wellen über deinen Kopf kommen spürtest. Es ist diese Trance-Ekstase, die jedes Mal über dich gekommen ist, wenn du nach innen gegangen bist oder sogar kurz davor warst, in der Meditation nach innen zu gehen. Es ist die allgemeine Erfahrung von Sadhaks, dass eine solche Kraft oder ein solches Bewusstsein oder Ananda zuerst von oben - oder von außen – kommt und auf den Kopf drückt oder ihn umgibt, dann durchdringt es sozusagen den Schädel und füllt zuerst das Gehirn und die Stirn, dann den ganzen Kopf und steigt herab und nimmt jedes Zentrum ein, bis das ganze System voll und erfüllt ist. (Natürlich gibt es oder kann es vorherige Schübe geben, die eine Zeit lang den ganzen Körper besetzen oder einen anderen Teil des Systems, der am offensten und am wenigsten Widerstand gegen den Einfluss leistet.)