Teil 2 DIE EVOLUTION DES SPIRITUELLEN MENSCHEN
Kapitel 1
Die Philosophie der Wiedergeburt
Worte Sri Aurobindos
Geburt ist das erste spirituelle Geheimnis des physischen Universums, Tod das zweite. Der Tod gibt dem Geheimnis der Geburt seine zweifache Rätselhaftigkeit. Denn das Leben, das sonst eine selbstverständliche Tatsache des Daseins wäre, wird nun selbst zu einem Geheimnis dank dieser beiden, die sein Anfang und sein Ende zu sein scheinen, sich aber auf tausend Arten als keines von beiden, vielmehr als Mittel-Stufen in einem geheimnisvollen Prozess des Lebens erweisen. Auf den ersten Blick möchte es scheinen, als sei die Geburt ein ständiges Hervorbrechen von Leben in einem allgemeinen Tod, ein beharrlich fortdauernder Umstand in der universalen Leblosigkeit von Materie. Bei näherer Untersuchung wird es jedoch wahrscheinlicher, dass Leben etwas in die Materie Involviertes oder sogar eine der Energie, die Materie erschafft, innewohnende Macht ist. Sie kann aber nur dann in Erscheinung treten, wenn sie die notwendigen Voraussetzungen dazu bekommt, die für sie charakteristischen Phänomene sicher durchzusetzen und eine für sie geeignete Organisation zu erschaffen. Doch gibt es bei der Geburt des Lebens noch etwas mehr, das an seinem Hervortreten mitwirkt, ein Element, das nicht mehr materiell ist, das starke Hervorbrechen der Flamme einer Seele, eine erste sichtbare Schwingung des Geistes.
Alle bekannten Umstände und Resultate der Geburt lassen uns ein Unbekanntes ahnen, das vor ihr ist, und ebenso legt sich uns eine Universalität nahe, ein Wille zum dauernden Beharren des Lebens, ein Fehlen von Schlüssigkeit beim Tod, das auf etwas Unbekanntes danach hinzuweisen scheint. Was waren wir vor der Geburt, was sind wir nach dem Tod? Das sind die Fragen, deren Beantwortungen voneinander abhängen. Von Anfang an hat der Intellekt des Menschen sich diese Fragen gestellt, ohne dass er bis jetzt bei einer endgültigen Lösung zur Ruhe kommen kann. Tatsächlich kann der Intellekt kaum die endgültige Antwort geben. Denn diese muss ihrer Natur nach jenseits der Gegebenheiten des physischen Bewusstseins und Gedächtnisses sowohl der menschlichen Rasse wie des Individuums liegen. Und das sind doch die einzigen Gegebenheiten, die der Intellekt mit so etwas wie Vertrauen zu konsultieren gewöhnt ist. Bei diesem Mangel an Materialien und bei dieser Ungewissheit schweift er immer weiter von einer Hypothese zur anderen; jede nennt er der Reihe nach einen gültigen Schluss. Überdies hängt die Lösung von Natur, Ursprung und Ziel der kosmischen Bewegung ab. Je nachdem wir diese bestimmen, müssen wir auch unsere Schlüsse in Bezug auf Geburt, Leben und Tod, auf das Vorher und das Nachher ziehen.
Die erste Frage ist, ob das Vorher und das Nachher etwas rein Physisches und Vitales oder in gewisser Beziehung, gar überwiegend, etwas Mentales und Spirituelles ist. Kein weiteres Fragen wäre möglich, wenn Materie das Prinzip des Universums wäre, wie der Materialist behauptet, wenn sich die Wahrheit der Dinge in jener ersten Formel finden ließe, zu der Bhrigu, der Sohn des Varuna, kam, als er über das ewige Brahman meditierte: „Die Materie ist der Ewige, denn aus der Materie werden alle Wesen geboren, durch die Materie existieren alle Wesen, und zur Materie scheiden alle Wesen hin und kehren sie zurück.“ Das Vorher unserer Körper würde dann im Einsammeln dessen bestehen, was sie aufbaut, aus den verschiedenen physischen Elementen durch Vermittlung des Samens und der Nahrung, vielleicht auch unter dem Einfluss verborgener, aber immer materieller Energien. Und das Vorher unseres bewussten Wesens wäre eine Vorbereitung durch Vererbung oder einen anderen physisch-vitalen oder physisch-mentalen Vorgang in der universalen Materie, die ihre Aktivität auf diesen Einzelnen ausrichtet und ihn durch die Körper seiner Eltern, durch Samen, Gen und Chromosom aufbaut. Das Nachher des Körpers wäre dann seine Auflösung in die materiellen Elemente und das Nachher des bewussten Wesens ein Zurücksinken in die Materie, wobei vielleicht die Auswirkungen seiner Aktivität im allgemeinen Mental und Leben der Menschheit überleben würden. Dieses letztere ziemlich illusorische Überleben würde unsere einzige Chance für die Unsterblichkeit sein. Da man aber nicht mehr die Universalität der Materie für eine ausreichende Erklärung der Existenz des Mentals halten kann und da tatsächlich auch Materie selbst nicht länger allein durch Materie erklärt werden kann, weil sie nicht selbst-existent zu sein scheint, werden wir von dieser leichten und naheliegenden Lösung auf andere Hypothesen zurückgeworfen.
Eine von diesen ist der alte religiöse Mythos und das dogmatische Mysterium von einem Gott, der ständig unsterbliche Seelen aus seinem Wesen, durch seinen „Atem“ oder durch die Lebens-Macht erschafft. Sie gehen, wie man annimmt, in die materielle Natur oder vielmehr in die Körper ein, die er in ihr erschafft und die er in ihrem Inneren durch sein spirituelles Prinzip verlebendigt. Man kann dies als Mysterium des Glaubens hochhalten und braucht es nicht weiter zu untersuchen. Ist es doch Absicht der Glaubens-Mysterien, jenseits von Frage und Erforschung zu stehen. Für die Vernunft und die Philosophie fehlt dem aber die Überzeugungskraft. Es passt nicht in die bekannte Ordnung der Dinge. Denn es enthält zwei Paradoxa, die einer gründlicheren Rechtfertigung bedürfen, bevor man ihnen überhaupt Beachtung schenken kann. Das erste ist die stündliche Erschaffung von Wesen, die zwar einen Anfang, aber kein Ende in der Zeit haben und die überdies durch die Geburt aus dem Körper geboren werden, aber nicht durch den Tod des Körpers enden. Das zweite Paradoxon ist die Annahme einer fertigbereiteten Masse kombinierter Eigenschaften, von Tugenden und Lastern, Fähigkeiten und Mängeln, Vorzügen und Behinderungen durch Temperament und andere Umstände, die ganz und gar nicht von ihnen selbst durch ein Wachsen zustande gebracht, sondern für sie durch willkürliche Anordnung, wenn nicht durch ein Gesetz der Vererbung, gemacht wurden, für die und für deren vollkommenen Gebrauch sie dennoch von ihrem Schöpfer verantwortlich gemacht werden.
Wir können, wenigstens vorläufig, gewisse Dinge für legitime Mutmaßungen der philosophischen Vernunft halten und fairerweise die Beweislast hinsichtlich ihres Gegenteils denen auferlegen, die sie bestreiten. Zu diesen Postulaten gehört das Prinzip, dass das, was kein Ende hat, notwendigerweise auch ohne Anfang sein muss. Alles, was anfängt oder erschaffen ist, findet sein Ende: durch das Aufhören des Prozesses, der es erschuf oder im Dasein erhält, durch die Auflösung der Materialien, aus denen es zusammengesetzt ist, oder durch das Ende der Funktion, um derentwillen es ins Dasein kam. Wenn es für dieses Gesetz eine Ausnahme gibt, muss das durch das Herabkommen des Geistes in die Materie geschehen, der die Materie mit Göttlichkeit beseelt oder ihr seine eigene Unsterblichkeit verleiht. Aber der Geist, der so herniederkommt, ist unsterblich, nicht gemacht oder erschaffen. Wenn die Seele dazu geschaffen wurde, den Körper zu beseelen, wenn sie für ihren Eintritt ins Dasein vom Körper abhing, kann sie keinen Grund und keine Grundlage mehr für ihre Existenz haben, nachdem der Körper verschwunden ist. Es ist eine natürliche Annahme, dass der „Atem“ oder die Macht, die dem Körper zu seiner Beseelung verliehen wurde, nach dessen endgültiger Auflösung wieder zu ihrem Schöpfer zurückkehrt. Wenn sie stattdessen als ein unsterbliches verkörpertes Wesen weiterbesteht, muss es einen subtilen oder seelischen Körper geben, in dem sie weiterexistiert. Dann ist ziemlich sicher, dass dieser seelische Körper und sein Bewohner vor dem materiellen Körper existent gewesen sein muss. Es ist irrational, anzunehmen, sie seien ursprünglich nur dazu geschaffen worden, diese kurzlebige, vergängliche Gestalt zu bewohnen. Ein unsterbliches Wesen kann nicht das Ergebnis eines so kurzlebigen Vorfalls in der Schöpfung sein. Wenn die Seele aber in einem körperlosen Zustand übrig bleibt, kann sie wegen ihres Daseins nicht ursprünglich von einem Körper abhängig gewesen sein. Sie muss vor der Geburt ebenso als ein nicht verkörperter Geist existiert haben, wie sie in ihrer körperlosen spirituellen Wesenheit nach dem Tod fortdauert.
Weiterhin können wir annehmen, dass dort, wo wir in der Zeit eine gewisse Entwicklungsstufe wahrnehmen, eine Vergangenheit dieser Entwicklung vorausgegangen sein muss. Wenn darum eine Seele in dieses Leben mit einer gewissen Entwicklung von Personalität eintritt, muss diese in anderen vorausgegangenen Leben hier oder anderswo vorbereitet worden sein. Wenn sie aber nur ein voraus gefertigtes Leben und eine Persönlichkeit annimmt, die nicht von ihr vorbereitet worden ist, die vielleicht durch eine körperliche, vitale oder mentale Vererbung vorbereitet wurde, muss sie selbst etwas von diesem Leben und dieser Persönlichkeit völlig Unabhängiges sein, etwas, das nur durch einen Zufall mit dem Mental und dem Körper verbunden ist. Sie kann darum nicht wirklich von dem beeinflusst werden, was in diesem mentalen und körperlichen Lebensablauf getan oder entwickelt wurde. Ist die Seele etwas Wirkliches, ist sie unsterblich, kein konstruiertes Wesen oder nur eine Erscheinung des Seienden, dann muss sie ebenso ewig, anfangslos in der Vergangenheit wie endlos in der Zukunft sein. Wenn sie aber ewig ist, muss sie entweder ein unwandelbares Selbst sein, das vom Leben und seinen Gesetzmäßigkeiten nicht beeinträchtigt wird, oder ein zeitloser Purusha, eine ewige spirituelle Person, die in der Zeit einen Strom sich wandelnder Personalität offenbart oder hervorruft. Ist sie eine solche Person, kann sie diesen Strom von Personalität nur in einer Welt von Geburt und Tod dadurch manifestieren, dass sie aufeinanderfolgende Körper annimmt, – mit einem Wort: durch ständige Wiedergeburt in die Gestaltungen der Natur.
Aber die Unsterblichkeit oder Ewigkeit der Seele drängt sich uns auch dann nicht ohne weiteres als notwendig auf, wenn wir die Deutung ablehnen, alle Dinge seien aus einer ewigen Materie entstanden. Denn wir haben da noch die Hypothese von der Erschaffung einer zeitweiligen Seele, die durch die Macht jener ursprünglichen Einheit in Erscheinung trat, aus der alle Dinge ihren Anfang nahmen, durch die sie leben und in die sie sich wieder auflösen. Einerseits können wir auf der Grundlage gewisser moderner Ideen oder Entdeckungen die Theorie von einem kosmischen Nichtbewussten aufstellen, das eine vergängliche Seele erschafft, ein Bewusstsein, das nach einem kurzen Spiel ausgelöscht wird und wieder in das Nichtbewusste zurückkehrt. Oder es könnte ein ewiges Werden geben, das sich in einer kosmischen Lebens-Kraft offenbart, wobei die Materie als das eine, objektive Ende ihrer Operationen, das Mental als das andere, subjektive Ende in Erscheinung tritt. Die Einwirkung dieser beiden Phänomene der Lebens-Kraft aufeinander erschafft unser menschliches Dasein. Andererseits haben wir die Theorie von einem allein existierenden Überbewussten, einem ewigen unveränderlichen Wesen, das durch Maya die Illusion eines individuellen Seelen-Lebens in dieser Welt von phänomenalem Mental und Materie zulässt oder erschafft. Diese beiden seien letztlich unwirklich – selbst wenn sie eine kurzfristige und phänomenale Wirklichkeit besitzen oder annehmen –, da das eine unwandelbare und ewige Selbst oder der Geist die einzige Wesenheit sei. Oder wir haben die buddhistische Theorie von einem Nihil oder Nirvana und, diesem irgendwie aufgezwungen, ein ewiges Handeln oder eine Energie aufeinanderfolgenden Werdens, Karma, das die Illusion von einem fortdauernden Selbst oder einer Seele durch die Kontinuität von Verknüpfungen, Ideen, Erinnerungen, Empfindungen und Bildern erschafft. In ihrer Auswirkung auf das Lebens-Problem sind diese drei Erklärungen praktisch eine einzige. Denn auch das Überbewusste ist für die Zwecke des universalen Wirkens ein Äquivalent des Nichtbewussten. Es kann nur seines eigenen unwandelbaren Selbst-Seins inne werden. Die Erschaffung einer Welt von individuellen Wesen durch Maya ist etwas diesem Selbst-Sein Aufgezwungenes. Das findet statt vielleicht in einer Art Schlaf des Bewusstseins, das in das Selbst versunken ist, susupti.1 Aus diesem treten dennoch alles aktive Bewusstsein und die Abwandlung des phänomenalen Werdens genauso hervor, wie in der modernen Theorie unser Bewusstsein eine vorübergehende Entfaltung aus dem Nichtbewussten ist. In allen drei Theorien ist die in Erscheinung tretende Seele oder spirituelle Individualität des Geschöpfes nicht unsterblich im Sinne von Ewigkeit. Vielmehr hat sie einen Anfang und ein Ende in der Zeit, ist eine Schöpfung von Maya oder von einer Natur-Kraft oder eine kosmische Aktion aus dem Nichtbewussten oder Überbewussten. Darum ist sie in ihrem Dasein ohne Bestand. In allen drei Theorien ist Wiedergeburt entweder unnötig oder auch etwas Illusorisches. Sie ist entweder die Verlängerung einer Illusion durch deren Wiederholung. Oder sie ist ein zusätzliches, sich immer weiter drehendes Rad unter den vielen Rädern der komplexen Maschinerie des Werdens. Oder sie ist deshalb ausgeschlossen, weil eine einzige Geburt alles ist, was ein bewusstes Wesen erlangen kann, das durch Zufall als Teil einer nichtbewussten Schöpfung entstanden ist.
Ob wir nun bei diesen Ansichten annehmen, das eine Ewige Sein sei ein vitales Werden oder ein unveränderliches und unmodifizierbares spirituelles Wesen oder ein namenloses und formloses Nicht-Seiendes, hier kann das, was wir die Seele nennen, nur eine sich wandelnde Masse oder ein Strom von Bewusstseins-Phänomenen sein, der im Ozean eines wirklich illusorischen Werdens ins Dasein trat und hier auch zu existieren aufhören wird. Oder die Seele ist vielleicht ein vergängliches Substrat, ein bewusster Reflex des Überbewussten Ewigen, das durch seine Gegenwart die Masse der Phänomene unterstützt. Sie ist nicht ewig. Ihre Unsterblichkeit besteht nur daraus, dass sie längere oder kürzere Dauer im Werden besitzt. Sie ist keine wirkliche und immer seiende Person, die den Strom oder die Masse der Phänomene in Gang hält und ihre Erfahrung damit macht. Was diese in Gang hält, was wirklich und immer existiert, ist entweder das eine ewige Werden oder das eine ewige und apersonale Wesen oder der ständige Strom von Energie in seinen Wirkensweisen. Für eine Theorie dieser Art ist es entbehrlich, dass eine seelische Wesenheit, und zwar immer dieselbe, fortdauert und Körper um Körper, Gestalt um Gestalt annimmt, bis sie zuletzt durch irgendeinen Prozess aufgelöst wird, der zugleich auch den ursprünglichen Anstoß annulliert, der diesen Zyklus in Gang gebracht hat. Es ist sehr wohl möglich, dass sich so, wie jede Gestaltung entwickelt worden ist, auch ein der Form entsprechendes Bewusstsein entwickelt. Wenn sich dann die Form auflöst, vergeht auch das entsprechende Bewusstsein mit ihr. Nur der Eine, der alles gestaltet, dauert für immer fort. Oder wie der Körper aus den allgemeinen Elementen der Materie zusammengewachsen ist und sein Leben mit der Geburt beginnt und mit dem Tod beendet, kann sich auch das Bewusstsein aus den allgemeinen Elementen des Mentals entwickelt haben. Es mag ebenso mit der Geburt anfangen und mit dem Tod enden. Auch hier ist der Eine, der durch Maya oder auf andere Weise die Kraft liefert, die die Elemente erschafft, die einzige Wirklichkeit, die fortdauert. Bei keiner dieser Theorien des Seins ist die Wiedergeburt eine absolute Notwendigkeit oder ein unvermeidliches Ergebnis der Theorie2.
Tatsächlich erkennen wir jedoch einen großen Unterschied. Denn die alten Theorien bejahen die Wiedergeburt als einen Teil des universalen Prozesses, während die modernen sie verwerfen. Modernes Denken geht vom physischen Körper als der Basis unseres Daseins aus. Es erkennt nicht die Wirklichkeit einer anderen als der Welt dieses materiellen Universums an. Was es hier sieht, ist ein mentales Bewusstsein, das mit dem Leben des Körpers eng verbunden ist, das bei seiner Geburt kein Anzeichen eines vorhergehenden individuellen Daseins an sich trägt und das, wenn es den Körper mit seinem Ende verlässt, nichts andeutet von einem darauffolgenden individuellen Dasein. Was vor der Geburt war, sei die materielle Energie mit ihrem Lebens-Samen, bestenfalls die Energie einer Lebens-Kraft, die in dem Samen fortdauert und von den Eltern übertragen wird. Er präge durch seine geheimnisvolle Beimischung vergangener Entwicklungen diesem winzigen Träger, dem auf diese Weise wunderbar erschaffenen neuen individuellen Mental und Körper, einen eigenen mentalen und physischen Stempel auf. Was nach dem Tod übrig bleibt, sei dieselbe materielle Energie und Lebenskraft, die in dem Samen weiterbesteht. Er wird an die Kinder weitergegeben und sorgt für die weitere Entwicklung des in ihm enthaltenen mentalen und physischen Lebens. Von uns bleibt nichts übrig als das, was wir auf diese Weise an andere weitergeben. Oder das wirkt fort, was die Energie, die das Individuum durch ihr präexistentes Schaffen und die Umwelteinflüsse, durch Geburt und Umgebung, gestaltet hat, nun als das Ergebnis des individuellen Lebens annehmen mag, um es in ihr darauffolgendes Wirken hineinzuarbeiten. Allein das könne ein Überleben haben, was durch Zufall oder durch ein physisches Gesetz dazu helfe, die mentalen und vitalen Bauelemente und die Umgebung anderer Individuen zu bilden. Hinter beiden, den mentalen und den physischen Phänomenen, gebe es vielleicht ein universales Leben, dessen Individualisierungen evolutionäre und phänomenale Werdeformen sind. Dieses universale Leben erschaffe zwar eine wirkliche Welt und wirkliche Wesen, aber die bewusste Personalität in diesen Wesen sei nicht – oder brauche es zumindest nicht zu sein – das Zeichen oder die Form von Bewusstsein einer ewigen, ja nicht einmal einer fortdauernden Seele oder einer supraphysischen Person. In dieser Formel vom Sein findet sich nichts, was uns zwingt, an eine seelische Wesenheit zu glauben, die den Tod des Körpers überdauert. Es gibt hier keinen Grund und auch nur wenig Raum für die Anerkennung der Wiedergeburt als eines Teils des Grundschemas der Dinge.
Wie aber, wenn wir mit der Erweiterung unserer Erkenntnis finden würden – wie gewisse Forschungen und Entdeckungen vorauszusagen scheinen –, dass die Abhängigkeit des mentalen Wesens oder der seelischen Entität in uns vom Körper nicht so vollständig ist, wie wir das natürlicherweise zuerst aus dem Studium allein der Gegebenheiten des physischen Daseins und des physischen Universums schließen? Wie, wenn man erkennen würde, dass die menschliche Personalität den Tod des Körpers überlebt und dann zwischen anderen Ebenen und diesem materiellen Universum hin- und hergeht? Dann müsste die vorherrschende moderne Vorstellung von einem nur zeitweiligen bewussten Dasein sich ausweiten und ein Leben anerkennen, das einen weiteren Bereich als das physische Universum umfasst. Sie müsste auch eine personale Individualität zulassen, die nicht vom materiellen Körper abhängig ist. Sie könnte praktisch die antike Vorstellung von einer subtilen Gestalt oder von einem Körper wieder annehmen müssen, der von einer seelischen Entität bewohnt wird. Eine psychische oder seelische Wesenheit, die das mentale Bewusstsein in sich trägt, oder – falls es keine solche ursprüngliche Seele gibt - die entwickelte und fortdauernde mentale Einzelperson würde nach dem Tod weiterexistieren in dieser subtilen, fortdauernden Gestalt, die für sie entweder vor ihrer Geburt oder durch die Geburt selbst oder während des Lebens erschaffen worden sein muss. Denn entweder ist die seelische Entität in anderen Welten in subtiler Form präexistent und kommt mit dieser von dort hierher zu einem kurzen Aufenthalt auf der Erde, oder die Seele entwickelt sich hier in der materiellen Welt selbst, und mit ihr wird im weiteren Verlauf der Natur ein seelischer Körper entwickelt, der nach dem Tod in anderen Welten fortbesteht oder hier durch Wiedergeburt weiter existiert. Das wären die beiden möglichen Alternativen.
Ein universales Leben könnte in seiner Evolution auf der Erde die wachsende Personalität entfaltet haben, die jetzt zu unserem Ego geworden ist, bevor sie überhaupt in einen menschlichen Körper einging. Die Seele, die jetzt in uns ist, könnte sich in niederen Lebens-Gestaltungen entwickelt haben, bevor der Mensch erschaffen wurde. In diesem Fall hätte unsere Personalität früher Tier-Formen bewohnt. Der subtile Körper wäre ein plastisches Gebilde, das von Geburt zu Geburt übertragen wurde, sich aber jeder physischen Gestaltung anpasste, die die Seele bewohnte. Oder das sich entwickelnde Leben könnte fähig sein, eine zum Überleben geeignete Persönlichkeit aufzubauen, dies jedoch nur in der menschlichen Gestalt, sobald diese erschaffen war. Das würde durch die Kraft des plötzlichen Wachstums eines mentalen Bewusstseins geschehen, und gleichzeitig könnte sich eine Hülle von subtiler Mental-Substanz entwickeln und helfen, dieses mentale Bewusstsein zu individualisieren. Sie würde ebenso als innerer Körper funktionieren, wie die grob-physische Gestalt durch ihre Organisation Tier-Mental und Tier-Leben zugleich individualisiert und beherbergt. Aufgrund der früheren Annahme müssten wir zugeben, dass auch das Tier die Auflösung des physischen Körpers überlebt und eine Art Seelen-Formation besitzt, die nach dem Tod andere Tierformen auf der Erde und schließlich einen menschlichen Körper in Besitz nimmt. Denn es besteht nur geringe Wahrscheinlichkeit, dass die Tier-Seele über die Erde hinauskommt und auf andere als die physischen Lebens-Ebenen übergeht, um ständig hierher zurückzukehren, bis sie für die menschliche Inkarnation bereit ist. Die bewusste Individualisierung des Tieres scheint nicht weit genug zu gehen, um einen solchen Übergang tragen zu können oder um sich an ein Dasein in anderen Welten anzupassen. Bei der zweiten Annahme würde die Macht, auf diese Weise den Tod des physischen Körpers in anderen Seins-Zuständen zu überleben, erst auf der menschlichen Stufe der Evolution auftreten. Wäre die Seele tatsächlich nicht eine so konstruierte Personalität, die vom Leben entwickelt wird, sondern eine fortdauernde, sich nicht entwickelnde Wirklichkeit mit einem irdischen Leben und Körper als ihrem notwendigen Feld, dann würde man der Theorie von der Wiedergeburt im Sinne der Seelenwanderung des Pythagoras zustimmen müssen. Ist sie aber eine fortdauernde, sich entwickelnde Wesenheit und fähig, über die irdische Stufe hinauszukommen, dann wäre die indische Vorstellung von einem Weitergehen in andere Welten und einer Rückkehr zur Geburt auf der Erde möglich und höchst wahrscheinlich. Sie wäre aber noch nicht unausweichlich. Denn man könnte vermuten, dass die menschliche Personalität, wenn sie einmal so hoch entwickelt ist, dass sie andere Ebenen erreichen kann, von diesen nicht mehr zurückzukehren brauchte. Es wäre nur natürlich, wenn sie, falls kein stärkerer zwingender Grund vorliegt, ihr Dasein auf der höheren Ebene, zu der sie emporgekommen ist, fortsetzen würde. Sie hätte dann ihre Lebens-Entwicklung auf der Erde zu Ende gebracht. Eine umfassendere Voraussetzung wäre nur dann zwingend und eine wiederholte Wiedergeburt in menschlichen Gestaltungen unvermeidlich, wenn eine Konfrontation mit einem wirklich zwingenden Beweis für die Notwendigkeit einer Rückkehr auf die Erde besteht.
Aber selbst dann brauchte die vitalistische Entwicklungs-Theorie sich nicht zu spiritualisieren. Sie müsste nicht das wirkliche Dasein einer Seele, deren Unsterblichkeit oder Ewigkeit zugeben. Sie könnte die Personalität immer noch betrachten als eine phänomenale Schöpfung des universalen Lebens durch die Interaktion von Lebens-Bewusstsein und physischer Form und Kraft, beide aber mit einer ausgedehnteren, variableren und subtileren gegenseitigen Einwirkung und mit einer anderen Geschichte, als man sie bisher für möglich hielt. Sie mag dann zu einer Art von vitalistischem Buddhismus kommen, der das Karma anerkennt, es aber nur als das Wirken einer universalen Lebens-Kraft zulässt. Als eines der Ergebnisse würde sie die Kontinuität des Stroms der Personalität in der Wiedergeburt durch eine mentale Verknüpfung zugeben, aber jedes wirkliche Selbst des Individuums oder irgendein ewiges Wesen bestreiten, das etwas anderes wäre als dieses immer aktive vitale Werden. Andererseits könnte sie, einer Gedankenrichtung folgend, die jetzt etwas an Kraft gewinnt, ein universales Selbst oder einen kosmischen Geist als die uranfängliche Wirklichkeit und das Leben als seine Macht oder seinen Agenten annehmen. Sie könnte so zu einer Form von spiritualisiertem vitalen Monismus kommen. Auch in dieser Theorie wäre ein Gesetz von Wiedergeburt möglich, wenn auch nicht zwingend. Sie könnte eine phänomenale Tatsache sein, ein aktuelles Gesetz des Lebens. Sie wäre aber kein logisches Ergebnis der Theorie vom Seienden, nicht deren unvermeidliche Konsequenz.
Die Anhänger des Adwaita des Mayavada gingen, wie der Buddhismus, von der schon akzeptierten Überzeugung – als einem Teil des überkommenen Schatzes an antikem Wissen – aus, dass es supraphysische Ebenen und Welten sowie einen Verkehr zwischen diesen und unserer Welt gibt, der einen Übergang von der Erde und – obwohl das eine weniger ursprüngliche Entdeckung gewesen zu sein scheint – eine Rückkehr zur Erde in die menschliche Personalität zulässt. Immerhin hatte ihr Denken eine alte Auffassung und sogar Erfahrung hinter sich, zumindest eine uralte Tradition von einem Vorher und Nachher für die Personalität und war nicht auf das physische Universum begrenzt. Denn es gründete sich auf eine Betrachtung von Selbst und Welt, die schon ein supraphysisches Bewusstsein als das primäre Phänomen ansah und das physische Wesen nur als ein sekundäres und abhängiges Phänomen. Mit diesen Fakten als Mitte hatten sie die Natur der ewigen Wirklichkeit und den Ursprung des phänomenalen Werdens zu bestimmen. Darum erkannten sie den Übergang der Personalität von dieser zu anderen Welten und ihre Rückkehr in die Form und das Leben auf Erden an. Die so akzeptierte Wiedergeburt war aber, im Sinne des Buddhismus, nicht eine wirkliche Wiedergeburt einer wirklichen spirituellen Person in die Formen des materiellen Daseins. Im späteren Adwaita war die Anschauung von der spirituellen Wirklichkeit vorhanden, aber die in Erscheinung tretende Individualität und darum auch ihre Geburt und Wiedergeburt waren ein Teil der kosmischen Illusion, eine trügerische, wenn auch wirksame Konstruktion der universalen Maya.
Im buddhistischen Denken wurde das Sein des Selbsts bestritten. Wiedergeburt konnte nur eine Kontinuität von Ideen, Empfindungen und Handlungen bedeuten, die ein fiktives Individuum aufbauen, das sich zwischen verschiedenen Welten – sagen wir zwischen verschiedentlich organisierten Ebenen von Idee und Empfindung – bewegt. Denn tatsächlich erschafft nur die bewusste Kontinuität des Strömens ein Phänomen von Selbst und ein Phänomen von Personalität. Im Adwaita des Mayavada erkannte man einen Jivatman, ein individuelles Selbst und sogar ein wirkliches Selbst des Individuums an.3 Aber diese Konzession an unsere normale Sprache und unsere Vorstellungen ist schließlich doch nur scheinbar. Denn es stellt sich heraus, dass es kein wirkliches und ewiges Individuum, kein „Ich“ und „Du“ gibt. Darum kann es auch kein wirkliches Selbst des Individuums, nicht einmal ein wahres universales Selbst geben, sondern nur ein vom Universum gesondertes Selbst, immer ungeboren, immer unveränderlich, niemals beeinträchtigt durch die Mutation der Phänomene. Letzten Endes werden Geburt, Leben, Tod, die ganze Masse der individuellen und kosmischen Erfahrung, nichts anderes als eine Illusion oder ein zeitlich vorübergehendes Phänomen. Auch Gebundenheit und Befreiung können nur solch eine Illusion, nur ein Teil vergänglicher Phänomene sein: Sie stellen nur die bewusste Kontinuität der illusorischen Erfahrungen des Egos dar, das selbst eine Schöpfung der großen Illusion ist. Die Kontinuität und das Bewusstsein hören schließlich auf bei ihrem Eingehen in das Überbewusstsein Dessen, das allein war, ist und immer sein wird, oder besser: das nichts zu tun hat mit der Zeit, sondern auf ewig ungeboren, zeitlos und unbeschreibbar ist.
Während es also in der vitalistischen Betrachtung der Dinge ein wirkliches Universum und ein wirkliches, wenn auch kurzes vergängliches Werden von individuellem Leben gibt, das, auch wenn kein ewigdauernder Purusha existiert, dennoch unserer individuellen Erfahrung und unserem Handeln beträchtliche Bedeutung beimisst – denn diese sind im wirklichen Werden wahrhaft wirksam –, so haben in der Theorie des Mayavadins diese Dinge keine wirkliche Bedeutung oder wahre Wirkung. Sie sind nur so etwas wie die Konsequenz eines Traums. Denn sogar die Befreiung findet nur im kosmischen Traum oder in einer Halluzination statt durch die Anerkennung der Illusion und durch das Aufhören des individualisierten Mentals und Körpers. In Wirklichkeit gibt es niemand, der gebunden, und niemand, der befreit ist. Denn das allein-existierende Selbst wird von dieser Illusion des Egos nicht berührt. Um aus dieser alles zerstörenden Unfruchtbarkeit, die das logische Resultat sein würde, herauszukommen, müssen wir dieser Traum-Konsequenz eine praktische Bedeutung verleihen, wie falsch sie schließlich auch sein mag, und auf unsere Gebundenheit und individuelle Befreiung immenses Gewicht legen, auch wenn das Leben des Individuums nur phänomenal ist und wenn für das eine wirkliche Selbst sowohl die Gebundenheit wie die Befreiung nur etwas Nicht-Seiendes sind und nichts anderes sein können. Bei dieser erzwungenen Konzession an die tyrannische Nicht-Wirklichkeit von Maya muss die einzig wahre Bedeutung von Leben und Erfahrung in dem Maß liegen, in dem sie auf die Verneinung des Lebens vorbereiten, auf die Selbst-Eliminierung des Individuums und auf das Ende der kosmischen Illusion.
Das ist aber eine extreme Anschauung und Konsequenz der monistischen These. Die ältere Adwaita-Vedanta-Lehre, die von den Upanishaden ausgeht, zieht nicht diese extremen Konsequenzen. Sie erkennt ein aktuelles Werden des Ewigen in der Zeit, darum auch ein reales Universum an. Auch dem Individuum wird eine ausreichende Wirklichkeit zugebilligt, denn jedes Individuum ist an sich der Ewige, der Namen und Gestalt angenommen hat und durch sich selbst die Erfahrungen des Lebens fördert, indem er an einem immer kreisenden Rad der Geburten in der Manifestation dreht. Das Rad wird durch das Begehren des Individuums in Gang gehalten – das wird zur wirksamen Ursache der Wiedergeburt – und weil sich das Mental von der Erkenntnis des ewigen Selbsts hinwendet zu einem ausschließlichen Interesse am zeitlichen Werden. Mit dem Aufhören des Begehrens und dieser Unwissenheit zieht sich das Ewige im Individuum von den Mutationen der individuellen Personalität und Erfahrung zurück in sein zeitloses, apersonales und unveränderliches Wesen.
Aber diese Wirklichkeit des Individuums ist etwas recht Vergängliches. Es hat keine dauerhafte Grundlage, nicht einmal die ständige Wiederkehr in der Zeit. Wiedergeburt ist, obwohl sie bei einer solchen Auffassung des Universums von großer Aktualität ist, keine unvermeidliche Folge aus der Beziehung zwischen der Individualität und dem Zweck der Manifestation. Denn die Manifestation scheint keinen anderen Zweck zu haben als den Willen des Ewigen zur Weltschöpfung. Sie kann nur dadurch enden, dass dieser Wille sich zurückzieht. Dieser kosmische Wille könnte sich aber ohne jeden Mechanismus der Wiedergeburt und ohne das Begehren des Individuums, das diese fortdauern lässt, auswirken. Denn das Begehren des Menschen kann nur eine Feder im Mechanismus des kosmischen Daseins, nie dessen Ursache oder notwendige Voraussetzung sein, da das Individuum selbst in dieser Betrachtung ein Ergebnis der Schöpfung ist und nicht vor dem Werden existiert hat. Der Wille zur Schöpfung könnte sich selbst dadurch vollziehen, dass er vorübergehend in jedem Namen und in jeder Gestalt Individualität annimmt, ein einzelnes Leben in vielen nicht fortdauernden Individuen. Das eine Bewusstsein würde sich entsprechend dem Typus jedes erschaffenen Wesens selbst gestalten, aber es könnte sehr wohl in jedem individuellen Körper mit dem Erscheinen der physischen Gestalt anfangen und mit deren Aufhören enden. Individuum würde auf Individuum folgen, wie eine Woge auf die andere folgt; aber das Meer bliebe immer dasselbe.4 Jede Gestaltung des bewussten Wesens steige aus dem Universum auf, rolle eine bestimmte Zeit weiter und sinke dann in das Schweigen zurück. Es gibt bei dieser Auffassung keinen ersichtlichen Grund für die Annahme, zu diesem Zweck sei ein individualisiertes Bewusstsein notwendig, das kontinuierlich fortdauert, Namen um Namen, Gestalt um Gestalt annimmt und sich zwischen verschiedenen Ebenen hin- und herbewegt. Und selbst als eine Möglichkeit drängt sich dies nicht stark genug auf. Noch weniger gibt es hier Raum für einen evolutionären Fortschritt, der unvermeidlich beim Weitergehen von der einen Gestalt zu einer höheren Gestalt geleistet werden muss, wie man das bei jener Theorie von der Wiedergeburt annimmt, die die Involution und Evolution des Geistes in der Materie als die bedeutungsvolle Formel für unser irdisches Dasein behauptet.
Es ist vorstellbar, der Ewige habe sich tatsächlich dafür entschieden, sich auf diese Weise im Körper zu offenbaren oder vielmehr sich in ihm zu verbergen. Es mag sein Wille gewesen sein, ein Individuum zu werden oder als ein solches zu erscheinen, das einen Zyklus von ständigem und wiederkehrendem Dasein als Mensch und Tier von Geburt zum Tod und vom Tod zu einem neuen Dasein durchschreitet. Das Eine Wesen würde personalisiert verschiedene Gestaltungen des Werdens, nach Laune oder aufgrund irgendeines Gesetzes der Konsequenzen des Handelns, durchwandern, bis durch Erleuchtung das Ende gekommen ist, eine Rückkehr zum Einssein. Der Einzige und Identische zieht sich dann wieder aus der besonderen Individualisierung zurück. Ein solcher Zyklus besäße aber keine ursprüngliche oder endgültige, ihn bestimmende Wahrheit, die ihm Bedeutung verleihen würde. Es gibt nichts, um dessentwillen er notwendig wäre. Er wäre lediglich ein Spiel, Lila. Sobald man aber zugibt, der Geist hat sich der Nichtbewusstheit involviert und manifestiert sich durch evolutionäre Stufenfolge im individuellen Wesen, gewinnt der ganze Vorgang Sinn und Folgerichtigkeit. Der progressive Aufstieg des Individuums wird zum Schlüsselbegriff für diese kosmische Bedeutung. Die Wiedergeburt der Seele im Körper wird zu einer natürlichen und unvermeidbaren Konsequenz der Wahrheit des Werdens und zu dem ihm innewohnenden Gesetz. Wiedergeburt ist ein unentbehrlicher Mechanismus für das Auswirken einer spirituellen Evolution. Sie ist die einzig mögliche effektive Bedingung, der einleuchtende dynamische Prozess einer solchen Manifestation im materiellen Universum.
Unsere Erklärung der Evolution in der Materie geht dahin: Das Universum ist der selbst-schöpferische Prozess einer höchsten Wirklichkeit, deren Gegenwart den Geist zur Substanz der Dinge macht, – alle Dinge sind hier Mächte, Mittel und Formen des Geistes zu seiner Manifestation. Unendliches Sein, unendliches Bewusstsein, unendliche Kraft, unendlicher Wille, unendliche Seins-Seligkeit sind die insgeheim hinter den Erscheinungen des Universums stehende Wirklichkeit. Ihr göttliches Supramental oder ihre Gnosis, hat die kosmische Ordnung geschaffen. Es hat diese aber mittelbar durch die drei untergeordneten und begrenzenden Begriffe organisiert, deren wir hier bewusst sind: Mental, Leben und Materie. Das materielle Universum ist die niederste Stufe eines Sprunges der Manifestation in die Tiefe, eine Involution des manifestierten Wesens dieser dreieinigen Wirklichkeit in ein scheinbares Nichtwissen ihrer selbst, in das, was wir jetzt die Nichtbewusstheit nennen. Die Evolution dieses geoffenbarten Wesens aus dem Nichtwissen in ein wiedergewonnenes Selbst-Innesein war vom ersten Anfang an unvermeidlich. Das war deshalb unerlässlich, weil das, was involviert ist, sich wieder evolvieren muss. Denn es existiert dort nicht nur als ein Sein, sondern als eine in ihrem scheinbaren Gegenteil verborgene Kraft. Jede solche Kraft muss in ihrer innersten Natur dazu gedrängt sein, ihr Selbst zu finden, ihr Selbst zu realisieren, sich in das Kräftespiel freizusetzen. Sie muss die Wirklichkeit dessen, was das Nichtwissen verbirgt, das Selbst, das sie verloren hat, suchen und wiedergewinnen; das muss die ganze verborgene Bedeutung und der ständige Drang ihres Wirkens sein. Durch das bewusste individuelle Wesen wird diese Wiedergewinnung möglich. In ihm wird das sich entwickelnde Bewusstsein organisiert und dazu fähig, zu seiner eigenen Wirklichkeit zu erwachen. Die außerordentliche Bedeutung des individuellen Menschen, die immer weiter zunimmt, je weiter er auf der Stufenleiter emporkommt, ist die auffallendste und wichtigste Tatsache eines Universums, das ohne Bewusstsein und Individualität im undifferenzierten Nichtwissen begann. Diese Bedeutung kann nur gerechtfertigt sein, wenn das Selbst als das Individuum ebenso wirklich ist wie das Selbst als das kosmische Wesen oder als der Geist und wenn beides die Mächte des Ewigen sind. Nur so kann man erklären, dass das Wachsen des Individuums und seine Entdeckung seines Selbsts notwendige Voraussetzung ist für die Entdeckung des kosmischen Selbsts, des kosmischen Bewusstseins und der höchsten Wirklichkeit. Wenn wir diese Lösung anerkennen, ist ihr erstes Ergebnis die Wirklichkeit des fortdauernden Individuums. Aus dieser ersten Konsequenz folgt aber das andere Ergebnis, dass die Wiedergeburt, wie sie auch geartet ist, nicht mehr nur ein möglicher Mechanismus ist, den man akzeptieren mag oder nicht. Sie wird vielmehr zu einer Notwendigkeit, zu etwas Unvermeidlichem, das sich aus der Grundnatur unseres Seins ergibt.
Nun genügt es nicht mehr, ein nur illusorisches oder vergängliches Individuum anzunehmen, das in jeder Gestalt durch ein Spiel von Bewusstsein neu erschaffen wird. Individualität muss man nicht mehr nur als eine Begleiterscheinung des Bewusstseins in einer Körpergestalt auffassen, die diese Gestalt überleben mag oder nicht, welche die falsche Kontinuität ihres Selbsts von Gestalt zu Gestalt, von Leben zu Leben fortsetzen mag oder nicht, die das aber gewiss nicht tun muss. Was wir in dieser Welt zunächst zu sehen scheinen, ist, dass ein Individuum ohne jede Kontinuität das andere ersetzt, dass die Gestalt sich auflöst und zugleich mit ihr auch die falsche oder vorübergehende Individualität vergeht, während die universale Energie oder ein universales Wesen allein für immer übrig bleibt. Das könnte sehr wohl das ganze Prinzip der kosmischen Manifestation sein. Ist aber das Individuum eine beharrende Wirklichkeit, ein ewiger Teil oder eine Macht des Ewigen und ist die Entwicklung seines Bewusstseins das Mittel, durch das der Geist in den Dingen sein Wesen enthüllt, dann offenbart sich der Kosmos als eine hierdurch bedingte Manifestation des Spiels des ewigen Einen mit den ewigen Vielen im Wesen von Sachchidananda. Dann muss eine wahre Person ganz sicher hinter all den Wandlungen unserer Personalität vorhanden sein, die den Strom ihrer Veränderungen lebendig erhält, ein wirkliches spirituelles Individuum, ein wahrer Purusha. Der Eine, der sich in die Universalität ausweitet, existiert in jedem Wesen und bestätigt sich in dieser Individualität. Im individuellen Menschen enthüllt er sein totales Sein durch das Einssein mit allen in der Universalität. Im individuellen Menschen enthüllt er außerdem seine Transzendenz als der Ewige, auf den die gesamte universale Einheit gegründet ist. Diese Trinität der Selbst-Manifestation, dieses unermessliche Lila der vielfältigen Identität, diese Magie der Maya oder das proteisch-vielgestaltige Wunder der bewussten Wahrheit des Wesens des Unendlichen ist die lichtvolle Offenbarung, die durch eine langsame Evolution aus der ursprünglichen Nichtbewusstheit hervortritt.
Gäbe es nicht diese Notwendigkeit, das Selbst zu finden, sondern nur ein ewiges Genießen dieses Spiels im Wesen von Sachchidananda – solch ewiges Genießen ist die Art gewisser höchster Zustände bewussten Seins –, dann hätten Evolution und Wiedergeburt nicht in Gang gebracht zu werden brauchen. Es hat aber eine Involution der Einheit in das zerteilende Mental stattgefunden, ein Sprung hinab in die Selbst-Vergessenheit, durch den das immer gegenwärtige Empfinden für die vollständige Einheit verloren gegangen ist. Nun kommt das Spiel der trennenden Verschiedenheit – nur phänomenal, da die wirkende Einheit in der Verschiedenheit uneingeschränkt im Hintergrund verbleibt – als beherrschende Wirklichkeit in den Vordergrund. Dieses Spiel der Verschiedenheit hat dadurch seinen äußersten Begriff der Empfindung von Zerteilung gefunden, dass sich das zerteilende Mental in eine Körpergestaltung hinabstürzte, in der es seiner selbst als eines gesonderten Egos bewusst wird. So ist durch Involution der aktiven Selbst-Bewusstheit von Sachchidananda in ein phänomenales Nichtwissen eine feste, solide Grundlage für dieses Spiel der Zerteilung in einer Welt getrennter Formen von Materie geschaffen worden. Die Fundierung in das Nichtwissen macht die Zertrennung zu etwas Gesichertem, denn es widersetzt sich mit aller Macht der Rückkehr in das Bewusstsein der Einheit. Die Zertrennung ist aber, obwohl sie effektiv Zerstörung ausübt, nur phänomenal und kann beendet werden, da in ihr, über ihr, als tragende Stütze der allbewusste Geist ist. Deshalb stellt sich das scheinbare Nichtwissen nur als eine Konzentration, eine ausschließende Aktion von Bewusstsein heraus, das sich durch einen Sprung in den tiefen Abgrund einer Trance der Selbst-Vergessenheit völlig von dem formativen und kreativen materiellen Prozess aufzehren ließ. In einem so erschaffenen phänomenalen Universum wird die trennende Gestalt zur Grundlage und zum Ausgangspunkt für all seine Lebens-Aktion. Darum muss sich der individuelle Purusha, wenn er in dieser physischen Welt seine kosmischen Beziehungen zu dem Einen ausarbeiten will, auf die Form gründen und einen Körper annehmen. Es ist der Körper, den er zu seiner eigenen Grundlage und zum Ausgangspunkt für die Entwicklung seines Lebens, Mentals und Geistes im physischen Dasein machen muss. Dieses Annehmen des Körpers nennen wir Geburt. Nur in ihm kann hier die Entwicklung des Selbsts und das Spiel der Beziehungen zwischen dem Individuum und dem Universum sowie zu allen anderen Individuen stattfinden. Nur in ihm kann es die progressive Entwicklung unseres bewussten Wesens zu einer erhabenen Wiedergewinnung der Einheit mit Gott und mit allen Wesen in Gott geben. Die Summe dessen, was wir Leben in der physischen Welt nennen, ist eine fortschreitende Entwicklung der Seele. Sie geht durch Geburt in den Körper ein und hat diesen als ihre Stütze, als die Grundbedingung für ihr Wirken und als die Voraussetzung dafür, dass sie in der Evolution fortbesteht.
Geburt ist also notwendig für die Manifestation des Purusha auf der physischen Ebene. Seine menschliche oder irgendeine andere Geburt kann aber in dieser Welt-Ordnung nicht ein isoliertes Ereignis oder der plötzliche Ausflug einer Seele in die Körperlichkeit sein, ohne dass sie in einer Vergangenheit dafür vorbereitet ist oder nach einer solchen Erfüllung findet. In einer Welt der Involution und Evolution, nicht nur einer physischen Form, sondern eines bewussten Wesens über Leben und Mental hin zum Geist, könnte solch eine isolierte Annahme von Leben in einem menschlichen Körper nicht das Gesetz für das Dasein der individuellen Seele sein. Das wäre eine völlig sinnlose und inkonsequente Einrichtung, eine Laune, für die es in der Natur und im System der Dinge keinen Raum gibt. Das wäre ein gewaltsamer störender Eingriff, der den Rhythmus der Selbst-Offenbarung des Geistes durchbrechen würde. Das Eindringen solch einer Norm für das individuelle Seelen-Leben in die evolutionäre spirituelle Progression würde aus dieser eine Wirkung ohne Ursache und eine Ursache ohne Wirkung machen. Das Leben des individuellen Menschen wäre der Torso einer Gegenwart ohne eine Vergangenheit oder Zukunft. Es muss aber den gleichen bedeutungsvollen Rhythmus, dasselbe Progressions-Gesetz haben wie das kosmische Leben. Sein Ort in diesem Rhythmus kann nicht ein zufälliges sinnloses Auftreten, es muss eine bleibende Instrumentation für die Verwirklichung des kosmischen Zieles sein. In solcher Ordnung können wir auch nicht eine isolierte Herabkunft der Seele in den menschlichen Körper, nur eine einzige Geburt als ihre erste und letzte Erfahrung dieser Art, dadurch erklären, dass sie vorher in anderen Welten existierte und dann eine Zukunft in noch anderen Bereichen der Erfahrung vor sich hat. Denn das Leben hier auf Erden, das Leben im physischen Universum, ist nicht nur eine gelegentliche Herberge für die Wanderungen der Seele von einer Welt zur anderen und kann das nicht sein. Es ist eine große langsame Entwicklung, die, wie wir jetzt wissen, unberechenbare Strecken von Zeit für seine Evolution benötigt. Menschliches Leben ist nur ein Begriff in einer Stufenfolge, durch die der im Universum insgeheim wirkende Geist in Graden seine Absicht entfaltet und diese schließlich ausarbeitet, indem sich das individuelle Seelen-Bewusstsein im Körper ausweitet und nach oben verstärkt. Dieser Aufstieg kann sich nur durch Wiedergeburt innerhalb der nach oben fortschreitenden Ordnung vollziehen. Ein individueller Besuch, der diese Ordnung hier durchkreuzt, um dann anderswohin weiterzugehen, könnte nicht in das System des evolutionären Seins hineinpassen.
Auch ist die menschliche Seele, der individuelle Mensch, kein freier Wanderer, der nach seinen Launen oder leichtsinnig von einem Bereich zum anderen eilen könnte, nach unbeschränkter Wahl oder ungebundenem spontan veränderlichen Handeln und nach dem Ergebnis seines Handelns. Das ist die glänzende Vorstellung von einer reinen spirituellen Freiheit, die auf jenseitigen Ebenen oder in einer schließlich erlangten Erlösung ihre Wahrheit haben mag. Sie ist aber vorerst im Erdenleben, dem Leben im physischen Universum, nicht wahr. Das Hineingeborenwerden des Menschen in diese Welt ist nach seiner spirituellen Seite ein Komplex von zwei Elementen: einer spirituellen Person und einer Seele der Personalität. Die spirituelle Person ist des Menschen ewiges Wesen; die Seele der Personalität ist sein kosmisches und veränderliches Wesen. Als spirituelle und apersonale Person ist der Mensch in seiner Natur und in seinem Wesen eins mit der Freiheit von Sachchidananda. Er hat hier als solcher seiner Involution in das Nichtwissen einer Reihe von Seelenerfahrungen wegen zugestimmt oder diese gewollt, die auf andere Weise nicht möglich ist, und lenkt so insgeheim seine Evolution. Als Seele der Personalität ist er selbst ein Teil dieser langen Entwicklung der Seelen-Erfahrung in den Gestaltungen der Natur. Seine eigene Evolution muss den Gesetzen und Grundlinien der universalen Evolution folgen. Als Geist ist er eins mit der Transzendenz, die der Welt immanent ist und diese umgreift. Als Seele ist er zugleich eins mit und Teil der in der Welt selbst ausgedrückten Universalität von Sachchidananda: Sein Selbst-Ausdruck muss durch die Stufen des kosmischen Ausdrucks hindurchgehen, seine Seelen-Erfahrung muss den Umdrehungen des Rades von Brahman im Universum folgen.
Der in die Dinge, in das Nichtwissen des physischen Universums involvierte universale Geist leistet die Evolution des Selbsts seiner Natur in einer Aufeinanderfolge von physischen Gestaltungen bis hin zu den abgestuften Reihen von Materie, Leben, Mental und Geist. Das Selbst taucht zuerst als eine geheime Seele in materiellen Gestaltungen auf, nach außen völlig dem Nichtwissen unterworfen. Es entwickelt sich als eine Seele, die noch verborgen, aber im Begriff ist, in vitalen Gestaltungen hervorzutreten, die an der Grenze zwischen Nichtwissen und dem partiellen Licht von Bewusstsein stehen, das unsere Unwissenheit ist. Es entwickelt sich noch weiter als die noch primitive bewusste Seele im Tier-Mental und tritt schließlich als die mehr nach außen bewusste, aber noch nicht voll bewusste Seele im Menschen hervor: Das Bewusstsein befindet sich hier durchweg in den verborgenen Teilen unseres Wesens. Seine Entwicklung geschieht in der sich manifestierenden Natur. Diese evolutionäre Entwicklung hat sowohl einen universalen wie einen individuellen Aspekt: Das Universale entwickelt die Grade seines Wesens und die geordnete Variation der Universalität seiner selbst in der Reihe der evolvierten Formen seines Wesens. Die individuelle Seele folgt der Linie dieser kosmischen Reihe und manifestiert das, was in der Universalität des Geistes vorbereitet ist. Der universale Mensch, der kosmische Purusha in der Menschheit, ist am Werk, in der menschlichen Rasse jene Macht zu entfalten, die aus den Graden unterhalb der Menschheit in diese emporgewachsen ist und noch weiter wachsen soll bis zum Supramental und zum Geist. Sie soll zur Göttlichkeit in dem Menschen werden, der seines wahren und integralen Selbsts und der göttlichen Universalität seiner Natur bewusst ist. Der individuelle Mensch muss bisher dieser Entwicklungslinie gefolgt sein. Er muss über einer Seelen-Erfahrung in den niedrigeren Formen des Lebens gewaltet haben, bevor er die menschliche Evolution auf sich genommen hat. So wie der Eine fähig war, in seiner Universalität diese niedrigeren Formen von Pflanze und Tier anzunehmen, so muss auch das Individuum, jetzt in Menschengestalt, fähig gewesen sein, diese in seinen früheren Stufen des Daseins anzunehmen. Nun tritt er als eine menschliche Seele in Erscheinung. Der Geist nimmt die innere und äußere Form des Menschseins an. Er ist aber durch diese Gestalt ebensowenig begrenzt, wie er durch die früher von ihm angenommenen Formen von Pflanze und Tier begrenzt gewesen ist. Er kann von ihr aus weitergehen, um sein Selbst auf einer höheren Stufe der Natur zum Ausdruck zu bringen.
Bei andersartiger Auffassung müsste man annehmen, der Geist, der jetzt über der menschlichen Seelen-Erfahrung waltet, sei ursprünglich durch eine menschliche Mentalität und den menschlichen Körper gebildet worden, existiere durch diesen, könne nicht getrennt von diesem Dasein und niemals unter diesen hinabsinken oder über diesen hinauskommen. Tatsächlich wäre es dann vernünftig, anzunehmen, dass er nicht unsterblich ist, vielmehr erst durch das Erscheinen des menschlichen Mentals und Körpers in der Evolution ins Dasein eingetreten sei und durch deren Verschwinden auch vergehen würde. Aber Körper und Mental sind nicht die Schöpfer des Geistes. Der Geist ist der Schöpfer von Mental und Körper. Er entwickelt diese Prinzipien aus seinem Wesen. Er wird nicht aus ihnen ins Dasein entwickelt. Er ist keine Zusammensetzung aus ihren Elementen und auch kein Ergebnis ihres Zusammentreffens. Wenn es so aussieht, als entwickle er sich aus Mental und Körper, so deshalb, weil er sich stufenweise in ihnen offenbart, nicht aber, weil er von ihnen erschaffen würde oder durch sie existiere. Wenn er sich manifestiert, werden sie als untergeordnete Begriffe seines Wesens offenbar und müssen schließlich aus ihrer gegenwärtigen Unvollkommenheit herausgeholt und in sichtbare Formen und Werkzeuge des Geistes umgewandelt werden. Nach unserer Auffassung ist Geist etwas, das nicht durch Namen und Form konstituiert wird, sondern verschiedene Formen von Körper und Mental annimmt, im Einklang mit den verschiedenen Manifestationen seines Seelen-Wesens. Das tut er hier durch die aufeinanderfolgenden Stufen der Evolution. Nacheinander entwickelt er eine Folge von Formen und übereinanderliegende Schichten des Bewusstseins. Denn er ist nicht daran gebunden, stets nur dieselbe Gestalt anzunehmen oder nur eine Art von Mentalität zu besitzen, die seine einzig mögliche subjektive Offenbarung wäre. Die Seele ist nicht durch die Formel eines mentalen Menschen-Typus gebunden. Sie fing nicht mit diesem an und wird nicht bei diesem enden. Sie besaß eine vormenschliche Vergangenheit, sie hat eine übermenschliche Zukunft.
Was wir von der Natur sehen und von der menschlichen Natur wissen, rechtfertigt die Anschauung, dass die individuelle Seele von einer Gestalt zur anderen geboren wurde, bis sie die menschliche Ebene des offenbarten Bewusstseins erreicht hat. Diese ist nun ihr Werkzeug, um zu noch höheren Ebenen emporzukommen. Wir sehen, dass sich die Natur von einer Stufe zur anderen entwickelt. Sie nimmt in jede neue Stufe ihre Vergangenheit mit empor und wandelt diese in den Stoff zu einer neuen Entwicklung um. Wir sehen auch, dass die menschliche Natur von derselben Beschaffenheit ist. Die ganze Erden-Vergangenheit ist in ihr gegenwärtig: Sie besitzt ein vom Leben emporgenommenes Element von Materie, ein vom Mental emporgenommenes Element von Leben und ein vom Geist emporgenommenes Element von Mental: Das Tier ist noch im Typus Mensch gegenwärtig. Die eigentliche Natur des menschlichen Wesens setzt eine materielle und eine vitale Stufe voraus, die sein Emportauchen in das Mental vorbereiten; ebenso auch eine Tier-Vergangenheit, die ein erstes Element seines komplexen Menschenwesens formte. Wir wollen uns aber hüten, zu sagen, das sei so, weil die materielle Natur durch Evolution sein Leben, seinen Körper, sein Tier-Mental entwickelt; erst dann sei eine Seele in die so erschaffene Form herabgestiegen. Zwar steht eine gewisse Wahrheit hinter dieser Vorstellung, jedoch nicht die Wahrheit, die diese Formel uns nahelegen möchte. Denn das würde eine Kluft zwischen Seele und Körper, zwischen Seele und Leben, zwischen Seele und Mental voraussetzen, die tatsächlich nicht existiert. Es gibt keinen Körper ohne Seele, keinen Körper, der nicht selbst eine Form von Seele wäre. Materie selbst ist Substanz und Macht von Geist und könnte nicht existieren, wenn sie etwas anderes wäre. Denn nichts kann existieren, das nicht Substanz und Macht von Brahman ist. Und wenn Materie das ist, müssen umso sicherer Leben und Mental das sein und beseelt werden durch die Gegenwart des Geistes. Wären Materie und Leben nicht bereits beseelt gewesen, der Mensch hätte nicht erscheinen können. Oder er wäre nur eine Zwischen-Erscheinung gewesen oder ein Zufall, nicht aber ein Teil der evolutionären Ordnung.
So kommen wir notwendig zu dem Schluss, dass die Geburt des Menschen ein Ausdruck ist, zu dem die Seele in einer langen Aufeinanderfolge von Wiedergeburten gekommen sein muss, und dass sie als ihre vorhergehenden und vorbereitenden Begriffe in der Aufeinanderfolge die niederen Formen des Lebens auf der Erde gehabt haben muss. Sie ist durch die ganze Kette hindurchgegangen, die das Leben im physischen Universum auf der Grundlage des Körpers, des physischen Prinzips, aneinandergereiht hat. Dann erhebt sich die weitere Frage, ob diese Aufeinanderfolge von Wiedergeburten noch weitergeht, wenn das Menschsein einmal erreicht worden ist, und, wenn das so ist, in welcher Abfolge oder durch welche Abwandlungen das geschieht. Zuerst müssen wir fragen, ob die Seele, wenn sie einmal das Menschsein erlangt hat, wieder zum Tierleben und Tierkörper zurückkehren kann. Das ist ein Rückschritt, den die alten populären Theorien der Seelenwanderung für eine gewöhnliche Bewegung gehalten haben. Es erscheint unmöglich, dass die Seele in ihrer Ganzheit so zurückfallen könnte. Der Grund ist, dass der Übergang vom Tier zum menschlichen Leben eine entscheidende Bewusstseins-Umwandlung bedeutet, die genau so einschneidend ist wie die Umwandlung des vitalen Bewusstseins der Pflanze in das mentale Bewusstsein des Tieres. Es ist gewiss unmöglich, dass eine von der Natur vollzogene, so entscheidende Umwandlung durch die Seele wieder rückgängig gemacht werden könnte und dass die Entscheidung des Geistes in ihrem Inneren sozusagen nichtig würde. Das könnte, vorausgesetzt, dass so etwas angeht, nur solchen menschlichen Seelen möglich sein, in denen die Umwandlung nicht entscheidend gewesen ist. Das wären Seelen, die sich zwar weit genug entwickelt haben, um einen menschlichen Körper zu bilden, ihn innezuhaben oder anzunehmen, die aber nicht weit genug gekommen sind, um die Annahme dieses Körpers sicher durchzuhalten, damit sie in dem, was sie erlangt haben, auf die Dauer beharren und dem menschlichen Typus des Bewusstseins treu bleiben konnten. Vorausgesetzt dass gewisse Tierneigungen heftig genug sind, um eine gesonderte Befriedigung ihrer völlig eigenen Art zu erfordern, könnte es höchstens zu einer teilweisen Wiedergeburt kommen. Eine menschliche Seele würde noch lose an einer Tierform festhalten, von der sie aber danach sofort wieder zu ihrer normalen Progression zurückkehren würde. Der Gang der Natur ist immer komplex genug, so dass wir eine solche Entwicklung nicht dogmatisch ausschließen dürfen. Sollte das eine Tatsache sein, so könnte dieses Minimum an Wahrscheinlichkeit hinter der populären übertriebenen Überzeugung stehen, die annimmt, eine Wiedergeburt der Seele, die einmal im Menschen beheimatet gewesen ist, in einem Tier sei etwas genauso Normales und Mögliches wie eine Wiedergeburt im Menschen. Einerlei aber, ob die Rückkehr in das Tier-Leben möglich ist oder nicht, das normale Gesetz für die Seele, die einmal zum Menschsein fähig gewesen ist, muss die Wiederholung der Geburt in neuen menschlichen Gestaltungen sein.
Warum gibt es aber eine Aufeinanderfolge von menschlichen Geburten und nicht nur eine einzige? Aus demselben Grund, der die Geburt als Mensch an sich zu einem Höhepunkt der vergangenen Aufeinanderfolge, der früheren aufsteigenden Reihe, gemacht hat; aufgrund der einen Notwendigkeit der spirituellen Evolution muss das auch weitergehen. Denn die Seele hat das, was sie zu tun hat, noch nicht dadurch vollendet, dass sie sich nur bis in das Menschsein entwickelte. Sie muss dieses Menschenwesen noch in seine höheren Möglichkeiten weiterentwickeln. Offensichtlich hat die Seele, die in einem karibischen Eingeborenen, in einem ungebildeten Primitiven, in einem Apachen von Paris oder in einem amerikanischen Gangster wohnt, noch nicht die Notwendigkeiten erschöpft, aus denen sie als Mensch geboren wurde. Sie hat noch nicht ihre umfassende Potentialität oder die ganze Bedeutung des Menschseins entfaltet. Sie hat noch nicht den umgreifenden Sinn von Sachchidananda im universalen Menschen herausgearbeitet. Das hat aber auch die Seele nicht fertig gebracht, die in einem vitalistischen Europäer wohnt, der völlig aufgeht in der dynamischen Produktion oder in seinem vitalen Vergnügen. Ebensowenig hat das die Seele in einem Bauern Asiens getan, der völlig eingefangen ist in den Rundlauf seines häuslichen und wirtschaftlichen Lebens. Vernünftigerweise können wir selbst daran zweifeln, ob ein Plato oder Shankara die Krönung und deshalb das Ende des Aufblühens des Geistes im Menschen darstellen. Wir sind zu der Annahme geneigt, diese könnten die oberste Grenze sein, weil sie und ihresgleichen uns als der Höhepunkt erscheinen, den Mental und Seele des Menschen erreichen können. Das kann aber eine Illusion der gegenwärtig von uns erreichten Möglichkeit sein. Es mag eine höhere, zumindest eine umfassendere Möglichkeit geben, die das Göttliche noch im Menschen zu verwirklichen beabsichtigt. Ist das aber so, dann waren die durch diese höchsten Seelen erbauten Stufen nötig, um den Weg zu diesem Ziel zu bahnen und die Tore dorthin zu öffnen. Auf jeden Fall muss dieser gegenwärtig höchste Punkt zumindest erreicht werden, bevor wir unter die Wiederkehr der menschlichen Geburt für das Individuum das „Ende“ schreiben können. Der Mensch ist hier, damit er aus der Unwissenheit und jenem kleinen Leben, das er in Mental und Körper lebt, voranschreitet zum Wissen und zu dem hohen göttlichen Leben, das er durch die Entfaltung des Geistes ergreifen kann. Zumindest soll erreicht werden, dass sich der Geist in ihm öffnet, dass er sein wirkliches Selbst erkennt, dass er das spirituelle Leben führt, bevor er endgültig und für immer woandershin weitergehen darf. Jenseits von diesen ersten Höhepunkten mag es noch ein größeres Aufblühen des Geistes im menschlichen Leben geben, von dem wir jetzt nur die ersten Ahnungen haben. Die Unvollkommenheit des Menschen ist nicht das letzte Wort der Natur. Aber seine Vervollkommnung ist auch nicht die letzte Gipfelhöhe des Geistes.
Diese Möglichkeit wird zu einer Gewissheit, wenn das gegenwärtig führende Prinzip des Mentals, soweit der Mensch es entwickelt hat, der Intellekt, nicht sein höchstes Prinzip ist. Wenn es im Mental selbst noch andere als die jetzt nur unvollkommen von den höchsten Typen des menschlichen Individuums repräsentierten gibt, ist es unvermeidlich, dass die Linie der Evolution, und folgerichtig auch die aufsteigende Linie der Wiedergeburt, verlängert wird, um diese zu verkörpern. Wenn das Supramental auch eine hier noch in der Evolution verborgene Macht des Bewusstseins ist, darf die Linie der Wiedergeburt vor ihr nicht Halt machen. Sie kann mit ihrem Aufstieg erst dann aufhören, wenn die mentale Natur durch die supramentale ersetzt und wenn ein verkörpertes supramentales Wesen zum Lenker des Daseins auf Erden geworden ist.
Dies ist also die rationale und philosophische Begründung für die Überzeugung von der Wiedergeburt. Sie ist eine unausweichliche logische Schlussfolgerung, wenn in der Natur der Erde gleichzeitig ein evolutionäres Prinzip und die Wirklichkeit einer individuellen Seele besteht, die in die evolutionäre Natur hineingeboren wurde. Gibt es keine Seele, dann kann es eine mechanische Evolution ohne Notwendigkeit oder Bedeutung geben. Die Geburt ist dann nur ein Teil dieses eigenartigen, aber sinnlosen Mechanismus. Wenn das Individuum nur eine vorübergehende Gestaltung ist, die mit dem Körper anfängt und mit ihm endet, kann die Evolution ein Spiel der All-Seele oder des Kosmischen Seins sein, die durch eine Progression von höheren zu immer höheren Arten bis zu ihrer äußersten Möglichkeit in diesem Werden oder bis zu ihrem höchsten bewussten Prinzip emporsteigt. Eine Wiedergeburt existiert dann nicht und ist auch als Mechanismus dieser Evolution nicht erforderlich. Oder wenn sich das All-Sein in einer fortdauernden, jedoch illusorischen Individualität ausdrückt, wird die Wiedergeburt zu einer Möglichkeit oder zu einem illusorischen Faktum. Sie ist aber nicht evolutionär notwendig und kein spirituelles Bedürfnis, nur ein Mittel, um die Illusion zu betonen und bis zu ihrer äußersten Zeit-Grenze weiterzuführen. Gibt es eine individuelle Seele, einen Purusha, der nicht vom Körper abhängig ist, sondern ihn nur für seinen Zweck bewohnt und verwendet, dann fängt Wiedergeburt an, etwas Mögliches zu werden. Sie ist aber keine Notwendigkeit, wenn es keine Evolution der Seele in der Natur gibt. Die Gegenwart einer individuellen Seele in einem individuellen Körper könnte ein vorübergehendes Phänomen sein, eine vereinzelte Erfahrung, ohne hier eine Vergangenheit oder eine Zukunft zu haben. Ihre Vergangenheit und ihre Zukunft könnten sonst wo sein. Gibt es aber eine Evolution des Bewusstseins in einem evolutionären Körper und eine Seele, die diesen Körper bewohnt, also ein wirkliches und bewusstes Individuum, dann ist evident, dass die progressive Erfahrung dieser Seele in der Natur die Form dieser Evolution des Bewusstseins verwendet: Wiedergeburt ist dann selbstverständlich und ein notwendiger Teil, der einzig mögliche Mechanismus einer solchen Evolution. Sie ist ebenso notwendig wie die Geburt selbst. Denn ohne sie wäre die Geburt ein anfänglicher Schritt, ohne dass eine Konsequenz auf ihn folgt. Sie wäre das Antreten einer Reise, ohne dass man sie fortsetzt und ohne dass man am Ziel ankommt. Die Wiedergeburt gibt der Geburt eines unvollkommenen Wesens in einem Körper ihre Verheißung, dass es zu seiner vollkommenen Erfüllung gelangt und seine spirituelle Bedeutung verwirklicht.
1 Prajna der Mandukya Upanishad: das Selbst, in einem tiefen Schlaf befangen, ist der Herr und Schöpfer aller Dinge.
2 In der buddhistischen Theorie ist Wiedergeburt nur deshalb zwingend, weil das Karma sie erfordert. Nicht eine Seele, sondern das Karma ist das Verbindungsglied für ein dem Schein nach fortdauerndes Bewusstsein, denn das Bewusstsein ändert sich von Augenblick zu Augenblick: Es gibt diese scheinbare Kontinuität von Bewusstsein, aber es gibt keine wirkliche, unsterbliche Seele, die die Geburt auf sich nimmt und durch den Tod des Körpers hindurchgeht, um in einem anderen Körper wiedergeboren zu werden.
3 In dieser Anschauung ist das Selbst Eines; es kann nicht viele sein oder sich vervielfältigen. Darum kann es auch kein wahres Individuum geben, sondern höchstens das eine Selbst, das allgegenwärtig ist und jedes Mental und jeden Körper mit der Idee des „Ich“ beseelt.
4 Dr. Schweitzer behauptet in seinem Buch über das Denken Indiens, dass dies der wirkliche Sinn der Lehre der Upanishaden gewesen und dass Wiedergeburt eine spätere Erfindung sei. Aber es gibt zahllose wichtige Stellen in fast allen Upanishaden, die positiv die Wiedergeburt behaupten. Und auf alle Fälle erkennen die Upanishaden das Überleben der Personalität nach dem Tod und ihren Übergang in andere Welten an, was mit jener Interpretation nicht vereinbar wäre. Wenn es ein Überleben in anderen Welten und auch eine endgültige Bestimmung zur Befreiung in das Brahman für die hier verkörperten Seelen gibt, dann zwingt sich die Wiedergeburt von selbst auf. Es gibt keinen Grund für die Annahme, das sei eine spätere Theorie. Der Schreiber war offensichtlich durch Anknüpfung an westliche Philosophie geneigt, in den eher subtilen und komplexen Gedanken des alten Vedanta einen rein pantheistischen Sinn hineinzulesen.
Kapitel 2
Die Ordnung der Welten
Worte Sri Aurobindos
Erkennt man eine spirituelle Evolution des Bewusstseins in der materiellen Welt und eine ständige oder wiederholte Wiedergeburt des Individuums in einem irdischen Körper an, dann erhebt sich die nächste Frage, ob diese evolutionäre Bewegung etwas Gesondertes und in sich Vollständiges oder ob sie Teil einer umfassenderen universalen Ganzheit ist, von der die materielle Welt nur eine Provinz darstellt. Die Antwort auf diese Frage ist schon in den Abstufungen der Involution enthalten, die der Evolution vorausgehen und sie ermöglichen. Wenn dieses Vorausgehen eine Tatsache ist, muss es Welten oder zumindest Ebenen eines höheren Wesens geben. Diese müssen eine gewisse Verbindung mit der Evolution haben, die durch ihr Dasein ermöglicht wurde. Mag sein, dass sie nichts mehr für uns tun können, als dass sie durch ihre effektive Gegenwart oder durch ihren Druck auf das Erdbewusstsein die involvierten Prinzipien von Leben, Mental und Geist befreien und befähigen, sich zu offenbaren und ihre Herrschaft in der materiellen Natur durchzusetzen. Es wäre aber im höchsten Grad unwahrscheinlich, dass die Verbindung und Einwirkung hier aufhören würde. Wahrscheinlich besteht ein anhaltender, wenn auch verhüllter Verkehr zwischen dem materiellen Leben und dem Leben auf anderen Ebenen des Seins. Wir müssen also nun in dieses Problem tieferen Einblick gewinnen, es an sich selbst betrachten und die Art und Grenzen dieser Verbindung und dieses gegenseitigen Verkehrs insofern bestimmen, als das die Theorie der Evolution und der Wiedergeburt in der materiellen Natur betrifft.
Das Herabkommen der Seele in die Unwissenheit kann man sich vorstellen als einen plötzlichen Sturz oder den unmittelbaren Fall eines reinen spirituellen Wesens aus der überbewussten spirituellen Wirklichkeit in die anfängliche Nichtbewusstheit und das daraus folgende sich entwickelnde phänomenale Leben der materiellen Natur. Wäre das so, dann könnte es oben das Absolute geben und unten das Nichtbewusste mit der aus ihm erschaffenen materiellen Welt. Das Ziel, die Rückkehr, würde dann ein ähnlich abrupter oder überstürzter Übergang aus einem materiellen verkörperten Welt-Wesen in das transzendente Schweigen sein. Es gäbe keine anderen Zwischenmächte oder Wirklichkeiten als Materie und Geist, keine anderen Ebenen als die materielle, keine anderen Welten als die Welt der Materie. Diese Vorstellung ist aber eine zu scharf trennende und vereinfachte Konstruktion und kann sich nicht gegen eine umfassendere Anschauung von der komplexen Natur des Seins behaupten.
Zweifellos sind mehrere Theorien über den Ursprung des kosmischen Seins möglich, nach denen es vorstellbar ist, dass ein solches extremes und starres Verhältnis zwischen den Welt-Kräften zustande kam. In einem All-Willen könnte ein Grundgesetz dieser Art und ein entsprechendes Gebot vorhanden gewesen sein. Oder die Seele könnte eine Idee dieser Art gehabt und sich einem egoistischen materiellen Leben der Unwissenheit zugewandt haben. Man könnte auch annehmen, die ewige individuelle Seele sei durch ein in ihrem Inneren aufkommendes unerklärliches Begehren dazu gedrängt worden, das Abenteuer der Finsternis zu suchen. Sie habe sich aus ihrem ureigenen Licht in die Tiefen eines Nichtwissens hinabgestürzt, woraus dann diese Welt der Unwissenheit entstanden sei. Oder die Vielen, also ein Kollektiv von Seelen, sei hierzu veranlasst worden. Denn ein individuelles Wesen kann keinen Kosmos bilden. Ein Kosmos muss entweder apersonal oder multipersonal sein oder Schöpfung oder Selbst-Ausdruck eines universalen oder unendlichen Wesens. Dieses Begehren könnte eine All-Seele mit sich heruntergezogen haben, um mit dieser eine Welt aufzubauen, die auf die Macht der Nichtbewusstheit gegründet ist. Wenn das nicht der Fall ist, könnte die ewig allwissende All-Seele selbst abrupt ihr Selbst-Wissen in jene Finsternis der Nichtbewusstheit hinabgestürzt und die individuellen Seelen mitgenommen haben, damit sie durch eine aufsteigende Stufenfolge von Leben und Bewusstsein ihre Evolution nach oben beginnen. Wenn aber das Individuum nicht präexistent ist, wenn wir nur eine Schöpfung des All-Bewusstseins oder ein Trug der phänomenalen Unwissenheit sind, könnte jede dieser schöpferischen Mächte die Myriaden individueller Wesen durch die Evolution von Namen und Formen aus einer ursprünglichen unterschiedslosen Prakriti erzeugt haben. Die Seele wäre dann ein vergängliches Produkt des unterschiedslosen Stoffs einer nichtbewussten Kraft-Substanz, der ersten Erscheinungsform der Dinge im materiellen Universum.
Aufgrund dieser Annahme oder einer von ihnen könnte es nur zwei Ebenen des Seins geben: Auf der einen Seite das materielle Universum, das aus dem Nichtbewussten durch das blinde Nichtwissen einer Kraft oder Natur erschaffen wurde, die vielleicht einem inneren, nicht von ihr gefühlten Selbst gehorcht, das seine schlafwandlerischen Wirkensweisen lenkt. Auf der anderen Seite gibt es das überbewusste Eine, zu dem wir aus der Nichtbewusstheit und Unwissenheit zurückkehren. Wir können uns aber auch vorstellen, es gebe nur eine einzige Ebene, das materielle Dasein. Es gebe kein von der Seele des materiellen Universums getrenntes Überbewusstes. Finden wir aber, es gibt noch andere Ebenen des bewussten Wesens und es existieren bereits andere Welten als das materielle Universum, so könnte es schwer fallen, diese Ideen durch Tatsachen zu beweisen. Einer solchen Verneinung könnten wir etwa durch die Annahme entgehen, diese Welten seien erst nachträglich durch die sich entwickelnde Seele oder für sie im Laufe ihres Aufstiegs aus der Nichtbewusstheit heraus geschaffen worden. Bei jeder dieser Anschauungen wäre der ganze Kosmos eine Evolution aus dem Nichtbewussten, wobei entweder das materielle Universum ihre einzige und ausreichende Bühne und Szenerie wäre, oder eine aufsteigende Stufenreihe von Welten existiert, von denen sich die eine aus der anderen entwickelt und uns hilft, unsere Rückkehr zur ursprünglichen Wirklichkeit auf diesen Stufen zu vollziehen. Unserer eigenen Auffassung nach war der Kosmos eine vom überbewussten Sachchidananda selbstgeschaffene stufenweise Entwicklung. Bei diesen Theorien wäre er nichts als eine Entwicklung der Nichtbewusstheit zu einer Art von Wissen, das ausreicht, durch Vernichtung ursprünglicher Unwissenheit oder eines diese verursachenden Begehrens die Missgeburt von Seele auszulöschen und dem irrigen Welt-Abenteuer zu entkommen.
Solche Theorien setzen aber entweder eine hervorragende Bedeutung und verursachende Macht des Mentals voraus oder eine hervorragende Bedeutung des individuellen Wesens. Beide nehmen gewiss einen wichtigen Platz ein, jedoch ist der ewige Geist die ursprüngliche Macht und das ursprüngliche Sein. Die begrifflich-schöpferische Idee – nicht die Real-Idee, das Seiende, dessen bewusst, was in ihm selbst ist, und automatisch selbst-schöpferisch durch die Kraft dieser Wahrheits-Bewusstheit – ist eine Bewegung des Mentals. Begehren ist eine Regung von Leben im Mental. Leben und Mental müssten dann präexistente Mächte sein und wären die bestimmenden Faktoren bei der Erschaffung der materiellen Welt gewesen. In diesem Fall könnten sie in gleicher Weise auch ihre eigene supraphysische Natur erschaffen. Oder wir müssten annehmen, dass die bewirkende Macht nicht das Begehren in einem Individuum oder in einem universalen Mental oder Leben gewesen ist, sondern ein Wille im Geist, ein Wille des Seienden, der etwas von sich selbst oder von seinem Bewusstsein entfaltete: eine schöpferische Idee oder ein Selbst-Wissen oder ein Drängen seiner selbst-aktiven Kraft oder eine Tendenz zu einer gewissen Formulierung seiner Daseins-Freude. Ist aber die Welt nicht geschaffen worden durch die universale Seins-Seligkeit, sondern zur Befriedigung des Begehrens der individuellen Seele, für ihre Laune eines unwissenden egoistischen Genießens, dann wäre das mentale Individuum Schöpfer und Zeuge des Universums, nicht aber das Kosmische Wesen oder eine Transzendente Gottheit. In der hinter uns liegenden Entwicklung menschlichen Denkens hat sich das individuelle Wesen immer mehr zu einer außerordentlich wichtigen Rolle im Plan der Dinge vorgedrängt und im höchsten Grade an Bedeutung gewonnen. Würden sich diese Proportionen weiter durchsetzen, wäre es denkbar, ihm die Urheberschaft zuzugestehen. Denn ein Wille zum Leben der Unwissenheit oder eine Zustimmung dazu im individuellen Purusha muss sicherlich ein Teil der wirksamen Aktivität des Bewusstseins beim involutionären Niederkommen des Geistes in die materielle Natur sein. Die Welt kann aber keine Schöpfung des individuellen Mentals sein oder eine Bühne, die es ausschließlich für sein eigenes Bewusstseins-Spiel errichtet hat. Auch kann sie nicht allein für das Spiel, die Befriedigung oder Enttäuschung des Egos erschaffen worden sein. Sobald wir zu dem Empfinden erwachen, dass das Universale das Vordringliche ist und wie sehr das Individuum von ihm abhängt, wird eine solche Theorie für unsere Intelligenz unmöglich. Die Welt ist in ihren Abläufen viel zu gewaltig, als dass eine solche Auffassung von ihren Wirkkräften glaubwürdig wäre. Nur eine kosmische Macht oder ein kosmisches Wesen kann der Schöpfer und Erhalter des Kosmos sein. Und dieser Kosmos muss auch eine kosmische Wirklichkeit, Bedeutung und Zielsetzung haben, nicht nur eine individuelle.
Folgerichtig müsste ein solches Individuum, das die Welt erschuf oder daran teilnahm, mit seinem Begehren oder seiner Zustimmung zur Unwissenheit schon wach gewesen sein, bevor die Welt überhaupt existierte. Es müsste als ein Element in irgendeinem suprakosmischen Überbewussten dagewesen sein, aus dem es herkommt und zu dem es aus diesem Leben des Egos wieder zurückkehrt: Wir müssten von einer ursprünglichen Immanenz der Vielen in dem Einen ausgehen. So wäre es begreiflich, dass sich in einem Unendlichen jenseits der Welt in einigen der Vielen ein Wille oder ein Drang oder ein spirituelles Bedürfnis danach geregt haben könnte, sich hinabzustürzen und die Erschaffung dieser Welt der Unwissenheit zu erzwingen. Da aber der Eine die grundlegende Tatsache des Seins ist und da die Vielen von dem Einen abhängen und Seelen des Einen, Wesen seines Wesens sind, muss diese Wahrheit auch das Fundamental-Prinzip des kosmischen Seins bestimmen. Daraus erkennen wir, dass das Universale dem Individuellen vorausgeht, ihm sein Wirkungsfeld anweist und das ist, in dem das Individuelle kosmisch existiert, obwohl sein Ursprung in der Transzendenz liegt. Die individuelle Seele lebt hier durch die All-Seele und hängt von ihr ab. Ganz eindeutig existiert die All-Seele nicht durch die individuelle Seele und hängt auch nicht von ihr ab. Sie ist nicht die Summe der individuellen Wesen und keine pluralistische Ganzheit, die durch das bewusste Leben von Individuen erschaffen wird. Wenn eine All-Seele existiert, muss sie der eine Kosmische Geist sein, der die eine kosmische Kraft in ihrem Wirken unterstützt. Sie wiederholt hier, abgewandelt in die Begriffe des kosmischen Daseins, die ursprüngliche Beziehung der Abhängigkeit der Vielen von dem Einen. Es ist unvorstellbar, dass die Vielen in einer Unabhängigkeit von dem Einen Willen oder durch eine Lostrennung von ihm ein Dasein im Kosmos begehrt und durch ihr Begehren das erhabene Sachchidananda gezwungen haben sollten, gegen seinen Willen oder mit zustimmender Duldung in das Nichtwissen herabzukommen. Das würde bedeuten, dass man die wahre Abhängigkeit der Dinge voneinander in ihr Gegenteil verkehrt. Hätte die Welt ihren Ursprung unmittelbar im Willen oder im spirituellen Drang der Vielen gehabt – was möglich und sogar in gewissem Sinn denkbar ist –, dann müsste es zuerst einen auf dieses Ziel gerichteten Willen in Sachchidananda gegeben haben. Sonst könnte der Drang - der in dieser Welt den All-Willen in Begehren übersetzt, denn das, was im Ego zum Begehren wird, ist Wille im Geist – nirgendwo entstanden sein. Zuerst muss der Eine, die All-Seele, durch die allein das Bewusstsein des Individuums bestimmt wird, die Verhüllung durch die nichtbewusste Natur angenommen haben, bevor auch das Individuum den Schleier der Unwissenheit im materiellen Universum annehmen kann.
Haben wir aber einmal diesen Willen des höchsten und kosmischen Wesens als die unentbehrliche Voraussetzung für das Dasein des materiellen Universums anerkannt, dann ist es nicht mehr möglich, das Begehren als ein schöpferisches Prinzip zu akzeptieren. Denn das Begehren hat keinen Raum im Höchsten oder im All-Seienden. Dieses kann ja nach nichts ein Begehren haben. Begehren rührt daher, dass etwas unvollständig oder nicht ausreichend vorhanden ist, dass der Mensch etwas nicht besitzt oder genießt und dieses sucht, um es zu besitzen oder sich daran zu erfreuen. Ein höchstes und universales Wesen kann von der Seligkeit über sein All-Sein erfüllt sein. Für solche Wonne muss Begehren etwas Fremdes sein, es kann nur zur Mitgift des vollkommenen evolutionären Egos gehören, das ein Erzeugnis des kosmischen Wirkens ist. Wenn überdies das All-Bewusstsein des Geistes den Willen hatte, sich in die Nichtbewusstheit der Materie hinabzustürzen, muss das geschehen sein, weil es dadurch die Möglichkeit zu seiner Selbst-Erschaffung oder Manifestation bekam. Es kann aber nicht die alleinige und begrenzte Möglichkeit der Manifestation des All-Wesens sein, allein nur ein materielles Universum und eine Evolution aus der Nichtbewusstheit in ein spirituelles Bewusstsein zu erschaffen. Das könnte nur der Fall sein, wenn Materie die ursprüngliche Macht und Form des manifestierten Wesens wäre und der Geist keine andere Wahl hätte und sich allein durch die Nichtbewusstheit in die Materie hinein als Basis offenbar machen könnte. Das würde aber zu einem materialistischen evolutionären Pantheismus führen. Wir müssten dann die Wesen, die das Universum bevölkern, als Seelen des Einen ansehen, als Seelen, die hier in Ihm geboren werden und sich durch unbelebte, belebte und mental entwickelte Gestaltungen hinauf entwickeln müssen, bis sie ihr vollkommenes und unzerteiltes Leben in dem überbewussten Pantheos erlangen. Schließlich würde dann dessen kosmisches Einssein als Ende und Ziel ihrer Evolution eingreifen. In diesem Fall hat sich alles nur hier entwickelt. Leben, Mental und Seele sind aus dem Einen im materiellen Universum durch die Kraft seines verborgenen Wesens entstanden. Alles wird sich hier im materiellen Universum erfüllen. Dann gibt es keine besondere Ebene der Überbewusstheit; denn das Überbewusste ist nur hier, nicht anderswo. Dann gibt es keine supraphysischen Welten. Es gibt kein Wirken supraphysischer Prinzipien außerhalb der Materie und keinen Druck eines bereits vorhandenen Mentals und Lebens auf die materielle Ebene.
Man hat gefragt, was Mental und Leben seien. Darauf könnte man antworten, sie seien Produkte der Materie oder von Energie in der Materie. Sie könnten auch Gestaltungen von Bewusstsein sein, die als Ergebnis einer Entwicklung von der Nichtbewusstheit zur Überbewusstheit aufsteigen: Bewusstsein selbst sei nur eine Brücke, ein Übergang. Es sei Geist, der teilweise seiner selbst bewusst wird, bevor er sich in die für ihn normale Trance erleuchteter Überbewusstheit versenkt. Selbst wenn bewiesen wäre, dass es Ebenen eines umfassenderen Lebens und Mentals gibt, so wären sie nur subjektive Konstruktionen dieses vermittelnden Bewusstseins, errichtet auf dem Weg zu jener spirituellen höchsten Erfüllung. Aber die Schwierigkeit liegt darin, dass Mental und Leben zu verschieden von der Materie sind, als dass sie Produkte der Materie sein könnten. Materie selbst ist ein Produkt von Energie; so müssen Mental und Leben als höhere Produkte der gleichen Energie angesehen werden. Wenn wir die Existenz eines kosmischen Geistes anerkennen, muss die Energie spirituell sein. Leben und Mental müssen unabhängige Produkte einer spirituellen Energie und selbst Mächte der Offenbarung des Geistes sein. Dann ist es unvernünftig, anzunehmen, Geist und Materie existierten allein, sie seien zwei sich konfrontierende Wirklichkeiten; Materie sei die einzig mögliche Basis für die Manifestation von Geist. Zugleich wird auch die Vorstellung unhaltbar, es gebe nur eine einzige materielle Welt. Geist muss fähig sein, seine Manifestation auf das Mental-Prinzip oder auf das Lebens-Prinzip zu gründen, nicht nur auf das Prinzip von Materie. Dann könnten und sollten auch logischerweise Welten von Mental und Welten von Leben existieren. Es mag sogar Welten geben, die auf ein mehr subtiles, formbares und bewusstes Prinzip von Materie gegründet sind.
Nun erheben sich drei Fragen, die in Beziehung zueinander stehen oder voneinander abhängig sind: Gibt es einen Beweis oder eine begründete Vermutung für die Existenz solcher anderen Welten? Sind sie, falls sie existieren, von der schon angedeuteten Art, dass sie innerhalb der Ordnung oder innerhalb des Grundprinzips einer hierarchischen Reihenfolge zwischen Materie und Geist emporsteigen oder herabkommen? Sind sie, wenn das die Skala ihres Wesens ist, sonst ganz unabhängig und nicht miteinander verknüpft, oder gibt es eine Beziehung der höheren Welten zur Welt der Materie und gegenseitige Einwirkung mit ihr? Es ist eine Tatsache, dass die Menschheit fast seit dem Anfang ihres Daseins, soweit man in der Geschichte oder Überlieferung zurückgehen kann, an das Dasein anderer Welten und an die Möglichkeit einer Kommunikation ihrer Mächte und Wesen mit der menschlichen Rasse geglaubt hat. In der letzten rationalistischen Periode menschlichen Denkens, aus der wir herkommen, ist diese Annahme als uralter Aberglaube beiseite geschoben worden. Man hat a priori jedes Zeugnis und alle Hinweise auf seine Wahrheit als grundsätzlich falsch zurückgewiesen. Sie bedürften keiner Erforschung, da sie unvereinbar seien mit der unumstößlichen Wahrheit, dass nur die Materie, die materielle Welt und ihre Erfahrungen wirklich seien. Bei jeder anderen Erfahrung, die vorgebe, wirklich zu sein, müsse es sich entweder um Halluzination, Betrug oder das subjektive Ergebnis abergläubischer Leichtgläubigkeit und Fantasie handeln. Gäbe es aber doch solche Tatsachen, dann seien sie etwas ganz anderes, als sie zu sein behaupten, und durch eine physische Ursache zu erklären. Man dürfe ein solches Faktum erst dann als bezeugt akzeptieren, wenn es seiner Art nach objektiv und physisch sei. Selbst wenn es offensichtlich supraphysischer Art wäre, könne es als solches nur dann anerkannt werden, wenn es durch jede andere denkbare Hypothese oder sonstige Mutmaßung völlig unerklärlich bleibe.
Es sollte einleuchten, dass diese Forderung nach einem physisch gültigen Beweis für ein supraphysisches Faktum unvernünftig und unlogisch ist. Es ist eine unsachliche Haltung des physischen Mentals, wenn es annimmt, nur das Objektive und Physische sei fundamental wirklich, und alles andere als rein subjektiv beiseite schiebt. Eine supraphysische Tatsache kann auf die physische Welt einwirken und physische Ergebnisse hervorrufen. Sie kann sogar eine Wirkung auf unsere physischen Sinne ausüben und diesen wahrnehmbar werden. Das kann aber nicht ihre unveränderliche Art und besonders charakteristisch für ihr normales Verfahren sein. Gewöhnlich muss das Supraphysische eine unmittelbare Wirkung oder einen greifbaren Eindruck auf unser Mental und unser Lebens-Wesen ausüben. Denn diese unsere Seiten gehören derselben Ordnung an wie es selbst. Es kann aber, wenn überhaupt, nur mittelbar und durch sie die physische Welt und das physische Leben beeinflussen. Wenn es sich objektiv macht, muss das gegenüber einem subtileren Sinn in uns und nur in abgeleiteter Weise den äußeren physischen Sinnen gegenüber geschehen. Diese abgeleitete Objektivierung ist gewiss möglich. Nur dann, wenn es zu einer engen Verbindung des Wirkens des subtilen Körpers und seiner Sinnen-Organisation mit dem Wirken des physischen Körpers und seiner physischen Organe kommt, kann das Supraphysische äußerlich für uns wahrnehmbar werden. Das geschieht etwa bei der Begabung, die man das Zweite Gesicht nennt. Das ist der Vorgang bei all den physischen Phänomenen, die man scheinbar mit den äußeren Sinnen sieht oder hört und die nicht im Inneren durch die repräsentativen oder interpretierenden oder symbolischen Bilder wahrgenommen werden, die den Stempel innerer Erfahrung oder offenkundig den Charakter von Gestaltungen in einer subtilen Substanz tragen. Es kann also verschiedene Arten von Beweis für das Dasein anderer Ebenen des Seienden und für die Kommunikation mit ihnen geben: Objektivierung den äußeren Sinnen gegenüber, Kontakte durch die subtilen Sinne, Kontakte durch das Mental und das Leben, Kontakte durch das Subliminal in besonderen Bewusstseins-Zuständen, die über unseren gewöhnlichen Bereich hinausgehen. Unser physisches Mental ist nicht das Ganze und auch nicht die beste oder höchste Seite unseres Wesens, obwohl es fast das Ganze unseres vordergründigen Bewusstseins beherrscht. Die Wirklichkeit lässt sich nicht auf einen Bereich von solcher Enge oder auf die Dimensionen begrenzen, die innerhalb seines starren Umkreises bekannt sind.
Man mag zustimmen, wenn gesagt wird, subjektive Erfahrung oder subtil-sinnliche Bilder können leicht trügerisch sein, da wir keine anerkannte Methode, keinen Maßstab für den Erweis ihrer Wahrheit besitzen und eine zu starke Tendenz haben, das Außerordentliche und Mirakelhafte oder das Übernatürliche für bare Münze zu nehmen: Zu irren ist aber nicht nur ein Privileg der subjektiven oder subliminalen Seiten in uns, es ist auch eine Mitgift des physischen Mentals und seiner objektiven Methoden und Maßstäbe. Eine solche Anfälligkeit für Irrtum darf aber kein Grund dafür sein, einen weiten und wichtigen Bereich der Erfahrung auszuschließen. Es ist eher ein Grund dafür, solche Erfahrungen zu erforschen und in ihnen die wahren Maßstäbe und die für sie charakteristischen geeigneten und gültigen Mittel zu finden, ihre Wahrheit nachzuprüfen. Unser subjektives Wesen ist die Grundlage für unsere objektive Erfahrung. Es ist nicht wahrscheinlich, dass nur seine physischen Objektivierungen wahr sind und alles Übrige unzuverlässig ist. Wenn man das subliminale Bewusstsein richtig befragt, bezeugt es die Wahrheit, und seine Bekundung wird immer wieder, sogar im physischen und objektiven Bereich, bestätigt. Dieses Zeugnis darf man gerade dann nicht missachten, wenn es unsere Aufmerksamkeit für Dinge in unserem Inneren oder für solche fordert, die zu Ebenen oder Welten einer supraphysischen Erfahrung gehören. Andererseits ist aber das Fürwahrhalten kein Beweis für die Wirklichkeit. Sie muss auf etwas beruhen, das mehr Gültigkeit hat, bevor wir sie annehmen dürfen. Sicherlich sind Überzeugungen vergangener Zeiten keine ausreichende Grundlage für die Erkenntnis, obwohl man sie auch nicht völlig missachten soll: Denn ein Fürwahrhalten ist eine mentale Konstruktion und kann ein falsches Gebäude sein. Oft kann es aber die Antwort auf eine innere Ahnung sein und hat dann seinen Wert. Zumeist entstellt es aber diese Ahnung, gewöhnlich dadurch, dass es sie in Begriffe überträgt, die unserer physischen und objektiven Erfahrung vertraut sind. Das geschieht etwa dadurch, dass diese Überzeugung die Hierarchie der Ebenen in eine physische Hierarchie oder in eine geographische Raum-Ausdehnung verwandelte, die selteneren Höhen der subtilen Substanz in materielle Höhen verkehrte und den Sitz der Götter auf die Gipfel physischer Berge verlegte. Alle Wahrheit, die supraphysische oder die physische, darf sich nicht allein auf ein mentales Fürwahrhalten, sondern muss sich auf eine Erfahrung gründen. In jedem Fall muss die Erfahrung, ob physisch, subliminal oder spirituell, von der Art sein, die der Ordnung der Wahrheiten angemessen ist, in die einzutreten wir Vollmacht bekommen haben. Ihre Gültigkeit und Bedeutung darf nur im Einklang mit ihrem eigenen Gesetz und von einem Bewusstsein erforscht werden, das in sie eindringen kann, nicht aber nach dem Gesetz eines anderen Bereiches oder von einem Bewusstsein, das nur aufnahmefähig ist für die Wahrheiten einer anderen Ordnung. Nur so können wir unserer Schritte sicher sein und den Umfang unseres Wissens kraftvoll erweitern.
Erforschen wir die Ahnungen von supraphysischen Welt-Wirklichkeiten, die wir in unserer inneren Erfahrung empfangen, vergleichen wir sie mit dem Bericht über solche Ahnungen, der seit dem Anfang menschlicher Erkenntnis ständig auf uns gekommen ist, und versuchen wir dann eine Deutung und eine summarische Ordnung, so finden wir, dass uns durch diese innere Erfahrung besonders eindringlich mitgeteilt wird die Existenz und Einwirkung auf uns von Ebenen des Seienden und des Bewusstseins, die umfassender sind als die rein materielle Ebene mit ihrem beschränkten Dasein und Wirken, deren wir in unserer engen irdischen Formel gewahr werden. Diese Bereiche eines umfassenderen Wesens sind von unserem Wesen und Bewusstsein durchaus nicht fern und getrennt. Denn wenn sie auch in sich selbst ruhen und ihr eigenes Kräftespiel, den Ablauf und die Formulierungen ihres Daseins und ihrer Erfahrung besitzen, durchdringen sie doch zugleich auch die physische Ebene und umhüllen sie mit ihrer unsichtbaren Gegenwart und mit ihren Einflüssen. Ihre Mächte scheinen gerade hier in der materiellen Welt selbst hinter deren Wirken und Gegenständen zu stehen. In unserem Kontakt mit ihnen gibt es zwei hauptsächliche Ordnungen von Erfahrung. Die eine ist rein subjektiv, jedoch in ihrer Subjektivität lebendig und greifbar genug; die andere ist mehr objektiv. In der subjektiven Ordnung finden wir, dass das, was sich uns hier als eine Lebens-Absicht, ein Lebens-Impuls oder eine Lebens-Formulierung gestaltet, in einem umfassenderen, subtileren, plastischeren Bereich von Möglichkeiten bereits existiert und dass diese präexistenten Kräfte und Formulierungen einen Druck auf uns ausüben, um sich auch in der physischen Welt zu verwirklichen. Doch gelingt es nur einem Teil von ihnen, bis hierher durchzukommen, und auch das tritt zum Teil in einer Form und in Umständen hervor, die mehr zum System eines irdischen Gesetzes und Ablaufs passen. Dieses Eindringen in uns findet normalerweise statt, ohne dass wir davon Kenntnis nehmen. Wir gewahren das Wirken dieser Mächte, Kräfte und Einflüsse auf uns nicht. Vielmehr halten wir sie sogar dann für Gebilde unseres eigenen Lebens und Mentals, wenn unsere Vernunft oder unser Wille sie ablehnt und darum ringt, nicht von ihnen überwältigt zu werden. Gehen wir aber nach innen, weg von unserem beschränkten vordergründigen Bewusstsein und entfalten dadurch einen feineren Sinn und tiefere Bewusstheit, dann ahnen wir mehr und mehr den Ursprung dieser Bewegung und können ihr Wirken und ihren Prozess beobachten, sie annehmen, zurückweisen oder verändern, ihnen Durchgang und Verwendung unseres Mentals und Willens, unseres Lebens und unserer Glieder erlauben oder verweigern. Zugleich werden wir auch umfassenderer Bereiche unseres Mentals, eines Kräftespiels inne, einer Erfahrung, einer Gestaltung größerer Formbarkeit, eines Wirbels aller möglichen mentalen Formulierungen. Wir fühlen ihre Kontakte, ihre Mächte und Einflüsse, die auf die mentalen Fähigkeiten in derselben okkulten Weise einwirken, wie jene anderen, die in den Bereichen unseres Vitals aktiv sind. Diese Art Erfahrung ist in erster Linie von rein subjektivem Charakter, ein Druck von Ideen, Suggestionen, emotionalen Erregungen, Impulsen auf die Sinne, auf unser Handeln und unsere dynamische Erfahrung. Wenn man auch einen großen Teil dieses Druckes auf unser eigenes subliminales Selbst oder auf die Angriffe von universalen Mental-Kräften oder Lebens-Kräften zurückführen kann, die zu unserer eigenen Welt gehören, so gibt es doch hier ein Element, das den Stempel eines anderen Ursprungs trägt und mit seiner drängenden überirdischen Art auf uns einwirkt.
Diese Kontakte hören aber hier nicht auf. Denn es gibt auch ein Offensein unserer mentalen und Lebensbegabungen für einen weiten Bereich subjektiv-objektiver Erfahrungen, in denen sich diese Ebenen nicht mehr als Ausweitungen unseres subjektiven Wesens und Bewusstseins, sondern als Welten darstellen. Denn die Erfahrungen sind dort ebenso organisiert wie in unserer eigenen Welt, jedoch nach einem anderen Plan, mit einem anderen Prozess und Gesetz des Wirkens und in einer Substanz, die einer supraphysischen Natur zugehört. Diese Organisation enthält, wie auf unserer Erde, das Dasein von Wesen, die Gestaltungen haben oder annehmen, sich offenbaren oder auf natürliche Weise in einer sie verkörpernden Substanz manifestiert sind. Das ist aber eine andere Substanz als die unsrige, eine subtile Substanz, eine supraphysische Form-Materie, die nur subtilen Sinnen erfassbar ist. Diese Welten und Wesen haben vielleicht nichts mit uns selbst und mit unserem Leben zu tun; sie mögen keine Einwirkung auf uns ausüben. Oft treten sie aber auch in geheime Kommunikation mit dem Erden-Dasein, gehorchen kosmischen Mächten und Einflüssen oder verkörpern sie, von denen wir eine subjektive Erfahrung haben, sind deren Vermittler und Instrumente. Oder sie wirken selbst durch eigene Initiative auf Leben, Beweggründe und Ereignisse der irdischen Welt ein. Es ist möglich, dass wir von diesen Wesen Hilfe oder Führung, aber auch Schaden und Verführung empfangen. Es kann sogar vorkommen, dass man ihrem Einfluss unterworfen ist, besessen durch ihr Eindringen in uns oder ihre Herrschaft über uns, oder dass sie uns als Werkzeug für ihre gute oder böse Absicht verwenden. Zu Zeiten scheint der Fortschritt des irdischen Lebens ein gewaltiges Schlachtfeld zwischen den supraphysischen Kräften beider Art zu sein, derer, die danach streben, unsere Entwicklung nach oben oder den Selbst-Ausdruck der Seele im materiellen Universum emporzuheben, zu ermutigen und zu erleuchten, und derer, die sich bemühen, die Seele irrezuführen, zu unterdrücken, zu behindern oder gar zu zerschmettern. Einige dieser Wesen, Mächte oder Kräfte sind so, dass wir sie für göttlich halten. Sie sind voll von Licht, segensreich und machtvolle Helfer. Es gibt andere, gigantische und dämonische, die zu den Titanen gehören, mit Einflüssen wider alle Ordnung, oft die Anstifter oder Urheber von ungeheurem und schrecklichem inneren Aufruhr oder von Handlungen, die das normale menschliche Maß übersteigen. Auch hier mag man Einflüsse, Vergegenwärtigungen und Wesen wahrnehmen, die nicht zu anderen Welten jenseits von uns gehören, sondern hier als verborgene Elemente hinter der Verhüllung in der irdischen Natur aktiv sind. So wie ein Kontakt mit dem Supraphysischen möglich ist, so kann auch ein subjektiver oder objektiver, zumindest ein objektivierter, Kontakt zwischen unserem Bewusstsein und dem Bewusstsein anderer, früher einmal verkörpert gewesener Menschen stattfinden, die in einen supraphysischen Zustand, in jene anderen Bereiche des Seins hinübergegangen sind. Auch ist es möglich, dass man über einen subjektiven Kontakt oder eine subtil-sinnliche Wahrnehmung hinauskommt und in gewissen subliminalen Bewusstseins-Zuständen tatsächlich in andere Welten eingeht und etwas von ihren Geheimnissen erfährt. Diese mehr objektive Weise, andere Welten zu erfahren, hat die Fantasie der Menschen der Vergangenheit am meisten beschäftigt. Das wurde aber durch die populären Anschauungen in einer grob-objektivierten Darstellung wiedergegeben, die diese Phänomene unzulässig jenen der physischen Welt anglich, mit denen wir vertraut sind. Denn es ist eine normale Tendenz unseres Mentals, alles in Formen der Symbole umzuwandeln, die der eigenen Art und den Begriffen eigener Erfahrung angepasst sind.
In den vergangenen Perioden der Menschheit ist das, in seinen allgemeinsten Begriffen ausgedrückt, stets die normale Reichweite und Art der Anschauung und Erfahrung von einer anderen Welt gewesen. Namen und Formen sind verschieden, doch die allgemeinen Grundzüge sind in allen Ländern und Zeiten einander überraschend ähnlich. Welchen genauen Wert sollen wir diesen beharrlich auftretenden Anschauungen oder dieser Masse von übernormalen Erfahrungen beimessen? Niemandem, der diese Kontakte innerlich unmittelbar und nicht nur durch verstreute abnorme Zufälligkeiten erfahren hat, ist es möglich, sie als reinen Aberglauben oder als Halluzination beiseite zu schieben. Denn ihr Druck ist zu beharrlich, wirklich, wirksam und organisch, sie werden ständig durch ihre Wirkung und ihre Ergebnisse zu sehr bestätigt, als dass man sie einfach unbeachtet lassen könnte. Es ist unerlässlich, diese Seite unserer Erfahrungskraft richtig einzuschätzen, zu deuten und mental zu organisieren.
Man könnte eine andere Erklärung vorbringen: Der Mensch selbst erschaffe die supraphysischen Welten, die er nach dem Tod bewohnt oder zu bewohnen meint, er erschaffe die Götter, wie ein altes Wort es ausdrückt, und es wird sogar behauptet, Gott selbst wurde vom Menschen erschaffen, er sei ein Mythos seines Bewusstseins und jetzt vom Menschen abgeschafft worden. So könnten auch alle diese Dinge eine Art Mythos des sich entwickelnden Bewusstseins sein, in dem es, Gefangener seiner eigenen Konstruktionen, wohnen könnte, um sich durch eine Art Realisierungskraft in seinen eigenen Fantasien festzuhalten. Sie sind aber keine Fantasien, sie können von uns nur so lange als solche behandelt werden, wie die Dinge, die sie repräsentieren, noch nicht zu einem, wenn auch ungenauen, Teil unserer eigenen Erfahrung geworden sind. Aber es ließe sich denken, dass sie Mythen und Fantasien sind, die von der Macht der schöpferischen Bewusstseins-Kraft verwendet werden, um deren Ideen und Kräfte zu materialisieren. Diese machtvollen Bilder könnten Form und Körper annehmen, in einer subtil-materialisierten Welt des Denkens Bestand haben und auf ihren Schöpfer zurückwirken. Wenn das so wäre, könnten wir annehmen, jene anderen Welten seien auch nur Konstruktionen dieser Art. Wäre das aber so und könnte ein subjektives Bewusstsein auf diese Weise Welten und Wesen erschaffen, dann könnte sehr wohl auch die objektive Welt ein Mythos des Bewusstseins oder sogar unseres Bewusstseins sein, oder das Bewusstsein selbst wäre ein Mythos des ursprünglichen Nichtwissens. So kehren wir bei einer solchen Wendung unseres Denkens zurück zu einer Betrachtung des Universums, in der alle Dinge eine gewisse Färbung von Unwirklichkeit annehmen, von der nur jene all-produktive Nichtbewusstheit ausgenommen ist, aus der sie erschaffen sind, ferner jene Unwissenheit, die sie erschafft, und vielleicht noch ein überbewusstes apersonales Wesen, in dessen völlige Indifferenz alles zuletzt verschwindet, zurückkehrt und aufhört.
Wir haben aber keinen Beweis, und es besteht auch keine Wahrscheinlichkeit dafür, dass das Mental des Menschen auf diese Weise dort eine Welt erschaffen könnte, wo vorher keine war, also in vacuo, ohne eine Substanz, um darin oder darauf etwas aufzubauen, obwohl es gut sein könnte, einer bereits fertigen Welt etwas hinzuzufügen. Das Mental ist in der Tat ein machtvoller Bewirker, ein mächtigerer, als wir es uns gern vorstellen. Es kann Formen bilden, die sich in unserem eigenen Bewusstsein und Leben oder in dem anderer auswirken und sogar eine Wirkung auf die nichtbewusste Materie ausüben. Eine völlig ursprüngliche Erschaffung im Leeren liegt jedoch jenseits seiner Möglichkeiten. Wir können eher die Vermutung wagen, dass das Mental des Menschen bei seinem Wachsen in Beziehung zu neuen Bereichen des Wesens und Bewusstseins tritt, die keineswegs von ihm erschaffen wurden, für es neu und bereits im All-Sein präexistent sind. Mit seiner wachsenden inneren Erfahrung eröffnet sich der Mensch neue Bereiche in sich selbst. Sobald die verborgenen Zentren seines Bewusstseins ihre Verschlüsse öffnen, kann er durch sie jene umfassenderen Gebiete begreifen, unmittelbare Einflüsse von ihnen empfangen, in sie eingehen und sie sich in seinem irdischen Mental und den inneren Sinnen vorstellen. Er erschafft nun wirklich von ihnen Bilder, Symbol-Formen, reflektive Gestaltungen, mit denen sein Mental umgehen kann. Nur in diesem Sinn erschafft er das Bild Gottes, das er anbetet, die Gestalten der Götter, die neuen Ebenen und Weiten in seinem Inneren. Durch diese Abbildungen können die wirklichen Welten und Mächte, die hoch über unserem Dasein walten, das Bewusstsein der physischen Welt in ihren Besitz nehmen, ihre machtvollen Möglichkeiten in es einströmen lassen und es mit dem Licht ihres höheren Wesens umgestalten. Das alles ist jedoch keine Erschaffung der höheren Welten des Seienden. Vielmehr offenbaren diese sich dem Bewusstsein der Seele auf der materiellen Ebene, sobald sich diese aus dem Nichtwissen entwickelt hat. Ihre Gestaltungen werden hier dadurch erschaffen, dass die Seele ihre Mächte empfängt. Unser subjektives Leben auf der hiesigen Ebene wird dadurch ausgeweitet, dass es seine wahre Beziehung zu höheren Ebenen seines eigenen Wesens entdeckt, von denen es durch die Verhüllung des materiellen Nichtwissens getrennt war. Diese Verhüllung existiert deshalb, weil die Seele im Körper die höheren Möglichkeiten hintangestellt hat, um ihr Bewusstsein und ihre Kraft ausschließlich auf ihr vordringliches Wirken in der physischen Welt des Seienden konzentrieren zu können. Dieses anfängliche Wirken kann aber nur dadurch seine Fortsetzung finden, dass die Verhüllung, wenigstens teilweise, aufgehoben oder sonstwie durchsichtig wird, so dass die höheren Ebenen von Mental, Leben und Geist ihre Bedeutung in das menschliche Dasein einströmen lassen können.
Die Annahme ist möglich, diese höheren Ebenen und Welten seien erst nach der Manifestation des materiellen Kosmos erschaffen worden, um dessen Evolution zu unterstützen, oder in gewissem Sinne als deren Resultat. Eine solche Auffassung könnte das physische Mental, das bei all seinen Vorstellungen von dem materiellen Universum als derjenigen Sache ausgeht, die es kennt, analysiert hat und mit der es fast meisterhaft umgehen kann, leicht anzunehmen geneigt sein, wenn es sich gezwungen sieht, ein supraphysisches Dasein anzuerkennen. Es könnte dann das Materielle, die Nichtbewusstheit, als Ausgangspunkt und Stütze alles Seienden beibehalten, da es zweifellos für uns der Ausgangspunkt der evolutionären Bewegung ist, deren Szenerie die materielle Welt bildet. Unser Mental könnte Materie und materielle Kraft noch als Anfang alles Daseins beibehalten, die es deshalb so anerkennt und bevorzugt, weil sie das erste sind, was es kennt, und das einzige, das immer mit Sicherheit gegenwärtig und erkennbar ist, und es könnte das Spirituelle und das Supraphysische für abhängig von ihrer gesicherten Grundlage in der Materie halten.1 Wie wurden aber dann diese Welten erschaffen, durch welche Kräfte und durch welche Instrumentation? Es könnte sein, dass Leben und Mental bei ihrer Entfaltung aus dem Nichtbewussten auch diese anderen Welten oder Ebenen im subliminalen Bewusstsein der lebenden Wesen entwickelt haben, die in ihm in Erscheinung treten. Für das subliminale Wesen könnten im Leben und nach dem Tod – denn das innere Wesen überlebt den Tod des Körpers – diese Welten deshalb wirklich sein, weil sie seinem umfassenderen Bewusstseins-Bereich fühlbar sind. Es könnte sich in ihnen mit dem vielleicht abgeleiteten, jedoch überzeugenden Empfinden ihrer Wirklichkeit bewegen und seine Erfahrung von ihnen als ein Fürwahrhalten oder als eine Vorstellung zu dem vordergründigen Wesen emporsenden. Das ist eine mögliche Erklärung, wenn wir Bewusstsein als die wirkliche schöpferische Macht oder als den bewirkenden Urheber und alle Dinge als Gestaltungen des Bewusstseins anerkennen. Das würde aber den supraphysischen Ebenen des Seienden nicht jene Substanzlosigkeit oder jene ungreifbare Realität beimessen, die das physische Mental ihnen gern beimisst. Sie würden dann an sich die gleiche Wirklichkeit haben, wie die physische Welt oder die Ebenen der physischen Erfahrung sie in ihrer eigenen Ordnung besitzen.
Wären auf diese oder eine andere Art die höheren Welten nachträglich, nach der Erschaffung der materiellen Welt, der Urschöpfung, durch eine umfassendere geheime Evolution aus dem Nichtbewussten entfaltet worden, dann müsste das von einer All-Seele bei ihrem Hervortreten durch einen Prozess geleistet worden sein, von dem wir keine Kenntnis haben können. Es müsste für den Zweck der Evolution hier, zu ihrer Unterstützung oder als ihre höhere Auswirkung geschehen sein, damit Leben, Mental und Geist sich in Bereichen eines freieren Horizontes bewegen und so, dass diese höheren Mächte und Erfahrungen auf den Selbst-Ausdruck der Materie zurückwirken können. Dieser Hypothese steht aber die Tatsache entgegen, dass wir die höheren Welten in unserer Schau und Erfahrung keineswegs auf das materielle Universum gegründet finden, keineswegs als dessen Ergebnisse, sondern eher als höhere Begriffe des Seienden, als umfassendere und freiere Bereiche des Bewusstseins. Alle Aktivität auf der materiellen Ebene sieht eher aus wie das Resultat, nicht aber wie der Ursprung dieser höheren Begriffe, als sei sie aus diesen abgeleitet, sogar in ihrem evolutionären Ringen teilweise von ihnen abhängig. Ungeheure Potenzen von Mächten, Einflüssen, Phänomenen kommen insgeheim aus dem Obermental und den höheren mentalen und vitalen Bereichen zu uns herab. Doch kann nur ein Teil von ihnen, sozusagen eine Auswahl oder eine beschränkte Anzahl, auf der Bühne der physischen Welt agieren und sich hier verwirklichen. Die Übrigen warten, bis die Zeit und günstige Umstände für ihre Offenbarung in den physischen Begriffen und Formen, für ihre Rolle in der irdischen2 Entwicklung, gekommen sind, die zugleich eine Evolution aller Mächte des Geistes ist.
Diese eigentümliche Art der anderen Welten macht all unsere Versuche zunichte, unserer Ebene des Seienden und unserer eigenen Rolle bei der Offenbarung der Welt vordringliche Bedeutung beizumessen. Nicht wir erschaffen Gott als einen Mythos unseres Bewusstseins, sondern wir sind Werkzeuge für eine progressive Manifestation des Göttlichen im materiellen Seienden. Nicht wir erschaffen die Götter, die seine Mächte sind, sondern eher spiegelt hier die Divinität, die wir offenbaren, zum Teil die ewigen Gottheiten wider und verleiht ihnen Gestalt. Nicht wir erschaffen die höheren Ebenen, sondern wir sind Vermittler, durch die sie ihr Licht, ihre Macht und Schönheit in jeglicher Form und in jedem Umfang offenbaren, die ihnen auf der materiellen Ebene durch die Natur-Kraft gegeben werden kann. Der Druck der Lebens-Welt ermöglicht es dem Leben, sich hier in den uns bereits bekannten Formen zu entwickeln und zu entfalten. Dieser wachsende Druck treibt das Leben dazu, in uns nach einer höheren Offenbarung seiner selbst zu streben. Eines Tages wird es das Sterbliche von seiner Knechtschaft unter den engen Begrenzungen durch seine gegenwärtige unzureichende Körperlichkeit befreien. Der Druck der Mental-Welt entfaltet und entwickelt hier das Mental und hilft uns dazu, einen Hebel zu finden, uns mental selbst emporzuheben und auszudehnen, so dass wir hoffen dürfen, das Selbst unserer Intelligenz ständig auszuweiten und sogar die Gefängniswände unserer durch die Materie gebundenen physischen Mentalität zu zerbrechen. Der Druck der supramentalen und spirituellen Welten bereitet uns darauf vor, hier die manifestierte Macht des Geistes zu entwickeln und dadurch unser Wesen auf der physischen Ebene aufzutun für die Freiheit und Unendlichkeit des überbewussten Göttlichen. Dieser Kontakt und dieser Druck allein können die in uns verborgene allbewusste Gottheit aus der sichtbar hervorgetretenen Nichtbewusstheit, die unser Ausgangspunkt gewesen ist, freisetzen. In dieser Ordnung der Dinge ist unser menschliches Bewusstsein das Instrument, der Vermittler. In der Entwicklung von Licht und Macht aus der Nichtbewusstheit ist es der Punkt, an dem die Befreiung möglich wird. Eine größere Rolle können wir ihm nicht beimessen. Sie ist aber groß genug, denn sie macht unsere menschliche Existenz zu etwas über allem Wichtigem für die Verwirklichung der höchsten Absicht der evolutionären Natur.
Doch gibt es einige Elemente in unserer subliminalen Erfahrung, die jede unveränderliche Priorität der anderen Welten infrage stellen. Darauf weist unter anderem eine beharrliche Tradition in der Anschauung von der Erfahrung nach dem Tod hin, der zufolge man dort unter Bedingungen weiterlebe, die eine supraphysische Verlängerung der Erden-Bedingungen, der Erden-Natur und der Erden-Erfahrung zu sein scheinen. Ein anderer Einwand ist der, dass wir, besonders in den Lebens-Welten, Gestaltungen vorfinden, die den niederen Bewegungen des Erden-Daseins zu gleichen scheinen. Hier sind bereits die Prinzipien der Finsternis, der Lüge, der Unfähigkeit und des Bösen verkörpert, von denen wir doch vermuten, sie seien eine Folge der Entwicklung aus der materiellen Nichtbewusstheit. Es scheint sogar Tatsache zu sein, dass die vitalen Welten die natürliche Behausung jener Mächte sind, die das menschliche Leben am tiefsten verwirren. Das ist eigentlich logisch, denn sie bringen uns durch unser vitales Wesen durcheinander und müssen darum Mächte einer umfassenderen und machtvolleren Lebens-Existenz sein. Das Herabkommen von Mental und Leben in die Evolution brauchte keine solchen unerfreulichen Entwicklungen der Beschränkung von Wesen und Bewusstsein geschaffen zu haben: Dieses Herabkommen ist seiner Natur nach eine Begrenzung des Wissens. Das Sein, die Erkenntnis und die Wesens-Freude schränken sich ein auf einen niederen Grad von Wahrheit, Gutem, Schönem und deren geringeren Harmonien. Sie machen deshalb ihren Gang im Einklang mit diesem Gesetz verringerten Lichtes. In einer solchen Bewegung wären aber Verfinsterung, Leiden und das Böse kein zwingendes Phänomen. Wenn wir deren Existenz in jenen Welten eines anderen Mentals und Lebens finden, müssen wir, auch wenn sie dieses nicht völlig durchdringen, sondern dort nur ihren gesonderten Bezirk einnehmen, schließen, sie seien entweder durch eine Projektion aus der niederen Evolution von unten nach oben dadurch ins Dasein gekommen, dass etwas, das in den subliminalen Bereichen der Natur existierte, dorthin ausgebrochen sei, um das hier schon geschaffene Böse dort mächtiger auszugestalten, oder sie könnten bereits als Teil einer zum involutionären Abstieg gehörigen Stufenfolge geschaffen worden sein, als eine Folge von Graden, die ebenso eine Treppe für den evolutionären Aufstieg zum Geist bildet, wie die involutionäre Folge von Graden eine Treppe für den Abstieg des Geistes war. Nach der letzteren Hypothese könnte die aufsteigende Stufenfolge einen doppelten Zweck haben. Sie würde Vor-Formationen des Guten und des Bösen enthalten, die sich auf Erden als ein Teil des für das evolutionäre Wachsen der Seele in der Natur notwendigen Ringens entwickeln müssten. Das wären dann Formationen, die für sich selbst, für ihre eigene unabhängige Befriedigung existierten, Gestaltungen, die den ausgeprägten Typus dieser Dinge, jede in ihrer gesonderten Art, darstellen würden. Zugleich würden sie auf evolutionäre Wesen ihren charakteristischen Einfluss ausüben.
Diese Welten eines umfassenderen Lebens würden in sich sowohl die lichteren wie die dunkleren Gestaltungen des Lebens unserer Welt als in einem Medium haben, in dem sie frei zu ihrem unabhängigen Ausdruck gelangen, die volle Freiheit ihres eigenen Typus und ihre natürliche Vollkommenheit und Harmonie von Gut und Böse besitzen könnten – wenn diese Unterscheidung auf jenen Bereich überhaupt angewandt werden darf –, eine in unserem Bereich unmögliche Vollständigkeit und Unabhängigkeit, weil hier alles in komplexem Ineinanderwirken vermischt ist, wie es für das Feld vielseitiger Evolution, die zur endgültigen Integration führen soll, notwendig ist. Denn wir finden, dass alles, was wir hier falsch, finster oder böse nennen, dort seine eigene Wahrheit hat und mit seinem eigenen Typus völlig zufrieden ist, weil es diesen vollkommen ausdrücken kann. Das schafft in ihm das Gefühl einer in sich zufriedenen Macht des eigenen Wesens, Harmonie und die völlige Anpassung aller seiner Umstände an das Prinzip seines Daseins. Es besitzt dort sein eigenes Bewusstsein, die Macht seines eigenen Selbsts, seine eigene Wesens-Freude. Das ist zwar für unser Mental etwas Abscheuliches, jenes ist aber voller Freude über ein befriedigtes Begehren. Diese Lebens-Impulse, die der Erden-Natur als zügellos und maßlos, als pervers und abnorm erscheinen, finden in ihrem eigenen Wesensbereich unabhängige Erfüllung und uneingeschränktes Spiel ihres Typus und ihres Prinzips. Was wir für göttlich oder titanisch, den Rakshasas oder Dämonen eigen und darum für jenseits unserer Natur befindlich halten, ist dort, im je eigenen Bezirk, sich selbst gegenüber normal. Es gibt den Wesen, die diese Dinge verkörpern, das Gefühl ihrer Eigen-Natur und die Harmonie ihres eigenen Prinzips. Selbst Zwietracht, Streit, Unfähigkeit und Leiden gehören mit in eine gewisse Art von Befriedigung des Lebens, das sich ohne jene Dinge enttäuscht und armselig vorkommen würde. Sobald wir diese Mächte in ihrem isolierten Wirken beobachten, wie sie ihre eigenen Lebens-Strukturen errichten, wie sie das in jenen geheimen, von ihnen beherrschten Welten tun, erkennen wir deutlicher ihren Ursprung, den Grund ihres Daseins und auch den Grund der Gewalt, die sie über das menschliche Leben ausüben, und warum der Mensch so sehr an seine eigenen Unvollkommenheiten, an sein Lebens-Drama von Sieg und Niederlage, von Glück und Leiden, von Lachen und Weinen, von Sünde und Tugend gebunden ist. Hier auf Erden existieren diese Dinge in einem unbefriedigten, darum unbefriedigenden und finsteren Zustand von Ringen und Vermischung. Dort aber offenbaren sie Geheimnis und Beweggrund ihres Wesens, da sie dort eigenständig sind, in ihrer ursprünglichen Macht, in der vollen Ausgestaltung ihrer Natur, in ihrer eigenen Welt und exklusiven Atmosphäre. Des Menschen Himmel und Höllen, seine Welten von Licht und Finsternis haben, auch wenn sie in ihrer Struktur noch so fantastisch sind, ihren Ursprung in der Wahrnehmung dieser Mächte, die in ihrem eigenen Prinzip existieren und ihre Einflüsse auf ihn im hiesigen Leben aus einem jenseitigen herabsenden, das ihn mit den Elementen seines evolutionären Daseins versorgt.
Genauso wie die Mächte des Lebens in einem höheren Leben jenseits von uns in sich selbst gegründet, vollkommen und erfüllt sind, so finden sich auch die Mächte des Mentals, dessen Ideen und Prinzipien, die unsere Erde beeinflussen, in der höheren Mental-Welt, wo sie ihr Feld zur Erfüllung ihrer Eigen-Natur besitzen, während sie hierher, ins menschliche Dasein, nur Teilgebilde von sich senden, die sich hier nur mit Mühe behaupten können, weil sie auf andere Mächte und Prinzipien stoßen und sich mit diesen vermischen. Die Begegnung und Vermengung beeinträchtigt ihre Vollständigkeit, trübt ihre Reinheit, bestreitet und besiegt ihren Einfluss. Jene anderen Welten kennen also keine Evolution, sie sind eine Welt von Typen. Aber ein Grund für ihr Dasein, obschon nicht der einzige, ist dass sie Dinge liefern, die in der involutionären Offenbarung hervortreten, wie Dinge, die in der Evolution emporkommen mit einem Bereich der Zufriedenheit mit ihrer eigenen Bedeutung, in dem sie aus eigenem Recht leben können. Dieser gesicherte Zustand ist die Basis, von der aus ihre Funktion und Wirkensweisen als Elemente in den komplexen Prozess der evolutionären Natur eingesetzt werden können.
Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt die überlieferten Berichte der Menschheit über das Dasein anderer Welten, so finden wir, dass sie zumeist auf Welten eines umfassenderen Lebens hinweisen, das befreit ist von den Beschränkungen, Unvollkommenheiten oder Unvollständigkeiten des Lebens in der Erden-Natur. Offensichtlich sind diese Darstellungen zumeist von der Fantasie geschaffen. In ihnen ist aber ebenso ein Element von Intuition und Ahnung, ein Gefühl für das, was Leben sein kann und gewiss auch in manchem Bereich seiner geoffenbarten und verwirklichten Natur ist. Sodann zeigt sich ein Element von wahrer subliminaler Verbindung und Erfahrung. Doch übersetzt das Mental des Menschen das, was er von einer andersartigen Natur sieht oder durch Kontakte empfängt, in Gebilde, die seinem eigenen Bewusstsein entsprechen. Das sind seine Übersetzungen von supraphysischen Wirklichkeiten in die für ihn bedeutungsvollen eigenen Formen und Bilder. Durch diese Formen und Bilder tritt er dann in Kommunikation mit diesen Wirklichkeiten und kann sie bis zu einem gewissen Grad gegenwärtig und wirkungsvoll machen. So könnte man die Erfahrung der Fortdauer eines veränderten Erdenlebens nach dem Tod als das Ergebnis dieser Art von Übertragung erklären. Sie lässt sich zum Teil aber auch als die Schöpfung eines subjektiven Zustandes nach dem Tod deuten, in dem der Mensch noch in den Gestaltungen seiner gewohnten Erfahrung lebt, bevor er in die Wirklichkeit anderer Welten eintritt. Zum Teil mögen sie auch Erfahrungen beim Durchgang durch Lebens-Welten sein, in denen sich der Typus der Dinge in Gestaltungen ausdrückt, die der Ursprung dessen sind, wozu er in seinem irdischen Körper einen Hang hatte, oder die diesem verwandt sind und darum eine natürliche Anziehung auf das vitale Wesen nach dem Verlassen seines Körpers ausüben. Abgesehen von solchen subtileren Lebenszuständen enthalten aber die überlieferten Berichte über ein Dasein in anderen Welten ein wenn auch selteneres und höheres Element, das nicht in der populären Auffassung der Dinge enthalten ist, einen höheren Grad von Seins-Zuständen, die deutlich von mentalem, nicht von vitalem Charakter sind. Andere gründen sich auf ein spirituell-mentales Prinzip. Diese höheren Prinzipien werden in Wesens-Zuständen formuliert, in die sich unsere innere Erfahrung emporheben oder in die die Seele eintreten kann. Das von uns angenommene Prinzip der Abstufung ist darum gerechtfertigt, vorausgesetzt, wir erkennen es nur als einen der Wege an, wie wir unsere Erfahrung organisieren, und lassen die Möglichkeit auch für andere Wege offen, die unter anderen Gesichtspunkten angelegt sind. Denn eine Klassifikation kann immer nur von dem einen, von ihr gewählten Prinzip und Gesichtspunkt her gültig sein. Eine andere, auf andere Prinzipien und Gesichtspunkte gegründete Klassifikation derselben Dinge kann in gleicher Weise gültig sein. Für unseren Zweck ist aber das von uns gewählte Prinzip von größtem Wert, weil es fundamental ist und eine Wahrheit der Manifestation bestätigt, die von größter praktischer Bedeutung ist. Es hilft uns, die Verfassung unseres eigenen Daseins und den Gang der Involution und evolutionären Bewegung der Natur zu verstehen. Zugleich sehen wir, die anderen Welten sind nichts vom materiellen Universum und der Erden-Natur völlig Getrenntes. Vielmehr durchdringen und umhüllen sie diese mit ihren Einflüssen, wirken insgeheim auf sie ein mit gestaltender und lenkender Kraft, die nicht leicht überschätzt werden kann. Wenn wir so unsere Erkenntnis und Erfahrung der anderen Welten ordnen, verhilft uns das zum Schlüssel des Verständnisses für die Natur und den Prozess dieser Einwirkung.
Dasein und Einfluss anderer Welten sind Tatsachen von grundlegender Bedeutung für die Möglichkeiten und die Tragweite unserer Evolution in der irdischen Natur. Denn wäre das physische Universum das einzige Feld für die Offenbarung der unendlichen Wirklichkeit und zugleich das Feld für ihre vollständige Manifestation, müssten wir – da alle Prinzipien ihres Wesens von der Materie bis zum Geist vollständig der scheinbar unbewussten Kraft involviert sind, die die Basis für die ersten Wirkensweisen dieses Universums ist – auch annehmen, dass diese vollständig von ihr hier, und allein hier, evolviert werden, ohne andere Hilfe oder einen Druck außer dem der geheimen Überbewusstheit in ihrem Inneren. Es gäbe dann ein System der Dinge, in dem das Prinzip der Materie stets das Grundprinzip, die wesentliche und ursprünglich bestimmende Voraussetzung für das manifestierte Dasein bleiben müsste. Am Ende könnte in der Tat der Geist in begrenztem Maß zu seiner natürlichen Herrschaft gelangen. Er könnte seine Basis physischer Materie zu einem biegsameren Instrument machen, das das Wirken seines eigenen höchsten Gesetzes und seiner Natur nicht so behindert oder gar diesem Wirken entgegentritt, wie sie das jetzt durch ihren unbeugsamen Widerstand tut. Der Geist würde aber immer von der Materie als seinem Wirkungsfeld und seiner Manifestation abhängen. Er könnte kein anderes Feld haben: Er könnte nicht außerhalb seiner zu einer anderen Art von Manifestation gelangen. Auch innerhalb dieses Bereiches könnte er nicht leicht ein anderes Prinzip seines Wesens so freisetzen, dass es Souveränität über die materielle Grundlage erlangt. Materie bliebe stets das einzige ständig bestimmende Element seiner Manifestation. Leben könnte nicht vorherrschend und bestimmend, Mental nicht Meister und Schöpfer werden. Die Grenzen ihrer Wirkensmöglichkeiten wären durch die Kapazität der Materie festgelegt, die sie wohl ausweiten oder abändern, nicht aber grundsätzlich umwandeln oder befreien könnte. Es gäbe keinen Raum für volle und freie Manifestation irgendeiner Macht des Wesens. Alles wäre für immer durch die Bedingungen einer verdunkelnden materiellen Gestaltung eingeengt. Geist, Mental, Leben hätten kein ursprüngliches Feld, keinen vollständigen Wirkungsbereich für ihre eigene Macht und ihr charakteristisches Prinzip. Es fällt schwer, an die Unvermeidlichkeit dieser Selbst-Begrenzung zu glauben, wenn der Geist der Schöpfer ist und diese Prinzipien ein unabhängiges Sein haben, statt Produkte, Ergebnisse oder Phänomene der Energie von Materie zu sein.
Setzt man aber die Tatsache voraus, dass die unendliche Wirklichkeit im Spiel ihres Bewusstseins frei ist, dann ist sie auch nicht gezwungen, sich in das Nichtwissen von Materie zu involvieren, bevor sie sich überhaupt manifestieren kann. Dann ist es ihr möglich, gerade die gegenteilige Ordnung der Dinge zu erschaffen: eine Welt, in der die Einheit des spirituellen Wesens prägende Form und erste Voraussetzung für jede Gestaltung und Wirksamkeit ist. Dort wäre die wirkende Energie ein des Selbsts bewusstes spirituelles Sein in Bewegung; alle ihre Namen und Formen sind dann ein des Selbsts bewusstes Spiel der spirituellen Einheit. Oder es könnte eine Ordnung geben, in der die dem Geist eingeborene Macht von bewusster Kraft oder bewusstem Willen frei und unmittelbar in sich selbst ihre eigenen Möglichkeiten verwirklichen würde und nicht, wie hier, durch das eingeschränkte Medium der Lebens-Kraft in der Materie. Eine solche Realisation wäre zugleich das erste Prinzip der Manifestation und Ziel all ihres freien und seligen Wirkens. Ferner könnte es eine Ordnung geben, in der Zweck und Ziel das freie Spiel einer unendlichen gegenseitigen Selbst-Seligkeit in einer Vielzahl von Wesen wäre, die nicht nur ihrer verborgenen oder zugrunde liegenden ewigen Einheit bewusst wären, sondern auch ihrer jetzigen Freude am Einssein. In solch einem System wäre das Wirken des Prinzips einer selbst-seienden Seligkeit das erste Prinzip und die universale Bedingung. Schließlich könnte es eine Welt-Ordnung geben, in der das Supramental von Anfang an herrschendes Prinzip ist. Dann wäre die Natur der Manifestation eine Vielzahl von Wesen, die durch das freie lichtvolle Spiel ihrer göttlichen Individualität die vielfältige Freude an ihrer Verschiedenartigkeit in der Einheit finden würden.
Die Reihe brauchte hier nicht aufzuhören. Denn wir beobachten, dass bei uns das Mental durch das Leben und die Materie behindert ist und auf jede mögliche Schwierigkeit stößt, wenn es den Widerstand dieser unterschiedlichen Mächte überwinden will. Das Leben selbst ist durch Sterblichkeit, Trägheit und Instabilität der Materie eingeschränkt. Offensichtlich kann es aber eine Weltordnung geben, in der keines von beiden behindernden Elementen zu den Grundbedingungen des Seins gehört. Eine Welt wäre möglich, in der das Mental von Anbeginn an vorherrschend und frei ist, auf seine eigene Substanz oder auf die Materie als auf ein durchaus formbares Material einzuwirken, oder wo Materie eindeutig das Ergebnis der universalen Mental-Kraft ist, die sich im Leben auswirkt. Das ist sie in Wirklichkeit eigentlich schon jetzt. Hier ist aber die Mental-Kraft von Anfang an involviert. Sie ist auf lange Zeit unterbewusst. Auch wenn sie hervorgetreten ist, hat sie nie die freie Verfügung über sich, sondern ist von ihrem materiellen Behältnis abhängig. Dort dagegen wäre sie im Besitz ihrer selbst. Sie wäre Meister über ihr Material, das viel subtiler und elastischer ist als in einem vorwiegend physischen Universum. So könnte auch das Leben seine eigene Welt-Ordnung haben, in der es souverän und fähig wäre, seine eigenen Wünsche und Tendenzen elastischer, freier variabel zu entfalten, ohne dabei jeden Augenblick von zerstörerischen Kräften bedroht zu sein. Es brauchte sich dann nicht mehr in erster Linie um seine Selbst-Erhaltung zu sorgen und in seinem Kräfte-Spiel durch diesen Zustand einer gefahrvollen Spannung eingeschränkt zu sein, die seine Triebe zu freier Gestaltung, zu freiem Selbst-Genießen und Abenteuer begrenzt. Gesonderte Vorherrschaft eines jeden Prinzips des Wesens ist in der Manifestation des Wesens eine ewige Möglichkeit, aber immer unter der Voraussetzung, dass die Prinzipien in ihrer dynamischen Macht und Wirkensweise zwar verschieden, in ihrer ursprünglichen Substanz jedoch völlig eins sind.
Es würde keinen Unterschied machen, wenn es sich bei alledem nur um eine philosophische Möglichkeit oder um eine Potenzialität im Wesen von Sachchidananda handeln würde, die dieses niemals verwirklicht oder noch nicht verwirklicht hat oder die, wenn sie verwirklicht wurde, noch nicht in den Horizont des Bewusstseins jener Wesen eingetreten ist, die im physischen Universum leben. Aber all unsere spirituelle und seelische Erfahrung beweist uns positiv und liefert uns das zuständige und in seinen Hauptprinzipien unveränderliche Zeugnis, dass höhere Welten, freiere Ebenen des Seins existieren. Denn wir haben uns nicht, wie auf so vieles im modernen Leben, auf das Dogma festgelegt, nur die physische Erfahrung oder die Erfahrung, die sich auf die physischen Sinne gründet, sei wahr. Nur die Analyse der physischen Erfahrung durch die Vernunft könne ihre Wahrheit erweisen. Alles Übrige sei allein das Ergebnis physischer Erfahrung und physischen Daseins. Was darüber hinausgehe, sei Irrtum, Selbst-Täuschung und Halluzination. Darum sind wir frei, dieses Zeugnis der spirituellen Erfahrung anzunehmen und die Wirklichkeit dieser Ebenen anzuerkennen. Wir sehen, dass sie, praktisch genommen, von der Harmonie des physischen Universums verschiedene Harmonien sind. Sie nehmen, wie das Wort “Ebene” andeutet, eine unterschiedliche Stufe auf der Leiter des Seienden ein und verwenden ein andersartiges System und eine andere Ordnung seiner Prinzipien. Für unseren jetzigen Zweck brauchen wir nicht zu untersuchen, ob sie in Zeit und Raum mit unserer eigenen Welt übereinstimmen oder ob sie sich in einem davon verschiedenen Teil des Raumes oder in einer anderen Strömung der Zeit bewegen, – in beiden Fällen geschieht es in einer subtileren Substanz und mit anderen Bewegungen. Uns geht es unmittelbar darum zu wissen, ob sie verschiedene Welten sind, von denen jede in sich selbst so völlig abgeschlossen ist, dass sie in keiner Weise mit den anderen zusammentrifft, sie nicht durchkreuzt oder beeinflusst; oder ob sie eher verschiedene Stufen eines einzigen, nach Graden unterschiedenen, ineinander verwobenen Systems des Seienden und darum Teile sind von einem einzigen komplexen universalen System. Die Tatsache, dass sie in das Feld unseres mentalen Bewusstseins eintreten können, würde natürlich die Geltung der zweiten Alternative nahelegen; das wäre aber noch nicht voll beweiskräftig. Wir finden, dass diese höheren Welten tatsächlich jeden Augenblick auf unsere eigene Wesens-Ebene einwirken und mit ihr in Kommunikation stehen, obwohl diese Einwirkung natürlich unserem gewöhnlichen wachen oder äußeren Bewusstsein nicht gegenwärtig ist, da dieses zum größten Teil auf die Aufnahme und Verwendung der Kontakte der physischen Welt beschränkt ist. In dem Augenblick aber, da wir entweder in unser subliminales Bewusstsein zurücktreten oder unser waches Bewusstsein über den Horizont der physischen Kontakte hinaus ausweiten, gewahren wir etwas von diesem höheren Wirken. Wir finden sogar, dass sich das Wesen des Menschen selbst unter gewissen Bedingungen teilweise in diese höheren Ebenen projizieren kann, auch wenn es dabei noch im Körper verbleibt. Um wie viel mehr muss der Mensch fähig sein, das zu tun, wenn er außerhalb seines Körpers ist. Er kann es dann vollständig tun, da der beeinträchtigende Zustand des an den Körper gefesselten physischen Lebens nicht länger besteht. Die Konsequenzen dieser Beziehung und dieser Macht zur Transferenz sind von außerordentlicher Bedeutung. Einerseits rechtfertigen sie unmittelbar, zumindest als aktuelle Möglichkeit, die alte Tradition, dass das menschliche bewusste Wesen, wenigstens zeitweilig, nach der Auflösung des physischen Körpers in anderen Welten als der physischen verweilen kann. Andererseits eröffnen sie uns die Möglichkeit, dass die höheren Ebenen auf das materielle Dasein in einer Weise einwirken, die die Mächte, die sie repräsentieren, also die Mächte von Leben, Mental und Geist, freisetzt, damit die der Natur innewohnende evolutionäre Absicht durch die Tatsache ihrer Verkörperung in der Materie erfüllt wird.
Diese Welten folgen in ihrer ursprünglichen Schöpfung nicht der Ordnung des physischen Universums nach, sondern sie gehen ihr voraus, sie sind früher, wenn auch nicht in der Zeit, so doch in ihrer Aufeinanderfolge von Ursache und Wirkung. Denn gerade, wenn es eine aufsteigende ebenso wie eine absteigende Stufenfolge gibt, muss die aufsteigende Stufenfolge in ihrer ursprünglichen Natur eine Voraussetzung haben, die das evolutionäre Hervortreten in der Materie ermöglicht. Dort muss eine Macht sein, die ihr Bemühen gestaltet und ihm die hilfreichen und nachteiligen Elemente liefert. Sie ist nicht nur eine Konsequenz der irdischen Evolution. Das ist weder eine rationale Wahrscheinlichkeit, noch hätte es einen spirituellen oder dynamischen oder pragmatischen Sinn. Mit anderen Worten, die höheren Welten sind nicht durch einen Druck vom niederen physischen Universum her zustande gekommen – sagen wir, von Sachchidananda in der physischen Nichtbewusstheit her oder auch durch das Drängen des Wesens in Sachchidananda, wenn es aus der Nichtbewusstheit in Leben, Mental und Geist hervortritt und die Notwendigkeit erfährt, Welten und Ebenen zu erschaffen, in denen diese Prinzipien ein freieres Kräftespiel entfalten könnten oder die Seele des Menschen ihre vitalen, mentalen oder spirituellen Tendenzen verstärken könnte. Noch weniger sind sie Schöpfungen der Seele des Menschen, weder das Ergebnis ihrer Träume, noch der ständigen Selbst-Projektion der Menschen in ihrem dynamischen oder schöpferischen Wesen über die Begrenzungen ihres physischen Bewusstseins hinaus. Das einzige, was der Mensch in dieser Richtung klar erschafft, sind die Spiegel-Bilder dieser Ebenen in seinem verkörperten Bewusstsein und die Fähigkeit seiner Seele, auf sie zu reagieren, ihrer inne zu werden und bewusst an dem teilzuhaben, wie ihre Einflüsse in die Wirksamkeit auf der physischen Ebene hineingewoben werden. Gewiss kann der Mensch zur Aktion dieser Ebenen mit den Ergebnissen oder Projektionen seines eigenen höheren vitalen und mentalen Wirkens beitragen. Wenn das aber so ist, sind die Projektionen schließlich eine Rückerstattung der höheren Ebenen an sich selbst. Die Erde gibt ihnen ihre Mächte wieder, die von ihnen zum Erden-Mental herabgekommen sind. Denn dieses höhere vitale und mentale Wirken ist selbst das Resultat von Einflüssen, die von obenher auf es entsandt wurden. Es ist auch möglich, dass der Mensch eine Art von subjektiver Anschluss-Ebene an diese supraphysischen Ebenen, zumindest an die niederen von ihnen, erschaffen kann, Gebiete von einem halb-unwirklichen Charakter, die eher selbst-erschaffene Umhüllungen seines bewussten Mentals und Lebens sind als wahre Welten. Sie sind Reflexionen seines eigenen Wesens, eine künstliche Umwelt, entsprechend dem Versuch während seines Lebens, sich diese anderen Welten vorzustellen, – Himmel und Höllen, die projiziert werden von der Fähigkeit des Menschen, Bilder in der Macht seines bewussten Wesens zu erschaffen. Aber keiner dieser beiden Beiträge bedeutet völlige Neuschöpfung einer wirklichen Ebene des Seienden, die auf ihr eigenes besonderes Prinzip gegründet wäre und von da aus wirkt.
Diese Ebenen oder Systeme sind also mindestens gleichzeitig und koexistent mit dem, was sich uns als das physische Universum darstellt. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Entwicklung von Leben, Mental und Geist im physischen Wesen ihr Dasein voraussetzt. Denn diese Mächte werden hier durch zwei zusammenwirkende Kräfte entwickelt: Die eine Kraft strebt von unten nach oben, eine andere Kraft zieht von oben her zu sich empor und übt einen Druck nach unten aus. Denn im Nichtbewussten drängt die Notwendigkeit, das hervortreten zu lassen, was im Inneren latent vorhanden ist. Und es gibt den Druck der übergeordneten Prinzipien in den höheren Ebenen, der nicht nur diesem allgemeinen Bedürfnis, sich zu verwirklichen, zu Hilfe kommt, sondern sehr umfassend auch die besonderen Methoden bestimmen kann, nach denen es schließlich verwirklicht wird. Gerade dieses emporziehende Wirken und dieser Druck, dieses Drängen von oben her, erklärt den ständigen Einfluss der spirituellen, mentalen und vitalen Welten auf die physische Ebene. Geht man von dem komplexen Universum und den sieben untereinander und in jedem Teil des Systems miteinander verwobenen sieben Prinzipien aus, die durch ihre Natur gedrängt sind, aufeinander einzuwirken und aufeinander zu reagieren, wo immer sie miteinander in Berührung kommen können, so ist evident, dass eine solche Aktion, solch ein ständiger Druck und Einfluss, unvermeidlich erfolgen und der Eigenart des manifestierten Universums ursprünglich zugrunde liegen muss.
Eine geheime ständige Einwirkung der höheren Mächte und Prinzipien von ihren eigenen Ebenen her auf das irdische Wesen und die Erden-Natur durch das subliminale Selbst, das wiederum selbst eine Projektion aus jenen Ebenen in diese aus der Nichtbewusstheit geborene Welt ist, muss eine Wirkung und eine Bedeutung haben. Ihre erste Auswirkung ist die Befreiung von Leben und Mental aus der Materie gewesen. Ihre letzte Wirkung besteht darin, Beistand zu leisten dem Hervortreten eines spirituellen Bewusstseins, eines spirituellen Willens und des Sinnes für ein spirituelles Dasein im Menschen der Erde, so dass er sich nicht mehr allein mit seinem äußeren Leben oder mit diesem und mit mentalen Bestrebungen und Interessen beschäftigt, sondern dass er gelernt hat, nach innen zu schauen, sein inneres Wesen, sein spirituelles Selbst zu entdecken und danach zu streben, über die Erde und ihre Begrenzungen hinauszukommen. Je mehr er nach innen wächst, desto mehr weiten sich allmählich auch seine mentalen, vitalen und spirituellen Grenzen aus. Die Bande, die Leben, Mental und Seele an ihre ersten Beschränkungen gefesselt haben, lockern sich immer mehr und fallen weg. Der Mensch, das mentale Wesen, beginnt, einen Ausblick zu gewinnen auf ein umfassenderes Reich des Selbsts und der Welt, der seinem ersten Erden-Leben verschlossen war. Zweifellos kann er, solange er vorwiegend nach außen lebt, nur eine Art von Überbau idealer, fantastischer oder ideativer Art auf dem Fundament seines normalen engen Daseins errichten. Wenn er aber diesen Weg nach innen geht, den seine höchste Schau ihm als größte spirituelle Notwendigkeit aufgezeigt hat, wird er in seinem inneren Wesen ein umfassenderes Bewusstsein und Leben finden. Ein Wirken von innen und ein Wirken von oben her können die Vorherrschaft der materiellen Formel überwinden. Sie können die Macht der Nichtbewusstheit verringern und schließlich beenden. Sie können die Ordnung des Bewusstseins umkehren und, als bewusste Grundlage des menschlichen Wesens, die Materie durch den Geist ersetzen. Sie können dessen höhere Mächte so befreien, dass sie im Leben der in der Natur verkörperten Seele ihren vollständigen und charakteristischen Ausdruck finden.
1 Gewisse Ausdrücke im Rig Veda scheinen diese Auffassung zum Inhalt zu haben. Von der Erde, dem materiellen Prinzip, wird als der Grundlage all dieser Welten gesprochen, oder die sieben Welten werden als die sieben Ebenen der Erde beschrieben.
2 Unter „irdisch“ verstehen wir nicht diese eine Erde und den Zeitablauf ihrer Dauer, sondern wir verwenden „Erde“ in der umfassenderen Bedeutung der Wurzel des vedantischen prthvi, das Erd-Prinzip, das für die Seele Wohnstätten für ihre physische Gestalt erschafft.
Kapitel 3
Wiedergeburt und andere Welten – Karma, Seele und Unsterblichkeit
Worte Sri Aurobindos
Unsere erste Schlussfolgerung hinsichtlich des Problems der Reinkarnation war: Die Wiedergeburt der Seele in aufeinanderfolgenden irdischen Verkörperungen ist eine unvermeidliche Folge der ursprünglichen Bedeutung und des Prozesses der Manifestation in der Erdnatur. Dieser Schluss führt uns aber zu weiteren Problemen und Ergebnissen, die wir jetzt aufhellen müssen. Zuerst erhebt sich die Frage nach dem Prozess der Wiedergeburt. Wenn dieser Prozess nicht rasch verläuft, so dass Geburt unmittelbar auf den Tod des Körpers folgt, um eine ununterbrochene Reihe von Lebensabläufen derselben Person zu gewährleisten, wenn es vielmehr Intervalle gibt, entsteht daraus die zweite Frage nach Prinzip und Prozess des Übergangs in andere Welten, die der Schauplatz für diese Zwischenzeit sein müssen, und nach der Rückkehr auf die Erde. Eine dritte Frage gilt dem Ablauf der spirituellen Evolution selbst und den Veränderungen, denen sich die Seele bei ihrem Gang von Geburt zu Geburt durch die Stadien ihres Abenteuers zu unterziehen hat.
Wäre das physische Universum die einzige manifestierte oder eine völlig gesonderte Welt, würde Wiedergeburt als Teil des evolutionären Prozesses begrenzt bleiben auf die ständige Aufeinanderfolge unmittelbarer Seelenwanderungen von einem Körper zum anderen. Auf den Tod würde dann unmittelbar eine neue Geburt ohne die Möglichkeit eines Intervalls folgen. Der Übergang der Seele wäre ein spirituelles Ereignis in der ununterbrochenen Reihe eines zwangsläufigen, mechanischen, materiellen Vorgangs. Die Seele würde keine Befreiung von der Materie finden. Sie wäre ständig an ihr Instrument, den Körper, gebunden, für die Dauer ihres manifestierten Daseins von ihm abhängig. Wir haben aber erkannt, dass es nach dem Tod und vor der darauf folgenden Wiedergeburt ein Leben auf anderen Ebenen gibt, ein Leben, das der alten Stufe irdischen Daseins folgt und die neue vorbereitet. Andere Ebenen existieren gleichzeitig mit der unsrigen, sind Teil eines einzigen komplexen Systems und wirken ständig auf die physische Ebene als ihren endgültig niedrigsten Begriff ein. Sie empfangen deren Reaktionen und erlauben geheime Kommunikation und Austausch. Der Mensch kann sich dieser Ebenen bewusst werden. In gewissen Zuständen kann er sogar sein bewusstes Wesen in sie hineinprojizieren, teilweise im Leben, darum vermutlich vollständig nach Auflösung des Körpers. Die Möglichkeit für eine solche Projektion in andere Welten oder Ebenen des Seienden wird dann hinreichend aktuell, um die eigene Verwirklichung notwendig zu machen, indem sie unmittelbar und vielleicht ohne Ausnahme auf das Erdenleben eines Menschen folgt, wenn dieser von Anfang an mit der entsprechenden Macht begabt ist, sich dorthin zu versetzen, schließlich wenn er durch stufenweisen Fortschritt dorthin kommt. Denn es ist möglich, dass der Mensch am Anfang noch nicht genügend entwickelt ist, um sein Leben oder sein Mental in umfassendere Lebens- oder Mental-Weiten empor zu tragen. Er wäre gezwungen, unmittelbare Seelenwanderung von einem irdischen Körper zum anderen als die jetzt einzige Möglichkeit seiner Fortdauer zu akzeptieren.
Die Notwendigkeit eines Zwischenreiches zwischen Tod und Geburt und für den Übergang zu anderen Welten entsteht aus doppeltem Grunde: In der zusammengesetzten Natur des Menschen üben die anderen Ebenen auf sein mentales und vitales Wesen wegen der Verwandtschaft dieser Stufen Anziehungskraft aus. Ein Intervall ist nützlich oder sogar notwendig, um die vollendete Lebens-Erfahrung zu assimilieren, das auszuarbeiten, was abgetan werden muss, und um auf eine neue Verkörperung und eine neue Erfahrung auf Erden vorzubereiten. Dieses Bedürfnis nach einer Periode der Angleichung und diese Anziehungskraft anderer Welten auf verwandte Seiten unseres Wesens könnte aber nur dann wirksam genug werden, wenn die mentale und vitale Individualität im halb-tierhaften physischen Menschen stark genug entwickelt ist. Sie könnten nicht bis zu diesem Grad vorhanden sein oder nicht aktiv genug hervortreten, wenn die Lebenserfahrungen zu einfach und zu elementar wären, als dass sie eine Angleichung benötigten, das natürliche Wesen zu grob, als dass es zu dem komplizierten Aufarbeitungs-Prozess fähig wäre. Die höheren Seiten wären dann nicht entwickelt genug, um sich zu den höheren Seiten des Lebens erheben zu können. Wenn solche Verbindungen zu anderen Welten fehlen, kann jene Wiedergeburts-Theorie zutreffend sein, die nur ständige Seelenwanderung zulässt. Hier ist das Dasein anderer Welten und der Aufenthalt der Seele auf anderen Ebenen kein aktueller auf keiner Stufe notwendiger Teil des Systems. Es kann auch eine andere Theorie geben, nach der dieser Übergang für alle Menschen bindende Regel ist und es keine unmittelbare Wiedergeburt gibt. Die Seele brauche einen Zwischenzustand der Vorbereitung auf eine neue Inkarnation und auf neue Erfahrung. Es ist auch ein Kompromiss zwischen beiden Theorien möglich. Die Seelenwanderung mag dann zuerst die Regel sein, die so lange gilt, wie die Seele für ein Dasein in höheren Welten noch nicht reif genug ist. Das Hinübergehen in andere Welten wäre dann das darauf folgende Gesetz. Es mag, wie manchmal angedeutet wird, noch eine dritte Stufe geben, auf der die Seele so machtvoll entwickelt ist und ihre natürlichen Seiten spirituell so lebendig sind, dass sie kein Intervall braucht, sondern wieder unmittelbar eine Geburt annehmen kann, um ohne Verzögerung und Unterbrechung eine raschere Entwicklung zu erlangen.
In den populären Vorstellungen, die sich von den Religionen herleiten, die die Reinkarnation anerkennen, gibt es einen Widerspruch, den aufzulösen diese, nach Art populärer Überzeugungen, sich keine Mühe gegeben haben. Einerseits gibt es, vage genug, doch ziemlich allgemein, die Auffassung, auf den Tod folge unmittelbar oder annähernd unmittelbar die Annahme eines neuen Körpers. Andererseits besteht das alte religiöse Dogma von einem Leben nach dem Tod in Höllen oder in Himmeln, vielleicht auch anderen Welten oder Stufen des Seienden, das sich die Seele durch ihr Verdienst im physischen Leben erworben oder durch ihre Untaten zugezogen habe. Die Rückkehr auf die Erde trete erst dann ein, wenn jenes Verdienst oder jene Versündigung erschöpft und der Mensch fähig sei für ein anderes irdisches Leben. Dieser Widerspruch würde verschwinden, wenn wir eine unterschiedliche Bewegung annehmen, die von jener Entwicklungsstufe abhängt, die die Seele während ihrer Manifestation in der Natur erlangt hat. Alles würde sich dann um den Grad ihrer Fähigkeit drehen, in einen höheren Zustand als den des irdischen Lebens einzugehen. In der gewöhnlichen Auffassung von Wiedergeburt ist aber die Vorstellung einer spirituellen Entwicklung nicht ausdrücklich enthalten. Sie wird nur in der Tatsache angedeutet, dass die Seele den Punkt erreicht haben muss, an dem sie fähig ist, über den Zwang zur Wiedergeburt hinauszukommen und in ihren ewigen Ursprung zurückzukehren. Wenn es aber keine Evolution in Stufen oder Graden gibt, kann dieser Punkt ebenso gut durch eine wirre Zick-Zack-Bewegung erreicht werden, deren Gesetz nicht leicht bestimmbar ist. Die definitive Lösung der Frage hängt von Erforschung und Erfahrung des Seelischen ab. Hier können wir nur erwägen, ob in der Natur der Dinge oder in der Logik des evolutionären Prozesses eine äußerlich oder innerlich zwingende Notwendigkeit für die eine oder andere dieser Bewegungen vorliegt: für den unmittelbaren Übergang von dem einen in den anderen Körper oder dafür, dass vor einer neuen Reinkarnation ein Intervall durch das seelische Prinzip der Selbst-Verkörperung eintritt.
Etwas wie eine halbe Notwendigkeit für das Leben in anderen Welten, eine dynamische und praktische eher als eine wesenhafte Notwendigkeit, ergibt sich gerade aus der Tatsache, dass die verschiedenen Welt-Prinzipien ineinander verwoben und in etwa voneinander abhängig sind, ferner aus der Wirkung, die diese Tatsache auf den Prozess unserer spirituellen Entwicklung haben muss. Entgegenwirken könnte dem eine Zeitlang der stärkere Zug nach unten oder die Anziehung des Irdischen oder die überwiegend physische Art der sich entwickelnden Natur. Unsere Überzeugung, dass eine aufsteigende Seele in die Gestalt eines Menschen geboren und in dieser Gestalt öfters wiedergeboren wird, weil sie sonst ihre menschliche Entwicklung nicht vollenden kann, ruht, vom Standpunkt der rational urteilenden Intelligenz her, auf der Basis, dass die Seele fortschreitend in höhere und immer höhere Grade des irdischen Daseins übergeht und, sobald sie einmal die Stufe des Menschen erreicht hat, ihre wiederholte menschliche Geburt eine Aufeinanderfolge darstellt, die für das Wachsen der Natur notwendig ist. Ein einziges kurzes menschliches Leben auf der Erde reicht offenbar für den evolutionären Zweck nicht aus. Auf den früheren Stufen einer Reihe menschlicher Reinkarnationen gibt es, während einer Periode primitiven Menschseins, auf den ersten Blick eine gewisse Möglichkeit dafür, dass der unmittelbare Übergang in einen anderen Körper oft wiederholt wird, – das öftere Annehmen einer neuen menschlichen Gestalt in einer Geburt unmittelbar, nachdem der vorhergehende Körper sich durch Stillstand oder Ausstoß der organisierten Lebens-Energie aufgelöst hat und als Folge davon die physische Zersetzung eingetreten ist, die wir Tod nennen. Welche Notwendigkeit des evolutionären Prozesses würde aber solch eine Reihe unmittelbarer Wiedergeburten bedingen? Offensichtlich könnte sie nur so lange erforderlich sein, wie die seelische Individualität – das ist nicht die verborgene Seelen-Wesenheit selbst, sondern die Seelen-Gestalt im natürlichen Wesen – wenig entwickelt, ungenügend entfaltet und so unvollkommen gestaltet ist, dass sie sich nur durch Abhängigkeit von einer ununterbrochenen Aufeinanderfolge der mentalen, vitalen und physischen Individualität dieses Lebens behaupten könnte: In ihrer Unfähigkeit, jetzt schon in sich selbst zu beharren, sich ihrer vergangenen Mental- und Lebens-Gestaltung zu entledigen und nach einem hilfreichen Intervall neue Gestaltungen aufzubauen, wäre sie gezwungen, ihre rudimentäre Personalität zu ihrer Erhaltung sofort auf einen neuen Körper zu übertragen. Es ist zweifelhaft, ob wir berechtigt sind, einem Wesen, das so stark individualisiert ist, dass es menschliches Bewusstsein erlangte, eine so völlig unzureichende Entwicklung zuzumuten. Das menschliche Individuum ist selbst in seiner niedrigsten Form noch eine Seele, die durch ein besonderes mentales Wesen handelt, mag sein Mental auch noch so schlecht ausgebildet, noch so beschränkt und zwergenhaft, noch so vergröbert und in ein physisches und vitales Bewusstsein eingesperrt und unfähig oder unwillig sein, sich von seinen niederen Gestaltungen freizumachen. Wir können auch annehmen, dass ein so starker Hang nach unten vorhanden ist, dass er das Wesen zwingt, eilends das physische Leben wieder anzunehmen, da die Gestaltung seiner Natur wirklich noch nicht für etwas anderes fähig oder auf einer höheren Ebene daheim ist. Es könnte die Lebens-Erfahrung so kurz und unvollständig sein, dass die Seele um ihrer Fortdauer willen zu unmittelbarer Wiedergeburt drängte. In dem komplexen Ablauf des Natur-Prozesses mag es noch andere Bedürfnisse, Einflüsse oder Ursachen geben, etwa einen starken Willen erdgebundenen Begehrens, der nach Erfüllung drängt und unmittelbaren Übergang der gleichen beharrenden Form der Personalität in einen neuen Körper erzwingen will. Dennoch würde die Alternative, der Prozess der Reinkarnation, einer Wiedergeburt der Person, nicht nur in einem neuen Körper, sondern in einer neuen Gestaltung der Persönlichkeit, die normale Linie sein, die vom seelischen Wesen eingeschlagen wird, wenn es einmal die menschliche Stufe seines evolutionären Zyklus erreicht hat.
Denn im Lauf ihrer Entwicklung muss die Seelen-Persönlichkeit Macht genug über ihre eigene Natur-Gestalt und mentale und vitale Individualität gewinnen, die das Selbst genügend ausdrücken kann, um ohne Unterstützung des materiellen Körpers weiter bestehen und jeden übermäßigen, hemmenden Hang zur physischen Ebene und zum physischen Leben überwinden zu können. Sie sollte so weit entwickelt sein, dass sie im subtilen Körper bestehen kann. Von ihm wissen wir, dass er die charakteristische Behausung oder Umhüllung und die eigentliche subtil-physische Stütze des inneren Wesens ist. Die Seelen-Person, das seelische Wesen, überlebt; sie trägt Mental und Leben auf ihrer Reise mit sich. Im subtilen Körper verlässt sie ihre materielle Behausung. Beide müssen also für den Übergang ausreichend entwickelt sein. Eine Überführung von Mental und Leben auf die Ebenen des Mental- oder Vital-Daseins setzt beide als so weit geformt und entwickelt voraus, dass sie ohne Auflösung hinübergehen und eine Zeitlang auf den höheren Ebenen existieren können. Die Erfüllung dieser Bedingungen – also ausreichend entwickelte seelische Personalität, ein subtiler Körper und eine genügend entfaltete mentale und vitale Persönlichkeit – würde das Überleben der Seelen-Person ohne unmittelbare Neu-Geburt sichern; die Anziehungskraft der anderen Welten würde wirksam werden. Das würde an sich aber bedeuten, dass die Seele mit derselben mentalen und vitalen Persönlichkeit zur Erde zurückkehrt. Es gäbe dann keine freie Evolution in der neuen Geburt. Es sollte aber ein so hoher Grad an individueller Vervollkommnung der seelischen Person selbst erreicht werden, dass diese ebensowenig abhängig ist von ihren früheren Mental- und Lebens-Gestaltungen wie von dem vergangenen Körper. Vielmehr sollte sie diese zur gegebenen Zeit abschütteln und zu einer neuen Form für neue Erfahrung weitergehen. Um so die alten Formen abzulegen und neue vorzubereiten, muss sich die Seele eine Zeitlang zwischen den beiden Geburten irgendwo anders aufhalten als auf der ausschließlich materiellen Ebene, auf der wir uns jetzt bewegen. Denn hier gibt es keine bleibende Stätte für einen körperlosen Geist. Ein kurzer Aufenthalt wäre wohl möglich, sofern es subtile Hüllen des Erden-Daseins gibt, die zur Erde gehören, aber von vitaler oder mentaler Art sind. Aber selbst dann gäbe es nur dann einen triftigen Grund für die Seele, längere Zeit hier “umzugehen”, wenn sie noch mit übermächtiger Bindung an das Erden-Leben belastet ist. Will die Persönlichkeit den materiellen Körper überleben lassen, setzt das ein supraphysisches Dasein voraus. Das kann aber nur auf einer Ebene des Seienden geschehen, die der Entwicklungsstufe des Bewusstseins entspricht. Oder es muss, wenn es keine Entwicklung gibt, in einem zeitweiligen zweiten Heim des Geistes geschehen, das ihr natürlicher Aufenthaltsort zwischen dem einen und dem anderen Leben wäre, – wenn es nicht ihre ursprüngliche Welt ist, aus der sie nicht mehr in die materielle Natur zurückkehrt.
Wo würde dann dieser zeitweilige Aufenthalt im Supraphysischen stattfinden? Welches wäre die andere Wohnstätte der Seele? Es könnte so aussehen, als sollte das auf einer mentalen Ebene sein, in mentalen Welten, einerseits weil für den Menschen, das mentale Wesen, die Anziehung jener Welten, die schon im Leben so wirksam ist, dann überwiegen muss, wenn das Hindernis der Gebundenheit des Körpers nicht mehr besteht, andererseits weil die mentale Ebene offensichtlich die ursprüngliche und eigentliche Wohnstätte eines mentalen Wesens sein sollte. Weil aber das Wesen des Menschen so komplex ist, muss das nicht automatisch erfolgen. Er besitzt ebenso ein vitales wie ein mentales Dasein – seine vitalen Seiten treten oft machtvoller und aufdringlicher hervor als die mentalen –, und hinter dem mentalen Wesen ist eine Seele, deren Repräsentant das Mental ist. Außerdem gibt es viele Ebenen oder Stufen des Welt-Daseins, durch die die Seele hindurchgehen muss, um das für sie natürliche Heim zu erreichen. Man nimmt an, dass es in der physischen Ebene selbst oder nahe bei ihr Schichten von immer feinerer subtiler Art gibt, die man als Unter-Ebenen des Physischen von vitalem und mentalem Charakter ansehen kann. Das sind Schichten, die uns umgeben und zugleich auch in uns eindringen. Durch sie hindurch findet der Austausch zwischen den höheren Welten und der physischen Welt statt. Dann könnte es für den mentalen Menschen möglich sein, dass er, solange seine Mentalität noch nicht genügend entwickelt ist, solange sie hauptsächlich auf die mehr physischen Formen der Aktivität von Mental und Leben beschränkt ist, in diesen Zwischenregionen gefangen und aufgehalten wird. Er könnte sogar gezwungen werden, zwischen der einen und der anderen Geburt ganz dort zu bleiben. Das ist aber nicht wahrscheinlich und könnte nur dann geschehen, wenn und insofern seine Gebundenheit an die Erden-Formen seiner bisherigen Aktivität so stark gewesen ist, dass sie die Vollendung seines natürlichen Weges nach oben hin ausschließt oder behindert. Denn der Zustand der Seele nach dem Tod muss irgendwie der Entwicklung des Wesens auf der Erde entsprechen. Das Leben danach ist also keine freie Rückkehr nach oben von einem vorübergehenden zeitweiligen Irrweg hinab in die Sterblichkeit. Vielmehr ist es ein normales, sich wiederholendes Ereignis, das zwischen Tod und Geburt eintritt, um den Prozess einer schwierigen spirituellen Entwicklung im physischen Dasein zu unterstützen. Es gibt eine Beziehung, die das menschliche Wesen in seiner Entwicklung auf Erden mit den höheren Ebenen des Seins knüpft. Das muss entscheidend auf sein Wohnen in diesen Ebenen zwischen Tod und Wiedergeburt wirken. Es muss seine Richtung nach dem Tod und auch Ort, Zeitdauer und Charakter seiner Selbst-Erfahrung dort bestimmen.
Es mag auch sein, dass der Mensch noch eine Zeitlang in einem dieser angrenzenden Bereiche anderer Welten umgeht, die von seinen gewohnten Anschauungen oder von der Art seines Trachtens im sterblichen Körper erschaffen werden. Wir wissen, dass er sich Bilder dieser höheren Ebenen macht, die oft mentale Übertragungen von gewissen Elementen in ihnen sind. Aus diesen Bildern errichtet er ein System, eine Form aktueller Welten. Er baut sich auch Wunsch-Welten vielerlei Art auf, die er dank seiner Neigung zu ihnen stark als innere Wirklichkeit empfindet: Möglicherweise sind diese Konstruktionen so stark, dass sie für ihn eine künstliche Umgebung nach dem Tod erschaffen, in der er dann verweilen kann. Denn die Macht des menschlichen Mentals, Bilder zu erschaffen, seine Fantasie, die in seinem physischen Leben nur eine unentbehrliche Hilfe ist, sich Wissen zu erwerben und das Leben zu gestalten, kann auf höherer Stufe zur schöpferischen Macht werden, die es seinem mentalen Wesen möglich macht, eine Zeitlang inmitten seiner eigenen Bilder zu leben, bis diese durch den Druck der Seele aufgelöst werden. Alle diese Mentalgebäude haben die Art von umfassenden Lebenskonstruktionen. In ihnen überträgt das Mental einige der wirklichen Zustände der höheren mentalen und vitalen Welten in die Begriffe seiner physischen Erfahrung, vergrößert, zeitlich verlängert, zu einem Zustand ausgedehnt, der über die physischen Verhältnisse hinausgeht. Durch diese Übertragung bringt er die vitale Freude und das vitale Leiden des physischen Wesens in die supraphysischen Verhältnisse, in denen sie größere Weite, Fülle und Dauer bekommen. Man muss also diese konstruierten Umgebungen, soweit sie überhaupt eine Stätte im Supraphysischen haben, als angrenzendes Gebiet der vitalen und niederen mentalen Ebenen ansehen.
Es gibt aber auch die wahren vitalen Welten – ursprüngliche Konstruktionen, organisierte Entwicklungen, echte Heimstätten des universalen Lebens-Prinzips, die kosmische vitale Anima, die dort in ihrem eigenen Bereich und in ihrer eigenen Natur wirkt. Auf seinem Weg zwischen den Geburten mag der Mensch dort durch die Kraft der überwiegend vitalen Einflüsse, die sein irdisches Leben gestaltet haben, eine Weile festhalten werden, denn diese Einflüsse gehören ursprünglich zur vitalen Welt. Ihre Gewalt über ihn könnte ihn einige Zeit in ihrem Bezirk zurückhalten. Er mag dort in der Gewalt jener Dinge festgehalten werden, die ihn hier schon im physischen Wesen beherrschten. Aber jedes Verbleiben der Seele in Grenzgebieten oder in ihren eigenen Konstruktionen könnte nur eine Übergangsstufe des Bewusstseins sein, wenn sie vom physischen in den supraphysischen Zustand übergeht. Sie muss aus diesen Strukturen in die wahren Welten der supraphysischen Natur weitergehen. Sie kann sofort in die Welten des anderen Lebens eingehen oder auf einer Übergangsstufe in einem Bereich der subtilphysischen Erfahrung bleiben, dessen Umgebung ihr eine Ausweitung der Zustände des physischen Lebens zu sein scheint, jedoch unter freieren Bedingungen, die einem subtileren Medium angepasster sind und eine Art glücklicher Vollkommenheit von Mental und Leben oder ein verfeinerteres körperliches Dasein darstellen. Jenseits dieser subtil-physischen Ebenen der Erfahrung und der Lebens-Welten gibt es auch mentale und spirituell-mentale Welten, zu denen die Seele zwischen Tod und Geburt einen Zugang zu haben scheint, in die sie ihren Weg zwischen ihren Inkarnationen lenken kann. Wahrscheinlich kann sie aber dort nicht bewusst leben, wenn sie nicht in diesem Leben schon eine ausreichende Entfaltung von Mental oder Seele erworben hat. Denn normalerweise müssen diese Stufen die höchsten sein, die das sich entwickelnde Wesen zwischen Tod und Geburt bewohnen kann, da niemand, der nicht über die mentalen Sprossen auf der Leiter des Seienden hinausgekommen ist, zu einem supramentalen oder obermentalen Zustand emporsteigen könnte. Hätte sich aber ein Mensch so sehr entwickelt, dass er den Sprung über die mentale Stufe hinaus gemacht und eine solche Höhe erlangt hat, dann könnte er möglicherweise nicht mehr hierher zurückkehren, solange die physische Evolution hier in der Materie noch keine Organisation eines obermentalen oder supramentalen Lebens entwickelt hat.
Indessen ist es aber nicht wahrscheinlich, dass die mentalen Welten die letzte normale Stufe beim Weitergehen nach dem Tod darstellen. Ist doch der Mensch nicht allein mental: Die Seele, das seelische Wesen, ist der Wanderer zwischen Tod und Geburt, nicht das Mental. Das mentale Wesen ist nur ein vorherrschendes Element in der Gestalt, in der sich die Seele zum Ausdruck bringt. So muss es also für die Seele eine Zuflucht auf einer Ebene rein seelischen Seins geben, in der sie auf ihre Wiedergeburt warten kann. Dort könnte sie sich die Kräfte ihres vergangenen Lebens und ihrer Erfahrung angleichen und ihre Zukunft vorbereiten. Im allgemeinen sollte man von einem normal entwickelten menschlichen Wesen, das zu einer genügend starken Mentalität emporgekommen ist, erwarten, dass es auf seinem Weg zu seiner seelischen Ruhestätte nacheinander durch alle die subtil-physischen, vitalen und mentalen Ebenen hindurchgeht. Auf jeder Stufe würde es die Bruchstücke seiner geformten Persönlichkeitsstruktur, die nur vorübergehend und äußerlich sind und zu seinem vergangenen Leben gehören, aufarbeiten, um sich ihrer zu entledigen. Es würde seine Mental-Hülle und seine Vital-Hülle ebenso ablegen wie schon vorher seine körperliche Hülle. Zurückbleiben würden das Wesen der Persönlichkeit und ihre mentalen, vitalen und körperlichen Erfahrungen in einer latenten Erinnerung oder als dynamische Möglichkeit für die Zukunft. Wenn aber die Entwicklung des Mentals unzulänglich war, kann die Seele möglicherweise nicht bewusst über die vitale Stufe hinausgehen. Dieses Wesen würde dann entweder von hier aus zurückfallen und aus seinen vitalen Himmeln oder Fegefeuern zur Erde zurückkehren. Oder es würde folgerichtiger sofort in eine Art von seelischem Angleichungs-Schlaf versinken, der so lange dauert wie die Zeit bis zu seiner neuen Geburt. Um auf den höchsten Ebenen wach sein zu können, ist eine gewisse Entwicklung unerlässlich.
All das ist indessen nur von starker Wahrscheinlichkeit und, obwohl es in der Praxis an Notwendigkeit herankommt und durch gewisse Fakten subliminaler Erfahrung bestätigt wird, für das rational urteilende Mental an sich noch nicht voll beweiskräftig. Wir müssen uns fragen, ob es noch eine weitere, wesenhaftere Notwendigkeit für die Intervalle zwischen Tod und Geburt gibt, zumindest eine so kraftvolle, dass sie zu einem unwidersprechlichen Schluss führt. Eine solche Notwendigkeit werden wir in der entscheidenden Rolle finden, die die höheren Ebenen in der Erden-Entwicklung und in der Beziehung spielen, die die Evolution zwischen ihnen und dem sich entwickelnden Seelen-Bewusstsein geschaffen hat. Unsere Entwicklung findet weithin durch deren höheres, wenn auch verborgenes Einwirken auf unsere Erden-Ebene statt. All das ist im Nichtbewussten oder im Unterbewussten, jedoch als Entwicklungsmöglichkeit aufbewahrt. Die Einwirkung von oben hilft, ein Hervortreten zu erzwingen. Fortgesetztes Einwirken ist notwendig, um den Fortschritt der mentalen und vitalen Gestaltungen zu bestimmen, den unsere Evolution in der materiellen Natur durchläuft. Denn diese progressiven Bewegungen können nur dann ihre volle Wirkungskraft, ihre eigentliche Bedeutung gegen den Widerstand einer nichtbewussten, trägen, unwissenden materiellen Natur entfalten, wenn sie, zwar insgeheim aber ständig, Zuflucht bei den höheren supraphysischen Kräften ihrer eigenen Art suchen. Diese Zuflucht, das Wirken dieser geheimen Allianz, findet hauptsächlich in unserem subliminalen Wesen und nicht an der Oberfläche statt. Von hier tritt die aktive Macht unseres Bewusstseins hervor. Alles, was es realisiert, sendet es ständig in das subliminale Wesen zurück, damit es dort gespeichert und entwickelt wird, um später in stärkeren Gestaltungen wieder hervorzutreten. Diese gegenseitige Einwirkung zwischen unserem umfassenderen verborgenen Wesen und unserer vordergründigen Personalität ist das wichtigste Geheimnis der raschen Entwicklung, die im Menschen wirksam ist, sobald er einmal über die niederen Stufen des in der Materie versunkenen Mentals hinausgekommen ist.
Jene Zuflucht muss auf der Stufe zwischen Tod und Geburt fortbestehen. Denn eine neue Geburt, ein neues Leben nimmt die Entwicklung nicht genau an dem Punkt wieder auf, wo sie im letzten Leben aufhörte. Sie wiederholt nicht nur unsere frühere vordergründige Persönlichkeit und die Gestaltung unserer Natur und setzt diese fort. In jener Zuflucht findet Angleichung statt. Alte Charaktereigenschaften und Beweggründe werden abgelegt, manche verstärkt und neu geordnet. Die Entwicklungen der Vergangenheit werden neu gesichtet und für die Zwecke der Zukunft ausgewählt. Ohne das kann der neue Anfang nicht erfolgreich sein, die Entwicklung nicht weiterführen. Denn jede Geburt ist ein neuer Anfang. Gewiss entwickelt er sich aus der Vergangenheit; er ist aber nicht deren mechanische Fortsetzung: Wiedergeburt ist keine ständige Wiederholung, sondern ein Fortschritt. Sie ist der Mechanismus eines evolutionären Prozesses. Ein Teil dieser neuen Ordnung der Eigenschaften, besonders das Ausmerzen früherer starker Schwingungen der Personalität, kann nur dadurch bewirkt werden, dass nach dem Tod das Drängen früherer mentaler, vitaler und physischer Beweggründe zum Stillstand gebracht wird. Diese innere Befreiung, dieses Abwerfen von Behinderungen, muss auf Ebenen zustandegebracht werden, die den Beweggründen entsprechen, die beseitigt oder sonstwie aufgearbeitet werden sollen, also auf Ebenen, die selbst von jener Art sind. Nur dort kann die Seele noch jene Wirkensweisen, die zum Stillstand gebracht oder aus dem Bewusstsein zurückgewiesen werden müssen, fortsetzen, damit sie zu einer neuen Gestalt weitergehen kann. Es ist auch wahrscheinlich, dass die integrierende positive Vorbereitung von der Seele selbst durchgeführt und von ihr der Charakter des neuen Lebens am Zufluchtsort, ihrer eigentlichen Heimat, entschieden wird, auf einer Ebene seelischer Ruhe, wo sie alles in sich zurücknehmen und ihre neue Stufe in der Evolution erwarten kann. Das würde bedeuten, dass die Seele fortschreitend durch die subtil-physischen, vitalen und mentalen Welten hindurch bis zu jener seelischen Zufluchtsstätte geht, von der aus sie dann zu ihrer weiteren Pilgerschaft auf die Erde zurückkehren würde. Konsequenz der Zuflucht zwischen Tod und Geburt wäre, dass die Seele die so vorbereiteten Materialien sammelt, entfaltet und in dem neuen Erden-Leben ausarbeitet. Die neue Geburt wird dann zum Feld für das hieraus entstehende Wirken, für ein neues Stadium oder für eine Spiral-Kurve in der individuellen Evolution des verkörperten Geistes.
Denn wenn wir sagen, die Seele entfaltet auf Erden nacheinander das physische, das vitale, das mentale und das spirituelle Wesen, so meinen wir nicht, dass sie diese neu erschafft und diese nicht schon vorher existiert hätten. Im Gegenteil, in Wirklichkeit manifestiert sie die Prinzipien ihres spirituellen Wesens und tut das unter den ihr von einer Welt physischer Natur auferlegten Bedingungen. Diese Manifestation nimmt die Form der Struktur einer Vordergrunds-Personalität an, die eine Übertragung des inneren Selbsts in die Begriffe und Möglichkeiten des physischen Daseins ist. So müssen wir faktisch die antiken Vorstellungen annehmen, dass der Mensch in seinem Inneren nicht nur die physische Seele, den Purusha hat samt der diesem entsprechenden Natur, sondern auch ein vitales, ein mentales, ein seelisches, ein supramentales und ein höchstes spirituelles Wesen (Taittiriya Upanishad). Alle diese Seiten seines Wesens oder ihre Gegenwart und Kraft sind zum größeren Teil in seinen subliminalen oder latenten und in seinen noch nicht formulierten überbewussten Seiten verborgen. Er muss ihre Mächte in seinem aktiven Bewusstsein in den Vordergrund bringen und selbst in seinem Wissen für sie wach werden. Jede dieser Mächte seines Wesens steht aber in Beziehung zu der eigenen, ihr entsprechenden Seins-Ebene, alle haben dort ihre Wurzeln. Durch diese nimmt das Wesen seine subliminale Zuflucht zu den gestaltenden Einflüssen von oben her, eine Zuflucht, die uns entsprechend unserer höheren Entwicklung immer mehr bewusst werden kann. Es ist also logisch, dass der Entwicklung ihrer Mächte in unserer bewussten Evolution auch der Zufluchtsort zwischen Tod und Geburt entsprechen muss, den die Art unserer Geburt hier, ihr evolutionäres Ziel und ihr Prozess erfordern. Die Umstände und die Stufen dieser Zuflucht müssen komplex sein und dürfen nicht den grob und scharf abgegrenzten primitiven Charakter tragen, wie sich ihn die populären Religionen vorstellen. An sich kann man aber diese Zuflucht als eine unausweichliche Konsequenz des eigentlichen Ursprungs und der Natur des Seelen-Lebens im Körper akzeptieren. Das All ist ein eng verflochtenes Gewebe, eine Entwicklung und ein Ineinanderwirken, dessen Verbindungsglieder von einer Bewussten-Kraft gebildet worden sind, die die Wahrheit ihrer eigenen Beweggründe im Einklang mit einer kraftgeladenen Logik dieser endlichen Wirkensweisen des Unendlichen durchführt.
Ist diese Betrachtung der Wiedergeburt und des zeitweiligen Übergangs der Seele in andere Ebenen des Seins korrekt, dann nehmen die Wiedergeburt und das Leben nach dem Tod Bedeutungen an, die verschieden sind, je nachdem sie durch die seit langem gängigen Vorstellungen von Wiedergeburt und den Aufenthalt nach dem Tod in Welten jenseits von uns gefärbt sind. Im allgemeinen nimmt man an, die Wiedergeburt habe zwei Aspekte, einen metaphysischen und einen moralischen, einen Aspekt spiritueller Notwendigkeit und einen kosmischer Gerechtigkeit und ethischer Disziplin. Die Seele – von der man in dieser Auffassung oder für diesen Zweck annimmt, sie habe ein wirkliches individuelles Dasein – sei infolge ihres Begehrens und ihrer Unwissenheit auf Erden. Sie müsse auf Erden bleiben oder immer wieder hierher zurückkehren, solange sie nicht des Begehrens müde geworden und zu der Erkenntnis ihrer Unwissenheit und zum wahren Wissen erwacht sei. Dieses Begehren zwinge sie, immer wieder zu einem neuen Körper zurückzukehren. Sie müsse stets den Umdrehungen des Rades der Geburt folgen, bis sie erleuchtet und befreit sei. Sie verbleibe allerdings nicht immer auf Erden, sondern wechsle zwischen der Erde und anderen Welten der Himmel und der Höllen, bis sie den in ihr angehäuften Vorrat von Verdienst und Vergehen infolge ihrer sündigen oder tugendhaften Handlungen aufgearbeitet habe. Dann kehre sie auf die Erde und in eine Art irdischen Körper zurück, manchmal in einen menschlichen, manchmal in den eines Tieres und manchmal sogar in einen pflanzlichen. Die Art dieser neuen Inkarnation und das Schicksal der Seele würden automatisch durch ihre vergangenen Handlungen, durch das Karma, bestimmt. Wenn die Summe des vergangenen Wirkens gut war, geschehe die Geburt in der höheren Gestalt, das Leben werde froh und erfolgreich oder unsagbar glücklich. War es schlecht, dann erhielten wir eine niedrigere Form der Natur als Haus, oder das Leben werde, als menschliches, ohne Freude, ohne Erfolg, voll von Leiden und Unglück sein. Waren unsere vergangenen Taten und unser Charakter vermischt, dann gebe uns die Natur, einem guten Buchhalter gleich, je nach der Gesamtsumme und den Werten unseres früheren Verhaltens, eine wohl bemessene Bezahlung mit einer Mischung von Freude und Leiden, Erfolg und Misserfolg, dem seltensten großen Glück und dem härtesten Unglück. Zugleich mag auch ein starker persönlicher Wille oder ein Begehren im vergangenen Leben die neue Form der inkarnierten Seele, Avatar, bestimmen. Diesen Bezahlungen der Natur wird oft ein mathematischer Aspekt gegeben, denn nach dieser Auffassung sollten wir eine genaue Strafe für unsere Missetaten auf uns laden, uns der gleich großen Vergeltung unterziehen oder den gleichhohen Gegenwert erstatten für das, was wir anderen zugefügt oder gegen sie veranlasst haben. Die unerbittliche Regel “Zahn um Zahn” ist ein häufiges Prinzip dieses Karma-Gesetzes. Denn dieses Gesetz ist ebenso ein Arithmetiker mit seiner Rechenmaschine wie ein Richter mit seinem Strafgesetz für lang hinter uns liegende Vergehen und Missetaten. Es ist aber auch zu bemerken, dass es in diesem System eine doppelte Bestrafung und eine doppelte Belohnung für Sünde und Tugend gibt. Denn der Sünder wird zuerst in der Hölle gefoltert und dann noch in einem anderen Leben hier für die gleichen Sünden geplagt. Und der Gerechte oder der Puritaner wird mit himmlischen Freuden belohnt und danach für dieselben Tugenden und guten Taten noch einmal in einem neuen irdischen Dasein verwöhnt.
Das sind summarische Auffassungen; sie bieten der philosophischen Vernunft keinen Standpunkt und keine Antwort auf der Suche nach der wahren Bedeutung des Lebens. Ein ungeheures Welt-System, das als Einrichtung nur zu dem Zweck existieren sollte, endlos an einem Rad der Unwissenheit zu drehen, und kein anderes Ziel bietet, als schließlich die Chance, von ihm abzuspringen, ist keine Welt mit wirklichem Seinsgrund. Eine Welt, die nur als Schule für Sünde und Tugend dient, die aus einem System von Zuckerbrot und Peitsche besteht, wirkt auf unsere Intelligenz nicht überzeugender. Wenn die Seele oder der Geist in unserem Inneren göttlich, unsterblich oder himmlisch ist, kann sie nicht nur hierher geschickt worden sein, um für eine solche Art roher und primitiver moralischer Erziehung in die Schule geschickt zu werden. Wenn sie in die Unwissenheit eintreten sollte, muss das geschehen sein, weil es ein höheres Prinzip, eine Möglichkeit in ihrem Wesen gibt, die durch die Unwissenheit ausgearbeitet werden muss. Ist die Seele andererseits ein Wesen, das für einen kosmischen Zweck aus dem Unendlichen in die Finsternis der Materie gestürzt wurde und in ihr zur Selbst-Erkenntnis heranwachsen soll, muss ihr Leben hier und seine Bedeutung etwas mehr sein, denn als kleines Kind zu einem tugendsamen Verhalten verhätschelt und gezüchtigt zu werden. Das Leben der Seele muss wachsen, aus angenommener Unwissenheit zur eigenen vollen spirituellen Größe, schließlich in ein unsterbliches Bewusstsein, in Wissen, Stärke, Schönheit, göttliche Reinheit und Macht übergehen. Für solch spirituelles Wachstum ist dieses Gesetz von Karma allzu kindisch. Selbst wenn die Seele etwas Erschaffenes wäre, ein Kind-Wesen, das von der Natur zu lernen und in die Unsterblichkeit zu wachsen hat, muss das durch ein umfassenderes Wachstum geschehen, nicht aber durch irgendein göttliches Gesetzbuch primitiver, barbarischer Gerechtigkeit. Diese Vorstellung von Karma ist eine Konstruktion des kleinlichen vitalen Mentals des Menschen, das sich vor allem um seine kümmerlichen Lebensregeln, seine Sehnsüchte, Freuden und Leiden sorgt und deren armselige Maßstäbe zu Gesetz und Ziel des Kosmos erhebt. Diese Auffassungen können für das denkende Mental nicht annehmbar sein. Sie tragen zu offensichtlich den Stempel einer Konstruktion an sich, die durch unsere menschliche Unwissenheit verfertigt wurde.
Man kann aber dieselbe Lösung auf eine höhere Stufe der Vernunft emporheben und ihr eine eher einleuchtende Deutung und die Färbung eines kosmischen Prinzips geben. Man könnte sie zuerst auf das unangreifbare Fundament stellen, dass alle Energien in der Natur ihre natürliche Konsequenz in sich tragen. Wenn eine Energie im gegenwärtigen Leben ohne sichtbares Resultat bleibt, mag es wohl sein, dass dieses Ergebnis nur verzögert, nicht aber für immer zurückgehalten wird. Jeder Mensch erntet den Herbst seiner Werke und Taten, den Lohn für das Wirken, das durch die Energien seiner Natur hervorgerufen wurde. Die Ergebnisse, die in seiner gegenwärtigen Geburt nicht zutage treten, müssen für ein darauffolgendes Dasein aufbewahrt werden. Es ist wahr, dass das Resultat der Energien und Handlungen des Einzelnen nicht ihm selbst, sondern den anderen zuwächst, wenn er weitergegangen ist. Denn das erleben wir ständig. Es kommt sogar während der Lebenszeit eines Menschen vor, dass die Früchte seiner Energien von anderen geerntet werden. Der Grund dafür ist, dass es eine Solidarität und Kontinuität des Lebens in der Natur gibt und dass der einzelne Mensch, auch wenn er es wollte, nicht völlig für sich allein leben kann. Wenn es aber für das Individuum eine Kontinuität des Lebens durch Wiedergeburt gibt, und nicht nur eine Kontinuität des Lebens der Masse und des kosmischen Lebens, und wenn der Einzelne ein Selbst, eine Natur und eine Erfahrung hat, die sich immer weiterentwickeln, darf unvermeidlich auch bei ihm das Wirken seiner Energien nicht plötzlich abgeschnitten werden, muss es zu irgendeiner Zeit in seinem fortdauernden, sich entwickelnden Sein Ergebnisse zeitigen. Des Menschen Wesen, seine Natur und seine Lebensumstände sind das Ergebnis seiner eigenen inneren und äußeren Betätigungen, nicht etwas Zufälliges und Unerklärliches: Er ist das, wozu er sich selbst gemacht hat. Der vergangene Mensch war der Vater des Menschen, der heute ist. Der gegenwärtige Mensch ist der Vater des Menschen, der morgen sein wird. Jeder Mensch erntet, was er sät. Von dem, was er tut, hat er seinen Vorteil; für das, was er tut, leidet er. Dies ist das Gesetz und die Kette des Karma, des Handelns, des Wirkens der Natur-Energie. Es gibt der totalen Kraft unseres Daseins und seiner Natur, seinem Charakter und seinem Wirken seine Bedeutung, die anderen Theorien des Lebens fehlt. Aufgrund dieses Prinzips ist es evident, dass des Menschen vergangenes und gegenwärtiges Karma seine zukünftige Geburt, deren Ereignisse und Umstände bestimmen muss. Denn auch diese müssen die Frucht seiner Energien sein: Alles, was er in der Vergangenheit war und tat, muss der Schöpfer all dessen sein, was er jetzt ist und in seiner Gegenwart erfährt. Alles, was er jetzt in der Gegenwart ist und tut, muss der Schöpfer dessen sein, was er in der Zukunft sein und erfahren wird. Der Mensch ist der Schöpfer seiner selbst. Er ist auch der Schöpfer seines Schicksals. All das ist völlig rational und duldet, soweit es geht, keine Ausnahme. Das Gesetz des Karma kann als Tatsache, als ein Teil des kosmischen Mechanismus, anerkannt werden, denn es ist – wenn man einmal die Wiedergeburt anerkennt – so einleuchtend, dass es nicht bestritten werden kann.
Es gibt jedoch bei dieser Theorie zwei Begründungen, die den Ton eines gewissen Zweifels hereinbringen. Mögen sie auch teilweise wahr sein, so übertreiben sie doch und bewirken eine falsche Perspektive, weil sie als der ganze Sinn des Karma herausgestellt werden. Die erste heißt: So wie die Art der Energie ist, so muss auch die Art des Resultats sein, die gute müsse gute Ergebnisse zeitigen, die schlechte zu schlechten Resultaten führen. Die zweite lautet: Das Schlüsselwort von Karma sei Gerechtigkeit, und darum müssten gute Taten auch die Frucht von Glück und gutem Schicksal tragen, böse Taten dagegen die Frucht von Schmerz, Leid, Elend und bösem Schicksal. Da es eine kosmische Gerechtigkeit geben müsse, die zuschaue und irgendwie die unmittelbaren und sichtbaren Wirkensweisen der Natur im Leben kontrolliere, die aber für uns in den Tatsachen des Lebens, wie wir sie sehen, nicht sichtbar sei, müsse sie in der Totalität ihrer unsichtbaren Maßnahmen gegenwärtig und bezeugt sein. Sie müsse das subtile und kaum sichtbare, doch starke und feste verborgene Band sein, das die sonst zusammenhanglosen Einzelheiten ihres Umgangs mit ihren Geschöpfen zusammenhält. Auf die Frage, warum allein Taten, gute oder böse, ein Resultat zeitigen sollten, mag man zugeben, auch alle guten oder bösen Gedanken, Gefühle, Handlungen haben ihre entsprechenden Ergebnisse. Nun sei aber das Handeln der größere Teil des Lebens und die Erprobung und formulierte Macht der Wesenswerte des Menschen. Auch sei er nicht immer verantwortlich für seine Gedanken und Gefühle, da diese oft unwillkürlich seien. Dagegen müsse man ihn für das verantwortlich machen, was er tue, da das seiner Entscheidung unterliege. Darum gestalteten hauptsächlich seine Taten sein Schicksal. Sie seien die hauptsächlichen oder stärksten, entscheidenden Faktoren für sein Wesen und seine Zukunft. Das sei das ganze Gesetz von Karma.
Dazu müssen wir bemerken, dass ein Gesetz oder eine Kette von Karma nur ein äußerlicher Mechanismus ist. Man darf es nicht zu einer höheren Position erheben und zum alleinigen und absolut bestimmenden Faktor für das Wirken des Lebens im Kosmos machen, es sei denn, der Kosmos sei in seinem Charakter selbst etwas völlig Mechanisches. Gewiss haben viele die Auffassung, alles sei nur Gesetz und Verfahren, und es gebe kein bewusstes Wesen, keinen bewussten Willen in oder hinter dem Kosmos. Ist das so, dann ist hier ein Gesetz und ein Verfahren, das unsere menschliche Vernunft und unsere mentalen Maßstäbe von Recht und Gerechtigkeit befriedigt und die Schönheit und Wahrheit einer vollkommenen Symmetrie und einer mathematischen Genauigkeit seines Wirkens an sich trägt. Aber nicht alles ist Gesetz und Verfahren; es gibt auch Wesen und Bewusstsein. Es gibt in den Dingen nicht nur einen Mechanismus, sondern einen Geist; nicht allein Natur und Gesetz des Kosmos, sondern einen kosmischen Geist; nicht nur einen Funktionsablauf von Mental, Leben und Körper, sondern auch eine Seele im natürlichen Geschöpf. Wäre das nicht so, es könnte keine Wiedergeburt einer Seele und kein Feld für ein Gesetz von Karma geben. Ist aber die fundamentale Wahrheit unseres Wesens spirituell und nicht mechanisch, dann müssen unser Selbst, unsere Seele grundlegend die Evolution bestimmen. Das Gesetz von Karma kann nur eine unter den Verfahrensweisen sein, die sie für diesen Zweck verwendet: Unser Geist, unser Selbst muss größer sein als sein Karma. Es gibt ein Gesetz; es gibt aber auch eine spirituelle Freiheit: Gesetz und Verfahrensablauf sind die eine Seite unseres Seins. Sie herrschen über unser äußeres Mental, unser Leben, unseren Körper, denn diese sind dem Mechanismus der Natur zumeist unterworfen. Aber gerade hier ist ihre mechanische Macht nur über den Körper und die Materie absolut. Denn das Gesetz wird immer komplexer und weniger starr, der Prozess wird formbarer und weniger mechanisch, wenn das Phänomen des Lebens auftritt. Noch mehr ist das der Fall, wenn das Mental mit seiner Subtilität zur Wirkung kommt. Da beginnt schon innere Freiheit einzuwirken. Je mehr wir nach innen gehen, desto mehr macht sich die Seele, ihre Macht zur Entscheidung, fühlbar: Denn Prakriti ist das Feld für Gesetz und Verfahren; Purusha erteilt die Sanktion, anumanta. Und selbst wenn Purusha gewöhnlich vorzieht, beobachtender Zeuge zu bleiben und nur eine automatische Sanktion zuzugestehen, kann die Seele, wenn sie will, Herr über ihre Natur sein, Ishwara.
Es ist nicht vorstellbar, dass der Geist in unserem Inneren nur ein Automat in den Händen von Karma und in diesem Leben ein Sklave seiner vergangenen Taten ist. Die Wahrheit muss weniger starr und eher formgebend sein. Wenn eine gewisse Menge von Ergebnissen des vergangenen Karma im gegenwärtigen Leben formuliert wird, muss das mit der Zustimmung des seelischen Wesens geschehen, das lenkend über der neuen Gestaltung seiner Erden-Erfahrung steht. Es stimmt nicht nur einem äußeren, zwangsläufigen Prozess zu sondern einem geheimen Willen und einer Führung. Dieser geheime Wille ist nicht mechanisch sondern spirituell. Die Führung kommt von einer Intelligenz, die mechanische Verfahrensweisen anwenden mag, diesen jedoch nicht unterworfen ist. Was die Seele durch ihre Geburt in einem Körper sucht, sind Ausdruck ihres Selbsts und Erfahrung. Von ihr wird alles gestaltet, was für den Ausdruck des Selbsts und für die Erfahrung in diesem Leben notwendig ist, ob das eintritt als automatisches Ergebnis vergangener Leben oder als freie Auswahl ihrer Resultate und deren Fortsetzung oder als eine neue Entwicklung – alles ist ein Mittel zur Erschaffung der Zukunft: Denn das Prinzip besteht nicht darin, den Mechanismus eines Gesetzes auszuarbeiten, sondern durch die kosmische Erfahrung die Natur so zu entwickeln, dass sie schließlich aus der Unwissenheit herauswachsen kann. Darum muss es die beiden Elemente geben: Karma als Instrument, aber auch das verborgene Bewusstsein und den Willen im Inneren, die durch das Mental, das Leben und den Körper wirken, die das Karma verwenden. Das Schicksal ist nur einer der Faktoren unseres Daseins, ob es rein mechanisch oder von uns selbst erschaffen ist, eine von uns selbst geschmiedete Kette. Das Wesen mit seinem Bewusstsein und seinem Willen sind ein noch wichtigerer Faktor. In der indischen Astrologie, die alle Lebensumstände als Karma ansieht, die zumeist in der Schrift der Sterne vorausbestimmt und angezeigt sind, gibt es doch einen Vorbehalt für die Energie und Kraft des Wesens, das einen Teil, viel oder sogar alles von dem verändern und aufheben kann, was so geschrieben steht, außer den zwingendsten und mächtigsten Bindungen des Karma. Das ist eine vernünftige Darstellung eines Gleichgewichts. Aber es muss zu dieser Rechnung noch die Tatsache hinzugefügt werden, dass das Schicksal nicht einfach sondern komplex ist. Das Schicksal, das unser physisches Wesen festlegt, bindet es nur so lange und insofern, als kein höheres Gesetz eingreift. Das Handeln gehört zu unserer physischen Seite; es ist das physische Ergebnis unseres Wesens. Aber hinter unserer Außenseite steht eine freiere Lebens-Macht, eine freiere Mental-Macht, die über die andere Energie verfügt, ein anderes Schicksal erschaffen und dieses einsetzen kann, um den ursprünglichen Plan abzuändern. Sobald die Seele und das Selbst hervortreten und wir bewusste spirituelle Wesen werden, kann diese Umwandlung die Schrift unseres physischen Schicksals aufheben oder völlig umgestalten. Wir brauchen also Karma, zumindest ein mechanisches Gesetz von Karma, nicht als einzig bestimmenden Faktor der Umstände und ganzen Mechanismus unserer Wiedergeburt und künftigen Entwicklung anzuerkennen.
Das ist aber noch nicht alles. Mit diesen Feststellungen über das Gesetz irren wir dank zu großer Vereinfachung und der willkürlichen Auswahl eines begrenzten Prinzips. Handeln ist das Ergebnis der Energie des Menschen. Aber diese Energie ist nicht von einer einzigen Art. Die Bewusstseins-Kraft des Geistes manifestiert sich in vielen Arten von Energie: Es gibt innere Aktivitäten von Mental, Aktivitäten von Leben, von Begehren, Impuls, Charakter, Aktivitäten der Sinne und des Körpers, ein Streben nach Wahrheit und Wissen, ein Streben nach Schönheit, ein Streben nach ethisch Gutem oder Bösem, ein Streben nach Macht, Liebe, Glück, Freude, Vermögen, Erfolg, Vergnügen, Lebens-Befriedigungen aller Art und Ausweitung des Lebens, ein Streben nach individuellen oder kollektiven Zielen, ein Streben nach Gesundheit, Stärke, Tüchtigkeit und nach der Befriedigung des Körpers. All das macht eine äußerst komplexe Summe der vielfältigen Erfahrung und des vielseitigen Wirkens des Geistes im Leben aus. Man darf diese Mannigfaltigkeit nicht zugunsten eines einzigen Prinzips beiseite schieben. Sie darf auch nicht in so viele Unterteile der einzigen Dualität von ethisch Gutem oder Bösem zerhämmert werden. Deshalb kann die Ethik, das Aufrechterhalten der menschlichen Maßstäbe der Moral, nicht das vordringlichste Anliegen des kosmischen Gesetzes oder das einzige Prinzip sein, das die Wirksamkeit von Karma bestimmt. Wenn es wahr ist, dass die Natur der eingesetzten Energie auch die Natur des Resultats oder Ergebnisses bestimmt, müssen alle diese Unterschiede in der Natur der Energie in Betracht gezogen werden; jede muss zu der ihr angemessenen Konsequenz führen. Die Energie des Suchens nach Wahrheit und Wissen muss als ihr natürliches Ergebnis – als ihren Lohn oder als ihr Honorar, wenn man so will – ein Hineinwachsen in die Wahrheit, eine Vermehrung von Wissen eintragen. Das Resultat einer Energie, die für Lüge und Falschheit verwendet wird, muss ein Anwachsen von Lüge und Falschheit in der Natur und ein tieferes Hinabsinken in die Unwissenheit sein. Wird eine Energie dem Streben nach Schönheit gewidmet, müsste sie belohnt werden durch vermehrten Sinn für Schönheit, die Freude an der Schönheit oder, wenn sie dahin gelenkt wird, durch Schönheit und Harmonie des Lebens und der Natur. Verfolgt man das Ziel der körperlichen Gesundheit, Kraft und Tüchtigkeit, so würde das den starken Menschen oder den erfolgreichen Athleten ausbilden. Wird die Kraft dafür eingesetzt, das ethisch Gute zu verwirklichen, so muss das schließlich anerkannt, belohnt oder vergolten werden durch vermehrte Tugend, das Glück sittlichen Wachstums oder die leuchtende Freude, Gelassenheit und Reinheit einer einfachen natürlichen Güte. Dagegen wäre die Strafe für die entgegengesetzten Energien, dass man tiefer in das Böse hinabsinkt, in eine stärkere Disharmonie und Verdorbenheit der Natur und, im Fall des Übermaßes in spirituellen Ruin, mahati vinastih. Wird eine Energie für Macht oder andere vitale Zwecke eingesetzt, so muss das zu einer Vermehrung der Fähigkeit führen, diese Ergebnisse zu erzwingen, oder zur Entfaltung von vitaler Stärke und Fülle. Das ist die gewöhnliche Ordnung der Dinge in der Natur. Wenn man von ihr Gerechtigkeit verlangt, so ist das sicherlich Gerechtigkeit, dass die eingesetzte Energie und Tüchtigkeit auch von ihr in der ihr entsprechenden Art eine passende Antwort erhalten sollte. Beim Rennen verleiht sie den Preis dem Schnellen, den Sieg in der Schlacht dem Tapferen, Starken und Tüchtigen, dem fähigen Intellekt und ernsten Forscher die Belohnungen des Wissens. Dem Mann, der zwar gut, aber nachlässig, schwach, ungeschickt oder dumm ist, wird sie diese Dinge nicht nur deshalb verleihen, weil er ein rechtschaffener und respektabler Mensch ist. Wenn er diese oder andere Mächte des Lebens erstrebt, muss er die ihnen entsprechenden Eigenschaften aufweisen und die richtige Art von Energie einsetzen. Würde die Natur anders handeln, könnte man sie mit Recht der Ungerechtigkeit zeihen. Es besteht kein Grund, sie wegen dieser vollkommen richtigen und normalen Ordnung der Ungerechtigkeit anzuklagen oder von ihr zu verlangen, sie solle in einem künftigen Leben die Lage so manipulieren, dass dem guten Menschen als natürliche Belohnung für seine Tugend ein hoher Posten, ein großes Bankkonto oder ein glückliches, leichtes und behagliches Leben gewährt werde. Das kann nicht die Bedeutung der Wiedergeburt oder eine ausreichende Grundlage für ein kosmisches Gesetz von Karma sein.
Tatsächlich gibt es in unserem Leben ein starkes Element dessen, was wir Glück oder Erfolg nennen, das unsere Anstrengung für einen Erfolg vereitelt oder den Preis für Mühelosigkeit oder eine mindere Energie erteilt. Die geheime Ursache dieser Launen des Schicksals – oder die Ursachen, denn die Wurzeln eines Erfolges können vielfältig sein – muss zweifellos zum Teil im Dunkel unserer Vergangenheit gesucht werden. Man kann aber doch nur schwer die vereinfachte Lösung akzeptieren, ein besonderes Glück sei der Lohn für eine vergessene tugendhafte Tat in einem vergangenen Leben, während ein besonderes Unglück eine Vergeltung für eine Sünde oder für ein Verbrechen sei. Wenn wir einen gerechten Menschen leiden sehen, können wir doch schwerlich annehmen, dieses Vorbild an Tugend sei in seinem vergangenen Leben ein Bösewicht gewesen, der jetzt, selbst nach einer vorbildlichen Bekehrung durch eine neue Geburt, für damals begangene Sünden bezahlen müsse. Ebensowenig können wir bei dem bösen Menschen, der im Glück triumphiert, annehmen, er sei in seinem letzten Leben ein Heiliger gewesen, der plötzlich eine falsche Richtung einschlug, aber doch noch den Lohn für seine frühere Tugend in barer Münze bekommt. Eine völlige Bekehrung dieser Art zwischen dem einen Leben und dem anderen ist zwar möglich, doch ist sie wahrscheinlich nicht häufig. Die neue, entgegengesetzte Persönlichkeit aber mit den Belohnungen oder Strafen der früheren zu belasten, sieht wie ein sinnloses und reichlich mechanisches Vorgehen aus. Diese und viele andere Schwierigkeiten erheben sich, und die allzu simple Logik der Entsprechung ist nicht so stark, wie sie zu sein vorgibt. Die Vorstellung von Wiedervergeltung des Karma als einer Kompensation für die Ungerechtigkeit des Lebens und der Natur ist eine schwache Grundlage für die Theorie, denn sie stellt ein seichtes menschliches Empfinden und einen oberflächlichen Maßstab als den Sinn des kosmischen Gesetzes heraus und gründet sich außerdem auf ein ungesundes Urteilsvermögen. Für das Gesetz des Karma muss es eine andere und stärkere Begründung geben.
Hier entsteht, wie so oft, der Irrtum dadurch, dass wir einen Maßstab, den unser menschliches Mental erschafft, den höheren, freieren und umfassenderen Methoden der kosmischen Intelligenz aufzwingen. Bei der dem Gesetz von Karma zugeschriebenen Wirksamkeit werden aus den vielen von der Natur geschaffenen Werten zwei ausgewählt: Das moralisch Gute und das Böse, Sünde und Tugend, sowie das vital-physisch Gute und Böse, äußere Lust und Leiden, äußeres Glück und Unglück. Nun nimmt man an, es müsse zwischen beiden eine Gleichung bestehen, das eine müsse die Belohnung oder Bestrafung für das andere sein, die endgültige Sanktion, die es in der geheimen Gerechtigkeit der Natur empfange. Offenbar wird dieser Ausgleich von dem Gesichtspunkt aus getroffen, der allgemein das vital-physische Begehren in unseren Wesens-Seiten bestimmt. Da der niedere Teil unseres vitalen Wesens am meisten Lust und Glück begehrt und da er besonders Unglück und Leiden hasst und fürchtet, geht er so weit, dass er, wenn er die moralische Forderung an ihn, seine Neigungen einzuschränken, sich vom Tun des Bösen fernzuhalten und sich anzustrengen, das Gute zu tun, akzeptiert, einen Handel abschließt und ein kosmisches Gesetz aufstellt, das ihn für seine anstrengende Bezwingung seines Egos kompensiert und ihm hilft, unter der Androhung von Strafen auf diesem schweren Weg der Selbstverleugnung standhaft zu bleiben. Ein wahrhaft sittlicher Mensch braucht aber kein System von Belohnungen und Strafen, um den Weg des Guten zu gehen und den Pfad des Bösen zu meiden. Tugend birgt für ihn ihren eigenen Lohn in sich; Sünde bringt dadurch ihre eigene Strafe mit sich, dass er unter dem Abfall vom Gesetz seiner eigenen Natur leidet. Das ist der wahre sittliche Maßstab. Im Gegensatz hierzu entwürdigt ein System von Belohnungen und Strafen sofort die sittlichen Werte des Guten, verkehrt Tugend in Ichsucht, in ein kommerzielles Feilschen egoistischen Interesses, und es ersetzt das richtige Motiv für die Enthaltung vom Bösen durch ein niederes Motiv. Die menschlichen Wesen haben eine Ordnung von Lohn und Strafe als gesellschaftliche Notwendigkeit errichtet, um zu verhindern, dass der Gemeinschaft Schädliches zugefügt wird, und um das zu ermutigen, was für sie hilfreich ist. Eine solche menschliche Maßnahme aber zu einem allgemeinen Gesetz der kosmischen Natur oder zu einem Gesetz des höchsten Wesens oder zum obersten Gesetz des Seins zu erheben, ist von zweifelhaftem Wert. Es ist menschlich, aber auch kindisch, die unzureichenden engen Maßstäbe unserer Unwissenheit den umfassenderen und genaueren Wirkensweisen der kosmischen Natur oder dem Wirken der höchsten Weisheit und des erhabenen Guten aufzuzwingen, das uns durch eine spirituelle Macht zu sich selbst emporzieht und langsam in uns durch unser inneres Wesen, nicht aber durch ein Gesetz von Versuchung und Zwang, auf unsere äußere vitale Natur einwirkt. Wenn die Seele mit Hilfe vielseitiger und komplexer Erfahrung durch die Evolution hindurchgeht, muss jedes Gesetz des Karma, jede Vergeltung für ein Wirken oder für einen Einsatz von Energie, wenn es sich in diese Erfahrung einfügen soll, auch komplex sein und nicht von so einfachem und kleinlichem Gewebe oder in seiner Verfügung so starr und einseitig.
Zugleich kann man freilich dieser Lehre auch Teilwahrheit zubilligen, die jedoch kein fundamentales oder allgemeines Prinzip ist. Denn wenn diese Linien des Wirkens der Energie auch voneinander verschieden und unabhängig sind, können sie doch zusammenwirken und einander beeinflussen, wenn auch nicht durch ein starr festgelegtes Gesetz der Entsprechung. Es ist möglich, dass in der Gesamt-Methode der Vergeltungen der Natur ein Verbindungs-Faden oder eher eine gegenseitige Einwirkung zwischen dem vital-physischen Gut und Böse und dem sittlichen Gut und Böse vorkommt, eine begrenzte Entsprechung und ein Treffpunkt zwischen den auseinanderstrebenden Dualitäten, was zu einem untrennbaren Zusammenhang führt. Unsere verschiedenartigen Energien, Bestrebungen, Regungen sind in ihrem Wirken miteinander vermischt und können ein vermischtes Ergebnis zustande bringen: Unsere vitale Seite verlangt greifbare und äußere Belohnungen für Tugend, Erkenntnis, jede intellektuelle, ästhetische, moralische oder physische Anstrengung. Sie glaubt fest an Strafe für Sünde, sogar für Unwissenheit. Das mag einerseits ein entsprechendes kosmisches Wirken hervorrufen, andererseits auf ein solches reagieren. Denn die Natur nimmt uns so, wie wir sind, und passt in gewissem Maß ihre Bewegungen unserem Bedürfnis und unseren Anforderungen an sie an. Wenn wir anerkennen, dass unsichtbare Kräfte auf uns einwirken, mag es auch unsichtbare Kräfte in der Lebens-Natur geben, die zur selben Ebene von Bewusstseins-Kraft gehören wie dieser Teil unseres Wesens, Kräfte, die sich im Einklang mit dem gleichen Plan oder dem gleichen Macht-Motiv bewegen wie unsere niedere vitale Natur. Man kann oft beobachten, dass ein sich durchsetzender vitaler Egoismus, der auf seinem Weg ohne Zurückhaltung oder Skrupel alles niedertrampelt, was sich seinem Willen oder Begehren entgegenstellt, in den Menschen eine Masse von Reaktionen gegen sich hervorruft, Reaktionen von Hass, Widerstand und Unwillen, die jetzt oder später ihre Folgen haben und noch furchtbarere feindliche Reaktionen in der universalen Natur hervorrufen. Es ist, als ob die Geduld der Natur, ihre Bereitwilligkeit, sich verwenden zu lassen, erschöpft wäre. Gerade die Kräfte, die das Ego des starken vitalen Menschen ergriffen und seinen Zwecken zu dienen gezwungen hat, rebellieren nun und wenden sich gegen ihn. Die Menschen, die er niedertrampelte, stehen auf und bekommen Macht, um ihn niederzuwerfen. Die unverschämte vitale Kraft des Menschen hat gegen den Thron der Notwendigkeit, des Schicksals, ausgeholt und wird nun selbst zerschmettert. Oder der lahme Fuß der strafenden Justitia holt zuletzt den bisher erfolgreichen Gesetzesbrecher ein. Diese Reaktion auf seine Energien mag in einem anderen Leben und nicht sogleich über ihn kommen. Sie mag eine Last von Folgewirkungen sein, die er bei seiner Rückkehr in das Feld dieser Kräfte auf sich nimmt. Das mag im kleinen wie im großen Maßstab geschehen, bei dem kleinen vitalen Menschen mit seinen kleinen Irrtümern ebenso wie bei viel größeren Geschehnissen. Denn das Prinzip wird dasselbe sein. Wenn das Mental in uns den Erfolg durch einen Missbrauch der Kraft sucht, die ihm die Natur gewährt, die aber am Ende gegen es reagiert, empfängt es den Lohn in Gestalt von Niederlage, Leiden und Misserfolg. Es hat aber keine Gültigkeit, diese untergeordnete Linie von Ursachen und Resultaten zu dem Status eines unveränderlichen absoluten Gesetzes oder zur ganzen kosmischen Ordnung für das Wirken eines höchsten Wesens zu erheben. Sie gehören dem mittleren Bereich an zwischen der innersten und höchsten Wahrheit der Dinge und der Unparteilichkeit der materiellen Natur.
Auf jeden Fall sollen die Reaktionen der Natur in ihrer Essenz nicht als Belohnung oder als Bestrafung gelten. Das ist nicht ihr fundamentaler Wert, es ist vielmehr ein den natürlichen Beziehungen innewohnender Wert. Er ist, insofern er die spirituelle Entwicklung beeinflusst, ein Wert von Lehren der Erfahrung im kosmischen Training der Seele. Wenn wir Feuer berühren, brennt es uns; es gibt aber in dieser Beziehung zwischen Ursache und Wirkung kein Prinzip von Strafe. Es ist eine Lehre über Beziehungen und eine Lehre der Erfahrung. So gibt es bei allen Anlässen des Umgangs der Natur mit uns eine Beziehung der Dinge und eine entsprechende Lehre der Erfahrung. Das Wirken der kosmischen Energie ist komplex. Die gleichen Kräfte mögen auf verschiedene Art wirken im Einklang mit den Umständen, mit dem Bedürfnis des Menschen und mit der Absicht der Kosmischen Macht in ihrer Aktion. Unser Leben wird nicht nur von seinen eigenen Energien beeinflusst, sondern auch von den Energien anderer und von den universalen Kräften. Dieses ungeheure Zusammenspiel kann in seinen Ergebnissen nicht allein durch den einen Faktor eines alles regierenden moralischen Gesetzes und dessen ausschließliche Rücksicht auf Verdienste und Vergehen, auf Sünden und Tugenden der individuellen Wesen entschieden werden. Auch darf man nicht Glück und Unglück, Lust und Schmerz, Freude, Elend und Leiden auffassen, als existierten sie nur als Anreiz und Abschreckung für das natürliche Wesen bei seiner Entscheidung zwischen Gut und Böse. Die Seele tritt in die Wiedergeburt ein, damit der individuelle Mensch Erfahrungen macht und wächst. Freude und Kummer, Schmerz und Leiden, Glück und Unglück sind Teile dieser Erfahrung, Mittel zu diesem Wachsen. Die Seele mag sogar von sich aus Armut, Unglück und Leiden als Hilfen für ihr Wachsen, als Antriebskräfte für eine neue Entwicklung, annehmen oder auswählen. Sie mag Reichtum und ein glänzendes, erfolgreiches Dasein als gefährlich ablehnen, als eine Verführung zum Nachlassen in ihren spirituellen Bemühungen. Glücklich zu sein und Erfolg zu haben, der glücklich macht, ist zweifellos ein legitimer Wunsch der Menschheit. Das ist ein Versuch von Leben und Materie, einen blassen Widerschein der Seligkeit oder ein vergröbertes Bild von ihr zu erlangen. Mag aber ein oberflächliches Glück und ein materieller Erfolg für unsere vitale Natur noch so begehrenswert sein, sie sind doch nicht der Hauptzweck unseres Daseins. Wäre das die Absicht gewesen, Leben wäre in der kosmischen Anordnung der Dinge anders geplant worden. Das ganze Geheimnis um die Umstände bei der Wiedergeburt kreist um das eine grundlegende Bedürfnis der Seele, um ihr Bedürfnis zu wachsen, ihr Bedürfnis nach Erfahrung. Das allein bestimmt die Linie ihrer Evolution; alles Übrige ist nur Beiwerk. Das kosmische Dasein ist kein großangelegtes Verwaltungssystem einer universalen Gerechtigkeit mit einem kosmischen Gesetz der Belohnung und Vergeltung als seinem Mechanismus oder mit einem göttlichen Gesetzgeber und Richter als seinem Mittelpunkt. Zunächst erkennen wir es als eine große automatische Bewegung von Energie der Natur. In ihr tritt eine sich selbst entfaltende Bewegung von Bewusstsein hervor, die darum eine Bewegung von Geist ist, der sein eigenes Wesen in dem Kräfte-Ablauf der Natur ausarbeitet. In diesem Ablauf findet der Zyklus der Wiedergeburt statt. In diesem Zyklus bereitet die Seele, das seelische Wesen, für sich selbst vor – oder die Göttliche Weisheit oder die kosmische Bewusstseins-Kraft bereitet durch sie und durch ihr Wirken vor –, was für den nächsten Schritt in ihrer Evolution benötigt wird, die nächste Gestaltung von Personalität, die kommende Verknüpfung notwendiger Erfahrungen, die ständig aus dem ununterbrochenen Strom vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Energien für jede neue Geburt geliefert wird. Das wird für jeden neuen Schritt des Geistes rückwärts oder vorwärts oder noch in einem Kreislauf organisiert, aber immer als für einen Schritt des Wachstums im Wesen zu der ihm bestimmten Selbst-Entfaltung in der Natur.
Das führt uns zu einem anderen Element in der gewöhnlichen Auffassung von Wiedergeburt, die für uns deshalb nicht annehmbar ist, weil sie einen offensichtlichen Irrtum des physischen Mentals darstellt, – die Vorstellung von der Seele selbst, sie sei eine begrenzte Persönlichkeit, die unverändert von einer Geburt zur anderen überlebt. Diese allzu einfache und oberflächliche Vorstellung von Seele und Personalität entsteht aus der Unfähigkeit des physischen Mentals, über seine eigene, in diesem einzelnen Dasein in Erscheinung getretene Gestalt des Selbsts hinauszuschauen. Nach dessen Auffassung müsste das, was in der Wiedergeburt zurückkehrt, nicht nur das gleiche spirituelle Wesen, die gleiche seelische Wesenheit sein, sondern dieselbe Gestaltung der Natur, die den Körper der vorhergehenden Geburt bewohnt hat. Der Körper verändere sich, die Umstände seien verschieden, aber die Gestaltung des Wesens, das Mental, der Charakter, die Veranlagung, das Temperament und die Tendenzen seien dieselben: John Smith sei in seinem neuen Leben derselbe John Smith, der er bei der letzten Verkörperung seiner Seele gewesen sei. Wäre das so, dann hätte die Wiedergeburt überhaupt keinen spirituellen Nutzen und keine Bedeutung. Denn es wäre bis ans Ende der Zeit eine Wiederholung derselben unbedeutenden Persönlichkeit, der gleichen mentalen und vitalen Gestaltung. Für das Wachsen des verkörperten Wesens bis zur vollen Gestalt seiner Wirklichkeit ist nicht nur eine neue Erfahrung, sondern auch eine neue Persönlichkeit unentbehrlich. Die gleiche Persönlichkeit zu wiederholen, wäre nur dann hilfreich, wenn in der Gestalt ihrer Erfahrung etwas unvollständig geblieben wäre, das nun im gleichen Rahmen des Selbsts, in der gleichen Struktur des Mentals und mit der gleichen Begabungsform von Energie ausgearbeitet werden müsste. Normalerweise wäre das aber recht langweilig. Die Seele, die John Smith gewesen ist, kann nichts gewinnen, noch sich selbst erfüllen dadurch, dass sie für immer John Smith bleibt. Durch die ewige Wiederholung desselben Charakters, derselben Interessen, Beschäftigungen und Typen von inneren und äußeren Bewegungen kann sie nicht wachsen und keine Vervollkommnung erlangen. Unser Leben und unsere Wiedergeburt wären immer dieselbe unendliche Dezimalzahl. Es käme zu keiner Entwicklung, sondern gäbe nur die sinnlose Kontinuität ewiger Wiederholung. Dass wir an unserer gegenwärtigen Persönlichkeit hängen, verlangt eine solche Kontinuität, eine solche Wiederholung. John Smith will ewig John Smith bleiben. Dieses Verlangen ist aber offensichtlich ignorant. Würde es erfüllt, gäbe das eine Enttäuschung, keine Erfüllung. Nur durch Umwandlung unseres äußeren Selbsts, durch einen ständigen Fortschritt der Natur, durch Wachstum im Geist können wir unser Dasein rechtfertigen.
Persönlichkeit ist nur eine zeitweilige mentale, vitale und physische Gestalt, die vom Wesen, der wirklichen Person, der seelischen Entität herausgestellt wird. Sie ist nicht das Selbst in seiner bleibenden Wirklichkeit. Bei jeder Rückkehr zur Erde bildet die Person, Purusha, eine neue Gestalt. Sie stellt ein neues personales Quantum heraus, das für neue Erfahrung, für neues Wachstum seines Wesens geeignet ist. Wenn dieses seinen Körper verlässt, behält es eine Zeitlang noch dieselbe vitale und mentale Form, aber diese Formen oder Hüllen lösen sich auf. Was übrig behalten wird, sind nur die wesenhaften Elemente des vergangenen Quantums, von denen einige, aber nicht viele, in der nächsten Inkarnation verwendet werden. Die wesenhafte Form der vergangenen Persönlichkeit mag als ein Element unter vielen, als eine unter vielen Personalitäten derselben Person, übrig bleiben. Sie steht jedoch im Hintergrund, im Subliminal, hinter dem Vorhang des vordergründigen Mentals, Lebens und Körpers und leistet selbsttätig von dorther jeden notwendigen Beitrag zu der neuen Gestaltung. Diese wird aber weder selber die ganze Form sein, noch den alten Arttypus neu und unverändert aufbauen. Es kann sogar sein, dass das neue Quantum oder die neue Struktur des Wesens einen entgegengesetzten Charakter, ein ganz anderes Temperament, ganz andere Eigenschaften und Tendenzen herausstellt. Denn es können verborgen gebliebene Entwicklungsmöglichkeiten nun bereit sein, hervorzutreten. Oder etwas, das bereits, wenn auch rudimentär, wirksam war, kann im letzten Leben zurückbehalten worden sein, das ausgearbeitet werden musste, aber für eine spätere und geeignetere Kombination der Möglichkeiten der Natur aufbewahrt worden war. Zwar ist tatsächlich die ganze Vergangenheit mit ihrem beschleunigten Drängen und ihren Entwicklungsmöglichkeiten für die Gestaltung der Zukunft vorhanden. Aber nicht alles davon ist sichtbar gegenwärtig und aktiv. Je größer die Verschiedenartigkeit der Gestaltungen ist, die in der Vergangenheit existiert haben und verwendet werden können, je reicher und vielfältiger die angehäuften Strukturen der Erfahrung sind, desto besser kann in der neuen Geburt ihr wesentliches Ergebnis an Begabung mit Wissen, Macht, Handeln, Charakter und vielseitiger Reaktion auf das Universum hervorgebracht und harmonisiert werden. Je zahlreicher die verhüllten mentalen, vitalen und auch physischen Persönlichkeiten sind, die kombiniert werden, um die neue Personalität in ihrer äußeren Form zu bereichern, desto größer und vielseitiger wird diese Personalität sein. Um so näher wird sie auch an den möglichen Übergang von der vollendeten mentalen Stufe der Evolution zu dem kommen, was jenseits von ihr ist. Solch innere Fülle und solches Zusammenfassen von vielen Personalitäten in einer einzigen Person kann ein Zeichen für eine weit fortgeschrittene Stufe der Entwicklung des einzelnen Menschen sein, wenn ein starkes zentrales Wesen vorhanden ist, das alles zusammenhält und auf Harmonisierung und Einbeziehung der ganzen vielseitigen Bewegung der Natur hinwirkt. Aber wenn auch das Vergangene in so reichem Maße übernommen wird, würde das keine Wiederholung der Persönlichkeit bedeuten. Es wäre eine neue Gestaltung und umfassende Höherentwicklung. Die Wiedergeburt ist kein Mechanismus zur ständigen Erneuerung oder Verlängerung der Dauer unveränderlicher Persönlichkeit. Vielmehr ist sie ein Mittel zur Entwicklung des spirituellen Wesens in der Natur.
Zugleich wird aber auch klar, dass in diesem Wiedergeburts-Plan die falsche Bedeutung, die unser Mental der Erinnerung an vergangene Lebensabläufe beilegt, entfällt. Würde Wiedergeburt tatsächlich unter der Herrschaft eines Systems von Belohnungen und Strafen stehen und wäre es die ganze Absicht des Lebens, den verkörperten Geist zu belehren, gut und moralisch zu sein – vorausgesetzt, das wäre die Absicht im Grundprinzip des Karma und nicht das, was es in jener Darstellung zu sein scheint, nämlich ein mechanisches Gesetz von Vergütung und Vergeltung ohne jeden erzieherischen Sinn oder Zweck –, dann wäre es offensichtlich große Torheit und Ungerechtigkeit, dem Mental bei seiner neuen Inkarnation jegliche Erinnerung an seine vergangenen Geburten und Handlungen zu versagen. Denn das raubt dem wiedergeborenen Menschen jede Chance, einzusehen, warum er belohnt oder bestraft wird, oder einen Vorteil aus der Lehre von der Nützlichkeit der Tugend und der Schädlichkeit der Sünde zu ziehen, für die ihm eine Belohnung zugesichert oder ein Leiden zugefügt wird. Gerade weil das Leben oft das Gegenteil zu lehren scheint – er sieht, dass der Gute für sein Gutsein leidet, während der Bösewicht trotz seiner Bosheit Glück hat neigt er desto eher zum umgekehrten Schluss. Denn er hat nicht die Erinnerung an ein gesichertes und beständiges Ergebnis der Erfahrung, die ihm zeigen würde, dass das Leiden des guten Menschen durch seine frühere Bosheit und das Glück des Sünders durch den Glanz seiner vergangenen Tugenden verursacht war, so dass auf die Dauer Tugend die beste Lebensregel für jede vernünftige und kluge Seele wäre, die in diese Ordnung der Natur eintritt. Man könnte sagen, das seelische Wesen im Inneren hat die Erinnerungen. Ein solch verborgenes Gedächtnis würde aber offensichtlich nur eine geringe Wirkung auf das Dasein, geringen Wert nach außen haben. Man könnte auch sagen, das seelische Wesen komme zur Einsicht in das, was geschehen war, und lerne daraus seine Lehre, wenn es seine Erfahrungen überschaut und assimiliert, nachdem es den Körper verlassen hat. Aber diese Erinnerung im Zwischenzustand hilft doch nicht offensichtlich in der nächsten Geburt. Denn die meisten von uns verharren in Sünde und Irrtum. Wir liefern keine nennenswerten Zeichen dafür, dass wir aus den Lehren unserer Erfahrung Nutzen gezogen haben.
Ist aber ständige Entwicklung des Wesens durch eine sich entwickelnde kosmische Erfahrung die Bedeutung der Wiedergeburt und verwendet sie dazu die Methode, bei einer neuen Geburt eine neue Persönlichkeit aufzubauen, dann ist jede fortdauernde oder vollständige Erinnerung an das vergangene Leben oder an mehrere Lebensabläufe nur eine Kette und ein ernstes Hindernis: Sie würde zu einer Kraft, die das alte Temperament, den Charakter, die vordringlichen Interessen zeitlich verlängert, und zu einer schrecklichen Bürde, die die freie Entfaltung einer neuen Persönlichkeit und ihre Fähigkeit, neue Erfahrung zu sammeln, behindert. Hätten wir eine klare Erinnerung an die Einzelheiten unseres vergangenen Lebens, dann wären die vielen Erlebnisse von Hass und Groll, von Zuneigungen und Verbindungen auch eine schreckliche Erschwerung. Denn das würde den wiedergeborenen Menschen an eine nutzlose Wiederholung oder an eine erzwungene Fortsetzung seiner früheren äußeren Art binden. Das würde seiner Entfaltung neuer Möglichkeiten aus den Tiefen des Geistes erheblich im Wege stehen. Wäre tatsächlich ein mentales Erlernen der Dinge der Kern der Sache, und wäre das der Prozess unserer Entwicklung, der Erinnerung würde große Bedeutung zukommen. In Wirklichkeit wachsen aber Seelen-Personalität und Natur durch Angleichung an die Natur unseres Wesens und dadurch, dass wir schöpferisch wirksam die wesentlichen Ergebnisse vergangener Energien in uns aufnehmen. Bei diesem Prozess hat die bewusste Erinnerung keine besondere Bedeutung. So wie der Baum durch unterbewusste oder nichtbewusste Assimilation des Wirkens von Sonne, Regen, Wind und dadurch wächst, dass er die Erd-Elemente absorbiert, wächst auch das Wesen des Menschen, indem der Mensch subliminal oder innerlich-bewusst die Ergebnisse seines vergangenen Werdens angleicht und aufnimmt und die Entwicklungsmöglichkeiten eines zukünftigen Lebens aus sich hervorbringt. Das Gesetz, das uns der Erinnerung an vergangene Lebensläufe beraubt, ist ein Gesetz der kosmischen Weisheit und dient ihrer evolutionären Absicht, es vereitelt sie nicht.
Man hat fälschlich und sehr unwissend das Fehlen jeglicher Erinnerung an vergangene Lebensabläufe für einen Beweis gegen die Tatsache der Wiedergeburt gehalten. Wenn es aber selbst in diesem Leben schwierig ist, alle Erinnerungen an unsere Vergangenheit zu bewahren, wenn diese in den Hintergrund treten oder völlig verschwinden, wenn wir keine Erinnerung an unsere Kindheit zurückbehalten und trotz dieser Lücke in unserem Gedächtnis wachsen und existieren können, wenn das Mental dazu fähig ist, die Erinnerung an vergangene Ereignisse und an die eigene Identität völlig zu verlieren, und es dennoch der gleiche Mensch ist, der hier lebt, und wenn das verlorene Gedächtnis eines Tages wieder erlangt werden kann, – so ist evident, dass eine so radikale Umwandlung wie der Übergang in andere Welten, auf den dann eine neue Geburt in einem neuen Körper erfolgt, normalerweise die oberflächliche oder mentale Erinnerung völlig auslöschen muss. Dennoch würde das nicht die Identität der Seele oder das Wachsen der Natur zunichte machen. Dieses Auslöschen der oberflächlichen mentalen Erinnerung ist um so mehr gewiss und ganz unvermeidlich, wenn eine neue Persönlichkeit desselben Wesens und eine neue Instrumentation entstehen soll, die den Platz der alten einnimmt, ein neues Mental, ein neues Leben, ein neuer Körper: Von dem neuen Gehirn kann man nicht erwarten, dass es in sich die Bilder weiterträgt, die in dem alten enthalten waren. Vom neuen Leben oder Mental kann man nicht verlangen, sie sollen die ausgelöschten Eindrücke des alten Mentals und Lebens aufbewahren, die aufgelöst wurden und nicht mehr existieren. Zweifellos besteht das subliminale Wesen weiter, das sich erinnern kann, da es nicht unter den Unzulänglichkeiten der vordergründigen Person leidet. Das äußere Mental ist aber vom subliminalen Gedächtnis abgeschnitten, das allein eine gewisse klare Erinnerung oder einen deutlichen Eindruck vergangener Leben bewahren könnte. Diese Absonderung ist notwendig, da die neue Persönlichkeit nach außen ohne bewusste Bezugnahme auf das aufgebaut werden muss, was im Inneren ist. Wie alles Übrige am äußeren Menschen, so wird gewiss auch die vordergründige Persönlichkeit durch ein Wirken von innen geformt. Dieses Wirken wird ihr aber nicht bewusst. Sie meint, sie selbst habe diese gebildet, oder sie sei ein Fertig-Fabrikat oder durch eine schwer verständliche Aktion der universalen Natur erschaffen. Und doch bleiben manchmal bruchstückartige Erinnerungen an vergangene Geburten trotz dieser fast unüberwindlichen Hindernisse übrig. Es gibt sogar in einigen sehr seltenen Fällen im Kind-Mental eine erstaunlich genaue und vollständige Erinnerung. Schließlich tritt auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung des Menschen, sobald sein inneres Wesen das Übergewicht über das äußere gewinnt und in den Vordergrund tritt, eine Erinnerung an vergangenes Leben manchmal wie aus einer versunkenen Schicht hervor. Das geschieht aber eher in der Gestalt einer Wahrnehmung der Substanz und Macht vergangener Personalitäten, die stark in der Zusammensetzung des gegenwärtigen Menschen wirksam sind, nicht in einer präzisen oder genauen Einzelheit von Ereignis und Umständen. Doch kann auch diese teilweise zurückkehren oder durch Konzentration aus der subliminalen Schau, aus einem verborgenen Gedächtnis oder unserer inneren Bewusstheits-Substanz hervorgeholt werden. Die Erinnerung an Einzelheiten ist aber für die Natur in ihrem normalen Wirken von geringerer Bedeutung; sie trifft dafür auch nur eine geringe oder gar keine Vorsorge. Ihr Hauptinteresse ist auf die Gestaltung der künftigen Entwicklung des menschlichen Wesens gerichtet. Die Vergangenheit wird zurückgestellt, hinter dem Vorhang behalten und nur als der geheime Ursprung von Materialien für die Gegenwart und für die Zukunft verwendet.
Wenn wir diese Auffassung von Person und Persönlichkeit anerkennen, müssen wir auch unsere geltenden Vorstellungen über die Unsterblichkeit der Seele ändern. Denn normalerweise meinen wir, wenn wir ein Sein der Seele, das nicht sterben kann, behaupten, es überlebe den Tod eine endgültige unveränderliche Persönlichkeit, die war und immer, in alle Ewigkeit, dieselbe bleiben wird. Für dieses sehr unvollkommene vordergründige „Ich“ des Augenblicks, das von der Natur offensichtlich nur als eine zeitweilige Gestalt geschaffen und nicht der dauernden Erhaltung für wert erachtet wird, verlangen wir jenes ungeheure Recht auf Überleben und Unsterblichkeit. Das aber ist eine maßlose unerfüllbare Forderung. Das „Ich“ des Augenblicks kann nur dann sein Überleben verdienen, wenn es seiner Umwandlung zustimmt; wenn es nicht länger es selbst sein will, sondern etwas anderes, Größeres, Besseres, im Wissen Erleuchteteres, stärker geprägt zum Ebenbild der ewigen inneren Schönheit und immer weiter fortschreitend zur Göttlichkeit des verborgenen Geistes. Dieser verborgene Geist, die Göttlichkeit des Selbsts in uns, ist unzerstörbar, da ungeboren und ewig. Die seelische Wesenheit in unserem Inneren, Stellvertreter des Selbsts, das spirituelle Individuum in uns, ist die Person, die wir wirklich sind. Das „Ich“ dieses Augenblicks aber, das „Ich“ des Lebens, ist nur eine Gestalt, eine zeitweilige Personalität dieser inneren Person: Sie ist Stufe unter den zahlreichen Stufen unserer evolutionären Umwandlung. Sie dient ihrem wahren Zweck nur, wenn wir über sie hinaus zu einer weiteren Stufe emporsteigen, die uns zu einem höheren Grad von Bewusstsein und Wesen führt. Diese innere Person überlebt den Tod, wie sie auch schon vor der Geburt existiert. Denn dieses ständige Überleben überträgt die Ewigkeit unseres zeitlosen Geistes in die Begriffe der Zeit.
Unser normales Verlangen nach Überleben fordert ein ähnliches Überleben für unser Mental, für unser Leben, sogar für unseren Körper. Das Dogma von der Auferstehung des Leibes ist ein Beweis für letzteres Verlangen, – ebenso wie es auch die Wurzel eines uralten Bemühens des Menschen war, das Elixier der Unsterblichkeit oder irgendwelche magischen, alchimistischen oder wissenschaftlichen Mittel zu entdecken, um physisch den Tod des Körpers zu überwinden. Dieses Streben könnte aber nur dann Erfolg haben, wenn es dem Mental, dem Leben oder dem Körper gelingen würde, etwas von der Unsterblichkeit und Göttlichkeit des innewohnenden Geistes anzuziehen. Es gibt gewisse Umstände, unter denen die äußere mentale Persönlichkeit, die den inneren mentalen Purusha repräsentiert, überleben könnte. Zum Beispiel wenn unser mentales Wesen an seiner Außenseite so machtvoll individualisiert, so sehr mit dem inneren Mental und dem inneren mentalen Purusha geeint wäre und sich zugleich so sehr für das progressive Wirken des Unendlichen öffnen würde, dass die Seele die alte Form des Mentals nicht mehr auflösen und für ihren Fortschritt eine neue erschaffen müsste. Eine ähnliche Individualisierung, Einbeziehung und Offenheit des vitalen Wesens an seiner Außenseite allein würde ein ähnliches Überleben des Lebens-Teils in uns, der äußeren vitalen Persönlichkeit ermöglichen, die das innere Lebens-Wesen, den vitalen Purusha, repräsentiert. Was wirklich dadurch geschehen würde? Die Mauer zwischen dem inneren Selbst und dem äußeren Menschen würde niedergerissen. Dann könnte von innen her das ständige mentale und vitale Wesen, die mentalen und vitalen Repräsentanten der unsterblichen seelischen Wesenheit, das Leben beherrschen. Unsere Mental-Natur und unsere Lebens-Natur könnten ständig und fortschreitend unsere Seele zum Ausdruck bringen. Sie wären dann nicht mehr nur Verbindungsglied für die aufeinanderfolgenden Gestalten der Seele, die nur in ihrem Wesen erhalten bliebe. Dann könnten unsere Mental- und Vital-Personalitäten ohne Auflösung von Geburt zu Geburt bestehen bleiben. In diesem Sinne wären sie unsterblich, ständig überlebend, kontinuierlich im Gefühl ihrer Identität. Das wäre offensichtlich ein ungeheurer Sieg von Seele, Mental und Leben über die Nichtbewusstheit und die Begrenzungen der materiellen Natur.
Ein solches Überleben könnte aber nur im subtilen Körper fortdauern. Das menschliche Wesen müsste noch weiter seine physische Gestalt ablegen, hinübergehen in andere Welten und bei seiner Rückkehr einen neuen Körper anlegen. Der erwachte mentale Purusha und der vitale Purusha, die die mentale Hülle und die Lebens-Hülle des subtilen Körpers, die gewöhnlich abgelegt werden, bewahren, würden mit ihnen in eine neue Geburt zurückkehren. Sie würden das lebhafte und andauernde Empfinden eines beständigen Wesens von Mental und Leben bewahren, das in der Vergangenheit aufgebaut wurde und in Gegenwart und Zukunft fortdauert. Aber die Grundlage des physischen Daseins, der materielle Körper, könnte auch bei dieser Wandlung nicht bewahrt bleiben. Das physische Wesen kann nur fortbestehen, wenn durch irgendwelche Mittel die physischen Ursachen von Verwesung und Verfall überwunden werden könnten1 und es zugleich in seiner Struktur und seinen Funktionsweisen so formbar und fortschrittlich gemacht werden könnte, dass es auf jede Umwandlung reagiert, die von ihm verlangt wird, damit die innere Person sich weiterentwickeln kann. Der Körper muss Schritt halten können mit der Seele, wenn sie eine das Selbst ausdrückende Persönlichkeit gestaltet, sowohl bei ihrem langen Bemühen, eine verborgene spirituelle Divinität zu entfalten, wie auch bei der langsamen Umwandlung des Mentals in das göttliche Mental oder das spirituelle Sein. Diese höchste Vollendung einer dreifachen Unsterblichkeit – der Natur, die die wesenhafte Unsterblichkeit des Geistes und das seelische Überleben des Todes zur Vollendung bringt – würde die Krönung der Wiedergeburt sein. Sie wäre ein Zeichen von höchster Bedeutung dafür, dass die materielle Nichtbewusstheit und die Unwissenheit gerade in ihrem wirklichen Fundament, in der Herrschaft der Materie überwunden sind. Die wahre Unsterblichkeit wäre aber immer noch die Ewigkeit des Geistes. Das physische Überleben könnte nur relativ sein, willkürlich begrenzbar, ein vorübergehendes Zeichen hier auf Erden für den Sieg des Geistes über Tod und Materie.
1 Selbst wenn die Wissenschaft – Naturwissenschaft oder okkulte Wissenschaft – die notwendigen Voraussetzungen oder Mittel für ein unbegrenztes Überleben des Körpers entdeckte, würde die Seele einen Weg finden, den Körper aufzugeben und zu einer neuen Inkarnation weiterzugehen, wenn der Körper sich nicht so anpassen könnte, dass er zum tauglichen Instrument würde, um das innere Wachsen der Seele auszudrücken. Die materiellen oder physischen Ursachen des Todes sind nicht dessen einzige oder wahre Ursache. Sein wahrer innerster Grund ist die spirituelle Notwendigkeit der Entwicklung eines neuen Wesens.
Kapitel 4
Der Mensch und die Evolution
Worte Sri Aurobindos
Eine spirituelle Evolution, eine Evolution des Bewusstseins in der Materie in einer ständigen, sich entfaltenden Selbst-Gestaltung, bis die Form den innewohnenden Geist offenbaren kann, ist also der Grundton, das zentrale bedeutungsvolle Motiv der irdischen Existenz. Diese Bedeutung wird zu Beginn durch die Involution des Geistes, der Göttlichen Wirklichkeit, in eine dichte materielle Nichtbewusstheit verborgen; ein Schleier von Nichtbewusstheit, ein Schleier von Empfindungslosigkeit der Materie verbirgt die universale Bewusstseins-Kraft, die im Inneren wirkt, so dass die Energie, die erste Form, die die Kraft der Schöpfung im physischen Universum annimmt, selbst unbewusst zu sein scheint und dennoch die Werke einer umfassenden verborgenen Intelligenz tut. Die dunkle geheimnisvolle Schöpferin entbindet schließlich das verborgene Bewusstsein aus seinem dichten, finsteren Gefängnis; sie bringt es aber nur langsam hervor, nur wenig auf einmal, in unendlich kleinen Tropfen, in dünnen Strahlen, in kleinen vibrierenden Gebilden von Energie und Stoff, von Leben, von Mental, als sei das alles, was sie durch den enormen Widerstand und das dumpfe widerspenstige Medium eines unbewussten Stoffes des Daseins hindurchzwingen könnte. Sie nimmt ihre Wohnung zuerst in scheinbar völlig unbewussten Gestaltungen von Materie, ringt sich dann durch zu einer Mentalität innerhalb der Dunkelheit von lebender Materie und erlangt diese schließlich unvollkommen im bewussten Tier. Dieses Bewusstsein ist zuerst rudimentär, zumeist ein Halb-Bewusstsein oder nur ein bewusster Instinkt. Es entwickelt sich langsam weiter, bis es in besser durchorganisierten Formen von lebender Materie seine nächste Stufe von Intelligenz erreicht und im Menschen, dem denkenden Tierwesen, über sich hinauskommt und sich in das vernunftbegabte mentale Wesen entwickelt. Der mentale Mensch trägt aber, selbst auf seiner höchsten Stufe, noch die Prägung der ursprünglichen Tiernatur an sich, den Ballast des Unterbewussten des Körpers, die zur ursprünglichen Trägheit und Nichtbewusstheit niederziehende Schwerkraft, die Herrschaft einer unbewussten materiellen Natur über seine bewusste Entwicklung, deren Macht zur Begrenzung, ihr Gesetz einer schwierigen Entwicklung und ihre ungeheure Kraft, jeden Fortschritt zu verzögern und zu vereiteln. Diese Herrschaft der ursprünglichen Nichtbewusstheit über das aus ihr hervortretende Bewusstsein nimmt die allgemeine Form einer Mentalität an, die um Wissen ringt, aber selbst Unwissenheit ist in dem, was ihre fundamentale Art zu sein scheint. Trotz dieser Gehemmtheit und Belastung muss der mentale Mensch aus sich heraus das voll bewusste Wesen entwickeln, ein göttliches Menschsein oder ein spirituelles oder supramentales Übermenschentum, das das nächste Erzeugnis der Evolution sein soll. Dieser Übergang wird das Voranschreiten aus der Evolution in der Unwissenheit zu einer größeren Evolution im Wissen kennzeichnen, begründet und fortschreitend im Licht des Überbewussten und nicht mehr in der Finsternis der Unwissenheit und Nichtbewusstheit.
Dieses irdische evolutionäre Wirken der Natur von der Materie zum Mental und über dieses hinaus nimmt einen doppelten Verlauf: Es gibt einen äußerlich sichtbaren Prozess der physischen Evolution mit der Geburt als Mechanismus – denn durch die Vererbung wird jede entwickelte Körperform, die ihre eigene entfaltete Bewusstseins-Macht in sich birgt, ständig im Dasein erhalten. Zugleich gibt es aber auch einen unsichtbaren Prozess von Seelen-Evolution mit dem Mechanismus der Wiedergeburt in aufsteigenden Stufen von Gestalt und Bewusstsein. Der erste Vorgang würde an sich nur eine kosmische Evolution bedeuten; denn der Einzelne wäre nur ein rasch zugrunde gehendes Werkzeug, und die Rasse als dauerhafte kollektive Formulierung wäre der wirkliche Schritt in der fortschreitenden Manifestation des kosmischen Einwohners, des universalen Geistes: Wiedergeburt ist eine unentbehrliche Voraussetzung für jegliche Dauer und Entwicklung des individuellen Wesens im Erden-Dasein. Jede Stufe der kosmischen Manifestation, jeder Gestalt-Typus, der den innewohnenden Geist beherbergen kann, wird durch die Wiedergeburt für die individuelle Seele, das seelische Wesen, zu einem Mittel, immer mehr von dem in ihm verborgenen Bewusstsein zu offenbaren. Jedes einzelne Leben wird zu einer Stufe für den Sieg über die Materie durch ein mächtigeres fortschreitendes Sich-Entfalten von Bewusstsein in ihm, wodurch schließlich die Materie selbst zu einem Mittel für die völlige Offenbarung des Geistes wird.
Diese Darstellung von Verlauf und Bedeutung der irdischen Schöpfung ist aber allseits einem Widerspruch im Mental des Menschen selbst ausgesetzt, denn die Evolution hat erst die Hälfte ihres Weges zurückgelegt. Sie verläuft noch in der Unwissenheit und sucht im Mental eines erst halb-entwickelten Menschseins nach ihrem eigenen Sinn und Zweck. Man kann die Theorie der Evolution mit der Begründung infrage stellen, sie sei ungenügend unterbaut und als Erklärung des Verlaufs des irdischen Daseins überflüssig. Selbst wenn man die Evolution zugebe, könne man bezweifeln, ob der Mensch die Fähigkeit habe, sich in ein höheres evolutionäres Wesen zu entwickeln. Ebenso sei zweifelhaft, ob die Entwicklung noch über das hinausgehe, was sie bisher erreicht hat, ob eine supramentale Entwicklung, das Erscheinen höchsten Wahrheits-Bewusstseins, eines Wesens von Wissen in der zugrunde liegenden Unwissenheit der irdischen Natur, überhaupt wahrscheinlich ist. Man könne das Wirken des Geistes in der Offenbarung hier auf Erden auch durch eine andere weder teleologische noch evolutionäre Theorie erklären. Bevor wir weitergehen, mag es darum zweckmäßig sein, in Kürze jene Denklinie genau darzustellen, die eine solche Konstruktion möglich macht.
Man gibt zu, die Schöpfung sei eine Manifestation des Zeitlos-Ewigen in der Zeit-Ewigkeit; es gebe die sieben Stufen des Bewusstseins und die materielle Nichtbewusstheit sei dem Wiederaufstieg des Geistes zugrunde gelegt; die Wiedergeburt sei eine Tatsache, ein Teil der irdischen Ordnung. Dennoch sei die spirituelle Evolution des individuellen Wesens nicht unausweichlich Folge aus einem oder allen diesen Zugeständnissen. Eine andere Betrachtung der spirituellen Bedeutung und des inneren Prozesses des irdischen Daseins sei möglich. Wenn jedes Geschöpf eine Gestalt der manifestierten Göttlichen Existenz sei, sei jedes durch die spirituelle Gegenwart in seinem Inneren an sich göttlich, gleich welches seine Erscheinung, seine Gestalt oder sein Charakter in der Natur ist. An jeder Form der Manifestation finde das Göttliche seine Seins-Seligkeit; es bestehe in ihr keine Notwendigkeit zur Wandlung oder zur Weiterentwicklung. Für alles, was die Natur des Unendlichen Wesens an geordneter Entfaltung oder Hierarchie verwirklichter Möglichkeiten brauche, sei ausreichend durch die unermessliche Mannigfaltigkeit, die wimmelnde Menge der Formen, Bewusstseins-Typen und Naturen gesorgt, die wir überall um uns sehen. Es gebe keine zielstrebende Absicht in der Schöpfung und könne sie auch nicht geben, da in dem Unendlichen alles vorhanden ist: Für das Göttliche existiere nichts, was es gewinnen müsse, nichts, das es nicht habe. Gibt es eine Schöpfung und Offenbarung, so allein um der Wonne an der Schöpfung, an der Manifestation willen, sonst zu keinem anderen Zweck. Es gebe also keinen Grund für eine evolutionäre Bewegung, um einen höchsten Gipfel zu erreichen, ein Ziel auszuarbeiten und zu bewirken, oder einen Drang nach einer letzten Vollkommenheit.
Tatsächlich sehen wir wohl, dass die Prinzipien der Schöpfung dieselben bleiben und sich nicht verändern. Jede Art des Seienden bleibt sie selbst, versucht nicht – und muss das nicht –, etwas anderes zu werden, als sie selbst ist. Zugegeben, einige Arten des Daseins verschwinden, andere entstehen neu. Das geschehe aber, weil die Bewusstseins-Kraft im Universum denen, die zugrunde gehen, ihre Lebensfreude entzieht und sich zu ihrem Vergnügen der Erschaffung anderer zuwendet. Jeder Typus des Lebens besitze aber, solange er besteht, seine eigene Struktur und bleibe trotz geringer Abwandlungen diesem Muster treu. Er sei an sein eigenes Bewusstsein gebunden, könne ihm nicht in ein anderes Bewusstsein entkommen. Er sei durch seine eigene Natur begrenzt, könne diese Schranken nicht überschreiten und in eine andersartige Natur übergehen. Wenn die Bewusstseins-Kraft des Unendlichen das Leben offenbarte, nachdem sie die Materie manifestiert hatte, und das Mental nach dem Leben, so folge daraus nicht, dass sie als nächsten Schritt irdischer Schöpfung weitergehe, um das Supramental zu manifestieren. Denn Mental und Supramental gehörten zu ganz verschiedenen Hemisphären, das Mental zum niederen Zustand der Unwissenheit, das Supramental zum höheren Zustand des Göttlichen Wissens. Diese Welt sei eine Welt der Unwissenheit und nur als solche beabsichtigt. Es müsse keine Absicht bestehen, die Mächte der höheren Hemisphäre in die niedere Daseins-Hälfte herabzubringen oder ihre verborgene Gegenwart hier zu offenbaren. Denn wenn diese überhaupt hier vorhanden seien, dann nur in verborgener Immanenz ohne Kommunikation, nur zu dem Zweck, die Schöpfung aufrecht zu erhalten, nicht aber sie zu vervollkommnen. Der Mensch sei der Gipfel der unwissenden Schöpfung. Er habe das Äußerste an Bewusstsein und Wissen erreicht, dessen er fähig sei. Wenn er darüber hinauszugehen versuche, werde er sich nur in umfassenderen Kreisen seiner eigenen Mentalität bewegen. Denn das sei die Kurve seines Daseins hier, eine endliche Kreisbewegung, die das Mental in ihren Umdrehungen fortträgt, um es wieder zu seinem Ausgangspunkt zurückzubringen. Das Mental könne nicht aus seinem eigenen Zyklus ausbrechen – jede Vorstellung von einer geraden Bewegungslinie oder einem Fortschritt, der vertikal oder horizontal ins Unendliche strebt, sei eine Selbst-Täuschung. Wolle die Seele über das Menschsein hinausgehen, um einen supramentalen oder einen noch höheren Zustand zu erlangen, müsse sie aus diesem kosmischen Dasein entweder in eine Welt oder Sphäre der Seligkeit und des Wissens oder in das ungeoffenbarte Ewige und Unendliche ausscheiden.
Es ist wahr, dass die Wissenschaft jetzt ein evolutionäres irdisches Dasein behauptet. Wenn auch die Tatsachen, mit denen die Wissenschaft umgeht, verlässlich sind, so sind doch die Verallgemeinerungen, die sie wagt, kurzlebig. Einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte hält sie an diesen fest. Dann geht sie zu einer anderen Verallgemeinerung, zu einer anderen Theorie von den Dingen über. Das geschieht sogar in der Physik, wo die Tatsachen zuverlässig gesichert und durch das Experiment nachprüfbar sind: In der Psychologie – die hier besonders wichtig ist, denn es handelt sich um die Evolution des Bewusstseins – ist die Instabilität noch größer. Man geht von der einen Theorie zur anderen über, bevor die erste schon gut begründet ist. Es behaupten sich sogar mehrere einander widersprechende Theorien gleichzeitig. Auf diesem Flugsand kann kein gesichertes metaphysisches Gebäude errichtet werden. Die Vererbung, auf der die Wissenschaft ihre Auffassung von der Evolution des Lebens errichtet, ist gewiss eine Macht, ein Mechanismus, um die Art oder die Gattung in unveränderlichem Wesen zu erhalten: Der Hinweis, Vererbung sei auch ein Instrument beständig fortschreitender Variation, ist fragwürdig. Ihre Tendenz ist eher konservativ als evolutionär. Es scheint, sie könne nur unter Schwierigkeiten einen neuen Charakter annehmen, den die Lebens-Kraft ihr aufzuzwingen versucht. Alle Tatsachen zeigen, dass ein Typus innerhalb seiner spezifischen Natur-Gestalt variieren kann. Es ist noch nicht wirklich bewiesen, dass sich die Affenart in den Menschen entwickelte. Hier sehe es so aus, als ob ein dem Affen ähnlicher Typus, der aber immer für sich selbst, nicht für die Affenart charakteristisch war, sich innerhalb der Tendenzen seiner eigenen Natur entwickelt habe und zu dem geworden sei, was wir als Mensch kennen, zum gegenwärtigen menschlichen Wesen. Es ist nicht einmal bewiesen, dass niedere Menschenrassen aus sich die höheren Rassen entwickelt haben. Solche von niederer Organisation und Fähigkeit gingen zugrunde. Man hat aber noch keine Anzeichen dafür, dass sie die heutigen menschlichen Rassen als ihre Nachkommen hinterließen. Dennoch wäre eine solche Entwicklung innerhalb des Typus vorstellbar. Der Fortschritt der Natur von der Materie zum Leben und vom Leben zum Mental mag zugegeben werden. Es gibt aber noch keinen Beweis dafür, dass sich Materie in Leben oder Lebens-Energie in Mental-Energie entwickelte. Allein das könne man zugeben, dass sich Leben in der Materie und Mental in lebender Materie manifestiert hat. Denn es gibt keinen ausreichenden Beweis dafür, dass sich eine Pflanzengattung in ein Tierdasein oder eine Organisation unbelebter Materie in einen lebenden Organismus entwickelt habe. Selbst wenn man später einmal entdecken sollte, dass unter gewissen chemischen oder anderen Voraussetzungen Leben auftritt, wird durch dieses Zusammentreffen nur bewiesen, dass sich unter gewissen physischen Umständen Leben offenbart. Dagegen ist nicht bewiesen, dass gewisse chemische Bedingungen die das Leben aufbauenden Faktoren, seine Elemente oder die evolutionäre Ursache für eine Transformation von unbelebter in belebte Materie sind. Hier existiere, wie überall, jede Stufe des Seienden in sich selbst und durch sich selbst. Sie werde im Einklang mit ihrem Charakter durch die eigene spezifische Energie manifestiert. Die Stufenfolgen über ihr und unter ihr seien weder ihre Ursprünge noch resultierende Folgeerscheinungen, vielmehr Grade der ununterbrochenen Skala der Erden-Natur.
Fragt man, wie all diese verschiedenen Stufen und Typen des Seienden ins Dasein getreten sind, so kann man antworten, sie seien von der Bewusstseins-Kraft in der Materie als ihrer Grundlage durch die Macht der Real-Idee manifestiert worden, die ihre eigenen bedeutungsvollen Formen und Typen für das kosmische Dasein des innewohnenden Geistes gestaltete: In verschiedenen Graden oder Stufen mag die praktische oder physische Methode beträchtliche Unterschiede aufweisen, obwohl eine grundlegende Ähnlichkeit erkennbar sein kann. Die schöpferische Macht mag nicht nur ein, sondern viele Verfahren anwenden, viele Kräfte im Zusammenwirken einsetzen. In der Materie besteht der Prozess in der Erschaffung unendlich kleiner Teilchen, die mit ungeheurer Energie geladen sind. Sie schließen sich nach Plan und Zahl zusammen. Auf dieser ursprünglichen Basis manifestieren sich umfassendere Kleinstkörper. Diese gruppieren sich und schließen sich zusammen, um wahrnehmbare Objekte, Erde, Wasser, Mineralien, Metalle, das ganze Reich der Materie zu bilden. Auch beim Leben fängt die Bewusstseins-Kraft mit unendlich winzigen Formen pflanzlichen Lebens und kleinster Tierwesen an. Sie erschafft ein ursprüngliches Plasma und vervielfältigt dieses. Sie bildet die lebendige Zelle als eine Einheit und andere Arten eines winzigen biologischen Organismus wie Samen oder Gene. Sie verwendet immer dieselbe Methode, zu gruppieren und zusammenzuschließen, um so durch verschiedenartige Verfahren verschiedene lebende Organismen hervorzubringen. Eine ständige Erschaffung von Arten wird sichtbar; das ist aber noch kein zweifelsfreier Beweis für Evolution. Die Arten sind manchmal sehr verschieden. Manchmal sind sie einander nahe und ähnlich, manchmal in der Grundstruktur identisch, aber in Einzelheiten unterschiedlich. Alle haben ihr eigenes Muster. Solch ein Unterschied in den Modellen bei identischer, ursprünglicher, einfacher Grundlage ist das Zeichen dafür, dass eine bewusste Kraft mit ihrer eigenen Idee spielt und dadurch alle Möglichkeiten der Schöpfung entfaltet. Eine ins Dasein gerufene Tierart mag mit einer gleichartigen rudimentären embryonischen oder fundamentalen Grundstruktur, die für alle gilt, anfangen. Bis zu einer gewissen Stufe mag sie Ähnlichkeiten der Entwicklung auf einer oder all ihren Entfaltungslinien befolgen. Es mag auch Arten geben, die eine zweifache, etwa die amphibische, Natur haben, Zwischenglieder zwischen dem einen und einem anderen Typus: Das brauche aber nicht zu bedeuten, dass sich die Arten auseinander, in einer evolutionären Reihe entwickelt haben. Andere Kräfte als jene hereditärer Veränderung mögen am Werk gewesen sein und das Hervortreten neuer charakteristischer Eigenschaften bewirken. Es gibt physische Kräfte wie Nahrung, Lichtstrahlen und andere, die wir erst allmählich kennenlernen. Gewiss gibt es noch weitere, von denen wir noch nichts wissen. Es sind unsichtbare Lebens-Kräfte und dunkle psychische Kräfte am Werk. Diese subtileren Mächte müssen sogar von der physischen Entwicklungstheorie anerkannt werden, um die natürliche Zuchtwahl zu erklären. Wenn die geheime oder unterbewusste Energie in manchen Arten auf das Bedürfnis der Umgebung reagiert, in anderen keine Reaktion hervorbringt und diese nicht überleben lässt, ist das ein deutliches Zeichen für eine variierende Lebens-Energie und -Psychologie, für ein Bewusstsein und eine Kraft, die anders ist als das physische Wirken, das die Variation in der Natur hervorruft. Das Problem der Verfahrensmethode hat noch zu viele dunkle und unbekannte Faktoren, als dass irgendeines der jetzt möglichen Theorie-Gebäude endgültig sein könnte.
In der Manifestation innerhalb der Materie sei der Mensch ein Typus unter vielen ebenso konstruierten Arten, Modell in einer Menge von Modellen. Er sei die am meisten komplexe unter den erschaffenen Arten, besitze den reichsten Bewusstseinsinhalt, die teilnahmsvollste Genialität seiner Struktur. Er sei das Haupt der irdischen Schöpfung, aber er rage nicht über sie hinaus. Genauso wie die anderen habe auch er sein eigenes, ihm eingeborenes Gesetz, seine Begrenzungen, seine besondere Daseins-Weise, svabhava, svadharma. Innerhalb dieser Grenzen könne er sich ausweiten und entwickeln; er könne sie aber nicht überschreiten. Gebe es eine Vollkommenheit, die er zu erlangen habe, so müsse dies eine Vollkommenheit innerhalb seiner Art, seines eigenen Daseins-Gesetzes sein: dessen volles Kräfte-Spiel, freilich unter Beachtung von dessen Art und Maß, nicht im Transzendieren. Das eigene Maß zu überschreiten, in den Übermenschen emporzuwachsen, sich die Natur und Fähigkeiten eines Gottes anzueignen, wäre ein Widerspruch gegen sein Selbst-Gesetz, praktisch nicht durchführbar. Jede Gestaltung und Wesensart habe ihre eigene besondere Weise von Seins-Seligkeit. Mit Recht sei es Ziel des Menschen, des mentalen Wesens, durch das Mental so viel Herrschaft über seine Umgebung, so guten Gebrauch und Genuss von ihr zu suchen, wie er nur könne. Darüber hinauszuschauen, einem höheren Zweck und Ziel des Daseins nachzujagen, danach zu streben, über die mentale Größe hinauszukommen, bedeutet jedoch die Anerkennung eines teleologischen Elements im Dasein, das in der kosmischen Struktur nicht erkennbar sei. Wenn in der irdischen Schöpfung ein supramentales Wesen erscheinen solle, müsse das eine neue, unabhängige Manifestation sein. Genauso wie sich Leben und Mental in der Materie offenbart haben, müsse sich dort auch das Supramental offenbaren. Die verborgene Bewusste Energie müsse die notwendigen Modelle für diesen neuen Grad ihrer Machtmöglichkeiten erschaffen. Es gebe aber in den Verfahrensweisen der Natur kein Zeichen dafür, dass sie so etwas beabsichtigt.
Sei aber eine höhere Schöpfung beabsichtigt, dann könne dieser neue Entwicklungsgrad, dieser Typus oder dieses Modell sich nicht aus dem Menschen entwickeln. In diesem Fall müsste schon eine gewisse Rasse, eine Art oder Gestaltung menschlicher Wesen vorhanden sein, die bereits das Material zum Übermenschen in sich trage, genauso wie das besondere Tierwesen, das sich zum Menschsein entwickelte, schon die wesentlichen Elemente der menschlichen Natur potentiell oder aktuell besessen habe. Eine solche Rasse und Art, einen solchen Typus von Mensch gibt es aber nicht. Bestenfalls gebe es nur spiritualisierte mentale Wesen, die der irdischen Schöpfung zu entfliehen suchten. Wenn aufgrund eines okkulten Gesetzes der Natur solch eine menschliche Entfaltung des supramentalen Wesens beabsichtigt sei, könne das nur von einigen wenigen innerhalb der Menschheit unternommen werden, die sich aus der Rasse herauslösen, um erste Grundlegung für dieses neue Modell menschlichen Wesens zu werden. Es gebe aber keinen Grund für die Annahme, dass sich die ganze Rasse zu dieser Vollkommenheit entwickeln kann. Das könne keine für das menschliche Geschöpf allgemein gültige Möglichkeit sein.
Habe sich der Mensch tatsächlich in der Natur aus dem Tier entwickelt, so zeige, soweit wir sehen können, doch jetzt keine andere Tier-Art Anzeichen für eine Entwicklung über sich hinaus. Sollte es also im Tierreich einen solchen evolutionären Drang gegeben haben, so müsse er völlig zur Ruhe gekommen sein, sobald dieses Ziel durch das Erscheinen des Menschen erreicht war. Bestehe solch ein Drang nach einem neuen Schritt in der Evolution, dass der Mensch über sich selbst hinauskommen muss, dann würde dieser wahrscheinlich wieder in den Ruhezustand zurücksinken, sobald sein Ziel durch das Erscheinen des suprarationalen Wesens erfüllt ist. In Wirklichkeit gebe es aber keinen solchen Drang. Selbst die Vorstellung von einer Fortentwicklung des Menschen sei sehr wahrscheinlich eine Illusion. Gebe es doch kein Anzeichen dafür, dass der Mensch, nachdem er einmal aus der Tierstufe hervorgetreten ist, sich im Verlauf der Geschichte seiner Rasse radikal verändert hat. Er sei höchstens in der Erkenntnis der physischen Welt, in der Wissenschaft, in der Handhabung seiner Umgebung und der Anwendung der verborgenen Gesetze der Natur rein äußerlich und utilitaristisch fortgeschritten. Im Übrigen sei er derselbe geblieben, der er zu den frühesten Anfängen der Zivilisation war. Er offenbare weiter dieselben Fähigkeiten, die gleichen Eigenschaften und Mängel, die gleichen Bemühungen und Irrwege, Erfolge und Enttäuschungen. Wenn es einen Fortschritt gegeben habe, dann in einem Kreislauf, höchstens in einem sich stetig erweiternden Kreis. Der Mensch von heute sei nicht weiser als die alten Seher, Philosophen und Denker. Er sei nicht spiritueller als die großen Suchenden des Altertums, die ersten mächtigen Mystiker. Er sei auch in Kunst und Handwerk den Künstlern und Handwerkern von ehedem nicht überlegen. Die alten, jetzt verschwundenen Rassen zeigten eine ebenso gestaltungskräftige ursprüngliche Originalität, Erfindungsgabe und Begabung im Umgang mit dem Leben. Wenn der moderne Mensch in dieser Beziehung nicht durch wesentlichen Fortschritt, sondern nur an Grad, Horizont und Fülle ein wenig weitergekommen sei, so deshalb, weil er die Errungenschaften seiner Vorläufer ererbt habe. Nichts rechtfertige aber die Vorstellung, er werde sich jemals seinen Weg aus dem Halb-Wissen und der Halb-Unwissenheit heraus bahnen können, die das Gepräge seiner Art ist, oder dass er, auch wenn er eine höhere Erkenntnis entwickelt, je die äußerste Grenze des mentalen Kreises überschreiten könne.
Es sei wohl verlockend und nicht unlogisch, Wiedergeburt als potentielles Mittel einer spirituellen Entwicklung anzusehen, als den Faktor, der sie möglich macht. Vorausgesetzt, Wiedergeburt sei eine Tatsache, so sei es doch nicht sicher, dass das ihre Bedeutung ist. Alle alten Reinkarnations-Theorien nahmen an, es gebe eine ständige Wanderung der Seele vom Tier zum Menschen, aber auch aus den Menschenkörpern in Tierkörper. Das indische Denken fügte die Erklärung durch das Karma hinzu, eine Vergeltung für gutes oder böses Tun, die Frucht vergangenen Wollens und Bemühens. Es gab aber keinen Hinweis auf eine fortschreitende Entwicklung aus der einen in eine höhere Art, noch weniger auf eine Geburt in eine andere Art des Wesens, das noch niemals existierte, sondern sich erst in der Zukunft entwickeln sollte. Gebe es eine Evolution, dann sei der Mensch deren letzte Stufe, weil durch ihn die Ablehnung des irdischen oder verkörperten Lebens und eine Flucht in einen Himmel oder in das möglich sei. Das war das Ziel, das die alten Theorien im Auge hatten. Da unsere Welt hier fundamental und unabänderlich eine Welt der Unwissenheit sei – wenn auch nicht alles kosmische Dasein seiner Natur nach ein Zustand von Unwissenheit ist –, sei diese Flucht wahrscheinlich das wahre Ziel des Zyklus.
Diese Reihe von Schlussfolgerungen besitzt eine beträchtliche Überzeugungskraft und Bedeutung. Darum war es notwendig, sie, wenn auch nur kurz, darzustellen, um sich mit ihr auseinanderzusetzen. Denn wenn auch einige ihrer Voraussetzungen gültig sind, so ist doch ihre Betrachtung der Dinge nicht vollständig, und ihre Schlussfolgerungen sind nicht zwingend. Zuerst können wir ohne große Schwierigkeiten den Einwand gegen das teleologische Element ausschalten, das in die Struktur des irdischen Daseins eine vorausbestimmte Evolution aus der Nichtbewusstheit zur Überbewusstheit anerkennt, die Entwicklung einer aufsteigenden Ordnung von Wesen mit einem Übergang auf der höchsten Höhe aus dem Leben in der Unwissenheit zu einem Leben im Wissen. Der Einwand gegen einen teleologisch bestimmten Kosmos kann sich auf zwei Gründe stützen: auf eine wissenschaftliche Beweisführung, die von der Annahme ausgeht, alles sei das Werk einer unbewussten Energie, die automatisch durch mechanische Prozesse wirkt und in sich kein Element von Zweck und Ziel enthalten könne, und auf die metaphysische Beweisführung, die von der Auffassung ausgeht, das Unendliche und Universale besitze bereits alles Einzelne in sich. Es könne nichts Unvollendetes haben, das es erst zur Vollendung bringen muss, nichts, was es sich hinzufügen, ausarbeiten, verwirklichen soll. Es könne deshalb in ihm auch kein Element von Fortschritt, kein ursprüngliches oder hervortretendes Ziel geben.
Die Geltung des wissenschaftlichen oder materialistischen Einwandes kann nicht aufrechterhalten werden, wenn es in oder hinter der scheinbar unbewussten Energie in der Materie ein verborgenes Bewusstsein gibt. Selbst im Nichtbewussten scheint zumindest der Drang einer innewohnenden Notwendigkeit zu bestehen, die Entwicklung von Formen und in den Formen ein sich entwickelndes Bewusstsein hervorzubringen. Man kann wohl annehmen, dieses Drängen ist der evolutionäre Wille eines verborgenen Bewussten Wesens. Sein Antrieb, sich fortschreitend zu offenbaren, ist Beweis für eine ursprünglich der Evolution innewohnende Absicht. Das ist ein teleologisches Element. Es ist nicht vernunftwidrig, das zuzugeben. Denn die bewusste und selbst die unbewusste Neigung entsteht aus einer Wahrheit des bewussten Wesens, das dynamisch geworden und nun darauf aus ist, sich in einem automatischen Prozess der materiellen Natur zur Erfüllung zu bringen. Die Teleologie, das Element von zweckvoller Absicht, in dieser Neigung ist die Übertragung der aus sich selbst wirkenden Wahrheit des Seienden in Begriffe einer aus dem Selbst wirkenden Willens-Macht dieses Seienden. Wenn Bewusstsein vorhanden ist, muss es hier auch eine Willens-Macht geben, und ihre Übertragung ist normal und unvermeidlich. Eine Wahrheit des Seienden, die sich unvermeidlich selbst zur Erfüllung bringt, wäre also die fundamentale Tatsache der Evolution. Aber ein Wille und dessen Zweck und Ziel müssen dann hier wirksam sein als Teil der Instrumentation, als Element in dem sich auswirkenden Prinzip.
Der metaphysische Einwand ist schwerwiegender. Denn es erscheint als selbstverständlich, dass das Absolute in der Manifestation keine andere Absicht haben kann als die tiefe Freude an der Manifestation selbst. Eine evolutionäre Bewegung in der Materie fällt als Teil der Manifestation unter diese allgemeine Feststellung, sie kann nur zur Wonne an der Entfaltung, an ihrer progressiven Ausführung und zu einer zweckfrei aneinandergereihten Selbst-Offenbarung da sein. Eine universale Ganzheit kann auch als etwas in sich Vollständiges angesehen werden. Für eine Ganzheit gibt es nichts, das sie gewinnen oder der Fülle ihres Wesens hinzuzufügen hätte. Aber die materielle Welt hier ist keine integrale Ganzheit. Sie ist Teil eines Ganzen, Stufe in einer Stufenfolge. Sie kann also in sich selbst nicht nur die Gegenwart von unentwickelten, nicht-materiellen Prinzipien oder Mächten zulassen, die dem Ganzen angehören und ihrer Materie involviert sind, sondern auch gestatten, dass dieselben Mächte aus den höheren Stufen des Systems in sie herniederkommen, um hier die mit ihnen verwandten Bewegungen aus der Starrheit einer materiellen Begrenzung zu befreien. Man kann es also als die Teleologie der Evolution ansehen, dass die höheren Mächte der Existenz manifestiert werden, bis das Seiende im Ganzen in der materiellen Welt in den Begriffen einer höheren, spirituellen Schöpfung manifestiert ist. Diese Teleologie fügt keinen Faktor hinzu, der nicht zur Ganzheit gehört. Ihre Absicht ist nur die Verwirklichung der Ganzheit im Teil. Man kann gegen die Anerkennung eines teleologischen Faktors in einer Teil-Bewegung der universalen Ganzheit keine Einwendungen erheben, wenn die Absicht – nicht eine Absicht im menschlichen Sinne, sondern das Drängen einer inneren Wahrheits-Notwendigkeit, die im Willen des innewohnenden Geistes bewusst ist – darin besteht, hier alle Möglichkeiten, die der totalen Bewegung eingeboren sind, vollkommen zu offenbaren. Zweifellos existiert hier alles für die Seligkeit des Seins; alles ist sein Spiel, Lila. Aber auch ein Spiel enthält in sich einen Zweck, der voll durchgeführt werden muss. Ohne die Erfüllung dieses Ziels wäre der Sinn des Spiels nicht voll verwirklicht. Ein Drama ohne Auflösung des Knotens am Ende könnte eine künstlerische Möglichkeit sein – wenn es nur für das Vergnügen existiert, die Charaktere zu beobachten oder sich an den dargestellten Problemen zu erfreuen, ohne dass diese gelöst oder indem sie nur so gelöst werden, dass alles in der Schwebe und allen Zweifeln offen bleibt. Man mag sich vorstellen, das Drama der Erden-Evolution könne diesen Charakter haben. Ebenso aber, und das überzeugt mehr, ist es möglich, dass eine Auflösung der Verwicklungen beabsichtigt oder innerlich vorherbestimmt ist. Ananda ist das geheime Prinzip alles Seienden und die Unterstützung alles Wirkens im Seienden. Aber Ananda schließt nicht die große Freude daran aus, dass eine dem Seienden innewohnende Wahrheit ausgearbeitet wird, die der Kraft oder dem Willen des Seienden immanent ist und in dem verborgenen Selbst-Innesein ihrer Bewusstseins-Kraft aufrecht erhalten wird, der dynamische Vollstrecker all ihrer Aktivitäten und der Kenner ihrer Bedeutung.
Eine Theorie spiritueller Evolution ist nicht identisch mit einer naturwissenschaftlichen Theorie von Formen-Entwicklung und physischer Lebens-Entwicklung. Sie muss auf der eigenen, ihr innewohnenden Rechtfertigung stehen: Sie mag die wissenschaftliche Darstellung der physischen Evolution als Unterstützung oder als eines ihrer Elemente annehmen. Diese Unterstützung ist aber nicht unentbehrlich. Die wissenschaftliche Theorie kümmert sich nur um den äußeren sichtbaren Mechanismus und Prozess, um die Einzelheiten der Durchführung seitens der Natur, die physische Entwicklung der Dinge in der Materie und das Gesetz, nach dem sich Leben und Mental in der Materie entwickeln. Im Licht neuer Entdeckung mag ihre Darstellung der Vorgänge beträchtlich verändert oder gar völlig fallengelassen werden. Das wird aber die selbst-bezeugende Tatsache einer spirituellen Evolution, einer Entwicklung von Bewusstsein, einer fortschreitenden Manifestation der Seele im materiellen Dasein nicht beeinflussen. In ihren äußeren Aspekten kommt die Theorie der Evolution zu folgenden Ergebnissen: In der Stufenfolge des irdischen Daseins gibt es eine Entwicklung von Formen und Körpern, eine fortschreitend vielseitige leistungsfähige Organisation von Materie. In der Materie entsteht Leben, in der lebenden Materie Bewusstsein. Je besser in dieser Stufenfolge die äußere Form organisiert ist, desto fähiger ist sie, ein besser organisiertes, mehr komplexes, befähigtes, entfaltetes oder höher entwickeltes Leben und Bewusstsein zu beherbergen. Hat man einmal die Evolutions-Hypothese aufgestellt und die sie stützenden Tatsachen gesammelt, wirkt dieser Aspekt des irdischen Daseins so überzeugend, dass er unbestreitbar zu sein scheint. Es ist eine zweitrangige, wenn auch an sich interessante und wichtige Frage, nach welchem genauen Mechanismus, nach welcher exakten Genealogie oder chronologischen Reihenfolge der Arten des Wesens dies zustande kam. Man mag die Theorien von der Entwicklung der einen Form des Lebens aus einer vorausgehenden weniger entwickelten Form, von der natürlichen Zuchtwahl, vom Kampf ums Dasein, vom Überleben erworbener Charakter-Eigenschaften akzeptieren oder nicht: Die Tatsache einer aufeinanderfolgenden Schöpfung aufgrund eines in ihr enthaltenen Entwicklungsplans ist der einzige Schluss von primärer Bedeutung. Ein anderer selbst-bezeugender Schluss ist, dass es in der Evolution eine stufenweise notwendige Aufeinanderfolge gibt: zuerst die Entwicklung von Materie, danach die Entwicklung von Leben in der Materie, dann die Entwicklung von Mental in der lebenden Materie. Auf dieser letzten Stufe folgt auf eine Entwicklung zum Tier die des Menschen. Die drei ersten Begriffe dieser Aufeinanderfolge sind zu evident, als dass sie bestritten werden könnten. Man mag darüber debattieren, ob der Mensch auf das Tier folgte oder ob es eine gleichzeitig-ursprüngliche Entwicklung beider gab, wobei dann der Mensch in der Mental-Entwicklung das Tier überholt hat. Man hat sogar die Theorie aufgestellt, der Mensch sei nicht die letzte, sondern die erste und älteste Gattung im Tierreich gewesen. Diese Priorität des Menschen ist eine alte Vorstellung, sie war aber nie allgemein. Sie stammt aus dem Empfinden einer klaren Überlegenheit des Menschen über die irdischen Geschöpfe. Die Würde dieser Hoheit schien eine Priorität der Geburt zu erfordern. Im faktischen Ablauf der Evolution tritt aber der Überlegene nicht als der Frühere in Erscheinung, sondern als der Spätere. Der weniger Entwickelte geht dem höher Entwickelten voraus und ist sein Wegbereiter.
Tatsächlich fehlt im Denken des Altertums die Vorstellung von der Priorität der niederen Daseinsformen nicht vollständig. Abgesehen von den Berichten der Schöpfungsmythen finden wir bereits im alten und mittelalterlichen Denken in Indien Äußerungen, die die Priorität des Tieres gegenüber dem Menschen in der Zeitfolge in einem Sinne hervorheben, der mit dem modernen Evolutionsbegriff übereinstimmt. Eine Upanishad erklärt: Aufgrund seines Entschlusses, Leben zu schaffen, bildete das Selbst oder der Geist zuerst die Tiergestalten wie die Kuh und das Pferd. Die Götter aber – die im Denken der Upanishaden Mächte von Bewusstsein und Mächte der Natur sind – fanden diese als unzureichende Träger; so erschuf der Geist schließlich die Gestalt des Menschen. Diese Form erkannten die Götter als vortrefflich gestaltet und für sie angemessen an und gingen für ihre kosmischen Funktionen in sie ein. Das ist ein deutliches Gleichnis dafür, dass immer höher entwickelte Formen erschaffen wurden, bis sich eine fand, die fähig war, Träger für ein entwickeltes Bewusstsein zu sein. In den Puranas wird berichtet, die Erschaffung des Tieres vom Charakter des tamas sei zeitlich die erste gewesen. Tamas ist das indische Wort für das Prinzip von Trägheit an Bewusstsein und Kraft: Ein Bewusstsein, das in seinem Kräftespiel dumpf, nachlässig und untüchtig ist, wird als tamas-artig bezeichnet. Zur selben Kategorie würde eine Kraft, eine Lebens-Energie gerechnet werden, die stumpfsinnig, in ihrer Fähigkeit begrenzt und an einen niederen Bereich von instinktiven Trieben gebunden ist, die sich nicht entwickelt, nicht über sich hinauszukommen sucht, sich nicht getrieben fühlt zu einer größeren Betätigung ihrer kinetischen Energien oder zu einem erleuchteteren bewussten Wirken. Das Tier, in dem sich diese weniger entwickelte Kraft des Bewusstseins findet, erscheint in der Schöpfung früher. Das entwickeltere Bewusstsein des Menschen, in dem die Kraft der kinetischen Mental-Energie und des Lichts der Wahrnehmung größer ist, ist eine spätere Schöpfung. Das Tantra spricht von einer Seele, die aus ihrem Zustand gefallen ist und durch viele Hunderttausende von Geburten in Pflanzen- und Tiergestalten hindurchgehen muss, bevor sie die Stufe des Menschen erreichen und bereit sein kann für ihre Erlösung. Hier ist wieder die Auffassung vorausgesetzt, dass die Lebensformen von Pflanze und Tier die niederen Sprossen auf der Leiter sind, das Menschsein aber die letzte oder alles überhöhende Entwicklung des bewussten Wesens. Diese Gestalt muss die Seele bewohnen, um fähig zu sein, vom Geist motiviert zu werden und der Mentalität, der Vitalität und der Körperlichkeit zu entkommen. Das ist tatsächlich die normale Auffassung; sie drängt sich der Vernunft und der Intuition so überzeugend auf, dass man sie kaum zu erörtern braucht. Die Schlussfolgerung daraus ergibt sich fast unentrinnbar.
Vor diesem Hintergrund eines sich entfaltenden Evolutions-Prozesses müssen wir den Menschen betrachten, seinen Ursprung, sein erstes Erscheinen, seinen Status in der Manifestation. Hier ergeben sich zwei Möglichkeiten. Entweder trat ein menschlicher Körper mit einem Bewusstsein plötzlich in der Erden-Natur in Erscheinung als eine abrupte Schöpfung oder unabhängige automatische Offenbarung einer mit Vernunft begabten Mentalität in der materiellen Welt. Sie kam plötzlich im Gefolge einer vorhergehenden ähnlichen Manifestation von unterbewussten Lebensformen und von lebenden bewussten Körpern in der Materie. Oder die Evolution des Mensch-Wesens aus dem Tier-Wesen vollzog sich vielleicht erst langsam in ihrer Vorbereitung und in ihren Entwicklungsstufen, machte aber dann an den entscheidenden Punkten des Übergangs größere Sprünge. Letztere Theorie macht uns keine Schwierigkeiten. Denn es ist sicher, dass Umwandlung des Charakteristischen des Typus, wenn auch nicht des Fundamentalen selbst, sowohl in der Art wie in der Gattung zustande kommen können – das ist auch schon vom Menschen selbst geleistet worden, und seine Möglichkeiten werden in kleinem Maßstab durch die experimentelle Wissenschaft in überraschender Weise ausgearbeitet –, so dass man mit Recht annehmen kann, die insgeheim wirkende bewusste Energie in der Natur könnte derartige Maßnahmen in großem Maßstab bewirken und beträchtliche, entscheidende Entwicklungen durch die Mittel ihrer eigenen konventionellen Schöpferkräfte zustande bringen. Notwendige Voraussetzung für eine Umwandlung vom normalen Tier-Charakter in den des Menschen-Daseins würde eine Entwicklung der körperlichen Organisation sein, die ein rasches Fortschreiten des Bewusstseins, seine Umkehr oder Verwandlung ermöglicht, eine neue Höhe erreichen lässt, von der es auf die niederen Stufen hinabschauen kann, sowie eine Ausweitung seiner Kapazität, was das Wesen befähigen würde, die Tier-Eigenschaften in eine umfassendere, bildungsfähigere menschliche Intelligenz emporzunehmen und zugleich oder später größere und subtilere Mächte zu entfalten, die der neuen Art des Wesens angemessen sind, Mächte der Vernunft, des Denkens, der vielseitigen Beobachtung, der planmäßigen Erfindung und Entdeckung. Tritt dann eine neue Bewusstseins-Kraft hervor, so würde dies, da das Instrument dafür zubereitet ist, beim Übergang keine Schwierigkeit machen, abgesehen von der Erschwerung durch die Gegenwirkung und den Widerstand der materiellen Nichtbewusstheit. Das Tier besitzt bereits in begrenztem Maß einige der entsprechenden Eigenschaften, aber nur, um damit in einem primitiven, rohen und einfachen Organismus von sehr untergeordneter Reichweite und Formbarkeit und einer begrenzten und mehr zufälligen Verfügungsgewalt über diese Begabung zu wirken. Besonders die Wirkensweise dieser Begabungen ist mechanischer, weniger planmäßig. Sie ist durch einen gewissen Automatismus der Natur-Energie gekennzeichnet, der die Aktivität eines primitiven Bewusstseins antreibt. Das ist nicht wie beim Menschen eine bewusste, die ihre eigenen Maßnahmen beobachtet, in weitem Umfang lenkt, regiert, absichtlich verändert und umwandelt. Andere Gewohnheiten des Tier-Bewusstseins sind nicht grundsätzlich von denen des Menschen verschieden. Er musste sie aber auf höherer Ebene entwickeln, ausweiten und, wo immer möglich, mentalisieren, vergeistigen, verfeinern – kurz, ihnen die Erleuchtung seines neuen Verstehens, seiner intellektuellen Begabung und eine dem Tier versagte Macht zu vernunftgemäßer Beherrschung bringen. Ist diese Umwandlung, diese Umkehr, einmal bewirkt, dann kann sich im menschlichen Mental im Verlauf seiner Evolution die Macht entwickeln, auf sich selbst und auf die Dinge einzuwirken, zu erschaffen, zu erkennen, Denkkonstruktionen zu bilden, auch wenn diese begreiflicherweise anfangs in ihrem Horizont eng, dem Tier näher, in ihrem Wirken noch verhältnismäßig einfach und roh sind. Eine solche Verwandlung musste bei jedem neuen radikalen Übergang der Natur vorgenommen werden: Die hervortretende Lebens-Kraft wendet sich der Materie zu, zwingt den Aktivitäten der materiellen Energie vitalen Inhalt auf, während sie dabei ihre eigenen neuen Bewegungen und Verfahren entfaltet. Ein Lebens-Mental taucht in der Lebens-Kraft und in der Materie auf und zwingt deren Abläufen seinen Bewusstseinsinhalt auf, während es zugleich ihre eigenen Aktivitäten und Fähigkeiten entwickelt. So liegt ein neues höheres Hervortreten und Sich-Wandeln, das Auftauchen der Menschheit, in der Richtung all dessen, was in der Natur vorausgegangen ist. Es ist nur eine neue Anwendung des allgemeinen Prinzips.
Darum kann man diese Theorie leicht akzeptieren: Ihr Verfahren ist begreiflich. Indessen bereitet die andere Hypothese beträchtliche Schwierigkeiten. Hinsichtlich des Bewusstseins könnte die neue, die menschliche Manifestation, durch das Auftauchen eines verborgenen Bewusstseins, das der universalen Natur involviert war, erklärt werden. In diesem Fall muss es aber schon eine materielle Form als Träger seines Hervortretens besessen haben. Dieser Träger muss durch die Kraft des Hervortretens als solche den Bedürfnissen einer neuen inneren Schöpfung angepasst worden sein. Andererseits könnte aber auch eine rasche Abwandlung von früheren Arten oder Modellen ein neues Wesen hervorgerufen haben. Welche Hypothese man auch anwendet, es handelt sich hier um einen Prozess der Evolution, dabei gibt es nur einen Unterschied in der Methode und im Mechanismus des Abweichens vom früheren Typus oder des Übergangs. Auch könnte es sich – im Gegensatz dazu – nicht um ein Emportauchen, sondern um ein Herabkommen von Mentalität aus einer Mental-Ebene über uns gehandelt haben, vielleicht um das Herniederkommen einer Seele oder eines mentalen Wesens in die irdische Natur. Die Schwierigkeit läge dann im Erscheinen des menschlichen Körpers, der doch ein zu komplexes und schwieriges Organ ist, als dass er plötzlich erschaffen oder manifestiert worden wäre. Denn unter den normalen Möglichkeiten oder Leistungsfähigkeiten der materiellen Energie scheint ein so wundersam rascher Prozess nicht vorgesehen zu sein, wenn er auch sehr wohl möglich ist auf einer supraphysischen Ebene des Seienden. Er könnte nur durch das Eingreifen einer supraphysischen Kraft oder eines supraphysischen Gesetzes der Natur oder durch ein Schöpfer-Mental stattfinden, die mit voller Macht und unmittelbar auf die Materie einwirken. Bei jedem sichtbaren Hervortreten von etwas Neuem in der Materie kann man die Einwirkung einer supraphysischen Kraft oder eines Schöpfers voraussetzen. Jede solche Erscheinung ist im Grunde ein Wunder, das von einem verborgenen Bewusstsein bewirkt oder von einer verhüllten Mental-Energie oder Lebens-Energie unterstützt wird. Doch sieht man nirgends, dass dieses Wirken unmittelbar, offenkundig und rein aus sich selbst erklärbar wäre. Es wird stets einer bereits verwirklichten körperlichen Grundform von oben her auferlegt und wirkt, indem es einen schon festgelegten Prozess der Natur ausweitet. Eher ist vorstellbar, wie sich ein schon existierender Körper so für einen supraphysischen Einfluss öffnete, dass er in einen neuen Körper umgewandelt wurde. Man kann aber kaum annehmen, ein solches Ereignis habe in der vergangenen Geschichte der materiellen Natur stattgefunden. Offensichtlich bedarf es, damit so etwas stattfinden kann, entweder des bewussten Eingreifens eines unsichtbaren mentalen Wesens, das den Körper bildete, den dann der Mensch bewohnen sollte, oder auch der vorausgehenden Entwicklung eines mentalen Wesens in der Materie selbst, das bereits fähig war, eine supraphysische Macht zu empfangen und sie den starren, engen Formen seines körperlichen Daseins aufzunötigen. Sonst müssten wir annehmen: Ein präexistenter Körper war bereits so hoch entwickelt, dass er für den Empfang eines so mächtigen mentalen Einflusses geeignet war oder fähig, auf das Herabkommen eines mentalen Wesens auf ihn in anpassungsfähiger Weise zu reagieren. Das würde aber eine vorausgehende Entwicklung von Mental im Körper bis zu einem solchen Grade voraussetzen, dass solche Empfänglichkeit möglich sein konnte. Es ist wohl vorstellbar, dass eine derartige Entwicklung von unten und eine Herabkunft von oben für das Erscheinen des Mensch-Wesens in der Erden-Natur zusammenwirkten. Die schon im Tier vorhandene seelische Wesenheit selbst könnte das mentale Wesen, den Mental-Purusha, in den Bereich der lebenden Materie herabgerufen haben, damit er die bereits aktive vital-mentale Energie aufnimmt und in eine höhere Mentalität emporhebt. Das wäre immer noch ein Prozess der Evolution, wobei die höhere Ebene nur eingreift, um dem Hervortreten und der Ausweitung ihres eigenen Prinzips in der irdischen Natur beizustehen.
Weiter kann man zugestehen, dass jede Art oder jedes Modell von Bewusstsein und Wesen im Körper, wenn sie einmal fest geformt sind, dem Wesensgesetz dieser Art, ihrem eigenen Entwurf und Gesetz treu bleiben müssen. Es mag aber auch sehr wohl sein, dass eine Seite des Gesetzes der menschlichen Art ihr Drang ist, über sich selbst hinauszukommen, und dass für die Mittel zum bewussten Über-sich-Hinausgehen unter den spirituellen Kräften des Menschen gesorgt ist. Der Besitz einer solchen Befähigung mag ein Teil des Planes sein, nach dem die schöpferische Energie ihn gebildet hat. Man kann zugeben, dass der Mensch bis jetzt hauptsächlich nur im Umkreis seiner Art, auf einer Spirale der Natur-Bewegung aktiv gewesen ist, die ihn manchmal in die Höhe, manchmal in die Tiefe führte, dass es aber keine gerade Linie des Fortschritts, kein unbestreitbares, fundamentales oder radikales Hinausgehen über seine vergangene Natur gegeben hat. Er hat lediglich seine Befähigungen geschärft, verfeinert, umfassender und elastischer verwendet. Man könnte weiß Gott nicht sagen, seit der Mensch erschienen ist oder seit den Tagen dokumentierbarer Geschichte habe es nicht so etwas wie einen menschlichen Fortschritt gegeben. Denn wie groß auch die Menschen des Altertums gewesen seien, wie hervorragend manche ihrer Schöpfungen und Errungenschaften, wie eindrucksvoll gewisse Leistungen an Spiritualität, Intellekt und Charakter waren, so habe es in den späteren Entwicklungen doch eine zunehmende Verfeinerung, umfassenderen Reichtum, vielfältigere Entfaltung an Wissen und Können in den Errungenschaften des Menschen, in seiner Politik, Gesellschaft, in seinem Leben, seiner Wissenschaft, Metaphysik, seinen Erkenntnissen auf allen Gebieten, seiner Kunst und Literatur gegeben. Auch wenn die Macht seiner Spiritualität nicht so erstaunlich erhaben und weniger gewaltig war als die der Erleuchteten früherer Zeiten, so war sein spirituelles Bemühen doch ausgezeichnet durch Feinheit, vielseitige Gestaltungskraft, Eindringen in die Tiefen und Ausweitung des Suchens. Es hat Zeiten des Absinkens von einem hohen Kulturtypus gegeben, einen zeitweiligen tiefen Abfall in einen gewissen Obskurantismus, ein Nachlassen des spirituellen Strebens und Abstürze in einen barbarischen naturalistischen Materialismus. Das waren aber nur vorübergehende Phänomene, schlimmstenfalls eine nach unten verlaufende Kurve der Fortschrittsspirale. Sicher habe dieser Fortschritt die Menschenrasse noch nicht über sich selbst emporgetragen, so dass sie über sich hinauskommen und das mentale Wesen transformieren konnte. Aber das durfte man auch nicht erwarten. Denn das Wirken der evolutionären Natur in einer Art von Wesen und Bewusstsein besteht zuerst darin, diese Art gerade durch Verfeinerung und zunehmende Vielseitigkeit bis zur äußersten Befähigung zu entfalten, bis sie ihre Schale sprengen kann, so dass das ausreifende Bewusstsein entscheidend hervortritt, sich umwandelt und so auf sich selbst einwirkt, dass es auf eine neue Stufe der Evolution hinwirkt. Setzt man voraus, dass der nächste Schritt der Natur das spirituelle und supramentale Wesen ist, dann kann man das Drängen zur Spiritualität in der Menschheit als ein Zeichen dafür nehmen, dass dies die Absicht der Natur, aber auch ein Hinweis darauf ist, dass der Mensch die Fähigkeit hat, den Übergang in sich durchzuführen oder der Natur zu helfen, den Übergang zu bewerkstelligen. Wenn es die Methode der Entwicklung des Menschen war, dass im Tierwesen eine Art erschien, die in manchen Beziehungen der Affenart ähnlich, aber schon von Anfang an mit den Elementen des Menschseins begabt war, dann könnte es für das evolutionäre Erschaffen eines spirituellen und supramentalen Wesens die deutlich erkennbare Methode der Natur sein, dass im menschlichen Wesen ein spiritueller Typus erscheint, der einem mental-tierhaften Menschen ähnlich ist, aber schon durch sein spirituelles Streben geprägt ist.
In Bezug hierauf hat man darauf hingewiesen, dass es – falls solch ein Gipfel der Evolution beabsichtigt ist und diese sich des Menschen als Mittel bedient – nur einige wenige besonders entwickelte menschliche Wesen geben werde, die den neuen Typus bilden und zum neuen Leben fortschritten. Wenn das erreicht sei, werde die übrige Menschheit aus ihrem spirituellen Streben zurücksinken, das für die Absicht der Natur nun nicht länger nötig sei; sie werde dann in der Ruhe ihres normalen Zustands verbleiben. Man kann aber ebenso behaupten, die menschliche Stufe müsse erhalten bleiben, wenn es wirklich ein Emporsteigen der Seele mittels der Wiedergeburt durch die Entwicklungsstufen bis hin zum spirituellen Gipfel gibt. Andernfalls würde sonst die notwendigste aller Zwischenstufen fehlen. Man muss zugleich betonen, es besteht nicht die geringste Wahrscheinlichkeit oder Möglichkeit dafür, dass sich die ganze menschliche Rasse en bloc zur supramentalen Ebene erhebt. Worauf hier hingewiesen wird, ist keineswegs etwas so Revolutionäres und Erstaunliches. Vielmehr wird nur dargelegt, dass die Mentalität des Menschen dazu fähig ist, nach einer höheren Ebene des Bewusstseins und deren Verkörperung im menschlichen Wesen zu drängen, sobald sie eine gewisse Stufe oder einen gewissen Druck des evolutionären Antriebs erreicht hat. Durch diese Verkörperung werden wir uns notwendigerweise einer Wandlung über die normale Konstitution unserer Natur hinaus unterziehen, sicherlich einer Veränderung der Verfassung unseres Mentals, Fühlens und Empfindens und auch in großem Maß des Körper-Bewusstseins und der physischen Bedingungen unseres Lebens und unserer Energien. Der wichtigste Faktor, die ursprüngliche Bewegung, wird aber die Umwandlung unseres Bewusstseins sein. Die physische Veränderung ist dann nur ein untergeordneter Faktor, eine Folgeerscheinung. Diese Umwandlung des Bewusstseins wird dem menschlichen Wesen immer möglich bleiben, sobald die Flamme der Seele, die seelische Glut im Herzen und im Mental mächtig wird und solange die Natur bereit ist. Das spirituelle Streben ist dem Menschen eingeboren. Denn er ist, hierin dem Tier ungleich, sich seiner Unvollkommenheit und Begrenztheit bewusst und fühlt, dass es jenseits von dem, was er jetzt ist, etwas gibt, das er erreichen muss. Wahrscheinlich wird in der Menschheit dieser Drang, über sich hinauszukommen, nie völlig aussterben. Zwar wird es den menschlichen Mental-Zustand immer geben. Doch wird er nicht nur als Stufe auf der Stufenleiter der Wiedergeburt nötig sein, sondern auch als Stufe, die den Zugang öffnet zum spirituellen und supramentalen Zustand.
Es ist zu beachten, dass das Erscheinen des menschlichen Mentals und Körpers auf der Erde einen folgenschweren Schritt, eine entscheidende Wandlung im Verlauf und Prozess der Evolution darstellt. Es ist nicht nur ein Weiterführen der alten Linien. Bis zum Hervortreten eines entwickelten denkenden Mentals in der Materie war die Evolution nur unterbewusst oder subliminal durch das automatische Wirken der Natur vollzogen worden, nicht aber durch die des Selbsts bewusste Aspiration, Intention, nicht durch den Willen oder das Suchen des lebenden Wesens. Das war so, weil die Evolution mit der Nichtbewusstheit begann und das verborgene Bewusstsein noch nicht genügend aus ihr hervorgetreten war, um durch den des Selbsts bewussten teilnehmenden individuellen Willen ihres lebenden Geschöpfes aktiv mitzuarbeiten. Aber im Menschen hat diese notwendige Umwandlung stattgefunden, das Wesen ist zu seinem Selbst erwacht und seiner inne geworden. Im Mental ist offenbar geworden sein Wille, sich zu entwickeln, an Erkenntnis zu wachsen, das innere Dasein zu vertiefen und das äußere auszuweiten sowie die Fähigkeiten der Natur zu vermehren. Der Mensch hat eingesehen, dass es einen höheren Bewusstseins-Status gibt als seinen eigenen. In den Schichten seines Mentals und Lebens ist der leidenschaftliche Trieb und die Sehnsucht entbunden worden, über sich hinauszukommen. Das ist nun deutlich ausgedrückt: Er ist einer Seele bewusst geworden und hat das Selbst und den Geist entdeckt. So wurde in ihm denkbar und praktisch durchführbar, dass eine nichtbewusste Evolution durch eine bewusste ersetzt werden kann. Daraus darf man wohl schließen, dass das Bestreben, das Drängen und beharrliche Ringen in ihm ein sicherer Hinweis der Natur darauf ist, dass sie einen höheren Weg zu seiner Erfüllung will und ein höherer Zustand hervortreten soll.
Bei den vorausgehenden Stufen der Evolution war die Hauptsorge und das Bemühen der Natur auf eine Umwandlung im physischen Organismus gerichtet, denn nur so konnte es eine Veränderung des Bewusstseins geben. Das war eine ihr durch das Unvermögen der schon in der äußeren Form wirkenden Bewusstseins-Kraft aufgezwungene Notwendigkeit, die keine Umwandlung im Körper bewirken konnte. Im Menschen ist aber das Umgekehrte möglich, sogar unvermeidlich. Denn die Evolution kann und muss durch sein Bewusstsein, durch dessen völlige Mutation bewirkt werden, nicht mehr durch einen neuen körperlichen Organismus als erste Instrumentation. In der inneren Wirklichkeit der Dinge war eine Umwandlung des Bewusstseins immer die bedeutungsvollere Tatsache. Die Evolution hat immer eine spirituelle Bedeutung gehabt, die physische Umwandlung war nur Werkzeug dazu. Dieses Verhältnis war dank des anfänglichen abnormen Ungleichgewichts der beiden Faktoren verborgen. Der Körper der äußeren Nichtbewusstheit überwog und stellte das spirituelle Element, das bewusste Wesen, in den Schatten. Sobald aber das rechte Gleichgewicht hergestellt ist, braucht die Umwandlung des Körpers nicht mehr der Umwandlung des Bewusstseins vorauszugehen. Vielmehr wird das Bewusstsein durch seine Verwandlung jede Mutation, die für den Körper nötig ist, zwangsläufig bewirken. Es ist zu bemerken, dass das menschliche Mental bereits eine Fähigkeit dazu bewiesen hat, der Natur bei der Entwicklung neuer Pflanzen- und Tier-Arten zu helfen. Es hat neue Formen seiner Umgebung erschaffen und durch Erkenntnis und Disziplin bemerkenswerte Umwandlungen in seiner eigenen Mentalität bewirkt. Es ist nicht unmöglich, dass der Mensch der Natur auch bewusst bei seiner eigenen spirituellen und physischen Entwicklung und Umwandlung beistehen sollte. Das Drängen dazu ist bereits vorhanden und schon teilweise wirksam, auch wenn das von der äußeren Mentalität noch unvollständig verstanden und angenommen wird. Eines Tages mag sie es verstehen, tiefer in ihr Inneres eindringen und das Mittel, die geheime Energie, die beabsichtigte Wirkensweise der Bewusstseins-Kraft entdecken, die die verborgene Wirklichkeit dessen ist, was wir die Natur nennen.
Das alles sind Schlussfolgerungen, zu denen man sogar durch die Beobachtung der äußeren Erscheinungen des Fortschritts der Natur, durch ihre vordergründige Entwicklung von Wesen und Bewusstsein in der physischen Geburt und im Körper gelangen kann. Es gibt aber den anderen, den unsichtbaren Faktor. Das ist die Wiedergeburt, der Fortschritt der Seele durch ein Emporsteigen von Stufe zu Stufe des sich entwickelnden Seins und auf diesen Stufen zu immer höheren Arten körperlicher und mentaler Instrumentation. Bei diesem Fortschreiten ist selbst dem Menschen, dem bewussten mentalen Wesen, die seelische Wesenheit noch durch ihre Instrumente, durch Mental, Leben und Körper, verhüllt. Sie kann sich nicht voll offenbaren. Sie wird daran gehindert, in den Vordergrund zu treten, wo sie als Meister ihrer Natur dastehen könnte. Sie wird gezwungen, sich durch ihre Instrumente bestimmen zu lassen und sich ihnen zu unterwerfen; Purusha wird von Prakriti beherrscht. Im Menschen kann sich aber die seelische Seite der Persönlichkeit viel schneller als bei der untergeordneten Schöpfung entwickeln. Die Zeit kann kommen, da die Seele aus dem Bereich hinter dem Vorhang offen hervortreten und zum Meister ihrer Instrumentation der Natur werden wird. Das bedeutet aber, dass der verborgene innewohnende Geist, der Daemon, die Gottheit im Inneren, den Punkt ihres Hervortretens erreicht hat. Wenn sie sich offenbart, ist kaum zu bezweifeln, dass sie ein eher göttliches, spirituelles Dasein fordern wird, wie das bereits im Mental vorhanden ist, wenn es sich dem inneren seelischen Einfluss unterzieht. In der Natur des Erden-Lebens, wo das Mental ein Instrument der Unwissenheit ist, lässt sich das nur bewirken durch Umwandlung des Bewusstseins, durch einen Übergang aus der Begründung in der Unwissenheit zu einer Grundlegung im Wissen, aus dem mentalen in ein supramentales Bewusstsein, zu einer supramentalen Instrumentation der Natur.
Keineswegs überzeugt der Schluss, eine solche Transformation könne man, da dies eine Welt der Unwissenheit sei, nur dadurch erlangen, dass man in einen jenseitigen Himmel hinübergehe, oder man könne sie überhaupt nicht erlangen. Das Verlangen der seelischen Wesenheit sei selbst unwissend und müsse ersetzt werden, indem die Seele völlig im Absoluten aufgehe. Dieser Schluss könnte nur dann gültig sein, wenn die Unwissenheit der ganze Sinn, alle Substanz und Macht der Welt-Manifestation wäre, wenn es in der Welt-Natur selbst kein Element gäbe, durch das man über die unwissende Mentalität hinauskommen könnte, die noch den gegenwärtigen Zustand unseres Wesens belastet. Die Unwissenheit ist aber nur eine Teilerscheinung dieser Welt-Natur. Sie ist nicht ihr Ganzes, nicht ihre ursprüngliche Macht, nicht ihr Schöpfer: In ihrem höheren Ursprung ist sie ein sich selbst begrenzendes Wissen. Selbst in ihrem niederen Ursprung, in ihrem Hervortreten aus der völlig materiellen Nichtbewusstheit, ist sie unterdrücktes Bewusstsein, das darum ringt, sich selbst zu finden oder wiederzuentdecken, als Grundlage des Daseins ein Wissen zu manifestieren, das ihr wahrer Charakter ist. Im universalen Mental selbst gibt es, oberhalb von unserer Mentalität, Bereiche, die Instrumente der kosmischen Wahrheits-Erkenntnis sind. In diese kann das mentale Wesen gewiss gelangen. Denn in übernormalen Zuständen erhebt es sich schon jetzt zu ihnen empor; oder es empfängt von ihnen, ohne sie schon zu kennen oder zu besitzen, Intuitionen, spirituelle Ahnungen, starke Einflüsse von Erleuchtung oder spiritueller Begabung. Alle diese Bereiche sind dessen bewusst, was oberhalb von ihnen existiert. Der höchste von ihnen ist unmittelbar offen für das Supramental. Er gewahrt das Wahrheits-Bewusstsein, das höher ist als er. Überdies existieren hier, in dem sich entwickelnden Wesen selbst, diese höheren Mächte des Bewusstseins. Sie unterstützen die Mental-Wahrheit und liegen ihrem Wirken zugrunde, das zugleich gegen sie abschirmt. Dieses Supramental und diese Wahrheits-Mächte sind durch ihre geheime Gegenwart die Erhalter der Natur. Selbst die Wahrheit des Mentals ist ihr Ergebnis, eine verminderte Wirkensweise, eine Darstellung in Teil-Gestaltungen. Darum ist es nicht nur natürlich, sondern scheint unausweichlich zu sein, dass diese höheren Mächte des Seins sich ebenso hier im Mental manifestieren, wie sich das Mental im Leben und in der Materie manifestiert hat.
Das Drängen des Menschen zur Spiritualität kommt von der treibenden Kraft des Geistes, der aus seinem Inneren hervortreten will, von dem beharrlichen Drang der Bewusstseins-Kraft des Wesens zur nächsthöheren Stufe ihrer Manifestation. Es ist wahr, dass das spirituelle Drängen weithin auf eine andere Welt gerichtet war oder sich in seinem Extrem in eine spirituelle Verneinung und Selbst-Vernichtung des mentalen Individuums verkehrte. Das ist aber nur die eine Seite seiner Tendenz, die sich durchsetzte und vorherrschend wurde durch das Bedürfnis der Seele, aus dem Reich der fundamentalen Nichtbewusstheit herauszukommen, das Hindernis des Körpers zu überwinden, das verdunkelnde Vital abzuwerfen und von der unwissenden Mentalität frei zu werden. Nötig für sie ist, zuerst und vor allem anderen, durch eine Zurückweisung all dieser Behinderungen zum spirituellen Wesen, zum spirituellen Zustand zu gelangen. Die andere, dynamische Seite des spirituellen Antriebs hat nicht gefehlt: das Verlangen nach spiritueller Beherrschung und Verwandlung der Natur, nach einer spirituellen Vervollkommnung des Wesens, einer Vergöttlichung des Mentals, des Herzens und selbst des Körpers. Es gab sogar den Traum oder die seelische Vorausschau von einer Erfüllung, die über die individuelle Umwandlung hinausgeht, von einer neuen Erde und einem neuen Himmel, einer Stadt Gottes, einer Herabkunft des Göttlichen auf die Erde, einer Herrschaft der spirituell Vollkommenen, von einem Königreich Gottes nicht nur in unserem Inneren, sondern auch außen im kollektiven menschlichen Leben. Wie obskur auch einige der Formen gewesen sein mögen, die dieses Streben angenommen hat, so ist doch der in ihnen enthaltene Hinweis unmissverständlich, dass das verborgene spirituelle Wesen im Inneren danach drängt, in die Erden-Natur hervorzutreten.
Ist aber eine spirituelle Entfaltung auf der Erde die verborgene Wahrheit unserer Geburt in die Materie und gibt es grundsätzlich eine Entwicklung von Bewusstsein, die in der Natur stattgefunden hat, dann kann der Mensch so, wie er jetzt ist, nicht die letzte Form dieser Entwicklung sein: Er ist ein zu unvollkommener Ausdruck des Geistes; das Mental selbst ist eine zu begrenzte Gestaltung und Instrumentation. Mental ist nur ein Mittelbegriff von Bewusstsein. Das mentale Wesen kann nur ein Übergangswesen sein. Wenn also der Mensch unfähig sein sollte, über die Mentalität hinauszukommen, müsste die Entwicklung über ihn hinausgehen; das Supramental und der Übermensch müssten sich selbst manifestieren und die Führung der Schöpfung übernehmen. Ist aber das Mental dazu fähig, sich für das zu öffnen, was es überragt, dann ist nicht einzusehen, warum nicht der Mensch selbst zum Supramental und zum übermenschlichen Wesen gelangen sollte. Zumindest kann er seine Mentalität, sein Leben und seinen Körper der Entwicklung dieser höheren Form des Geistes zur Verfügung stellen, der sich in der Natur offenbart.