Kapitel 4
Was ist die Natur?
Die aktuelle Erklärung des Universums
Worte Sri Aurobindos
Wenn dies die Natur des auszuführenden Unternehmens ist – nicht die Vollendung, sondern das Zerbrechen der gegenwärtigen menschlichen Gussform, um zu einem höheren Typus überzugehen –, welches ist dann die ausführende Kraft und das wirksame Vorgehen? Was ist diese Natur, von der wir so viel reden?1 Wir haben die Gewohnheit, von ihr zu sprechen, als wäre sie etwas Mächtiges und Bewusstes, das lebendig ist und Pläne macht. Wir unterstellen ihr ein Ziel, das zum Verfolgen dieses Ziels erforderliche Wissen sowie die zu seiner Verwirklichung erforderliche Macht. Sind wir angesichts der Gegebenheiten im Universum zu solch einer Formulierung berechtigt, oder ist dies bloß unsere eingefleischte Angewohnheit, menschliche Eigenschaften auf nichtmenschliche Dinge zu übertragen und Vorgängen ohne Intelligenz ein intelligentes Vorgehen zuzuschreiben? Ist es nicht eher so, dass diese Vorgänge deshalb richtig ablaufen, weil sie es müssen, und nicht deshalb, weil sie es wollen, und dass sie dieses großartige, geordnete Universum aus einer stummen, blinden und einsichtslosen Notwendigkeit heraus hervorbringen, die ihrem Ursprung und ihrem Wesen nach unbegreiflich bleiben muss? Wenn dies zutrifft, hat diese blinde, gefühllose Kraft etwas Höheres als sie selbst hervorgebracht, etwas, das nicht im Voraus ausgedacht in ihr bereit lag oder ihr sonst irgendwie zu eigen war. Wir können nicht verstehen, was das Sein ist und was die Natur, und zwar nicht weil wir noch zu klein und zu begrenzt sind, sondern weil wir zu hoch über dem Sein und der Natur stehen. Unsere Intelligenz ist ein leuchtendes Monstrum in einer Finsternis, aus der sie unmöglich entstanden sein kann, da nichts in dieser Finsternis sich als Ursache ihrer Entstehung ausweist. Nur wenn das Mental der empfindungslosen Materie bereits innegewohnt hätte (in welchem Falle die Materie nur scheinbar empfindungslos wäre), hätte es der Materie möglich sein können, ein Mental zu entwickeln. Doch da uns dies zu einer Unmöglichkeit führt, kann es nicht die Wahrheit sein. Wir müssen also davon ausgehen, dass das Mental empfindungslos ist, da ja die Materie auch keine Empfindungen hat. Intelligenz ist eine Illusion. Es gibt nichts als ein Aufeinanderprallen materieller Einflüsse, das in der Materie Schwingungen und Reaktionen hervorruft, die sich in die Erscheinungsformen der Intelligenz umsetzen. Erkenntnis ist nichts weiter als eine Beziehung von Materie zu Materie. Sie unterscheidet sich nicht wesentlich vom ständigen Kollidieren der Atome oder einem handfesten Zusammenstoß zweier Ochsen auf der Weide, noch ist sie diesen Ereignissen grundsätzlich überlegen. Weil die beteiligten materiellen Ursachen und die bewirkten Erscheinungen verschieden sind, bezeichnen wir das Zurückprallen eines gehörnten Schädels vom anderen nicht als einen Akt der Erkenntnis oder der Intelligenz. Was sich jedoch ereignet hat, ist im Grunde das Gleiche. Die Intelligenz selbst ist träge und mechanisch, lediglich das physiologische Ergebnis eines physiologischen Vorgangs und birgt im altehrwürdigen Sinn der Worte Seele, soul, und Mental, mind, nichts Seelisches oder Mentales in sich. Dies ist die Ansicht des modernen wissenschaftlichen Rationalismus – zwar in eine andere Sprache gefasst als die des Wissenschaftlers, eine Sprache, die seine logischen Konsequenzen und Implikationen hervorhebt, doch nichtsdestoweniger die aktuelle Erklärung des Universums.
Dieser Erklärung zufolge besteht das Wesen eines Gegenstandes in seiner Zusammensetzung, den in dieser Zusammensetzung enthaltenen Eigenschaften und den durch diese Eigenschaften bedingten Wirkungsgesetzen. So setzt sich zum Beispiel Eisen aus gewissen Grundbestandteilen zusammen, besitzt infolge seiner Zusammensetzung gewisse Eigenschaften wie Härte usw. und verhält sich auf Grund dieser Eigenschaften unter gegebenen Umständen in einer bestimmten Weise. Wenden wir diese Analyse in einem größeren Rahmen an, stellt sich uns das Weltall als das Gefüge einiger elementarer Kräfte dar, die in gewissen materiellen Substanzen wirken. Es besitzt an sich und in diesen Substanzen gewisse primäre und sekundäre, allgemeine und besondere Eigenschaften, auf Grund derer es gemäß gewisser fester Tendenzen und unwandelbarer Prozesse agiert, denen wir den anthropomorphen Namen „Gesetze der Natur“ geben. Das ist die Natur. Bei sorgfältiger Analyse stellt sie sich als das Spiel zweier Prinzipien dar, Kraft und Materie. Wenn aber die Vorstellung von der Einheit des Universums richtig ist, werden sich die beiden eines Tages als ein einziges Prinzip erweisen, entweder reine Materie oder reine Kraft.
Die Natur – intelligent oder nicht-intelligent?
Worte Sri Aurobindos
Selbst wenn wir diese zeitgenössische Ansicht über das Universum akzeptieren, die sich – wie man ohne Risiko voraussagen kann – im Verlauf eines Jahrhunderts in einer größeren Synthese aufgelöst haben wird, bleibt doch noch etwas zu der Frage des Vorhandenseins oder Nichtvorhandenseins von Intelligenz in der Natur zu sagen. Worin besteht denn eigentlich Intelligenz, woraus setzt sie sich zusammen, was sind ihre Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten? Was insbesondere ist die menschliche Intelligenz in ihrer Bedingtheit – die einzige Intelligenz, die wir von innen her zu studieren und deshalb zu verstehen vermögen? Sie zeichnet sich durch drei Qualitäten oder Vorgänge aus: die Fähigkeit oder den Vorgang einer zielgerichteten Anpassung im Handeln, die Fähigkeit oder den Vorgang des Unterscheidens zwischen den Sinneseindrücken und die Fähigkeit oder den Vorgang des mental bewussten Verstehens. Kurz gesagt ist die menschliche Intelligenz zielgerichtet, unterscheidend und mental bewusst. Über nichtmenschliche Wesen wie Tiere, Bäume, Metalle, Kräfte können wir von innen her nichts aussagen. Wir können das Fehlen oder Vorhandensein dieser Bewusstseinselemente nur aus einem durch äußere Beobachtungen gewonnenen Beweismaterial herleiten. In Ermangelung eines inneren Nachweises können wir nicht mit Bestimmtheit behaupten, dass ein Baum kein in der Materie eingeschlossenes Mental ist, das bloß unfähig ist, sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu äußern. Wir können nicht behaupten, dass er den Reaktionen von Freude und Schmerz nicht unterworfen ist. Auf Grund der äußeren Indizien schließen wir jedoch auf das Gegenteil. Unsere Schlussfolgerung ist zwar wahrscheinlich, sicher aber ist sie nicht. Sie könnte durch die künftigen Fortschritte der wissenschaftlichen Erkenntnis widerlegt werden. Werden die äußeren Indizien dennoch für sich genommen: Welcher tatsächliche Sachverhalt ergibt sich dann aus unserem Vergleich der intelligenten mit der nicht-intelligenten Natur?
Die teleologische Fähigkeit des zielgerichteten Wirkens der Natur
Worte Sri Aurobindos
Zunächst einmal besitzt die Natur in weit höherem Maße als der Mensch die teleologische Fähigkeit des zielgerichteten Handelns. Sich ein Ziel zu setzen, Mittel und Verfahrensweisen zu kombinieren, sie anzupassen oder abzuändern, um dieses Ziel zu erreichen, gegen Schwierigkeiten anzukämpfen und sie zu überwinden, Mittel und Wege zum Umgehen von Schwierigkeiten zu ersinnen, falls diese nicht überwunden werden können – dies alles gehört zu einem der vornehmsten, ja göttlichsten Elemente der menschlichen Intelligenz. Das Wirken der Intelligenz im Menschen ist jedoch nur eine spezielle Form ihres universalen Wirkens in der Natur. Im Menschen wird es von der Natur teilweise mit Hilfe der Vernunft vollzogen, in Tieren von sehr geringer oder rudimentärer Vernunft hauptsächlich durch die Instinkte, das Erinnerungsvermögen, die Triebe und die Sinneseindrücke, in Pflanzen oder anderen Dingen mit sehr geringer oder rudimentärer Vernunft hauptsächlich durch die Triebe und durch mechanisches oder, wie man sagt, unbeabsichtigtes Handeln. Doch überall ist ein Ziel und ein Anpassungsvermögen an die Zielsetzung vorhanden, und überall finden dieselben grundlegenden Hilfsmittel Anwendung. Auch im Menschen kommt die Vernunft nur bei einem Teil seiner Ziele und Verhaltens- oder Funktionsweisen zur Anwendung. In erster Linie benutzt die Natur die bereits im Tier vorhandenen Mittel Gedächtnis, Trieb, Empfindungsvermögen, Instinkt – zwar unterschiedlich ausgerichtete Instinkte von geringerem Einfluss und geringerer Spezifität als die tierischen, doch letztlich und für ihre Zwecke ebenso sichere. Und im Übrigen benutzt sie den gleichen rein mechanischen Antrieb und das gleiche unwillkürliche Handeln auf genau die gleiche Weise wie in ihren irrtümlich als unbelebt bezeichneten Formen. Ferner lässt sich nicht behaupten, dass die Verschwendungssucht der Natur, ihr Vergeuden von Materialien, ihr häufiges Scheitern oder ihre scheinbaren Ungereimtheiten und Eskapaden als Zeichen von Ziellosigkeit und nicht vorhandener Intelligenz zu werten sind. Der Mensch mit seiner Vernunft ist ja derselben Versäumnisse und Ausschweifungen schuldig. Weder der Mensch noch die Natur sind aus diesem Grunde ziellos oder ohne Intelligenz. Der Mensch selbst wird von der Natur gezwungen, nicht allzu sehr auf Nützlichkeit versessen zu sein, da sie es besser weiß als der Ökonom und der utilitaristische Philosoph. Sie ist eine universale Intelligenz und muss ihr Augenmerk sowohl im Ganzen als auch in jeder Einzelheit nicht nur auf das allgemeine, sondern auch auf das individuelle Ergebnis richten. Sie hat jede Einzelheit mit Rücksicht auf die Gruppe auszuarbeiten, und nicht nur auf die Gruppe, sondern auf die ganze Art, und nicht nur auf die ganze Art, sondern auf die gesamte Artenwelt. Der Mensch als eine durch seine Vernunft eingeschränkte individuelle Intelligenz ist dieser Weite nicht fähig. Er stellt seine speziellen Interessen allem anderen voran und bemerkt weder, wann es seinem allgemeinen Wohlergehen schadet, sich diesen ausschließlich zu widmen, noch hat er ein Gespür dafür, wann sie mit dem universalen Ziel in Konflikt geraten. Die Versäumnisse und Fehlschläge der Natur haben ihren Nutzen – es wird nicht allzu lange dauern, bis wir erkennen, welch großen Nutzen –, und hinter ihren Launen verbirgt sich eine große Ernsthaftigkeit. Vor allem denkt sie jedoch daran, dass für sie das eine große Ziel jenseits aller formbezogenen Zwecke die Verwirklichung einer allumfassenden Freude ist, die zwar auf der Organisation von Formen als einem Mittel aufbaut, aber weit über ihre Mittel hinausgeht. Darauf bewegt sie sich zu. Deshalb erfreut sie sich auf ihrem Weg, deshalb erfreut sie sich sowohl an ihrer Arbeit als auch jenseits ihrer Arbeit.
Das Unterscheidungsvermögen der Natur
Worte Sri Aurobindos
Aber in alldem greifen wir vor. Wir sprechen, als wäre die Natur sich ihrer selbst bewusst. Was wir herausgefunden haben ist, dass sie zielgerichtet ist, und zwar in größerem Umfang und auf vollkommenere Weise als der Mensch, ferner dass der Mensch selbst sich nur auf Grund dieser Eigenschaft der Natur teleologisch verhält, und dies unter Ausnutzung derselben grundlegenden Mittel und Vorgänge wie das Tier und die Pflanze, wenn auch neue, dem Mental eigene Mittel hinzukommen. Dies, so könnte man sagen, macht noch keine Intelligenz aus. Intelligenz ist nämlich nicht nur zielgerichtet, sondern sie macht auch Unterschiede und ist mental bewusst. Ein mechanisches Unterscheidungsvermögen ist der Natur jedoch gewiss im höchsten Grade zu eigen. Ohne es wären ihre teleologischen Leistungen nicht möglich. Eine Ranke wächst gerade durch die Luft, bis sie mit einer Schnur, einem Stock oder dem Stengel einer Pflanze in Berührung kommt. Sogleich ergreift sie ihn wie mit einem Finger, geht von einem geraden Wachstum zu einer gekrümmten, sich fest zusammenziehenden Bewegung über und windet sich um ihren Halt. Was führt diese Änderung herbei? Was erlaubt ihr, auf das Vorhandensein eines Halts und auf die Möglichkeit dieser neuen Bewegungsweise zu schließen? Es ist der Instinkt der Ranke, und er unterscheidet sich grundsätzlich in nichts von dem Instinkt eines neugeborenen Welpen, der sich sofort der Zitzen seiner Mutter bemächtigt, oder dem Instinkt eines Menschen in seinen mechanischeren Bedürfnissen und Handlungen. Wir sehen, wie der Mondlotus seine Blütenblätter dem Mond hin öffnet und sie bei Anbruch des Tages schließt. In welcher Weise weicht diese unterscheidende Bewegung von der einer eilends aus dem Feuer zurückgezogenen Hand ab oder von der nervlich zurückschaudernden Reaktion des Ekels und Missfallens bei einem abscheulichen Anblick oder von der mental zurückschaudernden Reaktion der Verweigerung und Abneigung angesichts einer abstoßenden Idee oder Meinung? Es scheint hier keinen wesentlichen Unterschied zu geben. Lediglich die Umstände sind verschieden. Während das Verhalten im einen Falle nicht von mentalem Selbstbewusstsein begleitet ist, ist es in den anderen Fällen mit diesem äußerst wichtigen Element versehen. Wir sind im Irrtum mit unserer Ansicht, dass dem Verhalten der Ranke und des Lotus kein Wille und kein Unterscheidungsvermögen zugrunde liegen. Es gibt da einen Willen, jedoch keinen mentalisierten Willen. Ebenso ist ein Unterscheidungsvermögen vorhanden, wenn auch kein mentalisiertes. Wir nennen es mechanisch – aber wissen wir, was wir damit meinen? Wir verwenden noch andere Bezeichnungen, nennen den Willen Kraft und das Unterscheidungsvermögen eine natürliche Reaktion oder eine organische Tendenz. Solche unterschiedlichen Bezeichnungen maskieren nur die Tatsache, dass sie sich auf ein und denselben Gegenstand beziehen.
Die Natur – Kraft des bewussten Seins
Worte Sri Aurobindos
Selbst wenn wir nicht weiter gelangen könnten, hätten wir doch einen Riesenschritt getan, denn wir haben bereits die folgende Vorstellung von dem, was wir die Natur nennen: Sie besitzt, birgt in sich oder ist identisch mit einer ungeheuren Willenskraft, die sich ein großes Hauptziel und Millionen mannigfaltig miteinander verknüpfte Nebenziele setzt, die bei deren Ausführung Findigkeit, Anpassungsvermögen, methodisches Vorgehen und eine unfehlbare Unterscheidungskraft bekundet und der ihr kompliziertes Werk in hohem Maße gelingt. Nach dieser Vorstellung wäre die menschliche Intelligenz nur eine begrenzte und untergeordnete Bewegung dieser ungeheuren Kraft, würde von ihr gelenkt und benutzt und diente selbst dann ihren Zwecken, wenn sie gegen diese anzukämpfen scheint. Wir können einer solchen Macht die Intelligenz abstreiten, da sie keine Merkmale mentalen Bewusstseins aufweist und nicht in jedem Bereich ihres Wirkens eine menschliche oder mentale Intelligenz verwendet, doch wäre dieser Einwand bloß eine metaphysische Subtilität. Schauen wir hinaus aufs Leben und nicht nach innen auf abstrakte Ideen, können wir uns praktisch darauf verlassen, sofern wir diese Vorstellung zulassen, dass diese unintelligente Unterscheidungskraft genauso vorgeht, als wäre sie eine universale Intelligenz und als wären die Mittel und Ziele dieses mechanischen Willens die Mittel und Ziele einer Allmächtigen Weisheit. Wenn wir aber zu dieser Gewissheit gelangen, erfordert dann nicht schon die Vernunft, dass wir in der Natur oder hinter ihr eine universale Intelligenz und eine Allmächtige Weisheit postulieren? Wenn die Ergebnisse eben diejenigen sind, die von solchen Mächten hervorgerufen werden, müssen wir dann nicht solche Mächte als deren Ursache annehmen? Welches ist der wahrere Rationalismus – einzugestehen, dass die Produkte der Intelligenz von Intelligenz geschaffen werden, oder darauf zu beharren, dass sie von einer blinden Maschine erschaffen werden, die unbewusst Vollkommenes hervorbringt? Ist es rationaler zuzugeben, dass dem offenen Zutagetreten von Intelligenz im Menschen das spezielle Wirken einer verborgenen Intelligenz im Weltall zugrunde liegt, oder zu behaupten, dass Intelligenz das Ergebnis einer Kraft ist, der sogar das Prinzip der Intelligenz abgeht? Das Paradoxon durch die Feststellung zu rechtfertigen, dass alles in einer bestimmten Weise geschieht, weil es die Natur der Dinge ist, in einer bestimmten Weise zu geschehen, heißt den Verstand zum Narren zu halten. Es führt uns nämlich keinen einzigen Schritt über die bloße Tatsache hinaus, dass alles so geschieht und keiner weiß, warum.
Der eigentliche Grund für die moderne Abneigung gegenüber der Vorstellung, die Natur besäße Intelligenz und Weisheit oder bestünde sogar daraus, ist die ständige Assoziierung von Intelligenz und Weisheit mit einer mental selbstbewussten Persönlichkeit in unserem Denken. Intelligenz, so nehmen wir an, setzt eine intelligente Person voraus, ein Ego, das diese Intelligenz besitzt und benutzt. Eine Prüfung des menschlichen Bewusstseins zeigt, dass diese Ideen-Assoziation ein Irrtum ist. Die Intelligenz besitzt uns, nicht wir sie. Sie benutzt uns, nicht wir sie. Das mentale Ego im Menschen ist eine Schöpfung und ein Instrument der Intelligenz, und die Intelligenz selbst ist eine Naturkraft, die sich in elementarer oder fortgeschrittener Form in der gesamten Tierwelt kundtut. Dieser Einwand erübrigt sich also. Darüber hinaus hat die Wissenschaft selbst gezeigt, indem sie dem Ego seinen rechten Platz als ein Produkt des Mentals zuwies, dass Intelligenz kein Eigentum des Menschen, sondern eine Naturkraft und daher eine Eigenschaft der Natur ist, eine Manifestation der universalen Kraft.
Die Frage ist noch offen, ob es sich um eine grundlegende und allgegenwärtige Eigenschaft handelt oder nur um eine in einer auserwählten Minderheit ihrer Schöpfungen vollzogenen Entwicklung. Auch hier besteht die Schwierigkeit darin, dass wir Intelligenz mit einem organisierten mentalen Bewusstsein in Verbindung bringen. Betrachten und prüfen wir also die Tatsachen, die die Wissenschaft in unser Blickfeld gerückt hat. Wir werden uns auf eine von ihnen beschränken, nämlich die nordamerikanische Venusfliegenfalle, Dionaea Muscipula. Hier ist ein pflanzlicher Organismus, der Hunger bezeugt – sollte man sagen, einen unbewussten Hunger? – und tierische Nahrung benötigt, der fühlt, wann das Opfer in die Falle geht, der sich dann augenblicklich schließt und die Beute ergreift, verzehrt und verdaut und alsdann auf weitere Beute harrt. Dieses Verhalten ist genau das gleiche wie das der mentalen Intelligenz der Spinne. Es ist lediglich der vergleichsweisen Unbeweglichkeit der Pflanze angepasst und, soweit wir feststellen können, auf dieses lebenswichtige Bedürfnis und seine Befriedigung beschränkt. Warum sollten wir also der Spinne mentale Intelligenz zuschreiben, nicht aber der Pflanze? Selbst wenn sie elementar ist und nur zu bestimmten Zwecken organisiert wurde, scheint es doch dieselbe natürliche Kraft zu sein, die sowohl in der Spinne als auch in der Pflanze auf intelligente Weise ein Mittel zu einem Zweck erfindet und das Funktionieren ihrer Erfindung überwacht. Wenn in der Pflanze kein Mental ist, sind mentale Intelligenz und mechanische Intelligenz ihrem Wesen nach unweigerlich ein und dasselbe, und die Ranke, die ihren Halt umschlingt, die Pflanze, die ihre Beute fängt, sowie die Spinne, die ihr Opfer ergreift, sind alle Formen einer einzigen Kraft in Aktion, der wir zwar die Bezeichnung Intelligenz verweigern können, die aber dennoch offensichtlich das Gleiche ist wie Intelligenz. Der Unterschied ist der zwischen einer mental organisierten und einer nicht derart organisierten Intelligenz, die aber mit der ausgesprochenen Reinheit des Elementaren in gewisser Hinsicht sicherer arbeitet als ihre mentale Erscheinungsform. Im Lichte dieser Tatsachen wird die Vorstellung von der Natur als einer unendlichen, zielgerichteten und unterscheidenden Intelligenten Kraft, die weder organisiert noch persönlich ist, da sie aller Organisation und Persönlichkeit vorausgeht, zur höchsten Wahrscheinlichkeit. Die mechanische Theorie bleibt als bloße Möglichkeit. In der Abwesenheit von Gewissheiten verlangt aber die Vernunft von uns, dass wir dem Wahrscheinlichen den Vorrang gegenüber dem nur Möglichen einräumen und dass wir eine harmonische und natürliche Erklärung einer gewaltsamen und widersprüchlichen vorziehen.
Doch ist es so sicher, dass in dieser Intelligenz und ihrem Wirken das Mental eine Besonderheit und das Prinzip der Persönlichkeit – im Gegensatz zum mentalen Ego – gänzlich abwesend ist, außer als ein Ergebnis und ein bequemes Werkzeug des Mentals? Wir vermuten es, weil wir glauben, dass Bewusstsein nur dort existieren kann, wo die für die Tierwelt typischen Merkmale des Bewusstseins vorhanden sind. Auch dies mag eine bloße Annahme sein. Wir haben zu bedenken, dass wir von einem Baum oder einem Stein nichts weiter kennen als seine äußeren Anzeichen des Lebens oder der Ruhe, während unser inneres Wissen auf die Phänomene der menschlichen Psychologie beschränkt ist. Aber selbst auf diesem begrenzten Gebiet gibt es vieles, das uns tief nachdenken und lange innehalten lassen sollte, ehe wir uns zu vorschnellen Verneinungen hinreißen lassen. Da schläft ein Mensch traumlos, wie er meint, doch wissen wir, dass in ihm das Bewusstsein die ganze Zeit über aktiv ist, dass es immerzu träumt. Von seinem Körper und dessen Umgebung weiß er nichts, dennoch verrichtet dieser Körper von allein alle notwendigen Lebensfunktionen. Bei einem in Ohnmacht oder in Trance gefallenen Menschen tritt die gleiche Erscheinung eines geteilten Wesens auf: Sein Bewusstsein ist im Inneren mental aktiv, aber getrennt von seinem Körper, der mental einem Baum oder Stein gleicht, doch vital aktiv ist wie der Baum. Die Katalepsie stellt ein noch eigenartigeres Phänomen dar. Während der Körper gleichsam tot und reglos wie der Stein und nicht einmal vital aktiv ist wie der Baum, ist das Mental völlig seiner selbst, seiner Instrumente und seiner Umgebung gewahr. Es ist lediglich nicht länger im aktiven Besitz seiner Instrumente und deshalb nicht länger fähig, materiell auf seine Umgebung einzuwirken. Wie können wir angesichts dieser Beispiele behaupten, dass kein Leben im Stein ist und kein Mental im Stein oder im Baum? Die Prämisse, aufgrund welcher die Wissenschaft einem Baum mentales Bewusstsein oder einem Stein Leben abstreitet, nämlich dass dort, wo es keine äußeren Anzeichen des Lebens oder der bewussten Mentalität gibt, Leben und Mental nicht existieren, ist nachweislich falsch. Es wäre also möglich und ist angesichts der Einheit der Natur und der in ihren Schöpfungen gegenwärtigen Intelligenz sogar in gewissem Grade wahrscheinlich, dass der Baum und der Stein in ihrer Gesamtheit ebensolche geteilte Wesen sind: eine noch nicht vom bewussten Mental durchdrungene und in Besitz genommene Form und im Inneren eine bewusste Intelligenz, die in sich versunken träumt oder gleich einem Kataleptiker ihrer Umgebung zwar gewahr ist, doch unfähig, irgendein Zeichen des Lebens oder der Mentalität zu geben oder von sich aus auf ihre Umgebung einzuwirken, da sie noch nicht im Besitz ihrer Werkzeuge ist. (Im Kataleptiker ist ja die Intelligenz auch dieser Werkzeuge vorübergehend beraubt.)
Es besteht keine Notwendigkeit, bei dieser relativ hohen Wahrscheinlichkeit stehenzubleiben. Die jüngsten Forschungsergebnisse der Psychologie verleihen ihr nämlich einen so hohen Grad an Gewissheit, dass man schon vom eigentlichen Beweis sprechen kann. Wir wissen jetzt, dass es im Menschen ein vom Wachbewusstsein zu unterscheidendes Traum-Selbst oder Schlaf-Selbst gibt, das im bewusstlosen, betäubten, hypnotisierten oder schlafenden Menschen aktiv ist, das weiß, was das wache Mental nicht weiß, das versteht, was das wache Mental nicht versteht, das sich genau an das erinnert, was zur Kenntnis zu nehmen das wache Mental sich nicht die geringste Mühe machte. Wer ist dieser scheinbare Schläfer in dem, der wacht, dieser Wache im Schlafenden, im Vergleich zu dessen umfassender Aufmerksamkeit, dessen absolutem Gedächtnis, dessen vollkommener Beobachtungsgabe und Intelligenz unser waches Bewusstsein nur ein bruchstückhafter, vorüberfliegender Traum ist? Man beachte diesen äußerst wichtigen Umstand, dass nämlich dieses vollkommenere Bewusstsein in uns nicht das Ergebnis der Evolution sein kann. Nirgendwo in der evolvierten und wachen Welt gibt es solch ein Wesen, das sich automatisch die Klänge einer fremden Sprache merkt und sie wiederzugeben imstande ist – Klänge, die der geschulte Verstand als sinnloses Plappern überhört hat – und das spontan Probleme löst, vor welchen selbst der geschulte Verstand verwirrt und erschöpft kapituliert hat, das alles zur Kenntnis nimmt, alles versteht, sich an alles erinnert. Daher ist dieses innere Bewusstsein von der Evolution unabhängig, und folglich können wir annehmen, dass es der Evolution vorausging. Esa suptesu jagarti heißt es in der Katha Upanishad: „Das ist der Wachende in allen, die schlafen.“
Diese neue psychologische Forschung steckt noch in ihren Kinderschuhen und kann uns nicht sagen, wer oder was dieses verborgene Bewusstsein ist. Dahingegen versetzt uns das durch Yoga erlangte Wissen in die Lage, mit Bestimmtheit zu behaupten, dass es sich dabei um das vollkommene mentale Wesen in uns handelt, den „Führer unseres Lebens und unseres Körpers“, manomayah pranah-sarira-neta. Er ist es, der unsere Evolution lenkt, der aus dem Leben das Mental erweckt und dabei ist, mehr und mehr von diesem vitalisierten Körper – seinem Medium und Werkzeug – Besitz zu ergreifen, auf dass es werde, was es noch nicht ist, nämlich ein vollkommenes Werkzeug des Mentals. Auch im Stein und im Baum, auch in diesen Schläfern ist einer, der wacht. Allerdings hat er in diesen Formen noch nicht für die Zwecke des Mentals von seinen Werkzeugen Besitz ergriffen. Er kann sie nur für die Zwecke der Lebenskraft in ihrem Wachstum oder ihren aktuellen Funktionen benutzen.
Obwohl die moderne Psychologie sich noch der einzigen vernunftgemäßen und logischen Schlussfolgerung, die auf der Grundlage ihrer Daten möglich ist, verschließt, sehen wir doch, wie sie sich unausweichlich und unter dem bloßen Druck der Tatsachen genau auf die Wahrheiten hin bewegt, bei welchen vor Tausenden von Jahren die alten Rishis angelangt waren. Wie waren sie dazu gekommen? Nicht durch Spekulation, wie die Gelehrten sich zu Unrecht vorstellen, sondern durch Yoga. Das Haupthindernis, das der Wissenschaft bisher im Wege gestanden hat, ist ihre Unfähigkeit, in das Innere ihres Untersuchungsgegenstandes einzudringen. Hinzu kommt die ihr auferlegte Notwendigkeit, auf Folgerungen aus der objektiven Forschung aufzubauen. Alle ihre verzweifelten und rücksichtslosen Versuche, diese Unzulänglichkeit durch Vivisektion und andere grausame Experimente wettzumachen, können den Fehler nicht beheben. Yoga macht es uns möglich, ins Innere eines Gegenstandes einzudringen, indem er die künstlichen Barrieren der Körpererfahrung und des mentalen Ego-Sinnes im Beobachter auflöst. Er holt uns aus dem kleinen Lagerraum persönlicher Erfahrungen heraus und wirft uns in die großen universalen Strömungen. Er entfernt die Hülle unseres persönlichen Mentals und macht uns eins mit dem universalen Selbst und dem kosmischen Mental. Auf diese Weise waren die alten Rishis in der Lage zu sehen, was wir nun erneut undeutlich auszumachen beginnen, dass nämlich nicht nur die Natur selbst eine unendliche, zielgerichtete, unterscheidende und unpersönliche Kraft der Intelligenz oder des Bewusstseins ist, prajna prasrta purani2, sondern dass auch Gott als unendliche, universale Persönlichkeit – universal im Universum, individualisiert sowie universal in der einzelnen Form oder dem einzelnen Selbstbewusstsein – in und über der Natur wohnt, ihre gewaltigen und verwickelten Vorgänge beobachtet, sich daran erfreut und sie ihrem Ziel entgegenführt. Es gibt nicht nur Prakriti, es gibt auch den Purusha.
Soweit gelingt es uns also, eine Vorstellung von jener großen Kraft zu gewinnen, die unser Heraustreten aus unserer Natur und unser Eintreten in unsere Übernatur zuwege bringen wird. Es ist eine Macht des Bewussten Seins, die sich in Formen und Bewegungen kundtut und genauso, wie sie gelenkt wird, den uns vorbestimmten Fortschritt von einer Entwicklungsstufe zur nächsten sowie den Willen Gottes in der Welt verwirklicht.
1 Die Natur ist die Kraft des Bewusstseins im unendlichen Sein. Die Vorstellung von einer mechanischen Welt, in der Bewusstsein nur eine Ausnahmeerscheinung ist, ist eine aus unzureichenden Daten abgeleitete übereilte Folgerung.
2 Intelligentes Bewusstsein, welches zu Anbeginn hervortrat. (Shwetashwatara Upanishad)
Teil 4 DIE SEELE – IHRE NATUR, AUFGABE UND EVOLUTION
Kapitel 1
Das seelische Wesen
Worte Sri Aurobindos
Ich meine mit der Seele das innerste Seelen-Wesen und die Seelen-Natur. In der Umgangssprache wird das Wort nicht in diesem Sinn gebraucht, oder vielmehr, wenn es so gebraucht wird, dann mit großer Unbestimmtheit und viel Verkennung der wahren Natur dieser Seele, und es wird ihm ein großes Feld von Bedeutungen eingeräumt, die den Begriff weit überschreiten. Alle Erscheinungen von abnormaler oder übernormaler psychologischer oder okkulter Art werden als seelisch ausposaunt; wenn ein Mensch eine doppelte Persönlichkeit hat, und von einer zur anderen wechselt, wenn die Erscheinung eines sterbenden Menschen, ein Teil seiner rein vitalen Hülle oder etwa eine Gedankenform von ihm erscheint, und im Zimmer seines verwunderten Freundes umgeht, wenn ein Poltergeist in einem Haus ungehörigen Krach schlägt – all das wird unter seelischen Phänomenen eingeordnet, und als Objekt für die seelische Forschung betrachtet, obgleich diese Dinge rein gar nichts mit der Seele zu tun haben. Und ebenso im Yoga selbst wird viel, was lediglich okkult ist, Erscheinungen der unsichtbaren vitalen oder mentalen oder der feinstofflichen Ebenen, Visionen, Symbole, all jener zweifelhafte, oft verworrene, oft schattenhafte, oft trügerische Erfahrungsbereich, der zum Niemandsland zwischen der Seele und ihren Instrumenten an der Oberfläche gehört, oder vielmehr seinen äußersten Randbezirken, all dieses Chaos des Zwischenbereiches wird summa summarum als seelisch bezeichnet, und als zweitrangiges und zweifelhaftes Gebiet spiritueller Entdeckung betrachtet. Dann wiederum besteht eine fortwährende Verwechslung zwischen dem Begriff der mentalisierten Begierdenseele, die eine Schöpfung des vitalen Drängens im Menschen ist, seiner Lebenskraft, die ihre Erfüllung sucht und der wahren Seele, die ein Funke des Göttlichen Feuers ist, ein Teil des Göttlichen. Weil die Seele, das seelische Wesen, Mental und Vital sowie den Körper als Instrumente für Wachstum und Erfahrung benützt, wird sie für ein Gemenge gehalten oder für eine subtile Schicht des Mentals und Lebens. Doch wenn wir im Yoga diese ganze chaotische Masse als Seelensubstanz oder Seelenregung akzeptieren, werden wir in eine Wirrnis ohne Ausweg geraten. All dies gehört allein zur äußeren Umkleidung der Seele; die Seele selbst ist eine innere Gottheit, größer als Mental oder Leben oder Körper. Sie ist etwas, das, wenn es einmal aus der Verfinsterung durch seine Instrumente entlassen ist, sofort einen direkten Kontakt mit dem Göttlichen und dem Selbst und Geist herstellt.
Worte Sri Aurobindos
Das, was man in der Terminologie des Yoga unter „seelisch“ versteht, ist das Element der Seele in der Natur, die reine Seele oder der göttliche Nukleus, der hinter dem Mental, Leben und Körper steht (er ist nicht das Ego), und dessen wir uns nur undeutlich bewusst sind. Er ist ein Teil des Göttlichen, und besteht fort von Leben zu Leben, wobei er die Lebenserfahrung durch seine äußeren Instrumente empfängt. In dem Maße wie diese Erfahrung wächst, offenbart er eine sich entfaltende seelische Persönlichkeit, die immer auf dem Guten und Wahren und Schönen beharrt, und schließlich bereit und stark genug wird, die menschliche Natur dem Göttlichen zuzuwenden. Sie kann dann gänzlich hervortreten und den mentalen, vitalen und physischen Schirm durchbrechen, die Instinkte beherrschen und die Menschennatur wandeln. Die Natur drängt sich nicht länger mehr der Seele auf; vielmehr ist es die Seele, der Purusha, der der menschlichen Natur seine Befehle auferlegt.
Worte Sri Aurobindos
Die Menschen verstehen deshalb nicht, was ich mit dem Ausdruck „seelisches Wesen“ meine, da das Wort „Seele“ im Englischen für alles gebraucht wird, was sich auf das innere Mental, das innere Vital oder das innere Physische bezieht, oder auch auf alles Anormale oder Okkulte, sogar auf die feineren Regungen des äußeren Wesens – alles in kunterbuntem Durcheinander; selbst okkulte Phänomene werden häufig als seelisch bezeichnet. Eine Unterscheidung dieser verschiedenen Teile des Wesens ist unbekannt. Selbst in Indien ist das alte Wissen der Upanishaden, das diese Unterscheidung kannte, verloren gegangen. Der Jivatman, das seelische Wesen (purusa antaratman), der manomaya purusa, der pranamaya purusa – alles wird miteinander verwechselt.
Worte Sri Aurobindos
Unser seelischer Wesensteil ist etwas, das direkt vom Göttlichen stammt und in Kontakt mit dem Göttlichen steht. Seinem Ursprung nach ist er ein Zentrum voller göttlicher Möglichkeiten, das diese niedere dreifache Manifestation von Mental, Leben und Körper trägt. Es gibt dieses göttliche Element in allen lebenden Wesen, doch ist es hinter dem gewöhnlichen Bewusstsein verborgen, ist zunächst nicht entwickelt, und selbst wenn es entwickelt ist, tritt es nicht immer hervor; es verleiht sich in dem Maße Ausdruck wie es die Unvollkommenheit seiner Instrumente erlaubt, und ist an deren Mittel und Begrenzungen gebunden. Es wächst an Bewusstsein durch die auf Gott gerichtete Erfahrung und gewinnt jedes Mal Kraft, wenn eine höhere Regung in uns ist; schließlich wird durch die Anhäufung dieser tieferen und höheren Regungen eine seelische Individualität entwickelt – das, was wir meist das seelische Wesen nennen. Das seelische Wesen ist immer die wahre, doch oft verborgene Ursache dafür, dass sich ein Mensch dem spirituellen Leben zuwendet, und es ist für diesen Schritt seine größte Hilfe. Aus diesem Grund müssen wir es im Yoga aus dem Hintergrund nach vorne bringen.
Das Wort „Seele“ und „seelisch“ wird in der englischen Sprache sehr unbestimmt und mit ganz unterschiedlicher Bedeutung gebraucht.
Sehr häufig wird in der gewöhnlichen Umgangssprache kein deutlicher Unterschied zwischen Mental und Seele gemacht, und ein noch ernster zu nehmendes Durcheinander entsteht dadurch, dass das vitale Begierdenwesen – die falsche Seele oder Begierdenseele – mit dem Wort „Seele“ bezeichnet wird, und nicht die wahre Seele, das seelische Wesen. Das seelische Wesen ist vom Mental oder Vital völlig verschieden; es steht hinter ihnen, dort wo diese sich im Herzen treffen. Dies ist sein zentraler Ort, doch eher hinter dem Herzen als im Herzen; denn was die Menschen gewöhnlich das Herz nennen, ist der Sitz des Gefühls, und menschliche Gefühle sind mental-vitale Impulse und im Allgemeinen nicht von seelischer Natur. Diese meist verborgene Macht im Hintergrund ist von Mental und Lebenskraft verschieden, sie ist die wahre Seele, das seelische Wesen in uns. Die Macht der Seele besteht darin, auf Mental, Vital und Körper einzuwirken, sie vermag das Denken, die Wahrnehmung, das Gefühl (welches dann ein seelisches Gefühl wird) sowie die Empfindung und Tat und alles Übrige in uns zu läutern, und sie auf diese Weise darauf vorzubereiten, zu göttlichen Regungen zu werden.
Das seelische Wesen würde in der indischen Sprache als der Purusha im Herzen bezeichnet werden, als Chaitya Purusha; doch mit Herz ist das innere oder geheime Herz gemeint, hrdaye guhayam, und nicht das äußere vital-emotionale Zentrum.
Worte Sri Aurobindos
Im Allgemeinen werden die mehr innerlichen und die anormalen seelischen Erfahrungen mit „seelisch“ bezeichnet. Ich gebrauche das Wort „seelisch“ in Zusammenhang mit der Seele und zum Unterschied von Mental und Vital. Alle Regungen und Erfahrungen der Seele würden in diesem Sinne seelisch genannt werden, also jene, die sich aus dem seelischen Wesen erheben oder es direkt berühren; wo hingegen Mental und Vital das Übergewicht haben, würde man die Erfahrung als psychologisch bezeichnen (oberflächlich oder verborgen).
Worte Sri Aurobindos
Das Wort Seele hat je nach dem Zusammenhang verschiedene Bedeutungen; es kann der Purusha sein, der die Gestaltungen der Prakriti stützt – das, was wir das Sein nennen, obwohl das richtige Wort dafür das Werden wäre; es kann aber auch speziell das seelische Wesen in einem evolutionären Geschöpf wie dem Menschen bedeuten; es kann der göttliche Funke sein, der in die Materie durch die Herabkunft des Göttlichen in die stoffliche Welt gelangte, und hier alle sich entwickelnden Formierungen aufrecht erhält. Es gibt kein seelisches Wesen in einem nicht-evolutionären Geschöpf wie dem Asura, und kann auch keines geben, ebensowenig in einem Gott, der es für sein Dasein nicht braucht. Im Gott gibt es jedoch einen Purusha und eine Prakriti oder die Energie der Natur dieses Purusha. Wenn ein Wesen der fixierten Welten sich entwickeln will, muss es zur Erde herabkommen, einen menschlichen Körper annehmen und willens sein, an der Evolution teilzuhaben. Die vitalen Wesen wollen aber diese Zustimmung nicht erteilen und versuchen daher, von den Menschen Besitz zu ergreifen, damit sie die Stofflichkeit des physischen Lebens genießen können, ohne die Bürde der Evolution auf sich zu nehmen oder sich dem Vorgang der Wandlung, in dem jene kulminiert, zu unterziehen.
Worte der Mutter
Was genau ist die Seele oder das seelische Wesen? Und was ist mit der Evolution des seelischen Wesens gemeint? Worin besteht seine Beziehung zum Höchsten?
Die Seele und das seelische Wesen sind nicht genau das gleiche, obwohl ihre Essenz die gleiche ist.
Die Seele ist der göttliche Funken, der im Zentrum jedes Wesens wohnt; sie ist identisch mit ihrem Göttlichen Ursprung; sie ist das Göttliche im Menschen.
Das seelische Wesen wird im Laufe seiner unzähligen Leben in der Erdevolution fortschreitend um dieses göttliche Zentrum, die Seele, geformt, bis die Zeit kommt, da das seelische Wesen, voll gestaltet und gänzlich erweckt, die bewusste Hülle der Seele wird, um die es geformt ist.
Derart mit dem Göttlichen identifiziert, wird sie zu Seinem vollendeten Instrument in der Welt.
Worte der Mutter
Ist im Menschen das seelische Wesen die ganze Seele oder existieren beide, die Seele (in ihrer Essenz als ein göttlicher Funke in allen Geschöpfen) und das seelische Wesen Seite an Seite?
Die Seele ist die ewige Essenz im Zentrum des seelischen Wesens. Sie gleicht tatsächlich einem göttlichen Funken, der viele Seinszustände von zunehmender Dichte annimmt, bis hinab zum ganz Stofflichen; sie ist innerhalb des Körpers, gleichsam innerhalb des Solar Plexus.1 Diese Seinszustände nehmen Form an, sie entwickeln sich, schreiten fort und werden im Laufe vieler Erdenleben individualisiert und vervollkommnet, um das seelische Wesen zu bilden. Wenn das seelische Wesen voll geformt ist, erkennt es das Bewusstsein der Seele und verkörpert sie in vollendeter Weise.
Worte der Mutter
Sind die Seele und das seelische Wesen ein und dieselbe Sache?
Das hängt von der Bedeutung ab, die du den Worten gibst. In den meisten Religionen, und vielleicht auch in den meisten Philosophien, wird das vitale Wesen „Seele“ genannt, denn es heißt, dass die Seele den Körper verlässt, während es in Wirklichkeit das vitale Wesen ist, das den Körper verlässt. Man spricht davon, „die Seele zu retten“ oder von der „verruchten Seele“ oder von der „Erlösung der Seele“ …, doch all das trifft auf das vitale Wesen zu, denn das seelische Wesen bedarf einer Rettung nicht! Es hat an den Fehlern der äußeren Person keinen Anteil, es ist frei von aller Reaktion.
Worte Sri Aurobindos
Zwischen der Seele in ihrer Essenz und dem seelischen Wesen muss unterschieden werden. Hinter allem und jedem steht die Seele, der Funke des Göttlichen – keiner könnte ohne sie bestehen. Es ist jedoch durchaus möglich, ein vitales und ein physisches Wesen zu besitzen, ohne ein deutlich entwickeltes seelisches Wesen dahinter. Dennoch kann man keine allgemein gültige Regel aufstellen in dem Sinne, dass ein Primitiver keine Seele besitzt, oder dass sich bei ihm nirgendwo eine Seele zeigt.
Das innere Wesen setzt sich aus dem inneren Mental, dem inneren Vital und dem inneren Physischen zusammen – doch dies ist nicht das seelische Wesen. Die Seele ist das innerste Wesen und von jenen ganz verschieden. Im Englischen wird das Wort „Seele“ tatsächlich für alles gebraucht, das etwas anderes oder Tieferes als das äußere Mental und Leben und den äußeren Körper bezeichnet, für alles Okkulte und Überphysische; doch diese Ausdrucksweise bringt Verwirrung und Fehler mit sich, und wenn wir über den Yoga sprechen oder schreiben, müssen wir sie gänzlich fallenlassen. In der gewöhnlichen Umgangssprache mag ich manchmal das Wort „seelisch“ in einem freieren, populäreren Sinn gebrauchen; oder aber in der Poesie, die an intellektuelle Genauigkeit nicht gebunden ist, spreche ich manchmal von der Seele in einem mehr allgemeinen und äußerlichen Sinn, jedoch genauso in ihrer wahren Bedeutung.
Das seelische Wesen ist durch Oberflächenregungen verhüllt und drückt sich, so gut es kann, durch seine äußeren Instrumente aus, die aber eher durch von außen wirkende Kräfte als durch die inneren Einflüsse der Seele gelenkt werden. Doch dies bedeutet nicht, dass sie von der Seele völlig abgeschnitten sind. Die Seele befindet sich ebenso im Körper wie das Mental oder Vital –, doch ist der Körper, in dem sie wohnt, nicht allein dieser grobstoffliche Rahmen, sondern auch der feinstoffliche Körper. Sobald die grobstoffliche Hülle abfällt, bleiben die vitalen und mentalen Hüllen des Körpers als Gefäß der Seele noch bestehen, bis auch diese sich auflösen.
Die Seele einer Pflanze oder eines Tieres kann man nicht insgesamt als schlummernd bezeichnen – ihre Ausdrucksmittel sind lediglich weniger entwickelt als die eines menschlichen Wesens. Es gibt viel Seelisches in der Pflanze, viel Seelisches im Tier. Die Pflanze aber hat in ihrer Form nur das Vital-Physische entwickelt, daher kann sie sich nicht ausdrücken; das Tier hat ein vitales Mental und kann sich zwar ausdrücken, doch ist sein Bewusstsein begrenzt, seine Erfahrungen sind begrenzt, und daher verfügt die Seelenessenz über ein weniger entwickeltes Bewusstsein, eine weniger entwickelte Erfahrung als diejenige, die im Menschen vorhanden oder zumindest möglich ist. Und dennoch haben Tiere eine Seele und können bereitwillig auf die Seele im Menschen ansprechen.
Ein Geist (ghost) ist natürlich nicht die Seele. Er ist entweder der Mensch, der in seinem vitalen Körper erscheint, oder er ist ein Fragment seines Vitals, das von einer vitalen Kraft oder Wesenheit benützt wird. Unser vitales Wesen besteht normalerweise nach der Auflösung des Körpers eine Zeit lang fort und geht dann in die vitale Ebene ein, wo es bleibt, bis sich die vitale Hülle auflöst. Dann begibt sich die Seele, sofern sie mental entwickelt ist, in die mentale Hülle zur mentalen Welt, und schließlich verlässt sie auch ihre mentale Hülle und begibt sich zu ihrem Ort der Ruhe. Bei einem stark entwickelten Mental kann unser mentaler Teil auch bei der Seele bleiben, genau wie der vitale; Voraussetzung dafür ist, dass sie vom seelischen Wesen geformt und um dieses zentriert sind –, dann teilen sie die Unsterblichkeit der Seele. Andernfalls nimmt die Seele die Essenz von Mental und Leben in sich auf und begibt sich zu einer zwischengeburtlichen Ruhe.
Worte Sri Aurobindos
In der Erfahrung des Yoga ist das Selbst oder Wesen essentiell eins mit dem Göttlichen oder zumindest ein Teil des Göttlichen und im Besitz aller göttlichen Macht. Doch in der Manifestation nimmt es zwei Aspekte an, den des Purusha und den der Prakriti, das bewusste Wesen und die Natur. Hier in der Natur ist das Göttliche verhüllt und das individuelle Wesen der Natur unterworfen, die als niedere Prakriti wirkt, als eine Kraft der Unwissenheit, avidya. Der Purusha als solcher ist göttlich, doch in seiner äußeren Gestalt in der Unwissenheit der Natur ist er die scheinbare Individualität, unvollkommen durch ihre Unvollkommenheit. Daher birgt die Seele oder seelische Essenz – die der Purusha ist, der in die Evolution eintritt und diese stützt – in sich alle göttlichen Möglichkeiten; doch das individuelle seelische Wesen, das die Seele vertritt, nimmt die Unvollkommenheit der Natur an und entfaltet sich in ihr, bis es seine volle seelische Essenz wiedergefunden und sich mit dem Selbst darüber, dessen individuelle Projektion in der Evolution es ist, geeint hat. Diese Dualität im Wesen auf all seinen Ebenen – denn dies trifft auf andere Art und Weise nicht nur für das Selbst und die Seele zu, sondern auch für den mentalen, vitalen und physischen Purusha – muss erkannt und angenommen werden, bevor die Erfahrungen des Yoga voll verstanden werden können.
Das Wesen ist durch und durch eins, doch auf jeder Ebene der Natur wird es durch eine Form seiner selbst vertreten, welche jener Ebene entspricht, dem mentalen Purusha auf der mentalen Ebene, dem vitalen Purusha auf der vitalen Ebene, dem physischen Purusha auf der physischen Ebene. Die Taittiriya Upanishad spricht von zwei weiteren Ebenen des Wesens, der Ebene des Wissens oder der Wahrheit und der Ananda-Ebene, jede mit ihrem Purusha; diese sind jedoch, obwohl Einflüsse von ihnen herabkommen können, für das menschliche Mental überbewusst, und ihre Natur ist bislang hier noch nicht geformt.
Worte Sri Aurobindos
Es ist notwendig, den Unterschied zwischen der sich entfaltenden Seele (dem seelischen Wesen) und dem reinen Atman, dem Selbst oder Geist klar zu verstehen. Das reine Selbst ist ungeboren, es durchläuft weder Tod noch Geburt und ist unabhängig von Geburt oder Körper, von Mental, Leben oder dieser manifestierten Natur. Es wird durch diese Dinge weder gebunden noch eingeschränkt, noch beeinträchtigt, obwohl es sie annimmt und stützt. Im Gegensatz hierzu ist die Seele etwas, das in die Geburt herabkommt und den Tod durchläuft – obwohl sie selbst nicht stirbt, da sie unsterblich ist – und von einem Zustand zum anderen, von der Erdebene zu anderen Ebenen und wieder zurück zum Erdendasein wandert. Sie schreitet von Leben zu Leben durch eine Evolution fort, die sie zum menschlichen Zustand emporführt, und entfaltet in all dem ein Wesen ihrer selbst, das wir das seelische Wesen nennen, welches die Evolution stützt; sie entwickelt ein physisches, vitales und mentales menschliches Bewusstsein als ihre Instrumente der Welterfahrung und eines verhüllten, unvollständigen, doch wachsenden Selbstausdrucks. All dies tut sie hinter dem Schleier und offenbart von ihrem göttlichen Selbst nur soviel, wie es die Unzulänglichkeit des instrumentalen Wesens zulässt. Es kommt jedoch eine Zeit, in der sie sich darauf vorbereiten kann, hinter dem Schleier hervorzutreten, die Führung zu übernehmen und die gesamte instrumentale Natur einer göttlichen Erfüllung zuzuwenden. Dies ist der Beginn des wahren spirituellen Lebens. Die Seele ist nunmehr fähig, sich für eine höhere Evolution des verkörperten Bewusstseins als die des mentalen menschlichen bereit zu machen – sie kann vom mentalen zum spirituellen und über Abstufungen des spirituellen zum supramentalen Zustand fortschreiten. Bis dahin aber gibt es keinen Grund, warum sie sich vom Geborenwerden abkehren sollte, und tatsächlich ist sie hierzu gar nicht in der Lage. Erst nach Erreichung des spirituellen Zustandes kann sie die Erdmanifestation verlassen; es ist aber auch eine höhere Manifestation möglich – im Wissen und nicht in der Unwissenheit.
Worte Sri Aurobindos
Der Ausdruck „zentrales Wesen“ wird in unserem Yoga gewöhnlich für jenen Teil des Göttlichen in uns angewendet, der alles Übrige stützt, und der Tod und Geburt überdauert. Dieses zentrale Wesen hat zwei Formen – über uns befindlich ist es der Jivatman, unser wahres Wesen, dessen wir uns bewusst werden, sobald das höhere Selbsterkennen eintritt; darunter [in uns] ist es das seelische Wesen, das hinter Mental, Körper und Leben steht. Der Jivatman befindet sich über der Manifestation im Leben und ist ihr übergeordnet; das seelische Wesen steht hinter der Manifestation im Leben und stützt sie.
Die natürliche Haltung des seelischen Wesens ist, sich als Kind zu fühlen, als Sohn Gottes, als Bhakta; es ist ein Teil des Göttlichen, essentiell eins mit Ihm, doch in der Dynamik der Schöpfung, ja sogar in der Identität, besteht immer die Verschiedenheit. Im Gegensatz hierzu lebt der Jivatman im Essentiellen und kann in der Identität mit dem Göttlichen aufgehen; doch auch er sieht sich, wenn er über der Dynamik der Schöpfung steht, als ein Zentrum des vielfältigen Göttlichen und nicht als Parameshwara. Es ist wichtig, diesen Unterschied zu erkennen; denn wenn der geringste vitale Egoismus vorhanden ist, besteht die Gefahr, sich als Avatar zu betrachten oder sein Gleichgewicht zu verlieren wie Hridaya bei Ramakrishna.
Worte Sri Aurobindos
Der Geist ist Atman, Brahman, das Essentielle Göttliche.
Wenn das Eine Göttliche seine ihm ewig innewohnende Vielfalt manifestiert, wird dieses essentielle Selbst, dieser Atman, für die Manifestation das zentrale Wesen, das von oben die Evolution seiner Personalitäten und Erdenleben hier lenkt, das als solches jedoch ein ewiger Teil des Göttlichen ist und vor der Manifestation auf Erden bestand – para prakrtir jivabhuta.
In dieser niederen Schöpfung, apara prakrti, erscheint dieser ewige Teil des Göttlichen als Seele, ein Funke Göttlichen Feuers, der die individuelle Evolution, das mentale, vitale und physische Wesen stützt. Das seelische Wesen ist der Funke, der zu einem Feuer wird und sich mit dem wachsenden Bewusstsein entfaltet. Das seelische Wesen ist daher evolutionär und geht nicht wie der Jivatman der Evolution voran.
Der Mensch aber ist sich des Selbstes oder Jivatmans nicht bewusst, er kennt nur sein Ego oder sein mentales Wesen, die Leben und Körper beherrschen. Doch wenn er sich tiefer nach innen wendet, erkennt er seine Seele, das seelische Wesen, als seinen eigenen Mittelpunkt, den Purusha im Herzen; die Seele ist das zentrale Wesen in der Evolution, sie geht aus dem Jivatman hervor, der ein ewiger Teil des Göttlichen ist, und verkörpert ihn hier. Ist einmal das volle Bewusstsein erlangt, dann werden Jivatman und seelisches Wesen eins.
Worte Sri Aurobindos
Die Seele, die das zentrale Wesen verkörpert, ist ein Funke des Göttlichen, der alles individuelle Dasein in der Natur stützt; das seelische Wesen ist eine bewusste Form dieser Seele, die in der Evolution wächst, in jenem langwierigen Prozess, der zuerst das Leben in der Materie entwickelt, dann das Mental im Leben, bis sich schließlich das Mental in das Obermental, und das Obermental in die supramentale Wahrheit zu entwickeln vermag. Die Seele stützt die Natur in dieser stufenweisen Evolution, doch sie ist selbst nichts von all dem.
Diese äußere objektive und oberflächlich subjektiv erscheinende Natur, die die ganze Vielheit von Mental, Leben und Körper manifestiert, nennt man die niedere Natur, apara prakrti. Die höchste Natur, para prakrti, die sich dahinter verbirgt, ist die eigentliche Natur des Göttlichen, eine höchste Bewusstseinskraft, die das mannigfache Göttliche als die Vielen manifestiert. Diese Vielen als solche sind die ewigen Selbste des Höchsten in seiner höchsten Natur, para prakrti. Hier in Bezug auf diese Welt erscheinen sie als Jivatmas, welche die Evolution der natürlichen Geschöpfe, sarva bhutani, stützen in dem veränderlichen Werden, aus dem das Dasein des ksara purusa (des beweglichen oder veränderlichen Purusha) besteht. Der Jiva (oder Jivatman) und die Geschöpfe, sarva bhutani, sind nicht das gleiche. Die Jivatmas stehen in Wirklichkeit über der Schöpfung, obwohl sie an ihr teilnehmen; die natürlichen Wesen, sarva bhutani sind die Geschöpfe der Natur. Mensch, Vogel, Tier und Reptil sind natürliche Wesen, doch das individuelle Selbst in ihnen ist nicht einen einzigen Augenblick lang charakteristisch für Mensch, Vogel, Tier oder Reptil; in seiner Evolution bleibt es durch all diese Wandlungen dasselbe, ein spirituelles Wesen, das dem Spiel der Natur zustimmt.
Das, was sich ursprünglich und ewig im Göttlichen befindet, ist das Sein, und das, was mit Hilfe der Göttlichen Macht entwickelt wird, wie Bewusstsein, Beschaffenheiten, Formen, Kräfte usw. ist das Werden. Das ewig Göttliche ist das Sein; das Universum in der Zeit und alles in ihm Sichtbare ist ein Werden. Das ewige Sein in seiner höchsten Natur, Para Prakriti, ist gleichzeitig der Eine und die Vielen; doch die ewige Vielfalt des Göttlichen, wenn sie hinter den erschaffenen Geschöpfen steht, sarva bhutani, erscheint als (oder wie wir sagen, wird) der Jiva, para prakrtir jivabhuta. In der Seele wiederum gibt es zwei Aspekte, im Hintergrund das seelische Dasein oder die Seele und im Vordergrund jene Form der Individualität, die sie im Laufe ihrer Evolution in der Natur annimmt.
Die Seele oder Psyche ist allein in dem Sinn unveränderlich, dass sie alle Möglichkeiten des Göttlichen in sich enthält, doch muss sie diese entwickeln; im Verlauf ihrer Evolution nimmt sie die Form einer sich entwickelnden seelischen Individualität an, welche die individuelle Prakriti in der Manifestation entfaltet und an der Evolution teilhat. Die Seele ist der Funke Göttlichen Feuers, der mit Hilfe des seelischen Wesens hinter Mental, Vital und dem Physischen wächst, bis sie fähig ist, die Prakriti der Unwissenheit in eine Prakriti des Wissens umzuwandeln. Dieses sich entfaltende seelische Wesen ist daher in keinem Augenblick alles, was die Seele oder das essentielle seelische Dasein enthält; es manifestiert und individualisiert in diese Projektion des Geistes das, was potentiell ewig und essentiell transzendent ist.
Das zentrale Wesen ist jenes Wesen, das über den verschiedenen aufeinanderfolgenden Geburten steht, jedoch selbst ungeboren ist, da es nicht in das menschliche Wesen herabkommt, sondern darüber ist; es hält das mentale, vitale und physische Wesen und all die übrigen Teile der Persönlichkeit zusammen, und wacht über dem Leben, entweder mit Hilfe des mentalen Wesens, des mentalen Denkens und Willens oder mit Hilfe der Seele, je nachdem, was sich gerade im Vordergrund befindet oder was in der menschlichen Natur am machtvollsten entwickelt ist. Sobald es seine Kontrolle nicht ausübt, befindet sich das Bewusstsein in großer Unordnung, und jeder Teil der Person handelt für sich, so dass es weder im Denken und Fühlen noch im Handeln Übereinstimmung gibt.
Die Seele befindet sich nicht darüber, sondern im Hintergrund – ihr Sitz ist hinter dem Herzen; ihre Macht ist nicht die des Wissens, sondern die eines essentiellen oder spirituellen Fühlens; sie besitzt den klarsten Sinn für die Wahrheit und eine Art innerer Wahrnehmung für sie, und diese sind für die Seelen-Wahrnehmung und das Seelen-Fühlen kennzeichnend. Sie ist unser innerstes Wesen und stützt alle Übrigen, das mentale, vitale und physische Wesen; sie ist durch diese jedoch stark verhüllt und kann sie nur indirekt beeinflussen, anstatt aufgrund ihres höchsten Rechts direkt zu handeln; dieses direkte Handeln wird erst in einem hohen Entwicklungsstadium oder mit Hilfe des Yoga etwas Normales und Vorherrschendes. Nicht das seelische Wesen gibt dir, wie du glaubst, die Intuition von künftigen Ereignissen oder warnt dich vor den Folgen bestimmter Taten; dies tut ein Teil des inneren Wesens, manchmal das innere Vital oder sogar manchmal der innere oder feinstoffliche Purusha. Dieses innere Wesen, also das innere Mental, das innere Vital, das innere oder feine Physische, weiß viel von dem, was dem äußeren Mental, dem äußeren Vital, dem äußeren Physischen unbekannt ist, denn es steht in einem direkten Kontakt mit den geheimen Kräften der Natur. Die Seele aber ist das innerste Wesen von allen, sie zeichnet sich durch ein Wahrnehmungsvermögen für die Wahrheit aus, das der tiefsten Substanz des Bewusstseins innewohnt, einem Gefühl für das Gute, Wahre, Schöne, für das Göttliche.
Das zentrale Wesen, der Jivatman, der weder geboren wird noch sich entwickelt, sondern über der individuellen Geburt und Evolution steht, ist auf jeder Ebene des Bewusstseins vertreten. Auf der mentalen Ebene ist es das wahre (oder innere) mentale Wesen, manomaya purusa, auf der vitalen Ebene das wahre (oder innere) vitale Wesen, pranamaya purusa, auf der physischen Ebene das wahre (oder innere) physische Wesen, annamaya purusa. Jedes Geschöpf ist daher, solange es sich in der Unwissenheit befindet, um seinen mentalen, vitalen oder physischen Purusha zentriert, entsprechend der Ebene, auf der es vorwiegend lebt, und dieser erscheint ihm dann als sein zentrales Wesen. Doch der wahre Vertreter ist immer hinter Mental, Vital und Körper verborgen – es ist die Seele, unser innerstes Wesen.
Sobald das innerste Wissen sich auszubreiten beginnt, können wir das seelische Wesen in uns wahrnehmen, es tritt hervor und lenkt die Sadhana. Dann werden wir auch des Jivatman gewahr, des ungeteilten Selbstes oder Geistes über der Manifestation, den die Seele hier vertritt.
Worte Sri Aurobindos
Der Jivatman und der Seelen-Funke und das seelische Wesen sind drei verschiedene Formen der gleichen Wirklichkeit und dürfen nicht miteinander verwechselt werden, da dies die Klarheit der inneren Erfahrung trüben würde.
Der Jivatman oder der Geist, wie er gewöhnlich im Englischen genannt wird, besteht selbständig über dem manifestierten oder instrumentalen Wesen – er steht über Geburt und Tod und ist immer derselbe, das individuelle Selbst oder der Atman. Er ist das ewig wahre Wesen des Individuums.
Die Seele ist ein Funke des Göttlichen und befindet sich nicht über dem manifestierten Wesen, sondern kommt in die Schöpfung herab, um deren Evolution in der stofflichen Welt zu stützen. Zu Beginn ist sie eine ungeformte Macht des Göttlichen Bewusstseins und enthält alle Möglichkeiten, die bislang noch nicht geformt wurden, denen jedoch eine Form zu geben, Aufgabe der Evolution ist. Dieser Funke besteht in allen lebenden Wesen, vom niedersten bis zum höchsten.
Das seelische Wesen wird in seiner Evolution von der Seele geformt. Es stützt Mental, Vital, Körper, es wächst durch deren Erfahrungen und trägt die Natur von Leben zu Leben. Es ist der seelische oder der caitya purusa. Zu Beginn ist es von Mental, Vital und Körper verhüllt, doch in dem Maße seines Wachsens wird es fähig hervorzutreten, und Mental, Leben und Körper zu beherrschen; von diesen ist es, um sich Ausdruck zu verleihen, im gewöhnlichen Menschen abhängig, es ist nicht fähig, sie zu ergreifen und frei zu gebrauchen. Das Leben des menschlichen Wesens ist animalisch oder menschlich, doch nicht göttlich. Wenn jedoch das seelische Wesen durch die Sadhana das Übergewicht gewinnen und seine Instrumente frei gebrauchen kann, wird der Impuls zum Göttlichen vorherrschend und die Umwandlung von Mental, Vital und Körper – und nicht nur ihre Befreiung – möglich.
Das Selbst oder der Atman ist frei und steht über Geburt und Tod; die Erfahrung des Jivatman und seines Einsseins mit dem höchsten oder universalen Selbst ruft das Gefühl der Befreiung hervor, und dies ist es, was für die höchste spirituelle Erlösung notwendig ist. Doch für die Umwandlung des Daseins und der menschlichen Natur, ist das Erwachen des seelischen Wesens und seine Herrschaft über die Natur unerlässlich.
Das seelische Wesen erkennt sein Einssein mit dem wahren Wesen, dem Jivatman, doch es wandelt diesen nicht um.
Der bindu, den du über dir sahst, kann eine symbolische Art sein, den Jivatman, der ein Teil des Göttlichen ist, zu sehen; das Streben dort wäre natürlich auf das Öffnen des höheren Bewusstseins gerichtet, damit das Wesen darin und nicht in der Unwissenheit weilt. Der Jivatman ist in Wirklichkeit bereits eins mit dem Göttlichen, doch ist es notwendig, dass das übrige Bewusstsein dies verwirklicht.
Das Streben des seelischen Wesen ist auf ein Öffnen der gesamten niederen Natur – von Mental, Vital und Körper – zum Göttlichen hin gerichtet, auf die Liebe zum Göttlichen und die Einung mit ihm, auf seine Gegenwart und Macht im Herzen, auf die Umwandlung von Mental, Leben und Körper durch das Herabkommen des höheren Bewusstseins in dieses instrumentale Wesen, diese instrumentale Natur.
Für die Fülle dieses Yoga sind beide Arten der Aspiration notwendig und unerlässlich. Sobald die Seele ihr Streben dem Mental, Vital und Körper auferlegt, werden auch diese mit Aspiration erfüllt, und dies wird dann als Aspiration auf der Ebene des niederen Wesens gefühlt. Die Aspiration, die darüber empfunden wird, ist die des Jivatman nach dem höheren Bewusstsein mit seiner Verwirklichung des Einen, sich im Wesen zu manifestieren. Beide Arten der Aspiration stützen sich daher gegenseitig. Das Suchen des niederen Wesens wird notwendigerweise zu Beginn immer wieder unterbrochen und vom gewöhnlichen Bewusstsein unterdrückt. Es muss durch die Sadhana geläutert, beständig, stark und ausdauernd werden.
1 Mit Solarplexus meint die Mutter die Herz- (nicht die Nabel-) Region. Das geht aus einer anderen Äußerung hervor, wo sie sagt: „Im Allgemeinen ist es im Herzen, hinter dem Solar-Plexus, wo man diese leuchtende Gegenwart findet.
Kapitel 2
Rolle, Aufgabe und Tätigkeit der Seele
Worte Sri Aurobindos
Dies Samen-Selbst, ins Unbestimmte eingesät,
Verwirkt die Glorie seiner Göttlichkeit,
Verbergend die Allmacht seiner Kraft,
Verbergend die Allweisheit seiner Seele;
Als Mittler seines eigenen transzendenten Willens,
Versenkt es Wissen in der nichtbewussten Tiefe;
Annehmend Irrtum, Kummer, Tod und Schmerz,
Bezahlt es das Lösegeld der unwissenden Nacht,
Wiedergutmachend den Absturz der Natur mit seiner Substanz.
Worte Sri Aurobindos
In dieser Ausstattung von fleischlichem Leben
Überlebt eine Seele, die ein Funke Gottes ist,
Und manchmal bricht sie durch den schmutzigen Vorhang
Und entfacht ein Feuer, das uns halb göttlich macht.
Worte Sri Aurobindos
Unsere Seele wirkt aus ihrer mysteriösen Kammer;
Ihr Einfluss drückt auf unser Herz und Mental,
Drängt sie, über ihr sterbliches Selbst hinauszukommen.
Sie sucht nach dem Guten und der Schönheit und nach Gott;
Wir sehen hinter den Wänden des Selbstes unser grenzenloses Selbst,
Wir blicken durch das Glas unserer Welt auf halb sichtbare Weiten,
Wir jagen nach der Wahrheit hinter sichtbaren Dingen.
Die Aufgabe der Seele
Worte Sri Aurobindos
Das ist die Aufgabe der Seele – sie muss auf jeder Ebene wirken, um jeder dazu zu verhelfen zur wahren Wahrheit und Göttlichen Wirklichkeit zu erwachen.
Worte der Mutter
Ist es der seelische Wille, der die Identifizierung des Wesens mit dem Göttlichen will?
Ja, sicher. Es ist der Wille der Seele. Es ist auch der eigentliche Grund ihres Daseins. Zu diesem Zweck ist sie hier. Zum Beispiel öffnen sich im Mental gewisse Aktivitäten (zeitweilig sogar im Physischen und im Vital) … dem Einfluss der Seele, ohne es überhaupt zu wissen. Diese Teile bleiben dann dabei und beginnen nach göttlichem Wissen zu streben, der göttlichen Einung, der Beziehung mit dem Göttlichen.
Worte der Mutter
Worin besteht die Arbeit des seelischen Wesens?
Worin besteht die Arbeit des seelischen Wesens? Du willst, dass es eine Arbeit habe? Was genau willst du ausdrücken? Was seine Aufgabe ist? Ah, sehr gut – man könnte es so formulieren, dass es wie ein elektrischer Draht ist, der den Generator mit der Lampe verbindet. Nun, wenn das jemand verstanden hat, dann soll er erklären, was ich gesagt habe.
Was ist der Generator und was die Lampe?
Ah, das ist es also. Was ist der Generator und was die Lampe? Das genau ist die Frage. Was ist der Generator und was die Lampe? Oder vielmehr wer ist der Generator und wer die Lampe?
Der Generator ist das Göttliche und die Lampe ist der Körper.
Sie ist der Körper, sie ist das sichtbare Wesen.
Das ist ihre Aufgabe. Das heißt, wenn es keine Seele in der Materie gäbe, wäre diese nicht in der Lage, direkten Kontakt mit dem Göttlichen zu haben. Doch glücklicherweise kann aufgrund dieser seelischen Gegenwart in der Materie der Kontakt zwischen der Materie und dem Göttlichen ein direkter sein, und allen Menschen kann gesagt werden: „Du trägst das Göttliche in dir, du brauchst dich nur nach innen zu wenden und du wirst Ihn finden.“ Das ist eine Besonderheit des menschlichen Wesens oder vielmehr der Bewohner der Erde. Im menschlichen Wesen wird die Seele bewusster, geformter, bewusster und auch unabhängiger. In menschlichen Wesen ist sie individualisiert. Das aber ist eine Besonderheit der Erde. Es ist eine direkte Infusion in der ganz unbewussten und dunklen Materie, speziell und erlösend, sodass sie wiederum stufenweise zum göttlichen Bewusstsein erwachen kann, zur göttlichen Gegenwart, und schließlich zum Göttlichen selbst. Es ist die Gegenwart der Seele, die den Menschen zu einem besonderen Wesen macht – ich sollte das eigentlich gar nicht sagen, denn er hat bereits eine zu hohe Meinung von sich; er hat solch hohe Meinung von sich, dass es nicht notwendig ist, ihn darin zu bestärken! Aber dennoch ist es eine Tatsache, und zwar so sehr, dass Wesen von anderen Bereichen des Universums, jene, die man Halbgötter nennt, und selbst die Götter, Wesen zum Beispiel von jenem Bereich, den Sri Aurobindo das Obermental nennt, unbedingt einen physischen Körper auf Erden wollen, um die Erfahrung der Seele zu haben – denn sie haben sie nicht. Diese Wesen haben bestimmt viele Eigenschaften, welche die Menschen nicht besitzen, doch es fehlt ihnen diese göttliche Gegenwart, die etwas ganz Außergewöhnliches ist, und nur auf Erden existiert und nirgends sonst. All diese Bewohner der höheren Welten, des Höheren Mentals, des Obermentals und der anderen Regionen haben kein seelisches Wesen. Natürlich haben es die Wesen der vitalen Welten genauso wenig. Jene aber bedauern es nicht, da sie es nicht wollen. Es gibt aber sehr seltene und ganz außergewöhnliche Fälle, die konvertiert werden wollen, und zu diesem Zweck nehmen sie sofort und ohne zu zögern einen physischen Körper an. Die anderen wollen es nicht; sie empfinden es als etwas, das sie bindet und an eine Regel fesselt, die sie nicht wollen.
Es ist aber eine Tatsache; daher muss ich sagen, dass es eine außergewöhnliche Eigenart des menschlichen Wesens ist, in sich die Seele zu tragen und, um die Wahrheit zu sagen, zieht der Mensch nicht den vollen Nutzen daraus. Aus der Art zu schließen, wie er diese [seelische] Gegenwart behandelt, scheint er diese Besonderheit nicht als etwas sehr, sehr Wünschenswertes anzusehen – genau das ist es. Er zieht ihr die Ideen seines Mentals vor, zieht ihr die Begierden seines vitalen Wesens vor und die Gewohnheiten seines Physischen.
Worte der Mutter
Liebe Mutter, was ist die Rolle der Seele?
Nun, ohne Seele würden wir nicht existieren!
Die Seele ist das, was vom Göttlichen kommt, ohne Es je zu verlassen, und das, was zum Göttlichen zurückkehrt, ohne aufzuhören, manifestiert zu sein.
Die Seele ist das Göttliche, individualisiert, ohne aufzuhören göttlich zu sein.
In der Seele sind das Individuelle und das Göttliche ewig eins; daher bedeutet, seine Seele zu finden, Gott zu finden; sich mit seiner Seele zu identifizieren, bedeutet, sich mit dem Göttlichen zu einen.
Daher kann man sagen, dass es die Rolle der Seele ist, ein wahres Wesen aus dem Menschen zu machen.
Einfluss und Tätigkeit der Seele
Worte Sri Aurobindos
Anfangs ist die Seele innerhalb der Natur, die seelische Wesenheit, deren Entfaltung der erste Schritt zu einer spirituellen Umwandlung ist, ein völlig verhüllter Teil von uns, obwohl wir gerade durch sie als individuelle Wesen in der Natur existieren und fortdauern. Die anderen Schichten, aus denen unsere Natur zusammengesetzt ist, sind nicht nur veränderlich, sondern auch vergänglich. Die seelische Wesenheit in uns dauert aber fort und ist im Grunde immer dieselbe: Sie enthält in sich alle wesentlichen Möglichkeiten unserer Manifestation, wird aber nicht durch diese konstituiert. Sie wird nicht durch das, was sie manifestiert, begrenzt. Sie wird nicht durch die unvollkommenen Formen der Manifestation eingeschlossen; sie ist nicht beeinträchtigt, weil diese unvollendet, unrein, mangelhaft sind und das Wesen der Außenseite entstellen. Sie ist eine immer-reine Flamme des Göttlichen in den Dingen. Nichts, was an sie herankommt, und nichts, was in unsere Erfahrung eindringt, kann ihre Reinheit beflecken oder die Flamme auslöschen. Dieser spirituelle Stoff ist makellos und leuchtend. Weil er vollkommen lichtvoll ist, nimmt er unmittelbar von innen her und unmittelbar die Wahrheit des Wissens und die Wahrheit der Natur wahr. Er ist sich der Wahrheit des Guten und des Schönen tief bewusst, weil das Wahre, Gute und Schöne seinem inneren Charakter verwandt ist; das sind Formen von etwas, das seiner eigenen Substanz eingeboren ist. Auch ist sich das seelische Wesen all dessen bewusst, was diesen Dingen widerspricht und von dem eigenen Charakter abweicht: der Lüge und des Bösen, alles Hässlichen und Unziemlichen. Es wird aber nicht zu alledem und wird auch nicht angerührt oder verändert von dem, was dem eigenen Wesen entgegengesetzt ist und so stark auf seine äußeren Instrumente, Mental, Leben und Körper, einwirkt. Denn die Seele, das immerwährende Wesen in uns, stellt Mental, Leben und Körper als ihre Werkzeuge aus sich heraus und verwendet sie. Sie nimmt zwar das Umhülltsein von ihnen und ihren Bedingungen auf sich, ist aber etwas anderes und Größeres als ihre Organe.
Wäre die seelische Wesenheit von Anfang an enthüllt und ihren Ministern bekannt gewesen und nicht ein einsamer König in seinem abgeschirmten Thronsaal, wäre die menschliche Entwicklung ein rasches Aufblühen der Seele gewesen und nicht diese schwierige, wechselvolle und entstellte Entwicklung, die sie ist. Die Hülle ist dicht. Wir kennen nicht das verborgene Licht in unserem Inneren, das Licht in der geheimen Krypta des innersten Heiligtums des Herzens. Ahnungen steigen aus der Seele an die Oberfläche empor, aber unser Mental entdeckt ihren Ursprung nicht. Es hält sie für seine eigenen Tätigkeiten, weil sie, schon bevor sie an die Oberfläche kommen, in mentale Substanz eingekleidet sind. Darum kennt es ihre Autorität nicht, folgt ihnen oder folgt ihnen nicht, je nach Laune oder Neigung des Augenblicks. Gehorcht das Mental dem Drängen des vitalen Egos, dann besteht überhaupt wenig Aussicht für die Seele, die menschliche Natur zu beherrschen oder etwas von ihrem verborgenen spirituellen Stoff und ihren ursprünglichen Regungen in uns zu offenbaren. Wenn das Mental in übergroßem Vertrauen auf sein eigenes geringes Licht handelt, wenn es sich auf sein eigenes Urteil, auf seinen Willen und das Handeln aus eigener Erkenntnis verlässt, auch dann wird die Seele verhüllt und still zurückgezogen bleiben und die weitere Entwicklung des Mentals abwarten. Denn der seelische Teil in uns ist dazu da, die natürliche Evolution zu unterstützen. Die erste natürliche Evolution muss sukzessive die Entwicklung des Körpers, des Lebens und des Mentals sein. Und diese müssen handeln, jedes seiner eigenen Art gemäß oder alle zusammen in ihrer schlecht geregelten Partnerschaft, um zu wachsen, Erfahrung zu sammeln und sich zu entfalten. Die Seele sammelt die Essenz all unserer mentalen, vitalen und körperlichen Erfahrungen und assimiliert sie für die weitere Evolution unseres Daseins in der Natur. Doch ist dies Wirken verborgen und dringt nicht an die Außenseite. Auf den früheren materiellen und vitalen Entwicklungsstufen des Wesens findet sich in der Tat kein Bewusstsein der Seele. Es gibt zwar eine seelische Aktivität, aber Instrumentation und Form dieses Wirkens sind vital und physisch – oder mental, wenn das Mental aktiv ist. Denn auch das Mental erkennt, solange es noch primitiv oder zwar entwickelt, aber noch zu äußerlich ist, ihren tieferen Charakter nicht. Leicht können wir uns selbst als physische, vitale oder als mentale Wesen ansehen, die Leben und Körper verwenden, aber die Existenz der Seele völlig ignorieren. Denn die einzige bestimmte Vorstellung, die wir von der Seele haben, ist die, dass sie etwas ist, das den Tod unseres Körpers überlebt. Was das aber ist, wissen wir nicht, weil wir, auch wenn wir manchmal ihrer Gegenwart bewusst werden, ihrer normalerweise nicht als einer bestimmten Wirklichkeit inne sind und auch nicht deutlich ihr unmittelbares Wirken in unserer Natur fühlen.
Beim weiteren Fortschritt der Evolution beginnt die Natur allmählich und versuchsweise, unsere verborgenen Seiten hervortreten zu lassen. Sie veranlasst uns, immer tiefer in unser Inneres zu schauen, oder verursacht immer klarer erkennbare Andeutungen und Gestaltungen von jenen an der Oberfläche. Die Seele in uns, das seelische Prinzip, hat bereits begonnen, geheime Gestalt anzunehmen. Sie lässt eine Seelen-Persönlichkeit hervortreten und entwickelt sie, ein besonderes seelisches Wesen, das sie repräsentiert. Dieses seelische Wesen verbleibt noch ebenso wie das wahre mentale, das wahre vitale oder das wahre subtil-physische Wesen in uns hinter der Verhüllung in unserer subliminalen Schicht. Aber es wirkt, genauso wie jene, auf das vordergründige Leben ein durch die Einflüsse und Andeutungen, die es zu jener Außenseite empor schickt. Diese bilden einen Teil der Oberflächenverbindung der äußeren Person, die die zusammengewürfelte Wirkung innerer Einflüsse und Aufwallungen ist, die sichtbare Gestaltung und der Überbau, den wir gewöhnlich erfahren und von dem wir meinen, das seien wir. An dieser unwissenden Außenseite gewahren wir dunkel etwas, das zum Unterschied von Mental, Leben und Körper die Seele genannt werden kann. Wir spüren, dass das nicht nur unsere mentale Vorstellung oder ein vages instinktives Empfinden von uns ist, sondern ein fühlbarer Einfluss auf unser Leben, unseren Charakter und unser Handeln. Das gewöhnlich am ehesten erkennbare, allgemeinste und charakteristischste, wenn auch nicht das einzige Zeichen für diesen Einfluss der Seele ist eine gewisse Feinfühligkeit für alles, was wahr, gut und schön, fein, rein und edel ist, eine Reaktion darauf, ein Verlangen danach, ein Druck auf Mental und Leben, es in unserem Denken und Fühlen, Charakter und Verhalten anzunehmen und zum Ausdruck zu bringen. Hat ein Mensch dieses Element nicht in sich oder reagiert er überhaupt nicht auf diesen Drang, so sagen wir von ihm, er habe keine Seele. Denn wir können gerade diesen Einfluss am leichtesten als die feinere, ja als die göttliche Seite in uns und als das Stärkste erkennen, das uns allmählich hin zu einem Ziel, zur Vollkommenheit in unserer Art drängt.
Aber dieser seelische Einfluss, diese seelische Wirkung tritt nicht ganz rein an die Oberfläche, bleibt in ihrer Reinheit nicht unterscheidbar. Sonst könnten wir das Seelen-Element in uns deutlich erkennen und bewusst und völlig seinen Weisungen folgen. Es drängt sich eine okkulte mentale, vitale oder subtil-physische Einwirkung dazwischen, vermischt sich mit ihm und versucht, es zu verwenden und für seinen eigenen Vorteil auszunutzen. Es setzt seine Göttlichkeit herab, entwertet oder entstellt seinen Selbst-Ausdruck und versucht sogar, es in die Irre zu führen oder zu Fall zu bringen. Oder es befleckt es mit Unlauterkeit, Kleinlichkeit und Irrtum von Mental, Leben und Körper. Kommt es dann, derart mit Fremdem verschmolzen und herabgesetzt, an die Oberfläche, bemächtigt sich seiner unsere vordergründige Natur auf obskure Weise und für eine unwissende Formgebung. So kommt es oder kann es zu noch weiterer Abirrung und Vermischung kommen. Was an sich Stoff und Wirken in der Reinheit unseres spirituellen Wesens ist, wird verdreht, bekommt eine falsche Richtung, wird verkehrt angewandt, falsch gestaltet und führt zu einem irrigen Resultat. Entsprechend kommt es zu einer Bewusstseinsgestaltung, die eine Mischung aus dem seelischen Einfluss und seinen Anregungen ist, mit mentalen Gedanken und Meinungen, vitalen Wünschen und Trieben und gewohnheitsmäßigen körperlichen Neigungen vermischt. Mit diesem verfinsterten Seelen-Einfluss verschmelzen dann die unwissenden, wenn auch wohlmeinenden Bemühungen unserer äußeren Seiten in ihrem Streben nach etwas Höherem. All diese Einflüsse wachsen zu einem vielseitigen Gebilde zusammen. Das kommt zu einer mentalen Ideenbildung von sehr vermischtem Charakter, die selbst in ihrem Idealismus meist ohne Erleuchtung und oft sogar in verhängnisvollem Irrtum befangen ist, oder zu einer Glut und Leidenschaft des emotionalen Wesens, das seine Gischt und seinen Schaum von Gefühlen, Empfindungen, Sentimentalitäten, einen dynamischen Enthusiasmus der vitalen Schichten, lebhafte Reaktionen der physischen Seiten, die Erschütterungen und Erregungen von Nerven und Körper aufwallen lässt. Häufig verwechselt man das mit der Seele und hält dies vermischte und verworrene Wirken für Seelen-Regung, für eine Entfaltung und Wirkensweise der Seele, für einen verwirklichten inneren Einfluss. Die seelische Wesenheit selbst ist frei von Makel und Beimischung. Was aber aus ihr hervortritt, ist nicht durch diese Immunität geschützt. Darum wird solche Verwirrung möglich.
Außerdem kommt das seelische Wesen, die Seelen-Persönlichkeit in uns, nicht sofort voll-erwachsen und strahlend ans Licht. Sie entfaltet sich und durchläuft eine langsame Entwicklung und Ausformung. Die Gestalt ihres Wesens mag zuerst undeutlich sein und danach noch für lange Zeit schwach und unentwickelt, nicht mehr verunstaltet, doch noch nicht ausgestaltet sein. Denn sie gründet ihre Ausformung, ihre dynamische Selbst-Struktur, auf die Seelen-Macht, die aktuell und mehr oder minder erfolgreich in der Evolution gegen den Widerstand der Unwissenheit und Unbewusstheit in den Vordergrund gebracht worden ist. Ihr Erscheinen ist das Zeichen dafür, dass die Seele in der Natur hervortritt. Wenn dieses Emportauchen bis jetzt noch unbedeutend und mangelhaft ist, wird auch die Seelen-Persönlichkeit noch verkümmert oder schwach sein. Auch ist sie durch die Verdunkelung unseres Bewusstseins von ihrer inneren Wirklichkeit getrennt. Sie steht mit ihrem eigenen Ursprung in den Tiefen des Wesens nur in unvollkommener Kommunikation. Denn der Weg dorthin ist bis jetzt noch nicht gebahnt. Leicht wird er behindert, die Leitungsdrähte werden oft durchschnitten oder sind mit Nachrichten anderer Art und anderen Ursprungs überlastet. Ebenso unvollkommen ist ihr Vermögen, mit dem, was sie empfängt, auf die äußeren Instrumente einzuwirken. Angesichts ihrer eigenen Mangelhaftigkeit muss sie sich in Bezug auf die meisten Dinge auf diese Instrumente verlassen. Sie gestaltet ihr Bedürfnis nach Ausdruck und Handeln aufgrund von deren Daten und nicht allein aufgrund der unfehlbaren Wahrnehmungen der seelischen Wesenheit. Unter diesen Umständen kann sie nicht verhindern, dass das wahre seelische Licht im Mental herabgemindert oder verzerrt wird zur bloßen Idee oder Meinung. Das seelische Fühlen im Herzen wird zu einer fehlbaren Emotion oder bloßen Sentimentalität. Der seelische Wille zum Wirken in den Lebens-Organen entartet in blinde vitale Begeisterung oder fieberhafte Erregung. Sie akzeptiert sogar diese falschen Übertragungen aus Mangel an Besserem und versucht, durch sie zur eigenen Erfüllung zu gelangen. Denn es gehört zum Wirken der Seele, dass sie Mental, Herz und Vitalwesen beeinflusst und ihre Ideen, Gefühle, Begeisterungen und die anderen Äußerungen ihrer Kräfte zu dem hinlenkt, was göttlich und erleuchtet ist. Das soll aber zuerst nur unvollkommen, langsam und mit jenen Beimischungen getan werden. Sobald die seelische Persönlichkeit stärker wird, vertieft sie ihre Kommunion mit der seelischen Wesenheit, die hinter ihr steht, und verbessert dadurch ihre Kommunikation mit der Außenwelt. So kann sie ihre Anregungen Mental, Herz und Leben reiner und stärker mitteilen. Denn nun kann sie wirksamer Kontrolle ausüben und gegen falsche Beimischungen einschreiten. Immer mehr macht sie sich nun ausdrücklich als eine Macht in der Natur fühlbar. Aber auch so wäre diese Evolution noch langsam und langwierig, wenn sie nur dem schwierigen automatischen Wirken der evolutionären Energie überlassen bliebe. Erst wenn der Mensch zum Wissen um seine Seele erwacht und die Notwendigkeit fühlt, diese in den Vordergrund zu bringen, sie zum Herrn seines Lebens und Wirkens zu machen, greift eine raschere, bewusste Methode der Entwicklung ein. Nun wird die seelische Transformation möglich.
Worte der Mutter
Wie beeinflusst die Seele ein Wesen, das normalerweise nicht bewusst ist?
Der Einfluss der Seele gleicht einer Art Ausstrahlung, welche die undurchlässigsten Substanzen durchdringt, und selbst im Unbewussten wirkt.
Dann aber ist seine Tätigkeit langsam, und es dauert sehr lange, ein wahrnehmbares Ergebnis zu erzielen.
Worte Sri Aurobindos
Im gewöhnlichen Bewusstsein, in welchem das Mental und das Übrige nicht wach sind, wirkt die Seele so gut sie kann durch diese, doch gemäß den Gesetzen der Unwissenheit.
Worte Sri Aurobindos
Das seelische Wesen ist in allen vorhanden, doch in sehr wenigen ist es gut entwickelt, gut aufgebaut im Bewusstsein oder deutlich im Vordergrund; in den meisten ist es verhüllt, oft nicht wirksam oder nur ein Einfluss, der nicht bewusst genug oder stark genug ist, um das spirituelle Leben zu stützen.
Worte Sri Aurobindos
Was du beschreibst, ist das seelische Feuer, agni pavaka, das im tiefsten Herzen brennt, und von dort im Mental, im Vital und im physischen Körper entfacht wird. Im Mental schafft Agni ein Licht intuitiver Wahrnehmung und Unterscheidung, das sofort sieht, was die wahre Vision oder Idee, und was die falsche Vision oder Idee ist, das wahre Gefühl und das falsche Gefühl, die wahre Regung und die falsche Regung. Im Vital wird das seelische Feuer als ein Feuer des richtigen Gefühls entfacht, einer Art intuitivem Gefühl, einer Art Feingefühl, sich dem rechten Impuls zuzuwenden, dem rechten Tun, dem rechten Erspüren der Dinge, der rechten Reaktion auf die Dinge. Im Körper ruft es eine ähnliche, doch noch automatischere, richtige Erwiderung auf die Dinge des physischen Lebens, Fühlens und der Körpererfahrung hervor. Meist ist es das seelische Licht im Mental, das von den Dreien zuerst entzündet wird, doch nicht immer –, denn manchmal ist es die seelisch-vitale Flamme, die den Vorrang einnimmt.
Auch im gewöhnlichen Leben wirkt zweifellos eine Seelentätigkeit – ohne sie wäre der Mensch nur ein denkendes und planendes Tier. Doch ist sie sehr verhüllt und bedarf stets des Mentals oder Vitals für ihren Ausdruck, sie ist meist vermischt und nicht dominierend, und daher nicht unfehlbar; sie tut oft das Rechte auf die falsche Weise, wird vom richtigen Gefühl bewegt, doch irrt hinsichtlich der Anwendung, der Person, des Ortes und des Umstands. Die Seele, außer in wenigen außergewöhnlichen Naturen, erhält nicht ihre volle Gelegenheit im äußeren Bewusstsein; sie bedarf einer Art Yoga oder Sadhana, um zur Geltung zu kommen, und in dem Maß wie sie mehr und mehr im Vordergrund auftaucht, befreit sie sich von dem Gemisch. Das bedeutet, dass ihre Gegenwart direkt gefühlt wird, und nicht allein im Hintergrund oder als Stütze, sondern das frontale Bewusstsein ausfüllend, und nicht länger abhängig von ihren Instrumenten, Mental, Vital und Körper, oder durch sie beherrscht, sondern sie dominierend und in das Lichthafte wendend und sie ihre wahre Tätigkeit lehrend.
Unterweisung durch die Organisation des Lebens
Worte der Mutter
Hat die Seele irgendwelche Macht?
Macht? Meist ist es die Seele, die das Wesen leitet. Man weiß nichts darüber, denn man ist sich dessen nicht bewusst, doch im Allgemeinen leitet sie das Wesen. Wenn man sehr aufmerksam ist, wird man sich dessen bewusst. Doch die Mehrheit der Menschen hat nicht die leiseste Idee davon. Wenn sie zum Beispiel in ihrer äußeren Unwissenheit beschlossen haben, etwas Bestimmtes zu tun, doch dann ordnen sich alle Umstände derart, dass sie etwas ganz anderes tun, dann beginnen sie zu schimpfen, zu toben und wütend gegen das Schicksal anzugehen und zu sagen (es hängt davon ab, woran sie glauben, von ihrer Religion), dass die Natur hinterhältig, ihr Schicksal unheilvoll oder Gott ungerecht sei oder … ganz gleichgültig was (es hängt davon ab, woran sie glauben). Wobei während der ganzen Zeit genau jene Umstände für ihre innere Entwicklung am vorteilhaftesten waren. Und natürlich, wenn du die Seele darum bittest, dir dabei zu helfen, dir ein angenehmes Leben zu gestalten, Geld zu verdienen, Kinder zu haben, die der Stolz der Familie sind, etc., nun, dabei wird dir die Seele nicht helfen. Aber sie wird alle erforderlichen Umstände für dich schaffen, um etwas in dir wachzurufen, damit die Sehnsucht, sich mit dem Göttlichen zu vereinen in deinem Bewusstsein geboren werde. Manchmal hast du prächtige Pläne gemacht und wenn sie erfolgreich gewesen wären, wärst du immer mehr in deiner äußeren Unwissenheit erstarrt, in deinem dummen, kleinen Ehrgeiz und deiner ziellosen Tätigkeit. Doch wenn du einen kräftigen Schock empfängst, und der Posten, den du begehrtest, wird dir verweigert, der Plan, den du aufstelltest, wird vereitelt, und in allem wird dir ein Strich durch die Rechnung gemacht, dann öffnet dieser Widerstand dir manchmal eine Tür auf etwas Wahreres und Tieferes. Und wenn du ein wenig bewusst bist und zurückblickst, wenn du ein wenig aufrichtig bist, sagst du dir: „Ah, nicht ich hatte recht – es war die Natur oder die göttliche Gnade oder mein seelisches Wesen, durch die es geschah.“ Es ist das seelische Wesen, das so etwas auslöst.
Worte der Mutter
Wenn du in dir ein seelisches Wesen hast, das hinreichend erweckt ist, um über dich zu wachen und deinen Pfad vorzubereiten, vermag es Dinge anzuziehen, Menschen, Bücher, Umstände, alle Arten von kleinen Zufälligkeiten, die zu dir kommen wie durch einen gütigen Willen herbeigeführt, und dir einen Hinweis geben, eine Hilfe, eine Unterstützung, um eine Entscheidung zu treffen und dich in die richtige Richtung zu wenden. Und wenn du einmal eine Entscheidung getroffen hast, wenn du dich einmal entschlossen hast, die Wahrheit deines Wesens zu finden, wenn du dich einmal aufrichtig auf den Weg machst, dann scheint sich alles zu deinem Fortschritt zu verschwören.
Worte Sri Aurobindos
Wenn jemand für den Pfad bestimmt ist, werden ihn, trotz aller Umwege des Mentals und Lebens, alle Umstände auf die eine oder andere Weise zu diesem hinführen. Es ist das eigene seelische Wesen in ihm und die Göttliche Macht über uns, die zu diesem Zweck sowohl die Wechselhaftigkeiten des Mentals als auch die äußeren Umstände benutzen.
Worte der Mutter
Manche Menschen behaupten, dass etwas jenseits ihres Willens ihr ganzes Leben gestaltet, sie in den erforderlichen Zustand versetzt, der günstige Umstände oder wohlgesinnte Menschen anzieht, das sozusagen alles über sie hinweg arrangiert. In ihrem Bewusstsein wollten sie vielleicht etwas Bestimmtes und arbeiteten dafür, doch etwas anderes trat ein. Nun, nach einigen Jahren erkennen sie, dass es das war, was wirklich kommen musste. Du magst von der Existenz eines seelischen Wesens in dir nichts wissen, und dennoch von ihm geleitet werden. Denn, um sich einer Sache bewusst zu werden, muss man vor allem zugeben, dass sie existiert. Manche Menschen tun das nicht. Ich habe Menschen gekannt, die einen echten Kontakt mit ihrem seelischen Wesen hatten, ohne sich im geringsten darüber im Klaren zu sein, denn nichts in ihnen entsprach dem Wissen dieses Kontaktes.
Worte der Mutter
Mutter, wird die Ausrichtung eines menschlichen Lebens von der Seele bestimmt?
Ja. Meist dem Einzelnen durchaus nicht bewusst; aber es ist die Seele, die sein Dasein ausrichtet – doch nur hinsichtlich dessen, was man als die hauptsächlichen Richtlinien bezeichnen könnte, denn um in die Einzelheiten einzugreifen, hätte eine bewusste Einung zwischen dem äußeren Wesen, das heißt dem vitalen und physischen Wesen und dem seelischen Wesen stattfinden müssen; doch im Allgemeinen ist dies nicht der Fall. In den äußerlichen Einzelheiten … da war zum Beispiel jemand, der äußerst verblüfft zu mir sagte: „Nun, wenn es das seelische Wesen ist, oder vielmehr das Göttliche im seelischen Wesen, das unser Leben lenkt, entscheidet es dann auch die Anzahl der Zuckerstücke, die ich in meinen Tee tue?“ Das war die wörtliche Frage. Die Antwort war natürlich: „Nein, denn es ist kein ins einzelne gehendes Eingreifen dieser Art.“
Es ist, als würdest du deine Faust in einen Haufen Eisenspäne oder Sägemehl stoßen, all die unendlich kleinen Elemente der Eisenspäne oder des Sägemehls arrangieren sich in der Form deiner Faust, doch tun sie es weder willentlich noch bewusst. Es geschieht durch das Wirken des Bewusstseins, das die Faust stößt. Es gibt keine Entscheidung, die jedes Element genau an diesen oder jenen Platz verweist; es ist die Auswirkung der Energie, welche die Faust gestoßen hat und die Elemente der Eisenspäne ordnet. So ist es. Es ist das seelische Bewusstsein, das im Leben wirkt, das alle Umstände deines Lebens gestaltet, doch nicht mit einer vorsätzlichen Wahl der Einzelheiten; und tatsächlich sind es nur wenige Dinge, die vorsätzlich und bewusst das physische Leben der Menschen ausrichten. Jedenfalls meistens. Wenn du jemanden fragst: „Warum hast du das getan?“ „Nun, es geschah einfach so!“ In mindestens fünfundsiebzig Fällen von hundert. Man ist nur so daran gewöhnt auf diese Weise zu gehen und Dinge zu bewegen und zu tun, dass man es nicht einmal bemerkt. Doch wenn man sich zu beobachten beginnt, sieht man, dass es stimmt. Es gibt sehr wenige Dinge, die das Ergebnis einer klaren und gewollten Entscheidung sind, sehr wenige, nur das, was man als wichtig ansieht, und selbst hier gibt es einen großen Spielraum. Das Ausmaß der Unbewusstheit, die mit physischem Bewusstsein vermischt ist, ist ungeheuer, doch da wir daran gewöhnt sind, bemerken wir es nicht. Sobald du aber zu analysieren beginnst, zu betrachten, zu forschen, erschrickst du. Wie viele Male siehst du dich einem Problem gegenüber! Du erkennst, dass du die Dinge automatisch tust, gewohnheitsmäßig, manchmal vielleicht in freier Wahl – manchmal –, doch dann siehst du dich plötzlich einer ganz unbedeutenden Einzelheit gegenüber und fragst dich: „Sollte ich nun dies oder jenes tun?“ Einfach dies. Es sind sehr geringfügige Dinge, zum Beispiel … du bist beim Essen und du fragst dich: „Sollte ich weiter essen oder aufhören?“ Wie oft vermagst du eine motivierte und bewusste Entscheidung zu treffen? Und plötzlich erkennst du: „Ah, ich weiß überhaupt nichts darüber; ich weiß nicht; ich kann dies oder jenes tun; ich kann dies und das und das tun. Doch was ist es, das in mir wählen wird?“ Es sei denn, du hättest mentale Formationen. Doch dann, wenn du mentale Formationen hast, die dein Leben lenken, fragst du dich diese Fragen nicht einmal, du lebst wie ein Automat in einer gewohnheitsmäßigen Routine, die du für dich errichtest hast. Doch nicht nur einmal, es geschieht viele tausend Mal täglich.
Zum Beispiel, du hast Kontakt mit jemanden, du hast sehr gute Gefühle für diese Person; du befindest dich in einer etwas schwierigen Situation und willst das Bestmögliche tun. Wenn du spontan handelst, gibt es kein Problem, denn du handelst ohne nachzudenken, und ein Ding folgt dem anderen. Und du willst bewusst das Beste tun … Worauf willst du dein Urteil gründen? Welches Wissen lässt dich entscheiden: „Ich muss dies oder ich muss jenes tun, ich muss dies oder jenes sagen oder ich darf gar nichts sagen“ – all die unzähligen Möglichkeiten, die du siehst. Und worauf willst du dein Urteil gründen? Wenn du es aufrichtig betrachtest, wirst du deine Unwissenheit bei jedem Schritt erkennen.
Allein dann, wenn du die Gewohnheit hast, in dich zu gehen, dich an das innere seelische Bewusstsein zu wenden, damit es in dir entscheide, was du tun willst, tust du es mit Gewissheit, ohne zu zögern, ohne zu fragen, ohne alles. Du weißt, dass es dies ist, was getan werden muss, und dass es nichts zu fragen gibt; doch nur dann. Allein, wenn du deiner Seele die bewusste Führung überlässt, kannst du bewusst und immerwährend das Rechte tun; doch nur dann.
Im anderen Fall, weil du es dir zur Gewohnheit gemacht hast, zu denken und zu beobachten, siehst du all die kleinen Dinge des Lebens, die immer wiederkehren. Du willst nicht mechanisch leben, gewissermaßen gewohnheitsmäßig, du willst bewusst leben, deinen Willen gebrauchen. Nun, in jedem Augenblick stehst du einem Problem gegenüber, das du nicht lösen kannst. Ich meine rein physisch. Nimm eine bestimmte Schwierigkeit in deinem Körper – das, was wir eine Störung nennen –, die sich durch Unbehagen oder Unpässlichkeit ausdrückt; es ist keine Krankheit, es ist eine Unpässlichkeit, ein Unbehagen, etwas in dir, das nicht richtig funktioniert. Wenn du dann das seelische Wissen nicht hast, das dich die Sache, die getan werden sollte, tun lässt, ohne jedes Argument, wenn du die Sache deinem Verstand überlässt und dem, was du als dein Wissen ansiehst, dann … Nimm einen Fall aus dem Bereich der Medizin: „Sollte ich dies oder jenes tun, diese Medizin oder jene nehmen, meine Diät ändern, diese oder jene Nahrung zu mir nehmen?“ … Dann prüfst du dich. Wenn du niemals mehr als eine bestimmte Anzahl sehr grundlegender Prinzipien gekannt hast, ist deine Wahl sehr einfach, doch wenn du zufällig ein wenig Kenntnis der unterschiedlichen medizinischen Behandlungsmethoden besitzt … es gibt Systeme der verschiedenen Länder, die verschiedenen Systeme der Medikamente, es gibt, wie du weißt, Allopathie, Homöopathie, dieses oder jenes; daher sagt dir der eine das, der andere etwas anderes. Du kennst Leute, die sagen: „Tue das nicht, tue jenes“, andere sagen: „Vor allem tue jenes nicht, tue dieses“, und so fort, und so siehst du dich selbst dem Problem gegenüber und fragst dich: „Nun, was weiß ich selbst von all dem, wozu soll ich mich entscheiden? Ich weiß nichts.“
Es gibt nur eines in dir, das weiß, das ist deine Seele; sie macht keinen Fehler, sie wird es dir sofort und augenblicklich sagen, wenn du ihr widerspruchslos gehorchst, ohne deine eigenen Ideen und Argumente vorzubringen, sie ist es, die dich die rechte Sache tun lässt. Doch all das Übrige … du bist verloren. Und mit allem ist es so: was sollst du lernen, was sollst du nicht lernen, welche Arbeit wirst du tun, welchen Pfad wirst du einschlagen? Doch dann sind da all die Möglichkeiten, die sich einmischen, all das, was du entweder gelernt hast, oder dem du im Leben begegnet bist, all die Vorschläge, die du von allen Seiten empfangen hast, und die dich umflattern. Zu welchem wirst du dich entscheiden? Ich spreche von Menschen, die ganz aufrichtig sind, nicht von solchen, die vorgefasste Ideen, Vorurteile, festgelegte Regeln haben, denen sie in einer mechanischen Routine folgen, ohne sich im geringsten darum zu bemühen, die Wahrheit zu kennen, und für welche die Wahrheit aus der mentalen Auffassung der Dinge besteht. Für diese ist es einfach. Man folgt geradewegs seinem Pfad, bumst seine Nase gegen die Wand, man merkt es aber nicht, bis die Nase zerbeult ist. Doch im anderen Fall ist es furchtbar schwer.
Das ist es, was Sri Aurobindo meinte, als er sagte, dass man fortwährend in Unwissenheit lebt, und solange das Mental der Unwissenheit nicht durch das Mental des Lichtes ersetzt werde, man dem wahren Pfad nicht folgen könnte; und dass dies die unerlässliche Vorbereitung sei, bevor eine integrale Umwandlung stattfinden könne.
Das seelische Wesen – Zentrum der Selbst-Einung
Worte der Mutter
Die Arbeit, das menschliche Wesen zu einen, besteht darin:
1. sich seines seelischen Wesens bewusst zu werden und
2. alle eigenen Regungen, Impulse, Gedanken und Willensakte, sobald man sich ihrer bewusst wird, vor das seelische Wesen hinzustellen, damit es jede dieser Regungen, Impulse, Gedanken oder Willensakte akzeptiere oder zurückweise. Jene, die es akzeptiert, werden bewahrt und durchgeführt; jene, die es zurückweist, werden aus dem Bewusstsein vertrieben, um niemals mehr zurückzukehren.
Worte der Mutter
Wenn wir wahrhaft vorankommen und die Fähigkeit erwerben wollen, die Wahrheit unseres Wesens zu erkennen, das heißt das, wofür wir wirklich geschaffen wurden, das, was wir unsere Berufung auf Erden nennen können, müssen wir, was immer der Wahrheit unseres Daseins widerspricht, was immer im Gegensatz zu ihr steht, von uns zurückweisen oder in uns ausmerzen. Auf diese Weise können nach und nach alle Teile, alle Elemente unseres Wesens, in ein homogenes Ganzes um unser seelisches Zentrum angeordnet werden. Dieses Werk der Einung erfordert viel Zeit, bevor man einen gewissen Grad der Vollendung erlangt hat. Daher müssen wir uns für seine Durchführung mit Geduld und Ausdauer wappnen, mit einer Entschlossenheit, unser Leben so lange zu verlängern, wie es für den Erfolg unserer Bemühung notwendig ist.
Während du diese Arbeit der Läuterung und Einung aufnimmst, hast du gleichzeitig große Sorge zu tragen, den äußeren und instrumentalen Teil deines Wesens zu vervollkommnen. Wenn sich die höhere Wahrheit manifestiert, muss sie in dir ein Mental vorfinden, das beweglich und reich genug ist, der Idee, die sich auszudrücken sucht, eine Gedankenform geben zu können, welche ihre Kraft und Klarheit bewahrt. Dieser Gedanke wiederum, wenn er sich in Worte zu kleiden sucht, muss in dir eine genügende Ausdruckskraft finden, damit die Worte den Gedanken enthüllen, und ihn nicht entstellen. Und die Formel, in welcher du die Wahrheit verkörperst, sollte sich in all deinen Gefühlen ausdrücken, all deinen Willensakten, all deinen Tätigkeiten, in allen Regungen deines Wesens. Schließlich sollten diese Regungen selbst durch fortwährende Bemühung ihre höchste Vollendung erreichen.
All dies kann mit Hilfe einer vierfachen Disziplin verwirklicht werden, deren allgemeine Richtlinie hier gegeben ist. Die vier Aspekte der Disziplin schließen sich gegenseitig nicht aus und können gleichzeitig verfolgt werden; das ist sogar vorzuziehen. Der Ausgangspunkt ist, was man die seelische Disziplin nennen kann. Wir nennen das psychologische Zentrum unseres Wesens „seelisch“, es ist der Sitz der höchsten Wahrheit unseres Daseins in uns, das, was diese Wahrheit kennt und sie auslöst. Daher ist es von höchster Wichtigkeit, sich seiner Gegenwart in uns bewusst zu werden, sich auf diese Gegenwart zu konzentrieren, bis sie eine lebendige Tatsache für uns wird, und wir uns damit identifizieren können.
Zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten wurden viele Methoden vorgeschrieben, um diese Erkenntnis zu erreichen, und letztlich diese Identifizierung zu erlangen. Einige Methoden sind psychologisch, einige religiös, einige sogar mechanisch. Tatsächlich muss jeder diejenige finden, die am besten zu ihm passt; und wenn man eine glühende und stetige Aspiration besitzt, einen beharrlichen und dynamischen Willen, kann man gewiss auf die eine oder andere Weise – äußerlich durch Lesen und Studium, innerlich durch Konzentration, Meditation, Offenbarung und Erfahrung – die Hilfe erlangen, deren man bedarf, um das Ziel zu erreichen. Nur eine Sache ist absolut unerlässlich: der Wille, zu entdecken und zu verwirklichen. Diese Entdeckung und Verwirklichung sollte das Hauptanliegen unseres Wesens sein, die Perle von hohem Wert, die wir um jeden Preis erlangen müssen. Was immer du auch tust, welcher Art auch immer deine Beschäftigungen und Tätigkeiten seien, der Wille, die Wahrheit deines Wesens zu finden und sich damit zu einen, muss hinter allem, was du tust, allem, was du fühlst und allem, was du denkst, lebendig und gegenwärtig sein.
Worte der Mutter
Du sagst, es sei notwendig „Homogenität“ in unserem Wesen zu errichten?
Weißt du nicht, was eine homogene Sache ist, aus vielen gleichartigen Teilen zusammengesetzt? Es bedeutet, dass das ganze Wesen unter dem gleichen Einfluss steht, das gleiche Bewusstsein, die gleiche Richtlinie, den gleichen Willen haben muss. Wir bestehen aus allerlei verschiedenartigen Teilen. Sie werden einer nach dem anderen aktiv. Je nach dem Teil, der aktiv ist, ist man eine ganz andere Person, wird beinahe eine andere Persönlichkeit. Zum Beispiel, man hat zuerst eine Aspiration, man hat gespürt, dass alles nur um des Göttlichen willen existiert, dann passiert etwas, jemand kommt, man hat etwas zu tun, und alles verflüchtigt sich. Man versucht die Erfahrung zurückzurufen, doch nicht einmal die Erinnerung an die Erfahrung ist geblieben. Man ist völlig unter einen anderen Einfluss geraten, man wundert sich, wie dies geschehen konnte. Es gibt Beispiele von doppelten, dreifachen, vierfachen Persönlichkeiten in uns, die nichts voneinander wissen … Das aber meine ich nicht; was ich meine, ist etwas, das euch allen begegnet ist: Ihr hattet eine Erfahrung, und eine Zeit lang habt ihr gefühlt und verstanden, dass diese Erfahrung die einzige Sache war, etwas, das einen absoluten Wert hatte – eine halbe Stunde später versucht ihr sie euch zurückzurufen, und sie ist verschwunden, wie Rauch, der sich auflöst. Die Erfahrung ist verschwunden. Und doch, eine halbe Stunde vorher war sie noch da, und so machtvoll … Es hat seinen Grund in der Tatsache, dass man aus allen möglichen verschiedenartigen Dingen besteht. Der Körper ist wie eine Tasche voller Kieselsteine und Perlen, alle durcheinander gemischt, und allein die Tasche hält sie zusammen. Wir haben kein homogenes, einheitliches Bewusstsein, sondern ein heterogenes.
Ihr könnt eine andere Person in verschiedenen Augenblicken des Lebens sein. Ich kenne Menschen, die Entscheidungen trafen, einen starken Willen hatten, die wussten, was sie wollten und bereit waren, es zu tun. Dann fand eine kleiner Umschwung im Wesen statt; ein anderer Wesensteil trat hervor und verdarb die ganze Arbeit in zehn Minuten. Alles, was in zwei Monaten erreicht worden war, war zunichte gemacht. Wenn dann der erste Teil zurückkehrt, ist er bestürzt und sagt: „Was! …“ Dann muss die ganze Arbeit wieder von vorne beginnen, langsam. Daraus folgt, dass es sehr wichtig ist, sich des seelischen Wesens bewusst zu werden; man braucht eine Art Warnsignal oder Spiegel, in dem sich alle Dinge spiegeln und sich so zeigen, wie sie wirklich sind. Und dann, je nachdem, stellt man sie an den einen oder anderen Platz; man beginnt zu erklären, zu ordnen. Das dauert. Der gleiche Teil kehrt drei oder vier Mal zurück, und jeder Teil, der emporkommt, sagt: „Stell mich auf den ersten Platz; was die anderen tun, ist nicht wichtig, ganz und gar nicht wichtig, ich bin es, der entscheidet, denn ich bin am wichtigsten.“ Wenn ihr euch betrachtet, werdet ihr finden, dass nicht einer unter euch ist, der diese Erfahrung nicht hatte – dessen bin ich mir sicher. Ihr wollt bewusst werden, ihr seid voll guten Willens, ihr habt verstanden, eure Aspiration ist lichthaft, alles ist brillant, erleuchtet; doch plötzlich geschieht etwas, ein nutzloses Gespräch, eine unglückselige Stelle, die ihr lest, und das wirft alles über den Haufen. Dann glaubt man, dass es eine Illusion war, in der man lebte, dass alle Dinge nur unter einem bestimmten Gesichtswinkel gesehen wurden.
Das ist das Leben. Man stolpert und fällt bei der ersten Gelegenheit. Man sagt sich: „Ach, man kann nicht immer so ernsthaft sein“, und wenn der andere Teil zurückkehrt, bereut man es bitterlich: „Ich war ein Narr, ich habe meine Zeit vergeudet, jetzt muss ich wieder von vorne anfangen …“ Manchmal ist es ein Wesensteil, der schlecht gelaunt und voller Aufruhr und Sorgen ist, und dann ein anderer, der fortschrittlich ist, voller Hingabe. All das, eins nach dem anderen.
Es gibt nur einen Ausweg: dieses Warnsignal muss immer da sein, ein Spiegel in den eigenen Gefühlen, Impulsen und Wahrnehmungen. Man sieht sie in diesem Spiegel. Manche sind nicht sehr schön und angenehm zu betrachten; es gibt andere, die sind schön und angenehm, und müssen bewahrt werden. Dies tut man, wenn nötig, hundert Mal am Tag. Und es ist sehr interessant. Man zieht so etwas wie einen großen Kreis um den seelischen Spiegel und ordnet alle Elemente darum herum. Wenn etwas nicht in Ordnung ist, erscheint eine Art grauer Schatten auf dem Spiegel: dieses Element muss verschoben, ausgerichtet werden. Man muss ihm zureden, es muss begreifen lernen, man muss aus dieser Finsternis herauskommen. Wenn ihr das tut, wird es euch nie langweilig werden. Wenn die Menschen nicht freundlich sind, wenn man eine Erkältung im Kopf hat, wenn man seine Aufgabe nicht weiß, und so weiter, beginnt man in diesen Spiegel zu schauen. Es ist sehr interessant, man sieht das Geschwür. „Ich dachte, ich sei aufrichtig!“ – ganz und gar nicht.
Nicht eine einzige Sache geschieht im Leben, die nicht interessant ist. Dieser Spiegel ist sehr, sehr gut gemacht. Tu das zwei Jahre lang, drei, vier Jahre, manchmal muss man es zwanzig Jahre lang tun. Dann, am Ende von einigen Jahren, schaut zurück, betrachtet das, was ihr vor drei Jahren wart: „Wie sehr ich mich verändert habe! … War ich so?“ … Es ist sehr interessant. „Ich konnte auf diese Weise sprechen? Ich konnte so reden, so denken? Ich war doch wirklich dumm! Wie ich mich verändert habe!“ Es ist sehr interessant, nicht wahr!
Kapitel 3
Die Wachstumsentwicklung der Seele
Worte Sri Aurobindos
Eine Person, fortdauernd durch den Verlauf der Welten,
Obwohl immer dieselbe in vielerlei Gestaltungen
Und unerkennbar für das äußere Mental,
Annehmend unbekannte Namen in unbekannten klimatischen Zonen,
Prägt durch die Zeit in der abgegriffenen Buchseite der Erde
Eine wachsende Gestalt ihres geheimen Selbstes ein
Und lernt durch Erfahrung das, was der Geist wusste,
Bis sie ihre Wahrheit und Gott lebendig sehen kann.
Evolution und Seele
Worte der Mutter
„Dieses irdische evolutionäre Wirken der Natur von der Materie zum Mental und über dieses hinaus nimmt einen doppelten Verlauf: Es gibt einen äußerlich sichtbaren Prozess der physischen Evolution mit der Geburt als Mechanismus – denn durch die Vererbung wird jede entwickelte Körperform, die ihre eigene entfaltete Bewusstseins-Macht in sich birgt, ständig im Dasein erhalten. Zugleich gibt es aber auch einen unsichtbaren Prozess von Seelen-Evolution mit dem Mechanismus der Wiedergeburt in aufsteigenden Stufen von Gestalt und Bewusstsein. Der erste Vorgang würde an sich nur eine kosmische Evolution bedeuten; denn der Einzelne wäre nur ein rasch zugrunde gehendes Werkzeug, und die Rasse als dauerhafte kollektive Formulierung wäre der wirkliche Schritt in der fortschreitenden Manifestation des kosmischen Einwohners, des universalen Geistes: Wiedergeburt ist eine unentbehrliche Voraussetzung für jegliche Dauer und Entwicklung des individuellen Wesens im Erden-Dasein. Jede Stufe der kosmischen Manifestation, jeder Gestalt-Typus, der den innewohnenden Geist beherbergen kann, wird durch die Wiedergeburt für die individuelle Seele, das seelische Wesen, zu einem Mittel, immer mehr von dem in ihm verborgenen Bewusstsein zu offenbaren. Jedes einzelne Leben wird zu einer Stufe für den Sieg über die Materie durch ein mächtigeres fortschreitendes Sich-Entfalten von Bewusstsein in ihm, wodurch schließlich die Materie selbst zu einem Mittel für die völlige Offenbarung des Geistes wird.“ (Sri Aurobindo, The Life Divine, SABCL, Vol. 19, pp. 825-26)
Das ist sehr schwer zu verstehen, liebe Mutter!
Wenn du die Erdgeschichte betrachtest, siehst du, dass alle Lebensformen nacheinander in einem allgemeinen Plan, einem allgemeinen Programm erschienen sind, und immer unter Hinzufügung einer neuen Vollkommenheit und eines größeren Bewusstseins. Nimm nur einmal die Tierformen, denn das ist leichter zu verstehen, sie sind die letzten vor dem Menschen: jede Tiergattung, die auftrat, war mit einer zusätzlichen Vollkommenheit in ihrer allgemeinen Natur ausgestattet – ich meine nicht in allen Einzelheiten – eine größere Perfektion als die vorhergehenden, und der krönende Gipfelpunkt des Aufstiegs war die menschliche Form, welche zur Zeit die geeignetste Form ist, um Bewusstsein zu manifestieren; das heißt, die menschliche Form auf ihrem Höhepunkt, dem Höhepunkt ihrer Möglichkeiten, vermag mehr Bewusstsein zu enthalten als alle vorhergehenden Tierformen.
Das ist einer der Wege der Evolution der Natur.
Sri Aurobindo sagte uns letzte Woche, dass diese Natur einer ansteigenden Weiterentwicklung folgt, um mehr und mehr das göttliche Bewusstsein zu manifestieren, das in allen Formen enthalten ist. So, mit jeder neuen Form, die sie hervorbringt, befähigt die Natur diese Form immer vollständiger den Geist auszudrücken, den sie enthält. Aber wenn es so wäre, würde eine Form erscheinen, sich entwickeln, ihren höchsten Punkt erreichen, und eine andere Form würde ihr nachfolgen; die vorhergehenden hören nicht auf zu existieren, doch macht die einzelne Form keinen Fortschritt mehr. Der einzelne Hund oder Affe, zum Beispiel, gehört zu einer Spezies, die ihre eigene besondere Charakteristik hat; wenn der Affe oder der Mensch auf der Höhe seiner Möglichkeiten anlangt, das heißt, wenn ein menschliches Wesen der beste Typ der Menschheit wird, ist es zu Ende; das einzelne Wesen wird nicht weiter fortschreiten können. Es gehört zur menschlichen Art und wird weiterhin dazu gehören. Daher besteht vom Standpunkt der Erdgeschichte aus gesehen ein Fortschritt, denn jede Spezies stellt einen Fortschritt dar, verglichen mit der vorhergehenden Spezies; doch vom Standpunkt des Individuums gibt es keinen weiteren Fortschritt: es wird geboren, folgt seiner Entwicklung, stirbt, und hört auf zu bestehen. Daher war es notwendig, ein anderes Mittel zu finden, um den Fortschritt des Einzelnen sicherzustellen; dieses war nicht ausreichend. Doch innerhalb des Individuums, das in jeder Form enthalten ist, besteht eine Anordnung von Bewusstsein, die näher und direkter unter dem Einfluss der inneren göttlichen Gegenwart steht, und die Form, die unter diesem Einfluss steht, diese gewisse innere Konzentration von Energie, hat ein Leben, das unabhängig von der physischen Form ist – es ist das, was wir im Allgemeinen die „Seele“ oder das „seelische Wesen“ nennen; und da es um das göttliche Zentrum angeordnet ist, hat es Anteil an der göttlichen Natur, die unsterblich, ewig ist. Der äußere Körper fällt ab, und dies bleibt in jeder Erfahrung, die es in jedem Leben hat, bestehen; und von Leben zu Leben findet ein Fortschritt statt, und es ist der Fortschritt des selben Individuums. Und diese Bewegung vervollständigt die andere, sodass statt einer Spezies, die sich im Verhältnis zu einer anderen weiterentwickelt, es das Individuum ist, das alle Stadien der Weiterentwicklung dieser Spezies durchläuft und sich weiterhin entwickeln kann, selbst wenn die Spezies die Grenze ihrer Möglichkeiten erreicht hat und dort verbleibt, oder aber aufhört zu existieren, je nachdem, aber sie kann nicht weitergehen; während das Individuum, dessen Leben von der rein stofflichen Form unabhängig ist, von einer Form zu anderen gehen und seine Weiterentwicklung unendlich fortsetzen kann. Das läuft auf eine doppelte Bewegung hinaus, die sich vervollständigt. Und daher hat jedes Individuum die Möglichkeit die höchste Verwirklichung zu erreichen, unabhängig von der Form, zu der es augenblicklich gehört.
Worte der Mutter
Hinsichtlich der aufwärtsgerichteten Evolution ist es richtiger von der seelischen Gegenwart als dem seelischen Wesen zu sprechen. Denn die seelische Gegenwart wird nach und nach zum seelischen Wesen. In jeder sich entwickelnden Form gibt es diese Gegenwart, sie ist aber nicht individualisiert. Sie ist etwas, das fähig ist, zu wachsen und der Bewegung der Evolution zu folgen. Sie ist nicht eine Herabkunft der Involution von oben. Sie wird fortschreitend um den Funken Göttlichen Bewusstseins geformt, welcher ausersehen ist, das Zentrum eines wachsenden Wesens zu werden, das, wenn es schließlich individualisiert ist, zum seelischen Wesen wird. Es ist dieser Funke, der fortdauert, und der alle Arten von Elementen für die Formung jener Individualität um sich sammelt; das wahre seelische Wesen wird erst dann geformt, wenn die seelische Personalität voll ausgewachsen und voll um den ewigen göttlichen Funken aufgebaut ist; es erreicht seinen Höhepunkt, seine gänzliche Erfüllung, wenn es sich mit einem Wesen oder einer Personalität von oben eint.
Unterhalb der menschlichen Ebene besteht im Allgemeinen kaum irgendeine individuelle Formation – da ist nur diese Gegenwart, mehr oder weniger…
Natürlich kann man nicht sagen, dass jeder Mensch ein seelisches Wesen hat, genauso wenig wie man es zurückweisen kann, es jedem Tier zuzugestehen. Viele Tiere, die einem Menschen nahe waren, haben einen Ansatz davon, während man häufig Menschen begegnet, die nichts als Scheusale zu sein scheinen … Doch im Großen und Ganzen beginnt die Seele im eigentlichen Sinn auf der menschlichen Stufe. Im Menschen allein besteht die Möglichkeit, dass das seelische Wesen zu seiner vollen Statur heranwächst, sogar so sehr, dass es sich schließlich mit einem herabkommenden Wesen verbinden und vereinen kann, einer Gottheit von oben.
Seelisches Wachsen und seelische Entwicklung
Worte Sri Aurobindos
Es ist die Seele in uns, die sich immer der Wahrheit zuwendet, dem Guten und dem Schönen, denn durch diese Dinge wächst sie selbst an Statur; das Übrige, ihre Gegensätze, sind ein notwendiger Teil der Erfahrung, aus dem man aber in der spirituellen Mehrung des Wesens herauswachsen muss. Die zugrunde liegende seelische Wesenheit in uns hat Anteil an der Freude des Lebens und aller Erfahrung, welche die fortschreitende Offenbarung des Geistes ausdrücken, doch die eigentliche Grundlage ihrer Lebensfreude besteht darin, aus allen Kontakten und Geschehnissen deren geheimen göttlichen Sinn und Kern, einen göttlichen Nutzen und Zweck zu sammeln, sodass unser Mental und Leben aus der Nichtbewusstheit einem höchsten Bewusstsein, aus den Trennungen der Unwissenheit einem umfassenden Bewusstsein und Wissen entgegenwachsen mögen. Hierfür existiert die seelische Wesenheit und verfolgt von Leben zu Leben ihre stets wachsende, aufwärtsgerichtete Tendenz und Beharrlichkeit; das Wachstum der Seele ist ein Wachsen aus der Dunkelheit in das Licht, aus der Falschheit in die Wahrheit, aus dem Leiden in das eigene höchste und universale Ananda.
Worte der Mutter
Angenommen ein göttlicher Funke sammelt durch Anziehung, durch Wesensverwandtschaft und Auswahl den Beginn eines seelischen Bewusstseins um sich (dieser Vorgang ist bereits in Tieren durchaus wahrnehmbar – glaubt nicht, dass ihr außergewöhnliche Wesen seid, dass ihr allein ein seelisches Wesen habt, und die übrige Schöpfung hat keines. Es beginnt im Mineral, ist etwas mehr in der Pflanze entwickelt, und im Tier dann findet man den ersten Schimmer einer seelischen Gegenwart). Dann kommt ein Augenblick, wo dieses seelische Wesen so ausreichend entwickelt ist, dass es ein unabhängiges Bewusstsein und einen persönlichen Willen hat. Und dann, nach unzähligen, mehr oder weniger individualisierten Leben, wird es sich seiner bewusst, seiner Regungen und der Umgebung, die es für sein Wachsen gewählt hat. An einem bestimmten Punkt der Wahrnehmung angelangt, entscheidet es – meist in der letzten Minute des Lebens, das es soeben auf Erden beendet hat – die Voraussetzungen, unter denen sein nächstes Leben stattfinden wird. Hier muss ich dir etwas sehr Wichtiges sagen: das seelische Wesen kann sich nur im physischen Leben und auf Erden weiterentwickeln und formen. Sobald es einen Körper verlässt, tritt es in eine Ruhe ein, die mehr oder weniger lang anhält, seiner eigenen Wahl und Entwicklungsstufe entsprechend – eine Ruhepause zur Assimilation, gleichsam für einen passiven Fortschritt, eine Ruhepause für ein passives Wachsen, die es eben diesem seelischen Wesen erlaubt, zu neuen Erfahrungen überzugehen und einen aktiveren Fortschritt zu machen. Doch nachdem es ein Leben beendet hat (das meist erst dann endet, wenn es getan hat, was es tun wollte), wird es das Milieu wählen, in dem es wiedergeboren werden wird, den ungefähren Ort, wo es geboren werden wird, die Voraussetzungen, unter denen es geboren werden wird, und die Umstände und die Art von Leben, in denen es geboren werden wird, sowie ein sehr genaues Programm der Erfahrungen, durch die es gehen muss, um den Fortschritt zu machen, den es machen will.
Ich werde dir ein ganz konkretes Beispiel geben. Angenommen ein seelisches Wesen hat aus dem einen oder anderen Grund beschlossen in den Körper eines Menschen einzugehen, dem es bestimmt ist, ein König zu werden, da dort eine ganze Reihe von Erfahrungen möglich sind, die es allein unter diesen Voraussetzungen haben kann. Nachdem es diese Erfahrungen eines Königs hatte, erkennt es, dass es einen ganzen Bereich gibt, in dem es, aufgrund eben jener Lebensumstände, in denen es sich befindet, keinen Fortschritt machen kann. Wenn es also seine Zeit auf Erden beendet hat und zu gehen beschließt, entscheidet es im nächsten Leben in einem durchschnittlichen Milieu und unter durchschnittlichen Umständen, weder hoch noch niedrig, zur Welt zu kommen, doch auf eine Weise, dass der Körper, in den es eintritt, frei ist zu tun, was er will. Denn es ist ja nicht Neues, wenn ich sage, dass das Leben eines Königs dem eines Sklaven gleicht; ein König ist verpflichtet, sich einem Protokoll und allen möglichen Zeremonien zu unterwerfen, um sein Prestige aufrechtzuerhalten (das mag vielleicht für eitle Menschen sehr angenehm sein, doch für das seelische Wesen ist es das nicht, denn auf diese Weise wird es der Möglichkeit einer großen Anzahl von Erfahrungen beraubt). Es fasst also diesen Entschluss, in sich alle Erinnerungen bergend, die ein königliches Leben zu geben vermag, und tritt in eine Ruhepause ein, solange es diese für notwendig erachtet (hier muss ich einfügen, dass ich von einem seelischen Wesen spreche, das ausschließlich mit sich selbst beschäftigt ist, und nicht von einem, das sich einem Werk gewidmet hat, da dann dieses Werk die künftigen Leben und ihre Voraussetzungen bestimmt). In einem bestimmten Augenblick entscheidet es dann, in einen Körper einzutreten. Da es bereits eine Anzahl von Erfahrungen hatte, weiß es, dass sich in einem bestimmten Land ein bestimmter Teil des Bewusstseins entwickelt hat; in einem anderen Land ein anderer Teil, usw. Daher wählt es den Ort, der ihm leichte Entwicklungsmöglichkeiten bietet: das Land, die Lebensbedingungen, die ungefähre Natur der Eltern, und auch den Zustand des Körpers selbst, seine physische Struktur und die Eigenschaften, die es für seine Erfahrungen braucht. Es begibt sich zur Ruhe und dann, im erforderlichen Augenblick, erwacht es und projiziert sein Bewusstsein auf die Erde, zentralisiert es in dem gewählten Bereich und den gewählten Voraussetzungen – oder so ungefähr; es besteht ein kleiner Spielraum, denn im seelischen Bewusstsein ist man zu weit vom stofflichen physischen Bewusstsein entfernt, um mit einer klaren Schau sehen zu können; es ist ungefähr so. Hinsichtlich des Landes oder der Umgebung macht es keinen Fehler, es sieht den inneren Schwingungsbereich der Menschen ziemlich klar, es ist jedoch möglicherweise eine leichte Unschlüssigkeit vorhanden. Wenn aber, gerade zu diesem Zeitpunkt, ein Paar auf Erden ist oder besser eine Frau, die selbst eine seelische Aspiration hat, und die gerne aus irgendeinem Grund, ohne zu wissen warum, ein außergewöhnliches Kind hätte, das gewissen außergewöhnlichen Voraussetzungen entspricht: wenn in diesem Augenblick diese Aspiration auf Erden besteht, schafft das eine Vibration, ein seelisches Licht, welches das seelische Wesen sofort wahrnimmt und, ohne zu zögern, darauf zueilt. Von diesem Augenblick an (welches der Augenblick der Empfängnis ist), wacht es über der Formung des Kindes, damit diese für seine Pläne so günstig wie möglich sei; es übt daher einen Einfluss auf das Kind aus, noch bevor dieses in der stofflichen Welt erscheint.
Wenn alles gut geht und kein Missgeschick passiert (Missgeschicke kann es durchaus geben), wenn alles gut geht im Augenblick der Geburt des Kindes, eilt die seelische Kraft (vielleicht nicht in ihrer Totalität, sondern als Teil des seelischen Bewusstseins) in das Wesen und von seinem allerersten Schrei an, drängt sie das Kind zu den Erfahrungen, die es sich nach ihrem Willen aneignen soll. Das Ergebnis ist, dass selbst wenn die Eltern nicht bewusst sind, selbst wenn das Kind in seinem äußeren Bewusstsein nicht ganz bewusst ist (ein kleines Kind hat hierfür nicht das nötige Gehirn, das sich langsam formt, nach und nach), es dennoch für den seelischen Einfluss möglich sein wird, alle Ereignisse zu lenken, sowie alle Lebensumstände dieses Kindes bis zu dem Augenblick, da es fähig wird, in bewussten Kontakt mit seinem seelischen Wesen zu treten (physisch gesehen ist das meist im Alter zwischen vier und sieben Jahren, manchmal früher, manchmal beinahe sofort, doch in solchem Fall haben wir es mit Kindern zu tun, die keine „Kinder“ sind, die, wie es heißt, übernatürliche Eigenschaften haben – diese sind aber nicht „übernatürlich“, sondern einfach Ausdruck der Gegenwart des seelischen Wesens). Es gibt aber Menschen, die nicht die Gelegenheit hatten oder, besser gesagt, das Glück, wenn man es so nennen darf, jemanden auf der physischen Ebene zu treffen, der sie hätte unterweisen können. Und dennoch haben sie das Gefühl, dass jeder Schritt ihres Daseins, jeder Umstand ihres Lebens von jemand Bewussten festgelegt ist, damit sie den größtmöglichen Fortschritt machen können. Wenn sie ein bestimmtes Geschehnis brauchen, tritt es ein; wenn sie bestimmte Menschen treffen müssen, werden sie sie treffen; wenn sie bestimmte Bücher lesen sollten, finden sie diese innerhalb ihrer Reichweite. Alles ist auf diese Weise arrangiert, so als würde jemand über sie wachen, damit ihr Leben die maximalen Entwicklungsmöglichkeiten habe. Diese Menschen könnten durchaus sagen: „Was ist eigentlich ein seelisches Wesen?“, denn niemand, den sie kennen, hat je diesen Ausdruck gebraucht, oder sie sind niemanden begegnet, der ihnen all das hätte erklären können; oft aber ist für sie nur eine Begegnung, ein Blick notwendig, um zu erwachen; ein Wort genügt, damit sie sich erinnern: „Aber all das habe ich doch gewusst.“
Genau das ist es, was einem seelischen Wesen geschieht, welches das letzte Stadium seiner Entwicklung erreicht hat. Danach ist es nicht länger durch die Notwendigkeit gebunden, zur Erde zu kommen, es wird seine Entwicklung vollendet haben und kann frei wählen, sich entweder dem göttlichen Werk zu weihen, oder sich woanders hinzuwenden, das heißt in die höheren Welten. Im Allgemeinen aber, wenn es dieses Stadium erreicht hat, erinnert es alles, was ihm geschehen ist, und versteht die große Notwendigkeit, jenen zu Hilfe zu kommen, die noch inmitten von Schwierigkeiten stecken. Diese seelischen Wesen geben ihr ganzes Dasein dem göttlichen Werk – das ist nichts Absolutes, Unvermeidliches, sie wählen frei, doch in neunzig von hundert Fällen geschieht es so.
Worte der Mutter
Jedes Mal, wenn die Seele in einem neuen Körper geboren wird, kommt sie mit der Absicht, eine neue Erfahrung zu haben, die ihr dazu verhelfen wird, sich zu entwickeln und ihre Personalität zu vervollkommnen. Auf diese Weise wird die Seele von Leben zu Leben geformt, sie wird eine vollständig bewusste und unabhängige Persönlichkeit, die, wenn sie einmal den Gipfel ihrer Entwicklung erreicht hat, frei wählen kann, nicht nur die Zeit ihrer Wiederverkörperung, sondern auch den Ort, den Zweck und die zu verrichtende Arbeit.
Ihr Abstieg in den physischen Körper ist notwendigerweise ein Abstieg in die Finsternis, Unwissenheit, Unbewusstheit; und eine sehr lange Zeit muss sie einfach darauf hinwirken, ein wenig Bewusstsein in die stoffliche Substanz des Körpers zu bringen, bevor sie ihn für die Erfahrung, deretwegen sie gekommen ist, benutzen kann. Wenn wir also den Körper durch eine kluge und rationale Methode kultivieren, helfen wir gleichzeitig dem Wachstum der Seele, ihrem Fortschritt und ihrer Erleuchtung.
Worte der Mutter
Mutter, in jedem neuen Leben sind sowohl das Mental und Vital als auch der Körper neu; wie können dann die Erfahrungen der vergangenen Leben für sie nützlich sein? Müssen wir durch alle Erfahrungen noch einmal hindurch?
Das hängt von den Menschen ab!
Es ist nicht das Mental und Vital, das sich von Leben zu Leben entwickelt und Fortschritte macht, außer in ganz außergewöhnlichen Fällen und bei einem sehr fortgeschrittenen Stadium der Evolution – es ist die Seele. Es geschieht also folgendermaßen: die Seele hat alternierende Zeitspannen von Tätigkeit und Ruhe; sie hat ein Leben des Fortschritts, das aus den Erfahrungen des physischen Lebens resultiert, eines aktiven Lebens in einem physischen Körper, mit all den Erfahrungen des Körpers, des Vitals und Mentals; dann begibt sich die Seele normalerweise in eine Art Ruhezustand zur Assimilation, in welchem das Ergebnis des Fortschritts, der während ihres aktiven Daseins erzielt wurde, ausgearbeitet wird; nun, wenn diese Assimilation beendet ist, wenn sie den Fortschritt absorbiert hat, den sie in ihrem aktiven Leben auf Erden vorbereitete, kommt sie wiederum in einen neuen Körper herab und bringt das Ergebnis all ihres Fortschritts mit; und in einem fortgeschrittenen Stadium, wählt sie sogar die Umgebung, die Art des Körpers und die Art des Daseins, in denen sie leben wird, um ihre Erfahrung hinsichtlich des einen oder anderen Punktes vollständig zu machen. In einigen sehr fortgeschrittenen Fällen kann die Seele, bevor sie den Körper verlässt, entscheiden, welche Art von Leben sie in ihrer nächsten Inkarnation haben will.
Wenn sie ein beinahe vollkommen geformtes und bereits sehr bewusstes Wesen geworden ist, wacht sie über der Gestaltung des neuen Körpers und wählt, meist durch innere Beeinflussung, die Elemente und die Substanz, aus denen der Körper gebildet wird, damit er den Erfordernissen ihrer neuen Erfahrung angepasst ist. Dies ist jedoch ein ziemlich fortgeschrittenes Stadium. Und später, wenn sie voll geformt ist, und zur Erde mit der Idee des Dienens zurückkehrt, der kollektiven Hilfe und Teilnahme an der göttlichen Arbeit, dann ist sie fähig, dem sich formenden Körper gewisse Elemente des Mentals und Vitals von vorhergehenden Leben zuzuführen, die mit seelischen Kräften in früheren Leben gestaltet und durchtränkt wurden, und die bewahrt werden konnten und infolgedessen am allgemeinen Fortschritt teilnehmen können. Dies jedoch findet in einem sehr, sehr fortgeschrittenen Stadium statt.
Wenn die Seele voll entwickelt und sehr bewusst ist, wenn sie ein bewusstes Instrument des göttlichen Willens wird, ordnet sie Vital und Mental auf solche Weise, dass auch diese an der allgemeinen Harmonie teilhaben und bewahrt werden können.
Bei einem hohen Grad von Entwicklung können zumindest einige Teile der mentalen und vitalen Wesen, trotz der Auflösung des Körpers, bewahrt werden. Wenn zum Beispiel einige Teile – mentale oder vitale – der menschlichen Tätigkeit besonders entwickelt wurden, werden diese Elemente des Mentals und Vitals aufrechterhalten, sogar „in ihrer Form“, in der Form der Tätigkeit, die voll organisiert wurde –, zum Beispiel in hochintellektuellen Menschen, die besonders ihr Gehirn entwickelt haben, bewahrt der mentale Teil ihres Wesens diese Struktur und wird in der Form eines gestalteten Gehirns erhalten, das sein eigenes Leben besitzt, und unverändert bis zu einem künftigen Leben bewahrt werden kann, um dann mit allem Gewinn daran teilzunehmen.
In Künstlern zum Beispiel, in gewissen Musikern, die ihre Hände in besonders bewusster Weise gebraucht haben, wird die mentale und vitale Substanz in Form von Händen bewahrt, und diese Hände bleiben voll bewusst, sie können sogar die Körper lebender Menschen benutzen, wenn eine spezifische Affinität vorhanden ist – und so weiter.
Im anderen Fall, in gewöhnlichen Menschen, in denen die seelische Form nicht voll entwickelt und gestaltet ist, mögen die mentalen und vitalen Formen eine gewisse Zeit fortbestehen, wenn die Seele den Körper verlässt, vorausgesetzt ihr Tod war besonders friedvoll und konzentriert; doch wenn ein Mensch plötzlich stirbt, im Zustand der Leidenschaft, mit zahlreichen Bindungen, nun, dann werden die verschiedenen Teile des Wesens verstreut, und leben eine kürzere oder längere Zeit ihr eigenes Leben in ihrem Bereich – dann verschwinden sie.
Das Zentrum der Gestaltung ist immer die Gegenwart der Seele im Körper. Daher ist es ein sehr großer Fehler, zu glauben, dass der Vorgang fortdauert oder selbst, wie einige meinen, dass er vollständiger und schneller in der Zeitspanne des Übergangs zwischen zwei physischen Leben vor sich geht; im Allgemeinen gibt es dort überhaupt keinen Fortschritt, denn die Seele tritt in einen Zustand der Ruhe ein, während die anderen Teile nach einem mehr oder weniger kurzlebigen Dasein in ihrem eigenen Bereich aufgelöst werden.
Das Erdenleben ist der Ort für den Fortschritt. Es ist hier, auf Erden, wo Fortschritt möglich ist, während der Zeitspanne des Erdendaseins. Und es ist die Seele, die den Fortschritt von einem Leben zum anderen hinüberträgt, indem sie ihre eigene Evolution und Entwicklung selbst gestaltet.
Worte der Mutter
Wenn es nicht das Mental, Vital oder das Physische ist, sondern nur das seelische Wesen, das wiedergeboren wird, ist dann der mentale oder vitale Fortschritt, den man gemacht hat, ohne Wert in einem anderen Leben?
Nur in dem Ausmaß wie der Fortschritt dieser Teile sie der Seele nahegebracht hat, das heißt, in dem Ausmaß wie der Fortschritt darin besteht, alle Teile des Wesens nacheinander unter den seelischen Einfluss zu stellen. Denn alles, was unter dem seelischen Einfluss steht und mit der Seele identifiziert ist, dauert fort, und allein das dauert fort. Doch wenn die Seele zum Zentrum des Lebens und Bewusstseins gemacht wird, und wenn das ganze Wesen um sie herum geordnet ist, gerät das ganze Wesen unter den seelischen Einfluss, vereinigt sich damit und kann fortbestehen – wenn es erforderlich ist, dass es fortbesteht. Wenn dem physischen Körper tatsächlich die gleiche Bewegung gegeben werden könnte – die gleichen Bewegungen von Fortschritt und die Fähigkeit aufzusteigen, die das seelische Wesen hat – nun, dann bräuchte er sich nicht zu zersetzen. Hierin liegt aber tatsächlich die Schwierigkeit.
Und nur das, was sich in Kontakt mit der Seele befindet, dauert an, und nur das, was andauert, kann sich erinnern, denn das Übrige verschwindet, wird wieder in kleine Teile aufgelöst und anderweitig verwendet, so wie der Körper sich wieder in Staub auflöst und anderweitig verwendet wird. Er kehrt zur Erde zurück, die Pflanzen verwenden die Erde, die Menschen essen die Pflanzen. Auf diese Weise geht es vor sich. Und dann kehrt er zur Erde zurück, und es beginnt von vorne. So macht die Natur Fortschritte. Um einen Fortschritt zu erzielen, schafft sie eine Menge Formen, und wenn ihr dies nicht länger wichtig oder notwendig erscheint, zerstört sie diese, nimmt wiederum alle Elemente auf, chemische und andere, und formt etwas anderes, und so geht das fort und verändert sich die ganze Zeit, kommend und gehend. Und sie findet das sehr gut, denn sie sieht sehr weit, ihr Werk dehnt sich über Jahrhunderte aus, und ein kleines menschliches Leben ist nichts, nur ein Atemzug in der Ewigkeit. So nimmt sie ihr Werk auf und gestaltet es; sie braucht eine gewisse Zeit, es macht ihr Spaß, sie findet es sehr gut; und dann, wenn es nicht länger gut genug ist, zerstört sie es – sie beginnt wiederum, mischt alles durcheinander, fängt eine andere Form an, macht etwas anderes. Und vielleicht im Laufe dieses Prozesses, der offensichtlich ein sehr langsamer ist, macht schließlich die Gesamtheit der Materie einen Fortschritt. Es ist möglich – immer auf diese Weise, mischend, aufbrechend, wieder mischend, wieder aufbrechend. Im Grunde ist es so, als würde man einen Haufen kleiner Gegenstände machen, und sie dann zerstören, um aus dem Staub etwas Neues zu formen, andere Spielzeuge, und sie wiederum zu zerbrechen, um andere daraus zu erschaffen. Jedes Mal wird etwas hinzugefügt, sodass es sich gut vermischt. Und dann, eines Tages, wird all das vielleicht etwas hervorbringen. Jedenfalls hat sie es nicht eilig.
Worte der Mutter
Entwickelt sich das seelische Wesen immer weiter?
Es gibt im seelischen Wesen zwei verschiedene Arten von Fortschritt: einer besteht aus seiner Formung, seinem Aufbau und seiner Gestaltung. Denn die Seele beginnt als eine Art winziger, göttlicher Funken im Inneren des Wesens, und aus diesem Funken wird fortschreitend ein unabhängiges, bewusstes Wesen mit eigener Tätigkeit und eigenem Willen auftauchen. Ursprünglich ist das seelische Wesen nur ein Funken göttlichen Bewusstseins, und in den einander folgenden Leben baut es eine bewusste Individualität auf. Es ist ein Fortschritt, der dem eines wachsenden Kindes gleicht. Es ist ein im Werden begriffenes Ding. Auf lange Zeit hin ist die Seele in den meisten Menschen ein im Werden begriffenes Wesen. Sie ist kein voll individualisiertes, voll bewusstes Wesen, sie ist nicht Herr ihrer selbst, und sie bedarf all ihrer Wiedergeburten, einer nach der anderen, um sich zu formen und voll bewusst zu werden.
Diese Art von Fortschritt aber hat ein Ende. Es kommt eine Zeit, in der das seelische Wesen voll entwickelt ist, voll individualisiert, ganz und gar Meister seiner selbst und seines Geschicks. Wenn dieses Wesen oder eines dieser seelischen Wesen in diesem Stadium in einem Menschen geboren wird, so macht das einen gewaltigen Unterschied aus: das menschliche Wesen wird sozusagen frei geboren. Es ist nicht wie gewöhnliche Menschen an Umstände, die Umgebung, seinen Ursprung und an Atavismus gebunden. Es wird mit dem Zweck geboren, etwas zu schaffen, eine Arbeit zu verrichten, eine Aufgabe zu erfüllen. In dieser Hinsicht ist seine Wachstumsentfaltung beendet, das heißt, es braucht nicht wiederum in einem Körper geboren zu werden. Bis zu diesem Punkt ist Wiedergeburt ein Erfordernis, denn durch Wiedergeburt wächst es; im physischen Leben und in einem physischen Körper entwickelt es sich allmählich und wird ein voll bewusstes Wesen. Ist es aber einmal gänzlich geformt, dann ist es frei, in dem Sinne, dass es nach Wunsch geboren werden kann oder nicht. Hier also hört eine Art von Fortschritt auf.
Wenn aber dieses voll geformte Wesen ein Instrument der Arbeit für das Göttliche werden will, wenn es wählt, statt sich in eine seelische Glückseligkeit in seinem eigenen Bereich zurückzuziehen, ein tätiges Wesen auf Erden zu sein, um bei der Vollendung des Göttlichen Werkes zu helfen, dann muss es neuen Fortschritt machen; Fortschritt in der Befähigung zur Arbeit, in der Gestaltung der Arbeit, im Ausdruck des Göttlichen Willens. Es ist also eine Zeit der Veränderung. Solange es in der Welt bleibt, solange es wählt für das Göttliche zu arbeiten, wird es einen Fortschritt machen. Wenn es sich aber in die seelische Welt zurückzieht und die Göttliche Arbeit nicht länger fortsetzen will oder sich davon lossagt, kann es in einem statischen Zustand außerhalb allen Fortschritts bleiben, da es, wie ich dir sagte, nur auf Erden Fortschritt gibt, nur in der physischen Welt; er wird nicht überall erlangt. In der seelischen Welt besteht eine Art glückselige Ruhe. Man bleibt, was man ist, ohne jede Dynamik.
Doch für jene, die sich ihrer Seele nicht bewusst sind?
Sie werden zum Fortschritt gezwungen, ob sie ihn wollen oder nicht.
Das seelische Wesen entwickelt sich weiter in ihnen, und sie sind sich dessen nicht bewusst. Sie selbst aber sind zum Fortschritt gezwungen. Das heißt, sie folgen einer Kurve. Sie folgen einem Aufstieg im Leben. Es ist der gleiche Fortschritt wie der des wachsenden Kindes; es kommt eine Zeit, da es an dem Gipfel seines Wachstums angelangt ist und dann – es sei denn es verändert die Ebene des Fortschritts, außer der rein physische Fortschritt wandelt sich in einen mentalen Fortschritt, einen seelischen Fortschritt, einen spirituellen Fortschritt – folgt es der absteigenden Kurve; und dann wird ein Zerfall einsetzen und es wird nicht länger existieren.
Genau deshalb, weil der Fortschritt in der physischen Welt nicht beständig und andauernd ist, gibt es ein Wachsen, einen Höhepunkt, einen Abstieg und Zerfall. Denn alles, was nicht vorwärts geht, fällt zurück.
Genau das ist es, was auf der physischen Ebene stattfindet. Die physische Welt hat nicht gelernt, sich unbegrenzt weiter zu entwickeln; sie langt an einem bestimmten Punkt an und ist dann entweder des Fortschritts müde oder ist in ihrer gegenwärtigen Beschaffenheit eines Fortschritts nicht fähig – aber in jedem Fall hört sie auf, sich weiter zu entwickeln und zerfällt nach einer gewissen Zeit. Jene, die ein rein physisches Leben führen, erreichen eine Art Höhepunkt, und gleiten dann sehr rasch abwärts. Doch jetzt, mit dem allgemeinen kollektiven, menschlichen Fortschritt, steht hinter dem physischen Fortschritt ein vitaler und ein mentaler Fortschritt, und der mentale Fortschritt kann sehr lange andauern, selbst nachdem der physische Fortschritt bei einem Ende angelangt ist; und durch diesen mentalen Fortschritt erhält man eine Art Aufstieg aufrecht, lange nachdem das Physische aufgehört hat, sich weiter zu entwickeln.
Und dann gibt es jene, die den Yoga ausüben, die sich ihres seelischen Wesens bewusst werden, die damit geeint sind, die an seinem Leben teilhaben; diese machen tatsächlich bis zum letzten Atemzug ihres Lebens einen Fortschritt. Und selbst nach dem Tod, wenn sie ihren Körper unter dem Vorwand verlassen haben, dass er nicht länger andauern kann: sie entwickeln sich weiterhin.
Es liegt an der Unfähigkeit des Körpers, sich umzuwandeln, weiterhin einen Fortschritt zu machen, die seinen Rückschritt verursacht, und die ihn am Ende immer offener für die innere Labilität werden lässt, bis diese eines Tages stark genug wird, um eine totale Instabilität herbeizuführen, und er sein Gleichgewicht und seine Gesundheit nicht mehr zurückgewinnen kann … Allein im rein spirituellen Leben – jenem, das sich außerhalb von allem physischen und erdhaften Daseins befindet, einschließlich des mentalen – gibt es keinen Fortschritt. Du erreichst einen statischen Zustand und befindest dich außerhalb aller Dynamik des Fortschritts. Doch bist du gleichzeitig außerhalb der Schöpfung. Wenn du jenen Zustand erreicht hast, gehörst du nicht länger der Schöpfung an, du verlässt die Manifestation. Man muss die manifestierte Welt verlassen, um allen Fortschritt hinter sich zu lassen, denn die beiden sind identisch: Manifestation bedeutet Fortschritt und Fortschritt bedeutet Manifestation.
Worte der Mutter
Worin besteht der Fortschritt eines seelischen Wesens?
In der Individualisierung; in der Fähigkeit, alle Erfahrungen zu absorbieren, und sie um ein göttliches Zentrum zu ordnen.
Das Ziel des seelischen Wesens ist es, ein individuelles Wesen zu formen, individualisiert, „personifiziert“, um das göttliche Zentrum. Normalerweise ziehen alle Erfahrungen des äußeren Lebens vorüber (es sei denn, man übt den Yoga aus und wird bewusst), ohne das innere Wesen zu ordnen, während das seelische Wesen diese Erfahrungen fortlaufend ordnet. Es will eine bestimmte Haltung dem Göttlichen gegenüber verwirklichen. Daher hält es nach allen geeigneten Erfahrungen Ausschau, gleichsam um jede Gelegenheit zu haben, die ihm erlaubt, diese Haltung dem Göttlichen gegenüber zu verwirklichen. Angenommen, jemand will die Erfahrung der Hochherzigkeit haben – eine Hochherzigkeit, die es dir unmöglich macht wie eine gewöhnliche Person zu handeln, die dir eine Tapferkeit, einen Mut einflößt, die man beinahe für Unbesonnenheit halten könnte, denn die Erfahrung erfordert eine Haltung, in der du der Gefahr ohne die geringste Furcht begegnest. Vor einiger Zeit versprach ich zu erklären, was man erlangen könne, wenn man in den Körper eines Königs eingeht. Ein König ist ein gewöhnlicher Mensch, wie alle anderen. Er hat kein besonderes Bewusstsein, doch aufgrund der Erfordernisse seines Lebens, da er eine Art Symbol für sein Volk ist, gibt es Dinge, die er tun muss, aber niemals tun würde, wenn er ein gewöhnlicher Mensch wäre. Ich weiß das aus Erfahrung, aber ich habe es auch gesehen, als ich Bilder betrachtete, die einen König in einer tatsächlichen Lebenssituation darstellten: etwas hatte sich ereignet, vielleicht ein Attentatsversuch, doch wurde dieser abgewendet. Die Fotografien zeigen einen König, der ein Regiment inspiziert; plötzlich war jemand nach vorne gestürzt, vielleicht in böser Absicht, vielleicht auch nicht, denn nichts war passiert; auf jeden Fall, der König war völlig ungerührt geblieben, absolut ruhig, mit dem gleichen Lächeln auf seinen Lippen, ohne sich im geringsten von der Stelle zu rühren; und er wäre durchaus in Reichweite gewesen, ein leichtes Ziel für jemanden, der hätte hervorstürzen und ihn verletzen wollen. Soweit mir bekannt ist, war dieser König kein Held, doch weil er ein König war, konnte er nicht die Flucht ergreifen. Das wäre schmachvoll gewesen. Daher blieb er ruhig, ohne sich zu rühren, ohne eine äußere Furcht zu zeigen. Dies ist ein Beispiel, was man im Leben eines Königs lernen kann.
Hier ist auch eine wahre Geschichte über die Königin Elisabeth. Es waren die letzten Tage ihres Lebens und sie war sehr, sehr krank. Aber im Land waren Unruhen ausgebrochen – es handelte sich um Steuern – und eine Gruppe von Leuten (Kaufleute vermutlich) hatte eine Delegation gesandt, um ihr eine Bittschrift im Namen einer Volkspartei zu überreichen. Sie lag sehr krank in ihrem Zimmer, so krank, dass sie kaum aufstehen konnte. Aber sie stand auf und kleidete sich an, um sie empfangen. Die diensthabende Dame rief aus: „Das ist doch unmöglich, Sie werden daran sterben!“ Die Königin antwortete ruhig: „Wir werden nachher sterben.“ … Das ist ein Beispiel einer ganzen Reihe von Erfahrungen, die man im Leben eines Königs haben kann; und das ist es, was die Wahl eines seelischen Wesens rechtfertigt, wenn es diese Art Leben annimmt.
Erinnerungen dieser Art sind es, die die Echtheit der Erfahrung beweisen; denn wenn die Menschen über ihre vergangenen Leben sprechen, sagen sie im Allgemeinen, dass es immer einen Fortschritt gegeben habe, ganz selbstverständlich, und sie sind immer großartigere Menschen in immer wunderbareren Leben geworden. Das ist falsch! Die Dinge ereignen sich niemals so! Das seelische Wesen folgt einer gewissen Daseinslinie, die gewisse Eigenschaften, gewisse Kräfte usw. entwickelt, es erkennt aber immer, was ihm fehlt, und kann die entgegengesetzte Richtung in einem künftigen Leben einschlagen, gleichsam die Annullierung der stattgefundenen Erfahrung, damit es ergänzende, andere Erfahrungen habe.
Worte der Mutter
„Die Pforte, durch die der mentale Geist zur Erkenntnis des Göttlichen eintritt, muss notwendigerweise verschieden sein, und entspricht der vergangenen Evolution und der gegenwärtigen Natur des Einzelnen.“ (Sri Aurobindo, CWSA Vol. 23-24, pp. 62)
Das bedeutet, die Evolution in vergangenen Leben sowie die gegenwärtige menschliche Natur, das heißt die Natur des gegenwärtigen Körpers, bestimmen die Annäherung an das Göttliche.
Wir können ein überaus einfaches Beispiel nehmen. Wenn man in einer bestimmten Religion geboren ist, findet ganz natürlich die erste Bemühung, sich dem Göttlichen zu nähern, innerhalb dieser Religion statt; oder aber, wenn man in vergangenen Leben durch eine gewisse Anzahl von Erfahrungen gegangen ist, welche eine andere Art von Erfahrungen notwendig machte, wird man selbstverständlich dem Pfad folgen, der zu jenen Erfahrungen führt.
Du siehst, das Leben des seelischen Wesens besteht aus aufeinanderfolgenden physischen Existenzen. Man könnte es also etwas kindlich oder romantisch so ausdrücken: du hast eine Seele, die aus dem einen oder anderen Grund sich derart inkarniert hat, dass sie fähig ist, alle Erfahrungen zu haben, die eine königliche Abkunft verschafft – beispielsweise höchste Macht. Nachdem sie ihre Erfahrung gehabt hat, nachdem sie hatte, was sie wollte, kann sie vor dem Verlassen des Körpers beschließen, dass sie im nächsten Leben unter obskuren Umständen geboren werde, da sie Erfahrungen braucht, die man nur in bescheidenen Lebensumständen haben kann, und mit der Freiheit, die man hat, wenn man ohne Verpflichtungen ist – Verpflichtungen wie jene, die zum Beispiel Staatsoberhäupter haben. Daher wird sie selbstverständlich in ihrem nächsten Leben in solchen Verhältnissen geboren werden, die dieses Erfordernis erfüllen. Und in Übereinstimmung mit dieser Erfahrung wird sie sich dem Göttlichen nähern.
Sie ist zusätzlich das Produkt der Vereinigung von zwei physischen Naturen, und manchmal von zwei vitalen Naturen. Das Ergebnis hiervon ist mehr oder weniger eine Art Vermischung dieser Naturen; es ruft aber eine Tendenz hervor, die Charakter genannt wird. Und dieser Charakter wird sie für einen bestimmten Bereich, eine bestimmte Kategorie von Erfahrungen tauglich machen.
Daher wird entsprechend dem, was bestimmt wurde, was in früheren Leben oder einem vergangenen Leben entschieden wurde, entsprechend dem Milieu, in welchem sie geboren wird – also entsprechend den Voraussetzungen, unter denen ihr gegenwärtiger Körper geformt wurde –, ihre Annäherung an das Göttliche und ihr Suchen danach mit einer ganz bestimmten Linie übereinstimmen. Diese Linie ist ihre ganz eigene, und die natürlich ganz und gar nicht dieselbe wie die ihres Nachbarn oder irgendeines anderen Wesens ist.
Ich sagte vor einiger Zeit: jedes Individuum ist eine besondere Manifestation im Universum, daher muss sein wahrer Pfad ein absolut einzigartiger Pfad sein. Es gibt Gleichartigkeiten, es gibt Ähnlichkeiten, es gibt auch Kategorien, Familien, Kirchen, Ideale, das heißt, einen gewissen kollektiven Weg, sich dem Göttlichen zu nähern, der eine Art Kirche schafft, nicht in der stofflichen, sondern in einer subtilen Welt – dort sind alle diese Dinge –, doch was die Einzelheiten des Pfades anbelangt, so werden sie notwendigerweise für jedes Individuum verschieden sein, physisch bedingt durch seine gegenwärtige körperliche Struktur, und mental, vital und seelisch bedingt natürlich durch seine vergangenen Leben.
Worte der Mutter
Wie kann man seine seelische Personalität wachsen lassen?
Durch alle Erfahrungen des Lebens formt sich die seelische Personalität, sie wächst, entwickelt sich und wird schließlich ein vollständiges, bewusstes und freies Wesen.
Dieser Entwicklungsprozess setzt sich unermüdlich durch unzählige Leben fort, und wenn man sich dessen nicht bewusst ist, so deshalb, weil man sich seines seelischen Wesens nicht bewusst ist, denn das ist der unerlässliche Ausgangspunkt. Durch Verinnerlichung und Konzentration muss man in bewussten Kontakt mit seinem seelischen Wesen treten. Dieses seelische Wesen hat stets einen Einfluss auf das äußere Wesen, doch ist dieser Einfluss beinahe immer verborgen, er wird weder gesehen noch gefühlt, es sei denn bei wahrhaft außergewöhnlichen Gelegenheiten.
Um den Kontakt zu stärken und, wenn möglich, die Entwicklung der bewussten seelischen Personalität zu fördern, sollte man sich während der Konzentration ihr zuwenden und danach streben, sie zu erkennen und zu fühlen, man sollte sich öffnen, um ihren Einfluss zu empfangen, und große Sorge tragen, dass man jedes Mal, wenn man einen Hinweis von ihr empfängt, ihm sehr genau und gewissenhaft folgt. In großer Aspiration zu leben, dafür zu sorgen, dass man innerlich möglichst ruhig wird und bleibt, eine vollkommene Aufrichtigkeit in allen Tätigkeiten seines Wesens zu kultivieren – dies sind die essentiellen Voraussetzungen für das Wachsen des seelischen Wesens.